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The Day After – Der Tag danach: Infernalische Vision aus dem Kalten Krieg

27 Dez

The Day After

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Kann man sich auf das Undenkbare vorbereiten? Wir befinden uns im Mittleren Westen der USA der 1980er-Jahre. Im Universitätskrankenhaus von Lawrence, Kansas in der Nähe von Kansas City geht für Chefarzt Dr. Russell Oakes (Jason Robards) und sein Team alles seinen gewohnten Gang. Seine Tochter Marilyn (Kyle Aletter) offenbart ihm, nach Boston ziehen zu wollen, was der liebende Vater erst einmal verdauen muss. Auf einer Farm auf der anderen Seite von Kansas City bereitet sich die Familie Dahlberg auf die bevorstehende Hochzeit der Tochter Denise (Lori Lethin) mit Bruce Gallatin (Jeff East) vor.

Noch ahnt Dr. Oakes nicht, was ihm bevorsteht

Parallel sind immer wieder Soldaten zu sehen, die in der Gegend stationiert sind und befürchten, in den kommenden Wochen wenig Urlaub zu bekommen. Nachrichtensendungen in Radio und Fernsehen künden von einer sich verschärfenden Krise zwischen West- und Ostblock, die im fernen Europa zwischen den beiden deutschen Staaten zu eskalieren droht. Die Bürger versuchen, die Gefahr aus ihren Gedanken fernzuhalten, doch: „Wenn wirklich was passiert – was machen wir dann?“, fragt Helen Oakes (Georgann Johnson) ihren Ehemann Russell.

Erstschlag und Gegenschlag

Es geschieht das, was niemand für möglich halten wollte: Feuerspeiende Silos entlassen ihre tödlichen Geschosse in den Himmel, von den Raketenstützpunkten rund um Kansas City steigen in bizarren weißen Rauchwolken mit Nuklearsprengköpfen bestückte Minuteman-Interkontinentalraketen auf, die wohl Ziele in der Sowjetunion und anderen Warschauer-Pakt-Staaten ansteuern. Ob sie der Erstschlag oder Reaktion auf einen unmittelbar zuvor erfolgten Moskauer Erstschlag sind – ohne Bedeutung.

Dann detonieren Atombomben über Kansas City.

„The Day After – Der Tag danach“ war seinerzeit der wohl eindringlichste filmische Beitrag zur Debatte um das atomare Wettrüsten während des Kalten Kriegs. Im selben Jahr kam auch John Badhams „War Games – Kriegsspiele“ ins Kino, in dem Matthew Broderick als Hacker beinahe einen Atomkrieg auslöst, weil er eine militärische Simulation für ein Computerspiel hält. Fürs US-Fernsehen produziert, kam „The Day After – Der Tag danach“ in etlichen Ländern auch ins Kino und heizte die Debatte an. Bei der Erstausstrahlung im US-TV am 20. November 1983 saßen angeblich 100 Millionen Amerikaner vor dem Fernseher. Das Drama war Wasser auf die Mühlen der Befürworter nuklearer Abrüstung. Andere warfen ihm Panikmache vor.

Beim militärischen Personal der Raketensilos …

Für den Tonschnitt und die visuellen Spezialeffekte gab’s 1984 den US-Fernsehpreis Emmy. Die Bilder von den aufsteigenden Raketen und den Verheerungen durch die Atomschläge über Kansas City haben sich wohl allen eingebrannt, die den Film damals zu sehen bekommen haben. Der Film enthält Filmmaterial von Teststarts echter Minuteman-Raketen, die gezeigten Atompilze allerdings sind Effekte. Regisseur Nicholas Meyer hatte vorgehabt, die Folgen der nuklearen Explosionen und die Auswirkungen der Strahlenkrankheit weitaus drastischer darzustellen, als es schließlich im Film zu sehen ist, musste allerdings zensurbedingte Schnittauflagen hinnehmen, was ihn sehr erboste. Ursprünglich war eine Länge von mehr als drei Stunden vorgesehen, am Ende blieben davon zwei Stunden übrig, wobei womöglich nicht alle ursprünglich vorgesehenen Szenen tatsächlich gedreht worden sind.

An Originalschauplätzen gedreht

Viele Szenen entstanden an Originalschauplätzen in Lawrence. Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt erhielten Komparsenrollen und die Anweisung, sich dafür die Köpfe zu rasieren, um die Folgen der Strahlenkrankheit zu verdeutlichen. Ganze Straßenzüge wurden für die Dreharbeiten hergerichtet, als seien sie vom Atomschlag und dem ihm folgenden Zusammenbruch der Zivilisation verwüstet.

… herrscht hektische Betriebsamkeit

Einige später namhafte Darsteller ergänzen das Ensemble um Jason Robards, darunter John Lithgow („Garp und wie er die Welt sah“), Steve Guttenberg („Police Academy“-Reihe) und JoBeth Williams („Poltergeist“). Zu den bekanntesten Filmen von Regisseur Nicholas Meyer zählen „Star Trek II – Der Zorn des Khan“ und „Star Trek VI – Das unentdeckte Land“. Der New Yorker hat mehr noch als Drehbuchautor gearbeitet. „The Day After – Der Tag danach“ ist zweifellos sein wichtigster Film, auch heute noch bedrückend und unbedingt sehenswert.

DVD mit sehenswertem Bonusmaterial

Das Bonusmaterial der 2007 veröffentlichten und nach wie vor lieferbaren DVD enthält den bizarren neunminütigen Zivilverteidigungs-Lehrfilm „Duck and Cover“ von 1951, der auch bei YouTube zu finden ist, und den ähnlich gelagerten „Let’s Face It“ von 1954 (?). Hinzu kommt die 28-minütige Doku „A Day Called X“ (auch „The Day Called X“) von 1957 mit Glenn Ford als Erzähler, in der dargestellt wird, wie die Stadt Portland in Oregon im Vorfeld einer nuklearen Attacke evakuiert wird. Auch dieser Film findet sich bei YouTube.

Die nuklearen Interkontinentalraketen sind abgefeuert

„Was geht da vor? Können Sie das verstehen? Was geht auf dieser Erde vor sich?“ So fragt Dr. Oakes im ersten Drittel des Films einen Kollegen, als die Lage im geteilten Deutschland außer Kontrolle geraten ist. Dessen Antwort: „Ja. Das hat man doch häufig – dass die Dummheit sich durchsetzt.“

Atomschlag auf Kansas City

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit John Lithgow sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 10. Mai 2007 als Special Uncut Edition DVD, 2. Oktober 2002 als DVD

Länge: 122 Min. (Special Uncut Edition), 115 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Day After
USA 1983
Regie: Nicholas Meyer
Drehbuch: Edward Hume
Besetzung: Jason Robards, JoBeth Williams, Steve Guttenberg, John Cullum, John Lithgow, Bibi Besch, Amy Madigan, Jeff East, Georgann Johnson, William Allen Young, Lin McCarthy, Dennis Lipscomb
Zusatzmaterial (Special Uncut Edition): Authentische US-Lehrfilme „Duck & Cover“, „Let’s Face It“, „The Day Called X“ (schwarz-weiß, englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln), Schuber
Vertrieb: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © EuroVideo Medien GmbH

 

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