RSS

Der Hauptmann von Kastilien – Neustart am Ende der Welt

17 Dez

Captain from Castile

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // Spanien – wir schreiben das Jahr 1518: Pedro De Vargas (Tyrone Power) hilft dem aztekischen Leibeigenen Coatl (Jay Silverheels) bei der Flucht vor seinem Herren, Diego De Silva (John Sutton). Der brutale Inquisitor rächt sich für den Vorfall, indem er De Vargas und dessen Familie der Ketzerei beschuldigt und gefangen nehmen lässt. De Silva zeigt sich willens, auch die Schwächsten zu foltern. Es drohen Kerkerhaft und ein grausames Sterben auf der Folterbank – sowohl für Pedro De Vargas als auch seine Eltern und seine kleine Schwester. Auf der Flucht schließt sich der junge Adlige mitsamt seiner neuen Freunde Catana Perez (Jean Peters) und Juan García (Lee J. Cobb) einer Expedition von Hernán Cortés (Cesar Romero) an, der die Eroberung noch unbekannter Gebiete im heutigen Mexiko plant und dafür im kubanischen Havanna gerade Freiwillige rekrutiert. Ihnen wird eine üppige Beteiligung an allem versprochen, das man sich im Reiche des Azteken-Herrschers Moctezuma II. wird zu eigen machen können.

„Der Hauptmann von Kastilien“ startete an Weihnachten vor 70 Jahren, am 25. Dezember 1947, in den US-Kinos; eine aufwendige Großproduktion nach einem Roman von Samuel Shellabarger. Besonders ist diese Regiearbeit von Henry King schon allein deswegen, weil es erstaunlich wenige Produktionen aus dem klassischen Hollywood-Kino gibt, die sich mit der Epoche der Konquistadoren und der sogenannten Entdeckung Amerikas – aus heutiger Sicht am engsten mit dem Namen Christoph Columbus verknüpft – beschäftigen. Selbst „Die sieben goldenen Städte“ (1955), ein Film der ebenfalls aufwendig eine spanische Expedition – die Eroberung Kaliforniens – beschreibt und die Handschrift des Regisseurs Robert D. Webb trägt, der bereits als Second-Unit-Regisseur an „Der Hauptmann von Kastilien“ mitgearbeitet hatte, ist rund 250 Jahre später angesiedelt, auch wenn man beide Produktionen ästhetisch sicher immer noch zum selben Subgenre des Abenteuerfilms zählen kann. Im weiteren Sinne können zu diesem Subgenre beispielsweise auch Filme wie „Kalifornien in Flammen“ (1952), „Im Reiche des Goldenen Condor“ (1953) und „El Tigre“ (1955) gezählt werden, doch auch dann ist dieser Sektor noch dünn besiedelt; speziell im 15., 16. und 17. Jahrhundert angesiedelte Abenteuer um Konquistadoren und deren Vorgänger, wie Columbus, sind im klassischen Hollywood-Film allerdings erst recht selten.

Erfolgreich, aber fast zu teuer

Selbst die in Spanien spielenden Außenaufnahmen für „Der Hauptmann von Kastilien“ wurden in Mexiko gefilmt. Für die insgesamt knapp 120 Drehtage verbrachte die Crew etwa drei Monate im Nachbarland und nur etwas mehr als einen zwecks Studio-Drehs in Hollywood. Die Dreharbeiten wurden unter anderem durch das Arbeiten in der Nähe des aktiven Vulkans Paricutín in die Länge gezogen, der Anfang 1943 erstmals ausgebrochen war, sodass der Dreh vor Ort für spektakuläre Bilder, aber auch schwierige Bedingungen garantierte; zum einen der Gefahren für die Menschen wegen, aufgrund der Unberechenbarkeit der Naturgewalten, die einen Drehplan auf den Kopf zu stellen oder noch Schlimmeres anzurichten vermochten, jedoch auch weil das Filmmaterial sehr wärmeempfindlich war – insbesondere bei Aufnahmen innerhalb von Tempeln stellte sich die Arbeit mit Farbfilm durch stickige Hitze und schwierige Lichtbedingungen als problematisch heraus. Der Paricutín, in dessen Nähe sogar Massenszenen realisiert wurden, hielt in „Der Hauptmann von Kastilien“ gewissermaßen als Double für den Popocatépetl her, der zu Cortés’ Zeiten aktiv gewesen war.

All das gibt eine gute Vorstellung davon, warum der Film, zuzüglich der Kosten für die Produktion in Technicolor und die aufwendigen Kostüme sowie Bauten etc., am Ende ziemlich teuer wurde. In Mexiko kamen außerdem über 19.500 Statisten zum Einsatz, circa 4.500 davon allein in der Schlussszene. Ferner wurden letztlich insgesamt drei Kameramänner engagiert, da einer allein den Aufwand nicht gestemmt bekam – Arthur E. Arling wurde von Charles G. Clarke und Joseph LaShalle unterstützt bzw. ersetzt, sodass Arling vor allem für die von Robert D. Webb inszenierten Second-Unit-Aufnahmen in Mexiko verantwortlich zeichnete, während LaShelle, der Erfahrung mit Film noirs, aber kaum mit Farbfilm hatte, vornehmlich für die mit großartigen Lichtstimmungen versehenen Innenaufnahmen zuständig war. Clarke, dessen Vorkenntnisse wiederum sich sowohl mit Arling als auch LaShelle gut ergänzten, wurde sogar extra von seiner Arbeit an „Das Wunder von Manhattan“ (1947) abgezogen, um Arling zu ersetzen, damit die Produktion durch Zeitverzug nicht noch mehr Geld verlor. Der an der Vorbereitung der Dreharbeiten beteiligte Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Joseph L. Mankiewicz hatte dem Film von vornherein immense Kosten vorausgesagt, dennoch wagte man das Risiko – in dem Bewusstsein, dass ein solcher Film beispielsweise ohne Technicolor schlichtweg keinen Sinn ergab –, musste aber in Kauf nehmen, dass die Ausgaben in Höhe von circa 4,5 Millionen Dollar zumindest nicht allein durch den Kinostart in den USA wieder eingespielt wurden. Selbst der Erwerb der Rechte vom Roman-Autor Samuel Shellabarger hatte mit 100.000 Dollar für damalige Verhältnisse schon relativ viel Geld gekostet. Aber Darryl F. Zanuck war einer der größten Produzenten des damaligen Hollywoods und wahrscheinlich der ideale ausführende Produzent („executive producer“) an der Seite von Lamar Trotti. Dieser wiederum produzierte den Film nicht nur, sondern schrieb auch das Drehbuch – nach Vorarbeit anderer Autoren, die aber nicht im Vorspann genannt wurden.

Die Lust am Entdecken, der Drang zu erobern

Alles in allem ein gewaltiges Werk, das wohlgemerkt nur die erste Hälfte des Romans behandelt und einige Szenen aus der zweiten Hälfte damit verbindet. Auch am Ende des Films liegt vor den Konquistadoren immer noch ein weiter Weg in nicht erobertes Land. Sie werden auch weiterhin immer wieder neue Erkenntnisse über die Gebiete erlangen, die sie zunächst für Westindien halten, und über all das Unentdeckte, das daran anschließt. So als würde das Ende der Welt Tag für Tag weiter nach hinten verschoben. Der Aufbau der Geschichte erinnert stark an King Vidors „Nordwest-Passage“ (1940), der Mitte des 18. Jahrhunderts, weiter nördlich, gleichsam vom Vorstoß erobernder Truppen in das Gebiet der Ureinwohner handelt. Hier war allerdings die Produktion eines anschließenden zweiten Teils geplant, wozu es dann nicht kam, da der erste Teil hierfür kommerziell nicht erfolgreich genug war. „Der Hauptmann von Kastilien“ hingegen dürfte von vornherein nur als einteilige Verfilmung geplant gewesen sein, da man, wie gesagt, Elemente aus dem späteren Teil der Romanhandlung in der Hälfte, die der Film behandelt, vorwegnahm.

Ferner unterscheidet sich Henry Kings Film auch in einem anderen Punkt wesentlich von „Nordwest-Passage“: Kampfszenen und kriegerische Zusammenstöße mit den Eingeborenen wurden ausgespart; es wird nur verhandelt, geredet, gedroht, provoziert und Stärke demonstriert – für Eroberer eine Lehrstunde in Diplomatie. Als dann wirkliche Kämpfe und große Schlachten unvermeidlich scheinen und ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr umschifft werden können, endet der Film – der Roman geht diesbezüglich grundlegend anders zur Sache. Es ist bemerkenswert, wie geschickt hier seitens Drehbuch und Regie auf derartige Actionelemente verzichtet wurde und wie der Film trotzdem spannend bleibt, jedoch kann man sich auch darum streiten, ob das Aussparen jeglicher kämpferischer Zusammenstöße zwischen Eroberern und Eroberten die gezeigten Vorgänge am Ende nicht doch zu sehr verharmlost. Krieg zu zeigen ist zwar nicht schön, aber wenigstens auch keine Beschönigung.

Eine Oscar-Nominierung erhielt der Film letztlich auch nicht für seine Geschichte oder die Regie, sondern für die Musik von Alfred Newman, der hier bereits soweit war, punktuell seine eigene Musik aus dem Film „Der Seeräuber“ (1942) zu zitieren – einem früheren Tyrone-Power-Film unter der Regie von Henry King. Der Score gewann den Oscar zwar nicht, schrieb aber als eine der ersten Filmmusiken Geschichte, die es schafften, als eigenständiges Album auf Tonträger veröffentlicht zu werden. Die Rechte an einem der Stücke, dem Marsch mit dem Titel „Conquest“, wurden später von der University of Southern California erworben – spektakuläre Klänge zur Unterstützung des hauseigenen Football-Teams. 1949 und 1951 folgten auf den Film zwei Radio-Adaptionen – eine mit Cornel Wilde, eine mit Douglas Fairbanks, Jr. in der Hauptrolle. Zwei Schauspieler, die beide auch vor der Kamera häufig ähnliche Figuren wie Tyrone Power verkörperten, wobei vor allem Cornel Wilde sicherlich der Hollywoodstar gewesen ist, der Powers Typus als Schauspieler und seinen Rollenprofilen seinerzeit so nahe wie kein Zweiter kam, einschließlich gewisser optischer Parallelen. In der Radio-Adaption mit Cornel Wilde wiederholte Jean Peters ihre Rolle aus dem Film, an der Adaption mit Douglas Fairbanks, Jr. wirkte der Regisseur des Films, Henry King, mit – passend zum Titel der Reihe „Screen Director’s Playhouse“.

Wildes Besetzungskarussell

Bereits zum siebten Mal stellte Henry King mit „Der Hauptmann von Kastilien“ einen Film fertig, in dem Tyrone Power die Hauptrolle spielte. Insgesamt drehten beide stattliche elf Filme zusammen, darunter diverse Genres, Farb- sowie Schwarz-Weiß-Filme und gegen Ende auch Breitwandfilme mit den Bildformaten 2,55:1 und 2,35:1, als das Breitwandkino gerade erst salonfähig geworden war. Zwei davon: die CinemaScope-Abenteuer „Der Hauptmann von Peshawar“ (1953) und „Die Unbezähmbaren“ (1955). Nun war Power in Indien als Armee-Hauptmann im Einsatz – statt in den Landstrichen auf dem amerikanischen Kontinent, die man im 16. Jahrhundert des „Hauptmanns von Kastilien“ noch als „Westindien“ bezeichnet hatte – sowie als Abenteurer an der Besiedelung Afrikas beteiligt. Diese drei Filme bilden von 1947 bis 1955 somit thematisch ein interessantes Dreigestirn, wenn man nicht sogar von einer Trilogie sprechen möchte. Tyrone Power spielte etwa ein Drittel all seiner Filmhauptrollen unter der Regie von Henry King – eine bemerkenswerte Zusammenarbeit. Während es also in gewisser Weise auf der Hand lag, dass Tyrone Power die Hauptrolle spielen musste, wenn Henry King Regie führte oder aber King Regie führen musste, wenn Power die Hauptrolle spielte, gestaltete sich die Suche nach der passenden Frau an seiner Seite schon schwerer: Es heißt, dass Jennifer Jones die Wunschkandidatin Darryl F. Zanucks war, der wahrscheinlich stark unter dem Eindruck ihrer Rolle in dem Western „Duell in der Sonne“ (1946) stand, die doch recht deutliche Parallelen zur Figur der Catana Perez in „Der Hauptmann von Kastilien“ aufweist. So gesehen war es gut, dass Jones die Rolle ablehnte, statt sich unnötig und vor allem so unmittelbar zu wiederholen. Joseph L. Mankiewicz empfahl Linda Darnell für die Hauptrolle, die bereits in „König der Toreros“ (1941) die weibliche Hauptrolle an der Seite von Tyrone Power gespielt hatte, einem ähnlich hervorragenden und stilistisch-ästhetisch gut vergleichbaren Technicolor-Film, der einige Kameraeinstellungen in „Der Hauptmann von Kastilien“ eindeutig inspirierte – besonders auffällig ist eine Aufnahme gegen Ende, als Catana Perez bei ihrem gefangenen, fälschlich verurteilten Mann wartet. Linda Darnell sollte die Rolle dann auch tatsächlich spielen, jedoch zog Zeit ins Land, bevor die Produktionsvorbereitungen abgeschlossen waren, sie wurde kurzfristig engagiert, um ein anderes Projekt zu retten, und stand letztlich nicht mehr zur Verfügung.

So fiel die Wahl auf Jean Peters, die erst kurz vor Drehstart erste Probeaufnahmen bei 20th Century Fox gemacht und zuvor noch nie einen Film gedreht hatte. Peters erwies sich als großartige Entscheidung, da sie die Rolle der einfachen Magd, die sich in einen Adligen verguckt hat, überzeugend als rassige, verführerische junge Frau mit dem Kern eines unsicheren, verliebten Mädchens spielte. Sie hat etwas von Jennifer Jones in „Duell in der Sonne“, aber auch von Ingrid Bergman in „Wem die Stunde schlägt“ (1943). Nicht der einzige Glücksfall bei der Besetzung: Für die Rolle des Cortés war Fredric March im Gespräch, doch den perfekt besetzten Cesar Romero – der spätere Joker in der 60er-Jahre-„Batman“-Fernsehserie –, der die Rolle fantastisch zwischen mitreißendem Entdecker und rücksichtslosem Eroberer spielt, möchte man selbst mit March als Alternative dann doch nicht missen; als Coatl wurde José Ferrer gehandelt, doch Jay Silverheels, dessen Familie dem Volk der Mohawk angehörte, war in der Rolle eines Ureinwohners zwangsläufig wesentlich glaubwürdiger; als Juan García war unter anderem William Bendix in der engeren Auswahl, doch Lee J. Cobb berührt zutiefst mit seiner emotionalen Darbietung eines Trinkers mit großem Herzen, der zwar einfach gestrickt scheint, aber moralisch der feinste Kerl ist, den man sich nur vorstellen kann und einiges von der Welt gesehen hat. Zugegeben: Cobb als Verkörperung eines Spaniers mutet auf den ersten Blick seltsam an – das hätte für Bendix allerdings ebenso gegolten. Erwähnenswert und löblich ist außerdem, dass man mit Estela Inda zudem eine mexikanische Schauspielerin verpflichtete, die mit „Der Hauptmann von Kastilien“ ihren einzigen Hollywood-Film drehte, um die Rolle der Cortés als Übersetzerin in den Konversationen mit den Azteken dienenden Doña Marina glaubwürdig zu gestalten.

Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?

Auch John Sutton überzeugt als teuflischer Feigling und Provokateur De Silva auf ganzer Linie, Antonio Moreno als Edelmann und Vater des Protagonisten, Alan Mowbray als charismatischer Buckliger mit Silberblick, George Zucco als egoistischer Verräter und angeblicher Freund der Familie De Vargas. Nicht zuletzt ist da noch Thomas Gomez als die Expedition begleitender Geistlicher, und gerade in Gomez’ Rolle zeigt sich eine weitere große Stärke des Films: der recht offene, kritische, umsichtige und manchmal auch durchaus humorvolle Umgang mit Religion. Es ist interessant, dass ausgerechnet der Geistliche, mit Blick auf die Auslegung der Religion, in diesem Film oftmals weitaus weniger borniert und stattdessen weltoffener daherkommt als diverse andere Figuren, die sich oder ihre Missionen und ihr Tun durch Gott legitimieren und damit teils Abscheuliches rechtfertigen, während der Missionar immer wieder Milde ausstrahlt, Augen zudrückt und Vergebung vorlebt. Zudem bringt er immer wieder Einwürfe und Kommentare, die zum Nachdenken anregen, sieht Cortés ebenso kritisch wie die Inquisition – eine wunderbare Rolle, die von Gomez mit Bravour verkörpert wird. Kurzum: Der Film hat mindestens ein Dutzend sehenswerte, gut gespielte Charaktere zu bieten.

„Der Hauptmann von Kastilien“ ist wach und angriffslustig, was inhaltsleere Phrasen angeblich gottesfürchtiger Menschen und pseudo-religiöse Schönfärberei angeht. Die sicherlich denkwürdigste Szene dahingehend ist die Passage, als George Zucco in der Rolle des Marquis De Carvajal gegenüber seiner Filmtochter den Besuch des sadistischen De Silva im Kerker von Pedro De Vargas als Akt der Nächstenliebe bezeichnet und von einem hinterhältigen Angriff auf ihn spricht, weil der angebliche Ketzer De Vargas sich befreien konnte. Doch damit nicht genug, hat die junge Frau danach nichts Besseres zu tun, als sich darüber zu sorgen, dass man beim flüchtigen De Vargas Hinweise auf sie finden könnte, woraufhin sie sich mit der ältlichen Doña Hernandez schnell einig wird, dass man unbedingt für De Vargas beten müsse und die Frauen sich sogar darüber austauschen, wie man den Schutzheiligen im Gebet mit Versprechungen erpressen kann, damit das Gebet auch wirklich erhört wird – nur damit vor allem niemand mitbekommt, dass die junge Luisa De Carvajal Kontakt mit Pedro De Vargas hatte. Die Szene ist herrlich entlarvend und mit gutem satirischem, ja schon sarkastischem Gespür für die Scheinheiligkeit und Doppelmoral der beteiligten Figuren geschrieben und gespielt. Kurz darauf sieht man De Vargas, wie er im Beisein der bereits in ihn verliebten Catana Perez offen seiner Verflossenen nachtrauert, die ihn soeben durch die Blume verleugnet hat, wovon er aber nichts weiß, nur der Zuschauer. Da sitzt er nun, der arme Tor und ist so klug als wie zuvor. „Der Hauptmann von Kastilien“ ist sehr überzeugend darin, versiert zu demonstrieren und offenzulegen, wie Religion von diversen Figuren als Mittel zum Zweck missbraucht wird – das macht ihn gerade als Veröffentlichung mit einem Weihnachtskinostarttermin umso interessanter.

Gerüchte um die deutsche Kinofassung

Bis heute hält sich hartnäckig die Behauptung, die Anfang 1951 in den deutschen Kinos gestartete Synchronfassung sei radikal auf 85 Minuten gekürzt gewesen. Es kann zwar sein, dass der Film damals tatsächlich derart stark gekürzt in den deutschen Kinos lief, die klassische Synchronfassung allerdings ist vollständig – sie könnte im Normalfall also lediglich nach den Aufnahmen, aber noch vor dem Kinostart, gekürzt worden sein, was allerdings eher ungewöhnlich wäre. Von Existenz und Länge der ersten deutschen Synchronfassung konnte man sich bei einer Ausstrahlung auf Sky Nostalgie überzeugen, die überraschend mit der alten Synchro aufwartete und, noch überraschender, außerdem ungekürzt war. Nichtsdestotrotz wurde der Film in den 80er-Jahren in Hamburg erneut synchronisiert. Möglicherweise, weil man damals die erste Synchronfassung für verschollen hielt oder fälschlich davon ausging, dass sie massiv gekürzt gewesen sei. Die Neusynchronisation ist schauspielerisch recht gut gelungen und hat den leichten Vorzug, dass bei der Aussprache spanischer Namen gründlicher als bei der alten Synchronfassung gearbeitet wurde, krankt aber natürlich daran, dass man atmosphärisch und am Klangbild deutlich merkt, es mit keiner zeitgenössischen Synchronisation zu tun zu haben. Hörenswert ist sie dennoch insbesondere, weil sie eine der wohl letzten Synchronarbeiten des im Oktober 1985 verstorbenen Wolfgang Kieling beinhaltet, der als Stimme von George Zucco zu hören ist. Es ist möglich, dass die Synchronfassung erst nach Kielings Tod das erste Mal ausgestrahlt wurde, aber zuvor schon einige Jahre fertiggestellt vorlag. Auch Horst Niendorf, der wie Kieling bereits in den 50er-Jahren ein gefragter Synchronsprecher und sogar noch weitaus häufiger als solcher im Einsatz war, verleiht der Fassung als Stimme von Lee J. Cobb ein gewisses nostalgisches Flair. Dennoch gibt es nichts Nostalgischeres als einfach gleich zur ersten Synchronfassung zu greifen, die mit einem dreckig-arroganten Ernst Fritz Fürbringer als De Silva und Hans Hinrich – der unter anderem die Stimme von Claude Rains’ „Phantom der Oper“ in der Verfilmung von 1943 war – als Juan García besticht. Fürbringer wie auch Hinrich sind zwei Beispiele für Synchronsprecher, die schon um 1950 – Fürbringer sogar noch früher – rege in der Branche aktiv waren, im Laufe der 50er aber leider wesentlich seltener als andere Kollegen besetzt wurden. Fürbringer wurde in der ebenfalls 1950 entstandenen Synchronisation von „Der Seeräuber“ (1942) sogar als Stimme von Tyrone Power eingesetzt – dieser wird in „Der Hauptmann von Kastilien“ allerdings von Curt Ackermann gesprochen. Auch Peter Pasetti zeigt hier als Hernán Cortés – einer Rolle, die den Film mit Erzählerpassagen punktuell regelrecht an sich reißt und schließlich auch das Kommando über De Vargas hat – einmal mehr, wie begeisterungsfähig und mitreißend er zu klingen vermochte.

Man könnte viele weitere Namen aufzählen, denn die Synchronfassung ist durchweg charismatisch besetzt und motiviert gespielt. Mag die Zweitsynchronisation für eine Neusynchronisation tatsächlich ein Vorzeigexemplar sein, muss sie sich gegen die alte Fassung trotzdem hoffnungslos geschlagen geben. Auf eine anständige DVD-Veröffentlichung gehören dennoch beide Synchronfassungen – somit gut, dass der Film hierzulande nicht schon zu Zeiten veröffentlicht wurde, als man die alte Synchronfassung womöglich noch für stark gekürzt hielt. Nachdem in den USA mittlerweile sogar eine zweite DVD-Auflage, zehn Jahre nach der ersten, erschienen ist, wird es bei solch einem Epos nun aber so langsam Zeit, „Der Hauptmann von Kastilien“ auch hierzulande auf DVD verfügbar zu machen. Das ist schließlich nicht einfach nur irgendein Film, sondern eine der teuersten, aufwendigsten und besten Technicolor-Produktionen der 40er-Jahre, die nicht umsonst mit Highlight-Charakter an Weihnachten in die Kinos gebracht wurde.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lee J. Cobb und Tyrone Power sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (USA): 21. Februar 2017 und 1. Mai 2007 als DVD

Länge: 140 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Captain from Castile
USA 1947
Regie: Henry King
Drehbuch: Lamar Trotti, nach einem Roman von Samuel Shellabarger
Besetzung: Tyrone Power, Jean Peters, Cesar Romero, Lee J. Cobb, John Sutton, Antonio Moreno, Thomas Gomez, Alan Mowbray, Barbara Lawrence, George Zucco
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: