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Cannibal Ferox – Die Rache der Kannibalen: Umberto Lenzis notorischer Klassiker

02 Mrz

Cannibal Ferox

Von Volker Schönenberger

Horror // Potzblitz! Da läuft uns doch gleich in der ersten Szene Dominic Raacke über den Weg. Credits hat er für „Cannibal Ferox – Die Rache der Kannibalen“ nicht erhalten. Der als „Tatort“-Kommissar Bekannte hat eine kurze Szene als soeben aus der Entzugsklinik entlassener Junkie, der in die New Yorker Wohnung seines Dealers kommt, wo er allerdings nur zwei andere Gangster trifft, die den Dealer suchen. Was mag Raacke in einen italienischen Kannibalenfilm verschlagen haben? Der Auftritt markierte 1981 seinen ersten oder zweiten Film – die deutsche Groteske „Total vereist“ mit Rio Reiser entstand im selben Jahr.

Zusammenprall der Kulturen

Genug von Raacke: Die US-Geschwister Gloria (Lorraine De Selle) und Rudy (Danilo Mattei) dringen mit ihrer Freundin Pat (Zora Kerova) in den Regenwald von Paraguay vor. Ziel: Anthropologin Gloria schreibt an ihrer Doktorarbeit und will beweisen, dass Kannibalismus lediglich ein Mythos ist, im Westen mit dem Ziel aufgekommen, eingeborene Völker in kolonialisierten Gebieten unterdrücken und auslöschen zu können. Mitten im Dschungel begegnen ihnen die zwielichtigen Mike (Giovanni Lombardo Radice) und Joe (Walter Lucchini), die eigenen Angaben zufolge auf der Flucht vor einem kannibalistischen Stamm sind. Dina will das natürlich nicht glauben, würde es doch ihre Dissertation über den Haufen werfen. Sie wird bald eines Besseren belehrt werden.

Der Kannibalenfilm

Exploitation in ultrabrutaler Reinkultur! „Cannibal Ferox – Die Rache der Kannibalen“ ist Teil eines berüchtigten Horror-Subgenres, das es in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren zu zweifelhafter Blüte brachte. Umberto Lenzi gab bereits 1972 mit „Mondo Cannibale“ („Il paese del sesso selvaggio“) den Startschuss und lieferte 1980 mit „Lebendig gefressen“ („Mangiati vivi!“) und ein Jahr später mit dem hier vorgestellten „Cannibal Ferox“ weitere sogenannte Klassiker ab. Einen „Höhepunkt“ lieferte 1980 Ruggero Deodato mit „Nackt und zerfleischt“ („Cannibal Holocaust“) ab. Weitere Regisseure des Kannibalenfilms sind Joe D’Amato („Nackt unter Kannibalen“), Marino Girolami („Zombies unter Kannibalen“) und Jess Franco („Jungfrau unter Kannibalen“). Umberto Lenzi selbst hielt seine Ausflüge ins Kannibalengenre später für wenig bedeutsam und reagierte auch mal ungehalten, wenn er mal wieder in erster Linie dazu befragt wurde. In einem im Mai 1997 geführten Interview äußerte er, „Cannibal Ferox“ nicht besonders zu mögen und bessere Filme gemacht zu haben. „I don’t like it so much … in my opinion, I made other movies that were much better.“ Auch für die Fans des Kannibalengenres fand der Regisseur kritische Worte, sprach ihnen die Liebe zum Film ab und befand, sie seien wohl eher an Zynismus und Sadismus interessiert. „I think the interest shown in these movies is not about love of motion pictures, rather about cynicism and sadism.“

Diese Burschen besser nicht reizen!

„Cannibal Ferox – Die Rache der Kannibalen“ zeigt ansprechende Dschungelaufnahmen und hat einen stimmungsvollen Synthie-Score, nicht untypisch für den italienischen Exploitationfilm. Die Handlung dient aber in erster Linie dem Zweck, vor schöner Kulisse grausame Scheußlichkeiten in aller Ausführlichkeit zur Schau zu stellen. Die Splattersequenzen sind handwerklich gut gemacht und originell, Gorehounds wird das Herz höher schlagen. Ein paar animalische Tötungsszenen gibt es obendrauf. Mal drückt eine Anaconda ein Tier zu Tode, mal schlachten Eingeborene eine Schildkröte, am Ende wird gar ein Krokodil ausgeweidet und verspeist. Dem Vernehmen nach handelte es sich um Tötungen echter Tiere. Da kann man sich nur fragen: Was soll das? Kalkül, um mit dem Skandal Zuschauer ins Kino zu locken? Auch die Darstellung des eingeborenen Stamms erscheint kritikabel. Die Menschen nehmen Mikes brutales Treiben erst eine Weile recht lethargisch hin, um dann ihrerseits aufs Grausamste zurückzuschlagen.

Nebenhandlung in New York City

Der in der ersten Szene mit Dominic Raacke begonnene New Yorker Handlungsfaden wird im Verlauf weitergesponnen, wenn auch ohne Raacke – seine Figur ist mausetot, man verzeihe mir den Spoiler. Bei erwähntem Dealer handelt es sich um Mike, der sich natürlich gerade im Dschungel aufhält. Eine wichtige Funktion dieses Erzählstrangs ist nicht erkennbar. Vielleicht dient er lediglich dem Zweck, den Film an die Anderthalbstunden-Grenze zu bringen.

Mike hat sie leider gereizt

Vordergründig verbreitet Umberto Lenzi sogar die moralische Botschaft, erst die westliche Zivilisation bringe das Böse über die Naturvölker: Es ist Mike, der die Gewaltspirale beginnt. Zivilisationskritik hin oder her – dieses Feigenblatt täuscht nicht darüber hinweg, dass es hier nur um die Zurschaustellung extremer Gewalt geht. Um für den englischsprachigen Markt Internationalität vorzugaukeln, erhielten einige der italienischen Darsteller Pseudonyme verpasst – siehe Auflistung unten. In der deutschen Synchronisation wurden die Geschwister Gloria und Rudy zu Dina und Gary, warum auch immer.

Zensiert und beschlagnahmt

Wie etliche Kannibalenfilme hatte auch „Cannibal Ferox – Die Rache der Kannibalen“ seine liebe Not mit der Obrigkeit, und das beileibe nicht nur in Deutschland, wo diverse VHS- und DVD-Versionen des Films indiziert und nach § 131 StGB beschlagnahmt worden sind. Diese Bevormundung Erwachsener ist scharf zu kritisieren, gleichwohl handelt es sich um einen Film, der auf keinen Fall Jugendlichen zugänglich gemacht werden sollte. Zwar ist seit einigen Jahren das Phänomen zu beobachten, dass zahlreiche vormals berüchtigte Horrorfilme vom Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien und den Beschlagnahmungslisten gestrichen werden; ich hege aber gewisse Zweifel, ob das bei „Cannibal Ferox“ in naher Zukunft der Fall sein wird. Verharmlost oder verherrlicht der Film Gewalt? Einige Richter bejahen das jedenfalls.

Das bekommt ihm nicht gut

Als passionierter Filmgucker und am Horrorgenre Interessierter kann ich den Reiz dieser vielleicht derbsten Spielart des Exploitationfilms sogar nachvollziehen, zieht es mich doch selbst gern zu den extremen Horror-Auswüchsen. Unverständlich bleibt mir allerdings das kritiklose Abfeiern dieser Filme unter manchen Horrorfans. Kann extreme Gewalt schon alles sein, um einen Film zum Klassiker hochzustilisieren? Ebenso unverständlich ist allerdings die Haltung anderer, Filmen wie diesem die Daseinsform als Kunstwerk abzusprechen. Film ist eine Kunstform, und Kunst dient nicht allein dem Zweck der Freude an schöngeistiger Erbauung. Nein, die Bandbreite von Kunst ist enorm, sie darf auch abstoßend geraten, auch und gerade Provokation ist legitimer Bestandteil. Völlig verstehen hingegen kann ich Personen, welche angesichts der Darstellung von Kastrationen, einer mit Eisenhaken an den Brüsten aufgehängten Frau, vom Abtrennen einer Schädeldecke mittels eines Lochs im Tisch (nebst anschließendem Naschen vom Hirn) und anderen Bluttaten verstört das Weite suchen und solchen, die seelenruhig sitzen bleiben und sich bisweilen fröhlich auf die Schenkel klopfen, fortan mit Misstrauen begegnen. Meine für diesen Text erfolgte zweite Sichtung von „Cannibal Ferox – Die Rache der Kannibalen“ – oder war es gar die dritte? – wird wohl die letzte bleiben.

Die Eingeborenen bitten zu Tisch

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Umberto Lenzi sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Originaltitel: Cannibal Ferox
US-Titel: Make Them Die Slowly
IT 1981
Regie: Umberto Lenzi
Drehbuch: Umberto Lenzi
Besetzung: Giovanni Lombardo Radice (als John Morghen), Lorraine De Selle, Danilo Mattei (als Bryan Redford), Zora Kerova (als Zora Kerowa), Walter Lucchini (als Walter Lloyd), Fiamma Maglione (als Meg Fleming), Dominic Raacke

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

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Eine Antwort zu “Cannibal Ferox – Die Rache der Kannibalen: Umberto Lenzis notorischer Klassiker

  1. TomHorn

    2018/03/02 at 16:20

    Es ist schon komisch; präsentierte Lenzi knapp 2 Jahre vorher mit „Mangiati Vivi“ noch einen guten Schocker mit rassistischen Tendenzen, bei dem der Kannibalismus nur eine kleine Nebenrolle spielte, handelt es sich hier um eine reine Schlachtplatte, die von einem dünnen Plot und dümmlichen Dialogen zusammengehalten wird, aber dafür den zivilisierten Mann als das wahre Monster darstellt, der die armen Naturvölker dazu treibt, auch die bösesten und brutalsten Seiten zutage treten zu lassen. „Cannibal Ferox“ ist nun immer noch weit davon entfernt, einen großen Beitrag zu Toleranz und Völkerverständigung zu sein, sein Blick auf die Natur der vermeintlich Wilden ist hier weit differenzierter als im inhaltlich und handwerklich überlegenen Vorgänger.

     

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