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Der schwarze Panther von Ratana – Aus der bunten Welt des deutschen Abenteuerkinos

01 Feb

Der schwarze Panther von Ratana

Von Ansgar Skulme

Abenteuerkrimi // Der im Auftrag der Anglo-Thai Company arbeitende Chef-Ingenieur Richard Paddberg (Heinz Drache) wird von seinem Boss Hamsworth (Robert Klupp) in die Nähe des thailändischen Dorfes Ratana entsandt. Dort soll er eine Zinnmine fachlich begutachten, die Hamsworth zu kaufen beabsichtigt. Kurz vor Paddbergs Eintreffen wird der Besitzer der Mine von einem schwarzen Panther getötet. Da es bald darauf weitere Leichen zu bestaunen gibt, wird die Lösung des Rätsels, was wirklich hinter den Vorfällen steckt, zwangsläufig zu einem Teil von Paddbergs Begutachtung. Abgesehen davon, dass der Ingenieur die Ärztin Marina Keller (Marianne Koch) zu schützen versucht und ihm eines der Opfer wohlvertraut ist, spielt es schließlich auch für den potenziellen Käufer der Mine, seinen Chef, eine zentrale Rolle, ob im Umkreis der Mine ein wildes Tier sein Unwesen treibt oder gar Mörder umgehen. Es gilt, viel Licht ins Dunkel zu bringen: Was wollen der dauertrunkene Sprengmeister Larry Finch (Brad Harris), der einstmals in einen spektakulären Raub in einem buddhistischen Tempel verwickelt war, die hübsche, scheinbar oberflächliche Tänzerin Yvonne (Luciana Gilli), der Barkeeper Charly (Chris Howland) und der geschäftstüchtige Jack Roller (Horst Frank) wirklich?

Parallel zur „Winnetou“-Reihe und sonstigen Karl-May-Verfilmungen entstanden in den 60er-Jahren etliche weitere auf Abenteuer und Exotik abzielende internationale Farbfilm-Ko-Produktionen unter deutscher Beteiligung, meist deutscher Federführung – nicht nur im Westerngenre, sondern auch einige im Sektor Abenteuerkrimi. Ein Teil davon wird, zum Handlungsort passend und des Wortes „Hongkong“ im Titel wegen, als „Hongkong-Reißer“ klassifiziert, darüber hinaus fehlt es für Abenteuerkrimis wie „Die Diamantenhölle am Mekong“, „Das Geheimnis der drei Dschunken“, „Der Fluch des schwarzen Rubin“, „Das Todesauge von Ceylon“ oder „Die goldene Göttin vom Rio Beni“ bisher aber an einem griffigen Oberbegriff, für diese stets vor exotischer Kulisse fernab Europas angesiedelten Streifen, die vor allem damit punkten, dass sie nicht nur mit fernen Ländern werben, sondern auch tatsächlich aufwendig im Ausland gedreht wurden – meist in Asien. Vor allem das Label Filmjuwelen hat diverse dieser Produktionen überschaubarer Anzahl bereits veröffentlicht, gefühlt ist die klare Mehrheit der Filme mittlerweile in Deutschland auf DVD verfügbar. Einer, der bislang überraschenderweise fehlt, ist „Der schwarze Panther von Ratana“ – inszeniert von keinem Geringeren als „Stahlnetz“-Legende Jürgen Roland.

Erfolgskonzept: Möglichst teuer sparen!

„Der schwarze Panther von Ratana“ taugt sehr gut als exemplarisches Beispiel für die Art und Weise, mit der diese Filme produziert wurden. Einerseits wurde mit einer internationalen Besetzung und dem Dreh vor Ort in Thailand dick aufgetragen, andererseits in vielen anderen Bereichen merklich gespart: Die Kameraarbeit hat ihre grenzwertigen Ecken und Kanten, das Drehbuch verballert Potenzial ohne Ende und selbst Jürgen Roland in der Regie konnte nicht verhindern, dass zunehmend der Eindruck entsteht, man hätte einfach so schnell wie möglich ein gewisses Kontingent an Szenen in den Kasten gebracht, um daraus dann so schnell wie möglich einen Film zusammenzuschustern. Der zuweilen recht holprige, wenig elegante Schnitt tut sein Übriges; recht grob wirkende Sprünge von einem Schauplatz zum nächsten und von einer Szene zur folgenden sind nicht gerade eine Seltenheit. Warum man sich einerseits die Mühe macht, einen im damaligen deutschen Kriminalfilm durchaus namhaften Regisseur sowie Schauspieler aus etwa einem halben Dutzend Länder in Thailand zu versammeln, dann aber so einen Schnellschuss hinlegt, ist fragwürdig, aber erklärt sich durch die kuriose, paradoxe Sparpolitik, die man diesen 60er-„Deutsch-Abenteuerkrimis“ oftmals anmerkt. Während Hollywood noch wenige Jahre zuvor regelmäßig exotische Abenteuerwelten in den heimischen Studios entstehen ließ, sich dort aber die notwendige Zeit nahm, um das Ganze in Szene zu setzen, sind diese (maßgeblich) deutschen Abenteuerkrimis der 60er praktisch das Gegenstück – teils offensichtlich chaotische Produktionsbedingungen in Kauf nehmend in fernen Ländern abgespult, um neue Schauwerte zu bieten. Ein schöner Urlaub für die Schauspieler und verrückte Filme im Ergebnis, mit unter Umständen völlig hanebüchenen Geschichten, manchmal einfach nur unerklärlichen oder auch auffällig unnötigen Wendungen sowie ebensolchen Oberflächlichkeiten, fast schon bewundernswerten Verbeugungen vor Klischees und Figurenstereotypen, die beispielsweise mit einem notorisch als fies besetzten Darsteller wie Horst Frank bis aufs i-Tüpfelchen ausgekostet werden; und von Kameraleuten eingefangen, die unter Zeitdruck oft viel zu wenig aus den grandiosen Schauplätzen machen konnten. Groschenheft-Trash auf Film gebannt, in absoluter Reinkultur – und genau deswegen irgendwie verdammt sympathisch und liebenswert!

Keine Kunst? Auf jeden Fall richtungsweisend!

Filme wie diese waren die fast schon provokant eine gewisse Form der cineastischen Naivität zelebrierenden Querschläger des frühen deutschen 60er-Kinos – Unterhaltungskino, das sich gewissermaßen um nichts eine Platte machte und für deutsches Kino ungewöhnlich viel Mut zu reißerischem Trash zeigte, sowohl aus damaliger als auch noch aus heutiger Sicht. Einfach drauflos, mit reichlich Reiselust und einem angenehm jugendlichen Actionverständnis im Gepäck! Die etwas andere Art, auf „Papas Kino“ zu antworten – eine schöne Alternative zum Oberhausener Manifest und den Filmen der dort verankerten Regisseure, denn in Oberhausen mochten große Reden, Marke „Papas Kino ist tot!“, geschwungen worden sein, denen aber nicht nur gute, innovative Filme, sondern unter dem Deckmantel hohen „Anspruchs“ auch eine pseudo-modernisierte, neue Biederkeit und Langeweile folgten.

Was die 60er anbelangt, sind es aus meiner Sicht unter anderem Abenteuerkrimis wie „Der schwarze Panther von Ratana“, welche im Kino eine Richtung einschlugen, die etwa ein Vierteljahrhundert später im Endeffekt irgendwann einmal zu den Filmen von Quentin Tarantino führte. Die wahrscheinlich größte stilistische Annäherung, die das deutsche Genrekino damals, wenn nicht jemals, mit dem wilden italienischen schaffte – wenngleich die Italiener einige ihrer erfolgreichen 60er- und 70er-Genrekonzepte zweifelsohne unter anderem aus deutschen Vorbildern auferstehen ließen und diese weiterentwickelten bzw. umdachten. Wenig verwunderlich, dass Deutsche und Italiener Abenteuerkrimis wie „Der schwarze Panther von Ratana“ mehrfach gemeinsam produzierten. Ab Mitte der 60er, als der Italowestern, die Eurospy -Filme und auch der Giallo das italienische Genrekino eroberten, neigte sich die Zeit der Abenteuerkrimis im Stile von „Der schwarze Panther von Ratana“ ihrem Ende entgegen und Deutschland verlor in der Produktion exotischer Krimis und Abenteuerfilme an Gewicht. Auch Einflüsse dieser Abenteuerkrimis der ersten 60er-Hälfte sind im nachfolgenden italienischen Genrekino aber noch häufig spürbar, ähnlich wie beispielsweise die Einflüsse der Edgar-Wallace-Filme auf den Giallo oder, etwas weniger offensichtlich und weniger ausgeprägt, die Einflüsse der Karl-May-Western auf bestimmte (Aspekte von) Italowestern – angefangen bei der bloßen Tatsache, einfach einmal den Mut aufzubringen, in Europa geeignete Schauplätze für Western aufzutun und diese systematisch zu nutzen. Theorie ist die eine Sache, etwas wirklich durchzuziehen eine andere. Hätte es den Italowestern ohne Horst Wendlandt gegeben? Eine spannende Frage, aber dies führt hier zu weit.

Passt schon, läuft, merkt eh keiner – oder etwa doch?

Wer beispielsweise darüber hinwegsehen kann, dass „Der schwarze Panther von Ratana“ ärgerlich viele Möglichkeiten verschenkt, indem mit der Ankunft von Heinz Drache im Umkreis der zu begutachtenden Mine plötzlich Brad Harris über geraume Zeit ohne jegliche Erklärung aus der Handlung verschwindet – vermutlich, weil beide kaum zur selben Zeit am Drehort waren –, wird mit einem ausreichend unterhaltsamen Abenteuerkrimi samt diverser amüsanter Momente und einem äußerst kuriosen Twist am Ende entschädigt. Schade trotzdem, denn Drache und Harris hätten sicher ein sehr gutes Duo abgegeben. Wen es auch nicht stört, dass Robert Klupp hier nicht nur sich selbst, sondern auch Carlo Tamberlani synchronisierte, denn wenn man schon einen erfahrenen Synchronsprecher vor der Kamera hatte, konnte man auch dies natürlich gleich zum heißbegehrten Sparen von Geld und/oder Zeit nutzen: umso besser!

In Thailand gilt die dortige Fassung des Films als verschollen. Seinerzeit wurde eine etwa 17 Minuten längere Thai-Version produziert, die zusätzliches Material mit bekannten einheimischen Sängern und Komikern enthält. Ein Film, der Teil einer für das „Trash-Kino“ – im positiven Sinne – richtungsweisenden, kleinen, aber feinen Welle war. Die deutsche Synchronfassung bietet neben der absonderlichen Robert-Klupp-Dopplung, die nur möglich war, weil Klupp im Mittelteil des Films nicht zu sehen ist, Tamberlani hingegen am Beginn und Ende nicht, zudem auch eines der besten und extremsten Beispiele für „geniale Kombination trotz großen Altersunterschieds“ in der gesamten Geschichte der deutschen Synchronisation: Heinz Engelmann als Stimme von Brad Harris! Der Anfang 1911 geborene Engelmann war satte 22,5 Jahre älter als Harris, machte aus dem als Schauspieler bis dato kaum erfahrenen Bodybuilder und Stuntman aber einen gestandenen Recken mit Starqualitäten. „Der schwarze Panther von Ratana“ war einer der ersten Filme, in denen er Harris synchronisierte. Schade, dass man Engelmann ausgerechnet in der „Kommissar X“-Reihe, in der Harris, neben Tony Kendall als Kommissar X, zur Stammbesetzung gehörte, nicht besetzte, obwohl er bis dato der klar am häufigsten eingesetzte Sprecher von Brad Harris war und vor allem fest mit dessen Rollen in Abenteuerkrimis unter deutscher Federführung verwachsen ist. Mit der Stimme von Rainer Brandt und – in einem Film – Horst Niendorf wirkt Harris in den Kommissar-X-Filmen leider zuweilen unnötig seicht und/oder langweilig.

Gerade weil nicht mehr allzu viele Beiträge zur Abenteuerkrimiwelle des deutschen Genrekinos der ersten 60er-Hälfte auf DVD fehlen, wird es Zeit, dass sich endlich auch ein deutsches Label des „schwarzen Panthers von Ratana“ erbarmt. Ein weiterer Film in diesem Kontext, der die Wiederentdeckung lohnen würde, ist beispielsweise „Scharfe Schüsse auf Jamaika“, der auch bereits vor längerer Zeit im Veröffentlichungsblickfeld auf der Webseite von Filmjuwelen angekündigt worden ist, bisher aber trotzdem außen vor blieb. Hier ebenfalls mit von der Partie: Brad Harris – eines der prägnantesten Gesichter und einer der wichtigsten Helden dieses deutsch geprägten 60er-Abenteuerkrimi-Kinos sowie einiger weiterer Filme, die entlang der Welle in korrespondieren Genres, im Zuge des Erfolges entstanden. Das waren noch Zeiten, als der deutsche Film seinen Weg mit Western und in Hongkong oder Thailand gedrehten Abenteuerreißern pflasterte – als Action im deutschen Kino noch großgeschrieben wurde!

Länge: 91 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Der schwarze Panther von Ratana
BRD/IT/THAI 1963
Regie: Jürgen Roland
Drehbuch: Roberto Bianchi Montero, Johannes Kai, Giorio Simonelli
Besetzung: Marianne Koch, Heinz Drache, Horst Frank, Brad Harris, Chris Howland, Luciana Gilli, Dorothee Parker, Carlo Tamberlani, Robert Klupp, Osman Ragheb
Verleih: Constantin Film

Copyright 2018 by Ansgar Skulme

 

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