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Wenn der Wind weht – Tieftrauriges 80er-Plädoyer gegen Atomwaffen

27 Dez

When the Wind Blows

Von Volker Schönenberger

Zeichentrick-Kriegsdrama // „The Day After – Der Tag danach“ zeigte 1983 in einer heißen Phase des Kalten Kriegs auf drastische Weise die Folgen eines atomaren Angriffs auf eine US-Großstadt. Drei Jahre später ging der japanischstämmige US-Regisseur Jimmy T. Murakami mit der englischen Produktion „When the Wind Blows“ einen ganz anderen Weg: Sein Zeichentrickfilm konzentriert sich voll auf das Rentner-Ehepaar Hilda und Jim Bloggs, der Film spielt nahezu ausschließlich in dem Provinz-Häuschen nicht weit von London, das die beiden bewohnen.

Broschüre für den atomaren Ernstfall

Jim kehrt von seinem Besuch der örtlichen Bibliothek zurück, wo er sich in den Zeitungen über die „internationalen Entwicklungen“ informiert hat. Während sich der redselige ältere Herr aufgrund des drohenden Krieges durchaus Sorgen macht, gibt sich Hilda unverdrossen: „Ach weißt du, wir haben den letzten überlebt, wir werden auch den nächsten überleben. Es braucht schon mehr als ein paar Bomben, um mich kleinzukriegen.“ Nichtsdestoweniger beginnt Jim, das Haus für den Fall eines Atomschlags herzurichten. Wie das anzustellen ist, entnimmt er einer Broschüre des nationalen Zivilverteidigungsprogramms.

Dann kommt die Meldung im Radio: „Soeben ist ein feindlicher Raketenangriff auf unser Land erfolgt. Es wird damit gerechnet, dass die Raketen in etwa drei Minuten ihr Ziel erreichen.“ Jim schnappt sich seine Gattin, die das Geschehen nicht wahrhaben will, und verbirgt sich mit ihr in dem notdürftigen Verschlag, den er aus Türen des Hauses gebaut hat. Dann kommt der Atomschlag.

Ausbruch der Strahlenkrankheit

Die Eheleute Bloggs sind liebenswert und naiv, bisweilen zwar etwas nervig, aber man muss sie einfach lieb haben, so sehr kümmern sie sich umeinander. Mehr schlecht als recht richten sich die beiden im Schutt ihres Hauses ein. „Also ich seh‘ hier nichts“, erwidert Hilda auf Jims Bemerkung, er frage sich, ob hier irgendetwas strahle. Jim ist allerdings nicht viel besser, stellt bei einem Regenguss Behälter auf, um Trinkwasser zu sammeln: „Es gibt doch nichts Reineres als Regenwasser, das weiß jeder Mensch.“ Zum Bildungsbürgertum gehört das Ehepaar zweifellos nicht. Bald zeigen sich die ersten Symptome der Strahlenkrankheit.

Comic-Vorlage als Slideshow im Bonusmaterial

Der Film ist problemlos erhältlich und scheint auf DVD verschiedenfach bei uns veröffentlicht worden zu sein. Die mir vorliegende Fassung ist mit dem Logo „Screen Power Home Entertainment“ versehen. Sehr schön: Im Bonusmaterial findet sich in voller Länge als 100-minütige Slideshow die deutsche Version des Comics von Raymond Briggs, auf dem der Film beruht, ergänzt um ein 14-minütiges Interview mit dem Autor.

Die Bildqualität ist in Ordnung, beim Ton ist die englische Original-Tonspur in puncto Klangqualität der etwas dumpf klingenden deutschen vorzuziehen. Geschmackssache ist hingegen, ob einem die deutsche Synchronisation mit Brigitte Mira und Peter Schiff besser gefällt als die Originalfassung mit Peggy Ashcroft und Oscar-Preisträger John Mills („Ryans Tochter“). Beide Versionen bringen einem die schlichten, aber liebenswürdigen Gemüter der Eheleute nahe.

Titelsong von David Bowie

Den schönen Titelsong „When the Wind Blows“ steuerte David Bowie bei, den Score komponierte Roger Waters von Pink Floyd. Über weite Strecken kommt „Wenn der Wind weht“ aber ohne musikalische Untermalung aus. 2010 verarbeiteten Iron Maiden auf dem Album „The Final Frontier“ ihre Eindrücke aus dem Film mit dem Song „When the Wild Wind Blows“.

Murakami hat seinem Zeichentrickfilm ein paar Realfilm-Schnipsel beigemengt. Angesichts der Vielzahl moderner, am Computer entstandener Animationsfilme wirkt der Zeichenstil zwangsläufig etwas altbacken, das nimmt dem Endzeitdrama aber überhaupt nichts von seiner Intensität. Dem Sterben von Hilda und Jim zuzusehen, bewegt zutiefst. Insofern ist „Wenn der Wind weht“ ein ebenso nachdrückliches Plädoyer gegen Atomwaffen, wie es „The Day After – Der Tag danach“ ist. Der letzte Einfall im Leben der Bloggs’ ist ein Gebet.

Veröffentlichung: diverse als DVD

Länge: 80 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: When the Wind Blows
GB 1986
Regie: Jimmy T. Murakami
Drehbuch: Raymond Briggs, nach seinem eigenen Comic „Strahlende Zeiten“
Originalsprecher: Peggy Ashcroft, John Mills
Deutsche Sprecher: Brigitte Mira, Peter Schiff
Zusatzmaterial: Interview mit Raymond Briggs, Making-of, Comic-Slideshow, Artwork-Gallery
Vertrieb: diverse

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

 
 

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Eine Antwort zu “Wenn der Wind weht – Tieftrauriges 80er-Plädoyer gegen Atomwaffen

  1. Michael Behr

    2017/12/27 at 22:11

    Ein toller Film.

    Gleichzeitig aber für mich immer wieder das Paradebeispiel dafür, wie sehr die Einschätzungen der FSK manchmal daneben liegen. Ja, klar, ist ja Zeichentrick, deswegen kann der ja ruhig ab 6 Jahren freigegeben werden. Was für ein hanebüchener Unfug. Für meine achtjährige kommt der jedenfalls noch deutlich zu früh.

     

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