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Der Mann aus dem Eis – Ötzi, ein brachialer, sensibler Rächer

28 Nov

Der Mann aus dem Eis

Kinostart: 30. November 2017

Von Iris Janke

Steinzeit-Abenteuer // An die Schlagzeilen vom September 1991 um den Fund des mumifizierten Steinzeitmenschen, der in den Ötztaler Alpen gefunden wurde, kann sich beinahe jeder erinnern. Jetzt hat Regisseur Felix Randau („Die Anruferin“) versucht, die letzten Wochen im Leben von Ötzi nachzuvollziehen und auf die Leinwand zu bringen.

Kann sich für das Alpenpanorama nur wenig begeistern: Kelab

Wissenschaftler fanden bei radiologischen Untersuchungen der Mumie des Ötzi heraus, dass der Steinzeitmensch von hinten von einem Pfeil getroffen wurde. Wie bei einem aktuellen Mordfall rankt sich nun die Handlung von Drehbuchautor und Regisseur Felix Randau um die mehr als fünf Jahrtausende in der Vergangenheit liegende Bluttat. Die Rolle des brachialen Bergbewohners Ötzi alias Kelab spielt Jürgen Vogel. Wäre die mehr als 5.000 Jahre alte Mumie irgendwo in Nordamerika gefunden worden und nicht in in Europa, hätte es vermutlich nicht über 25 Jahre gedauert, um aus dem spektakulären Fund ein Spielfilmdrama um Rache und Hiebe, um Liebe und sexuelle Bedürfnisse in einer längst vergangenen Zeit zu kreieren.

Jürgen Vogel als Ötzi

Ein US-amerikanischer Ötzi wäre vermutlich von einem großen Hollywood-Kaliber wie Mel Gibson („Braveheart“), Gerad Butler („300“) oder Leonardo DiCaprio („The Revenant“) verkörpert worden. Alle drei sind bestens vertraut mit Stoffen dieser Art und somit auch mit den Vorstellungen von Regisseuren wie Mel Gibson selbst, Zack Snyder oder Alejandro González Iñárritu, was die Brutalität und Gepflogenheiten vergangener Zeiten betrifft, die ein Darsteller auf die Leinwand zu bringen hat. Aber egal, Jürgen Vogel gelingt seine Umsetzung des Ur-Rächers vor dem majestätischen Bergpanorama der Alpen. Vogel lebt den sagenumwobenen Ötzi – da verschwindet der Mensch Jürgen Vogel, den wir mit Glatze und schelmischem Zahnlücken-Grinsen kennen.

Hält den Klan zusammen: Steinzeit-Frau Kisis

In den Nebenrollen als bis zur Unkenntlichkeit geschminkte und verfremdete Ursteinzeitmenschen: Franco Nero („John Wick – Kapitel 2“) als Ditob, André Hennicke („Victoria“) als Krant und Susanne Wuest („Ich seh, ich seh“) als Kisis. Trotzdem, Vogel füllt die Leinwand allein, er rennt durch den Schnee, jagt, schießt und metzelt – das reicht, damit sich empfindlichen Zuschauern der Magen umdreht. Aber so war das damals halt, denkt der im Gesicht grün gewordene Zuschauer beinahe gnädig. Die Altersfreigabe von zwölf Jahren halte ich für arg niedrig gegriffen – selbst wenn man auf den historischen Wert des Films verweisen will. Nebenbei gesagt, und so viel zum historischen Wert des Films: Die eigentliche Handlung ist frei erfunden. Fakt ist lediglich, dass Ötzi hinterrücks (vermutlich mit einem Pfeil) getötet wurde.

In unverständlichem Idiom

Das Leben in der Jungsteinzeit wirkt mit Hilfe der eigens erfundenen Sprache, die auf dem Rätischen basiert, besonders authentisch. Untertitel fehlen komplett. Was vom Ötzi in Erinnerung bleibt, sind ein durchgängiges Rachemotiv, das in rohe Gewaltorgien ausartet und an „300“ – Zack Snyders Metzelei in Schwarz-Weiß-Rot – erinnert oder an die hochgelobte, teilweise ebenso brutale, US-TV-Fantasy-Serie „Game of Thrones“. Im Unterschied zu „Game of Thrones“ mag jedoch der emotionale Funke bei „Der Mann aus dem Eis“ nicht so recht überspringen. Die Handlung des Films ist eher mager. Der Zuschauer ordnet zwar auch ohne verständliche Worte oder Untertitel das Rachemotiv ein, etwa, wenn eine Familie einfach abgeschlachtet wird. Doch vielleicht liegt es gerade an der unverständlichen und damit fehlenden Sprache, dass der Film zwar authentisch erscheint, gleichzeitig aber trotz viel Film-Blut auch seltsam blutleer.

Alter Steinzeit-Kämpfer: Steinzeit-Mann Ditob

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Franco Nero sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Weiß den Pfeil zu benutzen: Steinzeit-Mann Krant

Länge: 96 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Der Mann aus dem Eis
D/IT/A 2017
Regie: Felix Randau
Drehbuch: Felix Randau
Besetzung: Jürgen Vogel, Susanne Wuest, André Hennicke, Franco Nero, Sabin Tambrea, Martin Schneider, Henry Buchmann
Verleih: Port au Prince Films

Copyright 2017 by Iris Janke

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Port au Prince Films, Fotos auch: © Martin Rattini

 

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