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Mutant – Das Grauen im All: Recycling à la Roger Corman

11 Jan

Forbidden World

Von Andreas Eckenfels

SF-Horror // Von Martin Scorsese, James Cameron über Jack Nicholson, Francis Ford Coppola bis hin zu Charles Bronson, Joe Dante und Sylvester Stallone – nur einige der bekannten Namen, die ihre ersten filmischen Gehversuche diesem Mann verdanken: Roger Corman, der seit Mitte der 50er-Jahre Billigproduktionen am Fließband inszeniert und produziert. Ein Ende seiner Karriere ist für den inzwischen 91-Jährigen noch nicht in Sicht. Die Internet Movie Database listet für den legendären Filmemacher unglaubliche 411 Werke, die er als Produzent zu verantworten hatte (Stand Januar 2018). Der aktuellste Titel ist „Death Race 2050“.

Der Roboter SAM-104 reißt Mike Colby aus dem Hyperschlaf

Als Grundidee für seine Filme schlachtete Corman häufig aktuelle Blockbuster aus. Und was lag Anfang der 80er-Jahre näher, als einen Science-Fiction-Horrorfilm zu inszenieren, der sich ganz offensichtlich zu kleinen Teilen an „Star Wars: Episode IV – Eine neue Hoffnung“ und um einiges mehr an „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ bediente? An das Regiepult für „Mutant – Das Grauen im All“ ließ der Low-Budget-Maestro mal wieder einen Neuling ran: Allan Holzman, der ansonsten als Cutter für Cormans Produktionsfirma New World Pictures tätig war. Für seine TV-Dokumentation „Survivors of the Holocaust“ (1996) gewann Holzman 14 Jahre später zwei Primetime Emmys.

„Subjekt 20“ außer Kontrolle

Weltraum-Sheriff Mike Colby (Jesse Vint) wird von seinem Roboter SAM-104 aus dem Hyperschlaf gerissen. Feinde greifen sein Raumschiff an. Nach einigen gezielten Lasersalven ist die Lage unter Kontrolle, doch Colbys Urlaubspläne müssen weiterhin warten: SAM-104 berichtet dem Piloten, von einem Forschungslabor auf dem Wüstenplaneten Xerbia sei ein Hilferuf eingegangen, dem er sofort nachgehen soll. Dort angekommen erfährt Colby von Dr. Gordon Hauser (Linden Chiles) und dessen reizender Assistentin Dr. Barbara Glaser (June Chadwick), dass ein Experiment aus dem Ruder gelaufen ist. Das im Labor gezüchtete „Subjekt 20“ sollte eigentlich dabei helfen, den Welthunger auf Erden zu stillen. Doch nun ist das Testobjekt ausgebüchst und zu einer menschenfressenden Bestie mutiert. Kann Colby die bissige Kreatur aufhalten, bevor die ganze Besatzung und er selbst verspeist werden?

Die Mitarbeiter des Forschungslabors werden dezimiert

Wie Roger Corman in der kurzen Video-Einleitung im Bonusmaterial erklärt, ist „Mutant – Das Grauen im All“ ein Paradebeispiel dafür, wie effizient und kostengünstig er seine B-Movies produzieren konnte. Holzman hatte gerade mal knapp eine Millionen Dollar zur Verfügung und 20 Drehtage Zeit, um den im Original „Forbidden World“ betitelten Film zu inszenieren. Dabei durfte er die Kulissen aus „Planet des Schreckens“ (1981) auffrischen und erneut verwenden, die ursprünglich von keinem Geringeren als James Cameron stammten. Außerdem griff er auch in der zu Beginn schwelenden Raumschlacht auf Szenen aus „Sador – Herrscher im Weltraum“ (1980) zurück.

Glibber wie bei Gigers Alien

Damit nicht genug mit dem Recycling: Während einige Kostüme und die einzige Außensequenz auf dem Wüstenplaneten deutlich von „Star Wars“ inspiriert wurden, hatte inhaltlich – wie schon erwähnt – „Alien“ einen großen Einfluss auf die Geschichte: Colby wird wie die Besatzungsmitglieder der Nostromo aus dem Hyperschlaf geweckt, das gemeinschaftliche Essen der Mitarbeiter im Forschungslabor und das Aussehen des Monsters sind weitere deutliche Referenzen an den Klassiker von Ridley Scott. Auch der schleimige Glibber, den Gigers Kreatur abwirft, wurde natürlich nicht vergessen. Die Spezialeffekte für „Mutant – Das Grauen im All“ sind dabei natürlich auf niedrigem Niveau angesiedelt und das lebensgroße Modell recht unbeweglich, aber mit seinen rasiermesserscharfen Zähnen kann „Subjekt 20“ dennoch für unterhaltsamen Schrecken sorgen.

Überhaupt ist es Holzmans Qualitäten als Cutter und den verschiedenen Blickwinkeln der Kamera zu verdanken, dass die Angriffe des Metamorphs durchaus Spannung erzeugen. Und wie es sich für ein B-Movie gehört, hält der Gewaltgrad ebenfalls dem Vergleich zur Vorlage stand. Von zerfetzten Tierkadavern über angefressene Gesichter und einer OP-Sequenz im Finale haben sich die Make-up-Künstler einiges einfallen lassen.

Sex sells in space

Was auf Ridley Scotts Raumschiff „Nostrodomo“ gefehlt hat, ist bei einer Corman-Produktion natürlich unverzichtbar: eine ordentliche Prise Sex. Nichts gegen die junge Sigourney Weaver in Unterwäsche, aber die beiden weiblichen Darstellerinnen von „Mutant – Das Grauen im All“ geizen nicht mit ihren Reizen und sind wohl auch nur aus diesem Grund engagiert wurden – vielleicht auch noch zum Schreien. Dies gipfelt sogar in einer recht peinlichen, aber ansehnlichen Szene, in der die beiden nackt unter der Dusche stehen, die eine der anderen den Glibber aus den Haaren wäscht und sie darüber diskutieren, mit welchen Mitteln sie dem Monster den Garaus machen können. Während die Britin June Chadwick noch bis 2001 der Schauspielerei nachging – unter anderem war sie auch in der Science-Fiction-Serie „V – Die Außerirdischen Besucher kommen“ zu sehen – war die Filmkarriere des einstigen David Hamilton-Models Dawn Dunlap („Die Geschichte der Laura M“) nur von kurzer Dauer. In dem Corman-Klassiker werden sie den B-Movie-Fans als Dr. Barbara Glaser und Tracey Baxter im guten Gedächtnis bleiben.

Tracey macht es sich in der Sauna gemütlich

Warum ihre beiden Figuren sich allerdings gleich dem wenig heldenhaft wirkenden TV-Star Jesse Vint alias Mike Colby an den Hals schmeißen, bleibt unverständlich. Aber wenn man sich andererseits den von Fox Harris verkörperten Wissenschaftler Dr. Timbergen ansieht, der Kette raucht, zerzauste Haare hat und dessen Laborkittel ständig blutverschmiert ist, kann man vielleicht nachvollziehen, dass die beiden Damen einmal froh sind, einen neuen Mann in der Station zum Erforschen zu haben.

Start einer neuen Reihe von Anolis Entertainment

„Mutant – Das Grauen im All“ mag ein offensichtlicher Klon sein, dennoch zeigt die Produktion, dass eine Kopie nicht immer schlecht sein muss. Corman und seine Crew haben mal wieder ganze Arbeit geleistet, um mit bescheidenen Mitteln und teils obskuren Ideen einen ansehnlichen B-Movie-Weltraummonster-Schocker auf die Beine zu stellen, welcher zudem über einen minimalistischen, aber äußerst atmosphärischen Synthie-Soundtrack verfügt.

Hunger!

Dieser war auf der DVD-Erstauflage von Anolis aus dem Jahr 2002 auch noch separat enthalten, das Feature hat es leider nicht auf die Blu-ray geschafft. Dafür ist die deutsche Kinofassung vorhanden, die vom Verleih am Ende um einige Minuten verlängert wurde – bizarrerweise mit exakt den gleichen Szenen aus der Eröffnungssequenz, die lediglich mit anderen Dialogen unterlegt wurden. Auf einer Extra-DVD liegt zudem der leicht veränderte Director’s Cut bei. Die genauen Unterschiede findet ihr bei den Kollegen von Schnittberichte.com. Ansonsten kommen in einem knapp halbstündigen Making-of Cast und Crew ausführlich zu Wort. Die Anolis-Audiokommentar-Veteranen Ingo Strecker und Pelle Fleisch unterhalten sich und uns wieder wunderbar über die Corman-Produktion. Strecker schrieb auch den Text des gewohnt hochwertig produzierten Mediabooks, welches in zwei Cover-Varianten daherkommt.

Mit der schicken Veröffentlichung startet Anolis Entertainment eine komplett neue Reihe, die auf den Namen „Phantastische Filmklassiker“ hört. Diese wird sich ausgewählten „Meisterwerken“ aus verschiedenen Jahrzehnten widmen. „Mutant – Das Grauen im All“ ist Titel Nummer 1 aus „Die 80er“. „Die 60er“ soll, wenn alles glatt läuft, mit „Geheimagent Barrett greift ein“ (1965) und „Die 70er“ mit „Willard“ (1971) demnächst an den Start gehen. Wir können uns also auf viele weitere kleine und große Filmperlen freuen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Roger Corman sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, auch solche, bei denen er Produzent war wie in diesem Fall.

Dr. Timbergen sucht fieberhaft nach einem Mittel gegen das Monster

Veröffentlichung: 24. November 2017 als Blu-ray und DVD im limitierten Mediabook (in zwei Covervarianten), 22. August 2002 als DVD

Länge: 77 Min. (Blu-ray)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Forbidden World
USA 1982
Regie: Allan Holzman
Drehbuch: Tim Curnen
Besetzung: Jesse Vint, Dawn Dunlap, June Chadwick, Linden Chiles, Fox Harris, Raymond Oliver, Scott Paulin, Michael Bowen, Don Olivera
Zusatzmaterial: deutsche Kinofassung (82 Min.), Audiokommentar mit Ingo Strecker und Pelle Fleisch zur deutschen Kinofassung, Director’s Cut in SD (79 Min.), Making-of „Forbidden World“, John Carl Buechler: Die Spezialeffekte, Roger Corman über „Mutant“, amerikanischer und deutscher Kinotrailer, Werberatschlag, Bildergalerie
Label / Vertrieb: Anolis Entertainment

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshots: © 2017 Anolis Entertainment

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