RSS

Blut im Schnee – Eine Frage des Blickwinkels

22 Dez

Dangerous Mission

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Ein Mafia-Mord in einem New Yorker Nachtclub wurde von einer Person beobachtet, die das Ganze besser nicht gesehen hätte. Die Auftraggeber setzen daraufhin einen weiteren Killer an, der verhindern soll, dass die Geschehnisse an die Öffentlichkeit geraten. Die Spur führt ins bergige Hochland des Bundesstaats Montana – und dort lauern nicht nur gefährliche Menschen, sondern auch gefährliche Naturgewalten. Chief Ranger Joe Parker (William Bendix) versucht herauszufinden, welche Rollen Matt Hallett (Victor Mature) und Paul Adams (Vincent Price) spielen, die es beide auf jedes nur mögliche Date mit der schönen Louise Graham (Piper Laurie) abgesehen haben. Als Mörder wird zunächst der Indianer Katoonai Tiller (Steve Darrell) gejagt, doch nicht nur seine Tochter Mary (Betta St. John) hat Zweifel an der Schuld des Mannes. Ein Eingeborener ist schnell einmal zum Sündenbock gestempelt, denn ihm glaubt sowieso kaum jemand. Indessen gerät der als Zeugenmörder angeheuerte Killer ins Zweifeln, ob er seinen Job wirklich erledigen soll, doch die Mafia hat vorgesorgt und ihm einen weiteren Gangster hinterher geschickt, der dafür zu sorgen hat, dass der Menschenjäger den Job macht, für den er engagiert wurde, und ihn daran erinnern soll, was ihm andernfalls blüht.

„Blut im Schnee“ ist ein nennenswerter Genre-Mix, der bei der Kritik nicht gut ankam, aber differenziert betrachtet werden sollte. Einerseits ist es sicherlich berechtigt, dem Film vorzuwerfen, dass versucht wurde, möglichst viel Effektreiches zusammenzuwerfen – es wurde in 3D gedreht, was dem Publikum damals besondere Sensationen versprach. Andererseits muss man dem Streifen zugutehalten, dass sich die Story relativ ungewöhnlich zwischen Film noir, Abenteuer, Katastrophenfilm und (Neo-)Western bewegt. Der Film ist letztlich nichts Halbes und nichts Ganzes, erzählt seine Geschichte aber in einer Art und Weise, dass man ihm attestieren muss, inmitten der diversen Filme, bei denen man glaubt, sie zuvor schon einmal gesehen zu haben – weil sie sich zu sehr an konkreten Vorbildern und Genre-Konventionen orientieren –, doch recht eigenständig zu wirken. Ich habe wirklich sehr, sehr viele Filme des klassischen Hollywood-Kinos gesehen und auch viele, die sich untereinander ähnelten, aber es ist schwierig, ein Pendant zu „Blut im Schnee“ zu finden. Das macht das Krimidrama sympathisch, auch wenn es zweifelsohne spannender erzählt sein könnte und zu wenig aus seinen Figuren herausholt – die im Ansatz durchaus interessant und zum Teil überraschend ambivalent gedacht sind.

Überhastetes Ende

Die guten Ansätze beginnen schon damit, dass wir es zunächst einmal zwar mit einem Noir zu tun haben, der allerdings in Farbe produziert wurde und damit schon einmal mit der größten Konvention dieses Genres bricht, auf die es heute auch gern einmal weitestgehend reduziert wird. Noirs in Farbe sind ein generell zu wenig beleuchtetes, unterschätztes Thema – viele Definitionen des Noirs gehen zu einseitig davon aus, dass in Schwarz-Weiß gedreht wurde. Bezogen auf schwarz-weiße Noirs sind diese Analysen auch oft sehr spannend, aber es waren eben nicht alle Noirs schwarz-weiß. Dass man sich auch bei der Produktion von „Blut im Schnee“ der visuellen (Schwarz-Weiß-)Traditionen des Noirs vollauf bewusst war, sieht man schon in der ersten Szene mehr als deutlich und auch später noch in der einen oder anderen Sequenz – im weiteren Verlauf des Films besonders prägnant in der Passage, als Louise Graham beinahe das Bewusstsein verliert.

Der nächste positive Ansatz ist die Figur des Killers, der sein potenzielles Opfer in die Berge verfolgt. Die Kritik warf der Rolle bzw. der Entlarvung der Person teils Vorhersehbarkeit vor – ich sehe das völlig anders. Der Aspekt, dass dieser Killer in einem Zwiespalt steckt und den Mord beinahe an den Nagel hängt, ehe er erneut unter Druck gesetzt wird, findet in den negativen Besprechungen dieses Films kein Gewicht. Es wurde seitens der Regie sicherlich versäumt, hier noch mehr herauszukitzeln und noch mehr hinsichtlich der Identität des Killers in die Irre zu führen, jedoch ändert das nichts daran, dass die Killer-Figur alles andere als ein Stereotyp ist. Sie gibt „Blut im Schnee“ einen noiresken doppelten Boden, der des Genres grundsätzlich würdig ist. Schädlich ist allerdings, dass man den Killer in der letzten halben Stunde dieses relativ kurzen Films dann einfach zu sehr frontal in ein überhastetes Finale hetzt, das von der differenziert durchdachten Rollengestaltung und der Qualität der beteiligten Schauspieler letztlich nicht mehr viel übrig lässt.

Weiterhin stieß es auf Kritik, dass der Waldbrand angeblich zusammenhanglos in die Geschichte gepresst wurde, da man damit gut spektakuläre 3D-Bilder kreieren konnte. Ich halte dem entgegen, dass dieser unerwartete Einschub angenehm mit Konventionen bricht und zusätzliche Verwirrung hinsichtlich der wirklichen Absichten des Killers schürt. Mehrfach wird die Figur hilfsbereit und gutmütig gezeigt, ehe schließlich die Maske fällt – letzteres wiederum nur gezwungenermaßen. Nicht zuletzt ein anderer Pluspunkt des Films: Die Zahl der 50er-Hollywood-Filme, die Indianer in einer zeitgenössischen Geschichte des Jahrzehnts verorten und damit Elemente eines Neo-Westerns generieren, ist überschaubar – und einer dieser Filme ist „Blut im Schnee“. Dazu die ebenfalls eher ungewöhnliche Schneekulisse, der beängstigende Lawineneinschlag und die vielleicht banale, aber trotzdem eindrucksvolle Szene mit der zerstörten Hochspannungsleitung und dem freidrehenden Stromkabel – zu der mir kein adäquates Pendant im damaligen Hollywood-Kino einfällt. Es sind Kleinigkeiten, aber eben viele Kleinigkeiten, die für sich allein alle nicht die Welt bedeuten, diesen Film jedoch zu einem Werk machen, das ausdrücklich kein Meilenstein, aber trotzdem etwas Besonderes ist.

Mature & Price – Ein vierfaches Wiedersehen

„Blut im Schnee“ war der dritte von insgesamt vier Filmen, in denen Victor Mature und Vincent Price gemeinsam zu sehen waren. Bereits zuvor hatten sie in den Noirs „Moss Rose“ (1947) und „Die Spielhölle von Las Vegas“ (1952) mitgewirkt – erstgenannter ein klassisches Exemplar, das im viktorianischen London spielt, der andere ein im damaligen Hier und Jetzt angesiedelter Genrebeitrag. So gesehen haben alle drei Noirs der beiden, einschließlich des Genre-Mix-Farbfilms „Blut im Schnee“, etwas Individuelles, obwohl es im Grunde alles Thriller sind, die unterschiedlichen Noir-Traditionen folgen. Das macht die Vielseitigkeit dieses Genres wunderbar transparent. Der rückblickend wohl denkwürdigste und größte Film, den Mature und Price gemeinsam drehten, sollte allerdings folgen: Das gut besetzte Zirkusdrama „Die Welt der Sensationen“ (1959), in dem Mature seine letzte Hollywood-Hauptrolle – mit namentlicher Nennung an erster Stelle des Vor- bzw. Abspanns – spielte. Neben Filmen wie „Die größte Schau der Welt“ (1952), „Trapez“ (1956) und „Held der Arena“ (1964) zweifelsohne einer der besten und wichtigsten Zirkusfilme des Hollywood-Kinos vor 1965 – in einem Genre mit überschaubarer Anzahl an Beiträgen. Sicherlich aber auch einer der unbekanntesten Zirkusfilme, da Victor Mature zu den Stars des 50er-Hollywoodkinos gehört, die von der Filmwissenschaft geradezu peinlich totgeschwiegen werden. Es sei denn, man redet von „Samson & Delilah“ (1949) – dann ist es etwas anderes, aber auch dann redet man vor allem vom Regisseur, Cecil B. DeMille.

Der Mann mit der kernigen Stimme

In Deutschland verbindet Victor Mature und Vincent Price zudem der Synchronsprecher Curt Ackermann. Er synchronisierte in den 50er-Jahren zwar etliche Stars, aber kaum einen so häufig wie Victor Mature – dieser lieferte sich dahingehend gewissermaßen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Jeff Chandler. Als Stimme von Mature – und auch als Stimme von Chandler – funktioniert die Verbindung von Schauspieler und Synchronsprecher so hervorragend, dass Curt Ackermann hier praktisch nicht adäquat zu ersetzen war. Zwei der besten Stammsprecher-Kombinationen, die die klassische Synchronisation hervorgebracht hat. Bekannter ist Ackermann heute aber als Stimme von Robert Mitchum, ab Mitte der 50er-Jahre, oder auch durch seine Rollen als Stimme von Vincent Price, beginnend mit dem Wachsfiguren-Horror „Das Kabinett des Professor Bondi“ (1953). Er synchronisierte Price zwar nicht allzu häufig, wird von einigen Price-Fans aber trotzdem als seine beste deutsche Stimme angesehen. In „Blut im Schnee“ hört man Ackermann als Stimme von Victor Mature, während Vincent Price von Wolfgang Lukschy synchronisiert wurde. Mir persönlich gefällt Curt Ackermann als Stimme beider sehr gut, ich mag allerdings auch Wolfgang Lukschy für Vincent Price lieber als in vielen seiner Synchronhauptrollen der damaligen Zeit, da er als Held relativ häufig fehlbesetzt war. Trotzdem favorisiere ich als Synchronsprecher von Vincent Price aber Friedrich Joloff, der ihn, dem jetzigen Recherche-Stand nach zu urteilen, zwar nur in vier Filmen synchronisierte, darunter aber denkwürdig in dem Epos „Die zehn Gebote“ (1956).

Wir – und unser heutiges Filmwissen …

Abschließend noch ein Spoiler – wer den Film noch nicht kennt, bitte ab der nächsten Zwischenüberschrift weiterlesen: Ein weiterer Aspekt, der mir an „Blut im Schnee“ sehr gut gefällt, ist, dass der Film es relativ lange gut schafft, auch die von Victor Mature verkörperte Hauptfigur als möglichen Killer unter Verdacht zu halten. Mich hätte es bis zur Entlarvung von Vincent Price tatsächlich nicht überrascht, wäre doch Mature der Übeltäter gewesen und Price – gerade erst als Star geboren – hier zum Helden avanciert. Leider wird Price zu früh entlarvt und, wie oben bereits beschrieben, zum Finale hin unnötig demontiert. Man muss zudem auch gewichten, dass es rückblickend vielleicht naheliegend sein mag, dass Vincent Price sich am Ende als der Schurke entpuppt, damals allerdings war Price noch bei weitem nicht so sehr mit dem Image behaftet, häufig negative Rollen zu spielen. Hier taucht er zunächst als unscheinbarer, biederer Tourist in einem Hotel auf – wer da gleich die Alarmglocken schrillen hört, hat eben einfach zu viele seiner späteren Filme im Hinterkopf. Price war 1954 noch nicht als Horrorfilmdarsteller etabliert und als Schurkendarsteller auch nicht – schon allein deswegen, weil er bis Anfang der 50er-Jahre auch noch regelmäßig in mittelgroßen Nebenrollen zu sehen war. In „Moss Rose“, der ersten Zusammenarbeit mit Victor Mature, spielte Price sogar einen Polizei-Inspektor. Ganz so simpel ist es mit der Vorhersehbarkeit dann eben doch einfach nicht. Aus heutiger Sicht ist es natürlich einfach gesagt, dass Price am Ende sowieso meistens der Schurke ist. Zugegebenermaßen wurde eine angebliche Vorhersehbarkeit auch schon von zeitgenössischen Kritikern bemängelt, aber hier wurde meines Erachtens übersehen, dass es keine Selbstverständlichkeit war, dass Victor Mature als Täter sowieso ausscheidet, nur weil er die Hauptrolle spielte. Wenn man Mature natürlich von vornherein ausschließt, läuft alles auf Price hinaus – das ist richtig, aber dann eben auch nicht das Versäumnis des Films oder der Regie, sondern Vorurteilen geschuldet. Aus meiner Sicht, wurde seitens der Drehbuchautoren und der Regie sehr deutlich probiert, Mature über geraume Zeit des Films undurchschaubar zu belassen – und das ist für so eine Rolle im damaligen Hollywood-Kino sogar recht ungewöhnlich und positiv zu erwähnen. Auf dieser Basis kann ein Noir durchaus gut funktionieren. Unglücklich ist aber in jedem Fall, dass das für die bisherigen DVD-Veröffentlichungen verwendete Plakatmotiv den Täter eindeutig preisgibt. Vermutlich war das auch schon bei der Kinoauswertung ein Problem.

Wiederentdeckung wünschenswert

Wieder einmal haben sich die Spanier als Vorreiter entpuppt: „Blut im Schnee“ gibt es – genau wie auch „Schwarze Trommeln“ – zwar dort als DVD, allerdings noch nicht einmal aus den USA oder Großbritannien. Die spanische DVD enthält sogar ein umfangreiches Booklet, und der Originalton ist auch dabei – so lassen wir uns das gefallen. Ob man aber die 3D-Fassung des Films irgendwann noch einmal zu Gesicht bekommen wird, bleibt ebenso abzuwarten wie eine deutsche oder amerikanische DVD. RKO-Produktionen erscheinen in Deutschland leider sowieso nur selten auf DVD – eine Marktlücke, die es dringend zu schließen gilt. Da RKO bereits 1955 umfangreiche Neustrukturierungsmaßnahmen vollzog und binnen weniger Jahre gänzlich aus der Filmproduktion verschwunden war, während andere Studios wie Paramount, Warner, Universal, Fox, Columbia, Disney oder MGM jahrzehntelang alle Krisen irgendwie überstanden, scheint sich für RKO-Filme heute kaum noch jemand zuständig zu fühlen. Es ist eben das eine Studio der sogenannten „Big Five“, das sozusagen auf der Strecke geblieben ist. Von den „Big Five“ war es damals zwar auch das kleinste, dennoch aber eines der wichtigsten Studios Hollywoods. In Spanien hat man 2016 zumindest einmal nachgelegt und gleich eine ganze Box mit für RKO entstandenen Victor-Mature-Filmen veröffentlicht. Diese enthält neben „Blut im Schnee“ unter anderem auch die vorausgegangene zweite Zusammenarbeit mit Vincent Price: „Die Spielhölle von Las Vegas“. In Italien gibt es zumindest die Einzeledition von „Blut im Schnee“ seit 2016 auch auf DVD. Werden wir die nächsten sein?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Victor Mature und Vincent Price sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (Spanien): 20. Juli 2011 und 30. März 2016 als DVD

Länge: 75 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Dangerous Mission
USA 1954
Regie: Louis King
Drehbuch: Horace McCoy, W. R. Burnett, Charles Bennett
Besetzung: Victor Mature, Piper Laurie, William Bendix, Vincent Price, Betta St. John, Harry Cheshire, Steve Darrell, Walter Reed, Marlo Dwyer, Dennis Weaver
Verleih: RKO Radio Pictures

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: