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Spiegelbilder – Robert Altman lässt Kinderbuchautorin halluzinieren

10 Dez

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Von Simon Kyprianou

Horrordrama // Die Kinderbuchautorin Cathryn (Susannah York) leidet unter seltsamen Wahnvorstellungen – sie hört fremde Stimmen am Telefon und sieht fremde Menschen in ihrer Wohnung, die gar nicht da sein können. Am Ende ihrer Kräfte bittet sie ihren Ehemann Hugh (Rene Auberjonois) mit ihr zum gemeinsamen Landhaus zu fahren, wo sie als Kind gelebt hat, um dort in Ruhe an ihrem Buch zu schreiben und sich von dem Stress zu erholen. Im Landhaus aber werden die Halluzinationen immer stärker, Cathryn sieht sich selbst durchs Fenster, sieht ihren Mann an Orten, an denen er nicht sein kann, hört geisterhafte Geräusche, und schon bald halluziniert sie die Anwesenheit von früheren Affären, wie dem Franzosen Rene (Marcel Bozzuffi), der allerdings vor drei Jahren ums Leben kam. Überraschend treffen Cathryn und Hugh auf einen alten Freund, Marcel (Hugh Millais), der mit seiner jugendlichen Tochter Susannah (Cathryn Harrison) in der Nachbarschaft lebt. Auch von ihm beginnt Cathryn zu halluzinieren, bald kann sie Realität nicht mehr von Vision unterscheiden und begegnet ihren Halluzinationen immer aggressiver und gewaltbereiter.

Cathryn fährt aufs Land, zum Ort ihrer Kindheit

Robert Altman hat einige Genrefilme gemacht, dabei allerdings das Genre als Ausgangspunkt verwendet, dann aber entstellt, dekonstruiert oder links liegen gelassen. Man denke nur an die Raymond-Chandler-Adaption „Der Tod kennt keine Wiederkehr“ („The Long Goodbye“, 1973), mit dem er einen Film noir inszeniert, der Hardboiled detective Marlowe (Elliott Gould) aber nicht mal in der Lage ist, seine Katze zu füttern.

Darstellerpreis für Susannah York in Cannes

Und auch „Spiegelbilder“ verweigert sich seinem Genre sozusagen – es ist kein Psychothriller, an Genrekonventionen ist Altman keineswegs interessiert, einen wirklichen Plot gibt es auch nicht. Altmans Horrordrama beobachtet schlicht, wie Cathryn mehr und mehr dem Wahnsinn verfällt – sensationell gespielt von Susannah York, die in Cannes 1972 folgerichtig den Darstellerpreis erhielt. Der Zuschauer nimmt Cathryns Perspektive ein und erliegt mit ihr zusammen den immer schlimmer werdenden Einbildungen. Dabei häufen sich die Fragen und Altman verweigert sich konsequent allen Antworten, Erklärungen oder Psychologisierungen. Er lässt uns am Innenleben dieser Frau teilhaben, schirmt uns aber von allem Äußerlichen ab, sperrt den Zuschauer sozusagen in Cathryns Wahn ein und dichtet dieses Konstrukt dann hermetisch ab. Die halluzinierten Bekannten treten wie selbstverständlich auf und ab, scherzen und wüten, verschwinden so plötzlich, wie sie gekommen sind und können von Cathryns Mitmenschen natürlich nicht gesehen werden. Aber selbst den „echten“ Mitmenschen ist nicht zu trauen, auch diese Figuren verhalten sich unerklärbar wunderlich, als wüssten sie mehr, als würden sie nicht alles preisgeben. Altman lässt keine Fixpunkte oder Sicherheiten zu.

Dort beginnt sie, alte Bekannte zu halluzinieren

Auch wenn sich der Film einer gewöhnlichen Dramaturgie verweigert, fasziniert Altmans intensive Reflexion über die undurchdringbare Komplexität und Abgründigkeit des menschlichen Wesens: Wie direkt und dringlich Altman dieses Abgleiten in den Wahnsinn inszeniert, wie die Bilder von Vilmos Zsigmond alltägliche Dinge und Räume unerwartet plötzlich in dunkle Universen des Schreckens verwandeln können, wie das hervorragende Sounddesign auch klanglich das Gewöhnliche sekundenschnell in eine fremdartige Schreckensvorstellung weggleiten lässt, ist furchterregend. Nicht umsonst steht im Vorspann nach dem Oscar-nominierten Komponisten des Scores, John Williams, auch der Name des Geräuschemachers.

Mit Marcel tritt ein alter Freund wieder in ihr Leben – sowohl echt als auch als Halluzination

„Spiegelbilder“ ist nun erstmals in Deutschland auf DVD erschienen und man sollte die Gelegenheit nutzen, diesen hochinteressanten Altman-Film nachzuholen. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Altman sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Cathryn freundet sich mit Marcels Tochter Susannah an

Veröffentlichung: 8. Dezember 2017 als DVD

Länge: 97 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel:
Originaltitel: Images
GB/USA 1972
Regie: Robert Altman
Drehbuch: Robert Altman, nach einem Roman von Susannah York
Besetzung: Susannah York, Rene Auberjonois, Marcel Bozzuffi, Hugh Millais, Cathryn Harrison, John Morley
Zusatzmaterial: Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2017 Al!ve AG / Pidax Film

 

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