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Hunde, wollt Ihr ewig leben? In der Schlacht von Stalingrad verheizt

30 Nov

Hunde, wollt Ihr ewig leben?

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Begleitet von zackiger Marschmusik nimmt Führer Adolf Hitler eine Militärparade ab. Es folgen Bilder von Leichen im Schnee – tote Soldaten, Opfer des deutschen Größenwahns. Eine Stimme aus dem Off skizziert die Ausgangslage des Kriegsjahrs 1942: … als große Teile des deutschen Volkes noch an den Endsieg glaubten, mehrten sich im Osten die Zeichen, dass eine Wende zum Schlechten für die deutschen Armeen bevorstehe – dass der Russe zum Gegenschlag angetreten sei.

Der Überfall auf die Sowjetunion

Am 22. Juni 1941 hatte das Unternehmen Barbarossa begonnen – der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion. Ziel: Gewinnung von Lebensraum im Osten und die Auslöschung des Bolschewismus, zwei der Kernelemente der nationalsozialistischen Agenda unter Adolf Hitler. Die Eröffnung des Deutsch-Sowjetischen Kriegs markierte eine Zäsur im Verlauf des Zweiten Weltkriegs. Im Rahmen einer als Fall Blau bekannten Offensive rückte die 6. Armee der Wehrmacht im Sommer 1942 von der Ukraine kommend über den Don vor und startete den Angriff auf Stalingrad (das heutige Wolgograd). Während der Schlacht von Stalingrad kam es am 19. November 1942 unter der Bezeichnung Operation Uranus zu einer Gegenoffensive der Roten Armee mit der Folge der Einkesselung der 6. Armee und einiger verbündeter Streitkräfte. Bei Ende der Kämpfe Anfang Februar 1943 waren 100.000 Wehrmachtssoldaten gefallen. Von den 90.000 dort in Kriegsgefangenschaft geratenen Deutschen starben viele kurz darauf an Hunger, Verwundungen, Seuchen oder Entschwächung. Nur 6.000 Angehörige der 6. Armee kehrten nach Jahren der Gefangenschaft in ihre Heimat zurück. Obwohl die Rote Armee und die russische Zivilbevölkerung deutlich mehr Verluste erlitten, markiert die Schlacht von Stalingrad den großen Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs.

Führerbefehl: Durchhalten!

„Hunde, wollt Ihr ewig leben?“ verfolgt beispielhaft das Schicksal einiger im Kessel von Stalingrad eingeschlossener Soldaten. Unter ihnen: Oberleutnant Wisse (Joachim Hansen), ein NS-ideologisch geschulter Offizier, der im Verlauf der Schlacht erkennen muss, wie sinnlos er und seine Kameraden verheizt werden. Auch die einfachen Dienstgrade wie Feldwebel Böse (Horst Frank) und der Obergefreite Kraemer (Peter Carsten) verstehen bald, wie es um die 6. Armee bestellt ist, die vom Führer zum Durchhalten ohne Aussicht auf Entsatz verdonnert wurde.

Drehort Göttingen

Gedreht wurde mit begrenzten Mitteln im Raum Göttingen, viele Häuserkampfszenen entstanden im Studio. Dafür sieht der Film überraschend gut aus. Die im Verlauf der Handlung immer wieder zu hörende Stimme aus dem Off verleiht dem Geschehen einen dokumentarisch wirkenden Charakter. Viele Dialoge handelnder Figuren ordnen die Ereignisse ein, sodass die Intention deutlich wird.

Regisseur Frank Wisbar – aus dem US-Exil zurück

Mit „Haie und kleine Fische“ (1957) und „Fabrik der Offiziere“ (1960) gehört „Hunde, wollt Ihr ewig leben“ zu den bekanntesten Filmen von Frank Wisbar (1899–1967). Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war er aus Deutschland in die USA emigriert, wo er sich als Produzent von Fernsehfilmen etablierte. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland Mitte der 50er-Jahre drehte er eine Reihe von sehenswerten Kriegsdramen. Einer politischen Einordnung des Geschehens widersetzt er sich, Wisbar geht es um eine gnadenlose Militärmaschinerie, in der das einzelne Menschenleben gar nichts wert ist. Insofern wirft „Hunde, wollt Ihr ewig leben?“ auch kaum Fragen nach individueller Schuld der Soldaten – ob einfache Dienstgrade oder Offiziere – auf, die immerhin Teil eines verbrecherischen Angriffskriegs waren. Auch die Beteiligung der Wehrmacht an Kriegsverbrechen kommt nicht zur Sprache, obgleich gerade die 6. Armee 1941 den Einsatzgruppen beim Massaker von Babi Jar hilfreich zur Seite gestanden hatte. Aber zugegeben: Die 50er-Jahre waren auch noch nicht die Zeit, um in der Bundesrepublik Deutschland die Verbrechen der Wehrmacht filmisch aufzuarbeiten. Immerhin verfällt Wisbar nicht der unsäglichen Landser-Romantik, wie sie etwa in der „08/15“-Trilogie (1954/1955) nach den Romanen Hans-Hellmut Kirsts zu bemerken ist. Dafür geht es ihm dann doch zu sehr um seine Antikriegs-Botschaft. Die drei „08/15“-Filme machten seinerzeit Joachim Fuchsberger und Peter Carsten zu Stars – Carsten spielte in der Folge einige Male Wehrmachtssoldaten, eben auch in „Hunde, wollt Ihr ewig leben?“.

34 Jahre vor Vilsmaiers „Stalingrad“

Das Kriegsdrama erreicht somit nicht ganz die großen deutschen Beiträge wie Bernhard Wickis „Die Brücke“ aus dem selben Jahr und Wolfgang Petersens „Das Boot“ von 1981, hat aber dennoch hohe Qualität und mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit verdient wie Joseph Vilsmaiers „Stalingrad“ (1993). Wenn „Hunde, wollt Ihr ewig leben?“ denn keine Aussage über die deutsche Kriegsschuld trifft, so ist doch seine Botschaft eindeutig: Soldaten werden verheizt – egal für welches Land, egal in welchem Krieg.

Veröffentlichung: 21. April 2017 und 30. Oktober 2001 als DVD

Länge: 97 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Hunde, wollt Ihr ewig leben?
BRD 1959
Regie: Frank Wisbar
Drehbuch: Frank Dimen, Heinz Schröter, Frank Wisbar, nach einem Roman von Fritz Wöss
Besetzung: Joachim Hansen, Carl Lange, Horst Frank, Wolfgang Preiss, Ernst Wilhelm Borchert, Peter Carsten, Günter Pfitzmann, Sonja Ziemann, Armin Dahlen, Karl John
Zusatzmaterial: Trailer Langfassung, Trailer Kurzfassung, Interview mit Joachim Hansen, Stab und Besetzung, Gespräch mit Frank Wisbar, Starinfos, Trailershow
Vertrieb: Al!ve AG (2017), Studiocanal Home Entertainment (2001)

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2017 Al!ve AG / Filmjuwelen

 

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