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Unternehmen Capricorn – Die vorgetäuschte Marsmission

08 Mrz

Capricorn One

Von Andreas Eckenfels

Thriller // Das Kino der 70er-Jahre brachte nicht nur zahlreiche Katastrophenfilme hervor, sondern auch eine Vielzahl hoch spannender Verschwörungsthriller, die ein Spiegelbild ihrer Zeit darstellten. Auslöser waren unter anderem das heute noch von diversen Verschwörungstheorien umrankte Attentat auf John F. Kennedy 1963, die Querelen rund um den Vietnamkrieg und natürlich die Watergate-Affäre, die 1972 ans Licht kam und die 1974 schlussendlich zum Rücktritt von US-Präsident Richard Nixon führte. Die Stimmung innerhalb der amerikanischen Bevölkerung wurde gegenüber Vater Staat zunehmend misstrauischer: Was könnte der mächtigste Mann der Welt sonst noch alles vertuscht haben?

Leeres Raumschiff auf dem Weg zum Mars

Die Rakete mit Ziel Mars ist gestartet. Doch was die Öffentlichkeit nicht weiß: Kurz zuvor wurden die überraschten Astronauten Colonel Charles Brubaker (James Brolin), Lieutenant Colonel Peter Willis (Sam Waterston) und Commander John Walker (O. J. Simpson) genötigt, das Raumschiff zu verlassen. In einem abgelegenen Militärstützpunkt erklärt ihnen Dr. James Kelloway (Hal Holbrook), Leiter des NASA-Marsprogramms und Brubakers alter Weggefährte, die Lage: Bereits vor ein paar Monaten sei bekannt geworden, dass das im Raumschiff verbaute Lebenserhaltungssystem von minderwertiger Qualität ist. Die Besatzung hätte den Flug zum Mars nicht überlebt. Doch statt die Mission deswegen komplett abzubrechen, entschied sich Kelloway dazu, eine leere Rakete in Richtung Roter Planet zu schießen. Eine weitere fehlgeschlagene Mission hätte sich die NASA nicht leisten können. Der US-Präsident als auch die Bevölkerung stünden wegen der enormen Kosten der Raumfahrt sowieso schon skeptisch gegenüber. Die Finanzierung und damit die Zukunft des Weltraumprogramms stehen auf der Kippe. Deshalb sollen die Astronauten der Welt eine erfolgreiche Marsmission vorgaukeln. Szenen mit ihnen auf dem Roten Planeten sollen in einem Filmstudio gedreht werden. Verweigern sie die Kooperation, werden ihre Familien umgebracht. Brubaker, Willis und Walker bleibt keine andere Wahl, als mitzuspielen.

Walker, Willis und Brubaker (v. l.) werden aus dem Raumschiff geholt

Während die Welt glaubt, dass die Astronauten als erste Menschen überhaupt einen Fuß auf den Mars gesetzt haben, fallen Elliot Whitter (Robert Walden), einem Mitarbeiter des NASA-Kontrollzentrums in Houston, einige Unregelmäßigkeiten auf. Er macht seinen Freund Robert Caulfield (Elliott Gould), einen Journalisten, darauf aufmerksam. Als Whitter kurze Zeit später spurlos verschwindet, geht der Reporter der Sache auf den Grund.

War Stanley Kubrick der Mondmann?

Regisseur Peter Hyams („2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnahmen“) kam die Lage der Nation zugute, denn nun durfte er sein Drehbuch endlich verfilmen, welches er Anfang der 70er noch vergeblich an den Mann zu bringen versucht hatte. Die Idee zu „Unternehmen Capricorn“ kam Hyams bereits kurz nach der Mondlandung der Apollo 11 am 24. Juli 1969: Was wäre, wenn Neil Armstrong und Buzz Aldrin den fernen Himmelskörper gar nicht betreten hätten? Waren die krisseligen Fernsehbilder wirklich echt?

Dr. Kelloway sieht die Zukunft der NASA in Gefahr

Mit diesen Überlegungen steht Hyams nicht allein da: Eine weit verbreitete Verschwörungstheorie geht sogar fest davon aus, kein Geringerer als Meisterregisseur Stanley Kubrick sei von der US-Regierung unter strengster Geheimhaltung beauftragt worden, die Mondlandung zu inszenieren. Unter anderem nahmen der Thriller „Operation Avalanche“ (2016) und die Mockumentary „Kubrick, Nixon und der Mann im Mond“ (2002) diese Annahme genauer unter die Lupe. Es gibt sogar die These, Kubrick habe Hinweise auf seine Beteiligung an diesem Projekt in seinem Horror-Meisterwerk „Shining“ versteckt – die Doku „Room 237“ zeigt, wie Filmverrückte Kubricks 1980er-Regiearbeit danach durchforsten.

Vergesst die Zeitlupe nicht!

In unserer Gegenwart, in der die Erschaffung von virtuellen Welten mithilfe von moderner Computertechnik und sogar die Wiederbelebung von verstorbenen Schauspielern in digitaler Form problemlos möglich ist – siehe etwa Peter Cushing in „Rogue One: A Star Wars Story“ –, fällt es nicht schwer zu glauben, ein vermeintlicher Ausflug auf den Mond oder Mars könne fingiert werden. Diese spannende Ausgangslage macht „Unternehmen Capricorn“ auch heute noch aktuell.

Reporter Caulfield (2. v. l.) kommt der Verschwörung auf die Schliche

Nach einem temporeichen Einstieg weiß Hayms erst mal nicht viel mit seinen Astronauten anzufangen. Während James Brolins Brubaker das Trio klar anführt, erfahren wir von Willis und Walker herzlich wenig. Die kurzen Szenen der vorgetäuschten Marslandung machen dies aber wett: Man kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, wenn der Regisseur die Anweisung gibt, die Zeitlupe zu nutzen, wenn die Raumfahrer angeblich den Roten Planeten betreten – dort herrscht schließlich eine andere Gravitation. Ja, so einfach können wir Medienkonsumenten uns veräppeln lassen. In der Folge verlagert sich die Geschichte immer mehr zu Reporter Caulfield, der dem Komplott mit klassischer Detektivarbeit nachspürt. Elliott Gould entwickelt sich mit seiner sympathischen, wortgewandten Art zur heimlichen Hauptfigur des Films.

Hetzjagd durch die Wüste

Im letzten Drittel erfährt „Unternehmen Capricorn“ eine interessante Wendung, die den hoch spannenden und dramatischen Schlussakkord einleitet: Als das Raumschiff nach 259 Tagen im All auf die Erde zurückkehren soll, verglüht beim Eintritt in die Erdatmosphäre der Hitzeschild. Damit hatte auch Kelloway nicht gerechnet. Sein Plan geht schief, der Welt drei strahlende Astronauten und eine vermeintlich erfolgreiche Mission zu präsentieren. Also muss er die Crew nach dem Unglück offiziell für tot erklären. Die drei Männer begreifen schnell, dass sie als Mitwisser ermordet werden sollen. Mit einem Kleinflugzeug gelingt ihnen die Flucht. Treibstoffmangel zwingt sie kurze Zeit später zu einer Notlandung in der Mojave-Wüste. Verfolgt von ihren Widersachern, trennen sich Brubaker, Willis und Walker in unterschiedliche Richtungen. Sie wollen sich zu Fuß in die Zivilisation durchschlagen, um der Welt die Wahrheit zu erzählen.

Auf der Flucht trennen sich die Wege der Astronauten

Hier bekommt ein berühmter Gaststar seinen großen Auftritt: Telly Savalas, der als Doppeldecker-Pilot Albain Elliott Goulds Figur bei der Suche nach den drei Astronauten unterstützt. Die spektakulären Flugeinlagen inklusive Verfolgungsjagd über den Wolken wurden später sogar für Szenen in den TV-Serien „Ein Colt für alle Fälle“ und „Das A-Team“ nochmals genutzt. Dabei kann man sogar darüber hinwegsehen, dass sich Brubaker etwas zu lang am Flügel in luftigen Höhen festhalten kann, ohne in den Tod zu stürzen.

In Verbindung mit dem packenden Score von Jerry Goldsmith ist Peter Hyams mit „Unternehmen Capricorn“ ein überaus abwechslungsreicher Thriller mit namhaften Darstellern gelungen, der trotz einiger Schwächen auf der Figurenebene mitreißt und bestens zu unterhalten weiß – egal, ob man an eine Verschwörung während der Mondlandung glaubt oder nicht.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Peter Hyams sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Überlebenskampf in der Wüste

Veröffentlichung: 8. März 2018 als Blu-ray und DVD, 27. August 2017 als Blu-ray im Steelbook, 3. September 2003 als DVD

Länge: 123 Min. (Blu-ray), 114 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Capricorn One
USA/GB 1977
Regie: Peter Hyams
Drehbuch: Peter Hyams
Besetzung: Elliott Gould, James Brolin, Brenda Vaccaro, Sam Waterston, O. J. Simpson, Hal Holbrook, Karen Black, Telly Savalas, Norman Bartold, David Huddleston
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Peter Hyams, Featurette „Flights of Fancy“, Featurette „What If …?“, Am Set: In der Wüste, Am Set: Im Studio, englischer Trailer, TV-Spot, Radio-Spot, Super-8-Fassung, Bildergalerie
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & Packshot: © 2017 Koch Films

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