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Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts – Wahre Schönheit kommt von außen!

13 Mrz

Mystery of the Wax Museum

Von Ansgar Skulme

Horror // Ivan Igor (Lionel Atwill) hat Anfang der 1920er-Jahre ein beachtliches Wachsfigurenkabinett in London geschaffen. Er lebt mit Hingabe für seine Passion, doch die Geschäfte laufen nicht gut. Eines Abends erhält er Besuch von einem interessierten Investor, der seine Arbeit sogar der Royal Academy empfehlen möchte. Igor ist gerührt vor Freude, denn nun scheint sich alles zum Guten zu wenden und ihm blüht endlich die Anerkennung, die er verdient. Sein Geschäftspartner Joe Worth (Edwin Maxwell) weiß jedoch nichts von der nahenden Popularität, hat keine Geduld mehr mit den finanziellen Risiken. Er überrascht den Künstler nur Augenblicke später mit dem Plan, das Kabinett niederbrennen und die Versicherungssumme kassieren zu wollen.

Mehr als zehn Jahre nach der Katastrophe tritt Ivan Igor in New York, ergraut im Rollstuhl sitzend, mit einem neuen Wachsfigurenkabinett an die Öffentlichkeit. An Aufmerksamkeit mangelt es diesmal nicht, doch die resultiert nicht nur aus künstlerisch interessiertem Publikum – die Reporterin Florence Dempsey (Glenda Farrell) ist bei Recherchen auf das Wachsfigurenkabinett gestoßen, während die Polizei bei ihren eigenen Untersuchungen noch im Dunkeln tappt: Menschen sterben mysteriös und ihre Leichen verschwinden; um Ivan Igor tummeln sich merkwürdige Gestalten und auch sein alter Widersacher Joe Worth ist in der Stadt. Wer jagt wen und aus welchen Motiven – wer ist Täter und wer unschuldig verdächtig?

Nach „Der geheimnisvolle Doktor X“ realisierten die Warner Brothers, basierend auf einer unveröffentlichten Kurzgeschichte von Charles S. Belden, aus der ein Theaterstück hervorgegangen war, mit „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ noch ein weiteres Prestige-Projekt im Zwei-Farben-Verfahren von Technicolor. Das Theaterstück diente dem Film rechtlich gesehen aber nicht unmittelbar als Vorlage. Erneut ein Horrorfilm, erneut unter der Regie von Michael Curtiz, erneut mit Ray Rennahan als Kameramann der Farbversion, erneut mit Anton Grot als „Art Director“, erneut mit Lionel Atwill in der Hauptrolle und erneut mit Fay Wray in einer zentralen Rolle, wenngleich diese in „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“, trotz übergeordneter Nennung im Vorspann, überraschenderweise erst nach etwa einer halben Stunde das erste Mal in der Rolle der Charlotte Duncan zu sehen ist. Die Horrorgeschichte um das schaurige Gruselkabinett der Wachsfiguren avancierte unfreiwillig zu einer Art großem Finale für das Zwei-Farben-Verfahren, da sich Technicolor und die Warner Brothers am Rande der Produktionen der beiden Curtiz/Atwill/Wray-Horrorfilme, wie es die Legende will, vorerst überwarfen. Es heißt, Technicolor habe sich von weiteren Zusammenarbeiten verabschiedet, da Warner, entgegen der Auflagen seitens Technicolor, parallel eine Schwarz-Weiß-Fassung von „Doctor X“ aufnehmen ließ. Auch von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ soll Warner einfach, trotz des bereits vorherrschenden Disputs, eine Schwarz-Weiß-Version produziert haben. Schwarz-Weiß-Kopien konnte Warner auch selbst mit der hauseigenen Technik erstellen lassen, Farbkopien musste man teuer über Technicolor beziehen. Wenig später setzte sich dann ein Drei-Farben-Verfahren durch und das Zwei-Farben-Verfahren ging in die Geschichtsbücher ein. Weitere Hintergründe hierzu können meiner Rezension zu „Der geheimnisvolle Doktor X“ entnommen werden.

Zwei Filme am Scheideweg

Der Film entstand zu einer Zeit, als Warner gerade zusätzliches Selbstbewusstsein entwickelte. Dies kann man etwa der Tatsache entnehmen, dass „Doctor X“ – dem Vorspann nach zu urteilen – noch primär eine Produktion von First National Pictures zu sein schien, einem Unternehmen, das seit 1928 praktisch zu den Warner Brothers gehörte, während im Vorspann von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ dann aber bereits groß „Warner Bros. Pictures, Inc.“ vor dem Filmtitel zu lesen ist. Die treibenden Kräfte im Hintergrund, die diese beiden Produktionen mit Geld fütterten und herausbrachten, waren allerdings dieselben – nicht nur an der Besetzung vor und hinter der Kamera sowie den erzählten Geschichten unschwer zu erkennen. Zwei Meilensteine der Filmhistorie – sie gelten als erste Horrorfilme in Farbe überhaupt, waren gleichzeitig die beiden letzten großen, dramatischen abendfüllenden Spielfilme, die vollständig im Zwei-Farben-Verfahren von Technicolor aufgenommen wurden (seit Einführung jeglicher Farbfilmverfahren hatte es auch immer wieder Filme gegeben, für die nur ausgewählte Szenen in Farbe produziert worden waren). Zudem genossen „Der geheimnisvolle Doktor X“ und „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ das Privileg, ohne die Zwänge des wenig später zur Pflicht gewordenen Hays Codes erzählen und verstören zu können. Kurzum: Zwei richtungsweisend düstere, abgründige Farbfilme, die als solche Maßstäbe setzten und als Farbfilm-Schocker lange Zeit zwangsläufig konkurrenzlos blieben.

Trotz ihrer vielen Parallelen weisen beide Filme einige interessante Unterschiede – im Sinne unterschiedlich gewichteter Schwerpunkte – auf. „Der geheimnisvolle Doktor X“ ist ein handwerklich-stilistisch phasenweise fast schon experimenteller Film mit einigen wagemutigen überraschend schnellen Schnitten in den Momenten größter Spannung und beeindruckenden, expressionistisch angehauchten Kulissen. Vor allem aber überrascht die Tonkulisse, womit weniger das in beiden Filmen furios einschlagende, von Bernhard Kaun komponierte musikalische Intro des Vitaphone-Orchesters unter Federführung von Leo F. Forbstein gemeint ist, als die Geräusche der Maschinen und die schockierende Szene, in der der Täter entlarvt wird. Die Demaskierung des Wahnsinnigen in „Doctor X“ äußert sich zuerst durch schnaufendes, schweres Atmen im Angesicht des Vollmonds. Wenn man diese Laute hört, scheinen sie aus dem Off zu kommen, sind eindeutig separat am Mikrofon aufgenommen und dann mit dem Filmmaterial kombiniert worden, auch wenn man den Täter, der die Laute von sich gibt, als es ihn überkommt, gleichzeitig im Bild sieht. Damit ist dieses wahnwitzige Atmen der Besessenheit umso näher und fühlbarer, da der Mörder gewissermaßen direkt am Mikrofon bzw. den Lautsprechern im Kinosaal zu lauern scheint. „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ ist hinsichtlich des Schnitts und der Tongestaltung weniger provokant und experimentell, dennoch wurde das besessene schwere Atmen bereits in einer frühen Szene zitiert als man den entstellten Täter beim Diebstahl eines toten Körpers im Leichenschauhaus sieht. Leider geht dieses abgedrehte, fast schon wie ein lüsternes Stöhnen wirkende schwere Durchatmen der Mordhungrigen in den deutschen Synchronfassungen der beiden Filme nahezu komplett verloren. Der Grund: Die Laute, die die Besessenen bei ihrer „Arbeit“ von sich geben, wurden für die deutschen Synchronfassungen – was auch eine gewisse Logik in sich birgt – so synchron wie möglich an das Bild angepasst. Wenn man so will wurde genauer synchronisiert als im Original, wo es seinerzeit primär darum ging durch das, mittels separater Aufnahme am Mikrofon, sehr nahe kommende, extrovertierte Durchatmen und Keuchen, das einfach relativ oberflächlich, jedoch wirkungsvoll mit dem Bildmaterial zusammengebaut wurde, vor allen Dingen zu verstören – noch dazu ein Publikum, das den Tonfilm noch nicht lange gewohnt war! Der Effekt, dass der Ton das Bild – vor allem in „Doctor X“ merklich aus dem Off kommend – geradezu überlagert, fehlt in den deutschen Synchronfassungen dementsprechend.

Ein Spagat mit Bravour

Die Verdienste von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ liegen, im Gegensatz zu „Der geheimnisvolle Doktor X“, weniger in einer auffällig experimentell interessierten Machart als in der Verbindung einer Vielzahl interessanter Figuren, die narrativ sehr gekonnt gelöst ist. Vor allem, dass es dem Film gelingt, die Reporterin Florence Dempsey als glaubwürdige Figur inmitten einer Horrorgeschichte zu verkaufen, ist dem bemerkenswert guten Drehbuch und der Regie von Michael Curtiz zu danken – nicht zuletzt aber natürlich auch maßgeblich der sympathischen Schauspielerin Glenda Farrell. Immerhin liefert sich diese Reporterin mit ihrem Chef diverse Wortgefechte in bester Screwball-Komödien-Manier, redet pausenlos, wie ihr der Schnabel gewachsen ist in einem unnachahmlichen Stakkato, ohne dass dabei aber jemals die Horrorgeschichte durch Flapsigkeit entschärft werden würde. Sie bleibt als spitzfindige, schlaue Spürnase immer überzeugend und die schnellen Ideen dieser Figur resultieren in einer Geschwätzigkeit, die schon früh im Film als gut fundierte Schlagfertigkeit ins Schwarze trifft. Einer der besten Momente dahingehend ist die Szene in der die Reporterin dem anvisierten Täter schon recht zeitig, als sie sich genau genommen noch gar nicht lange kennen, im Vorbeigehen als Verabschiedung anstelle von „See you later!“ den Satz „See you in jail!“ zuwirft – nicht „Wir sehen uns!“, sondern „Wir sehen uns im Knast!“ –, wovon aber niemand im Raum Notiz zu nehmen scheint. Bereits hier ist sie schon von ihrer Theorie überzeugt und provoziert deswegen, reißt mit ihrer Art und Weise schließlich viele mit – sogar die Polizei –, obwohl sie mit ihren Argumenten zunächst recht allein dasteht. In diesem Film wurde also perfektioniert, was in „Der geheimnisvolle Doktor X“ noch der einzige größere Schwachpunkt war – der zu übertrieben komische „Held“. Diese Florence Dempsey ist ungemein lustig, plappert sich um Kopf und Kragen, ist aber eben auch verdammt intelligent, sowohl sprachlich wie auch als kombinierende Ermittlerin, und obendrein ziemlich attraktiv, aber auch das nicht oberflächlich sondern mit einer gewissen differenzierenden Anmut versehen. Inmitten aller Wortgefechte hat Glenda Farrell auch die kleinen Geste und Blicke, die feinen mimischen Regungen im Gesicht nicht vergessen, an denen man immer auch noch einiges zwischen den Zeilen ablesen kann. Es macht einfach Spaß, ihr genau zuzuschauen.

Böses und Belangloses

Dass der Film funktioniert und Glenda Farrell am Ende mit ihrer starken Leistung nicht im Regen stehen bleibt, hat aber selbstredend auch damit zu tun, dass die sonstigen Darsteller weitestgehend ebenfalls überzeugen, auch wenn es ein bis zwei ziemlich langweilige „Liebling aller Schwiegermütter“-Figuren gibt, die von Allen Vincent und Gavin Gordon auch alles andere als überdurchschnittlich gut gespielt sind. Solche Figuren schadeten einigen klassischen Horrorfilmen der 30er – selbst der „Dracula“-Klassiker von 1931, mit Bela Lugosi in der Titelrolle, leidet scheußlich unter der Belanglosigkeit der Figur des John Harker und vor allem der Art und Weise wie David Manners die Rolle verkörpert, in einer Form, dass es schwerfällt, den Regisseur Tod Browning gänzlich aus der Verantwortung nehmen zu wollen. Salopp gesagt: Wie soll Horror funktionieren, wenn man sich insgeheim die ganze Zeit wünscht, dass Dracula sich den einen oder anderen Schnösel aus der Geschichte hoffentlich möglichst bald vorknöpft?

Entscheidend ist am Ende natürlich, dass der Horror in einem Film wie „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ durchweg glaubwürdig transportiert wird, denn ansonsten kann auch die Reporterin als Gegenpart nicht funktionieren. Glücklicherweise punktet der Film dahingehend auf ganzer Linie. Das fängt bei dem nicht übel in die Tat umgesetzten Gehörlosen Hugo (Matthew Betz) an, bei dem man nie so ganz genau weiß, ob er ein mitwissender Teil des Komplotts oder einfach nur ein Mensch ist, der aufgrund seiner Behinderung gruselig wirkt und gar nicht versteht, was um ihn herum passiert – ein schönes Spiel mit Vorurteilen und Erwartungshaltungen der Zuschauer, das an Lionel Atwills wenig später veröffentlichten Film „The Sphinx“ erinnert. Interessant: In einer Szene im Wachsfigurenkabinett ist der Kopf des Gehörlosen so geschickt im Bild – in der Tiefe des Raumes im Werkstattdurcheinander – platziert, dass man ihn zunächst für eine Wachsfigur hält und sich kurz fragen mag, ob es, aufgrund der Anordnung des Raumes in dieser Szene, bereits hier Ideen zu einer 3D-Verfilmung gab. 20 Jahre später wurde eine 3D-Version der Geschichte, durch das Remake „Das Kabinett des Professor Bondi“, dann Wirklichkeit.

Eine weitere nennenswerte Figur ist der von Arthur Edmund Carewe verkörperte Drogensüchtige. Der Part konnte in der Form nicht in das von André De Toth inszenierte Remake mit Vincent Price übernommen werden, da ein Junkie wie dieser nicht mit den Kriterien des Hays Codes kompatibel war. Carewe überzeugte auch schon in „Doctor X“ als schräger Wissenschaftler mit einer Art von Augenklappe; eine der diversen filmwissenschaftlich in die Kategorie „mad scientist“ fallenden Figuren in jenem Film. Schon allein das Aussehen dieser Figur war für die Macher der deutschen „Doctor X“-DVD immerhin prägnant genug, dass ein Bild von ihm allein in dieser Rolle als Hintergrundbild für das DVD-Menü ausgewählt wurde. Sein hingebungsvolles Spiel in „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ lässt sich gut mit einer Passage zusammenfassen, in der der Junkie auf dem Polizeirevier in einem Verhör durch die Mangel genommen wird: Ein alter Polizist mit offensichtlich sehr vielen Dienstjahren würdigt die Tatsache, dass der drogensüchtige Gauner einfach nicht auspacken will, obwohl er gleichzeitig darum fleht, seine Sucht stillen zu dürfen, mit einer gewissen Form von Respekt in seinem Gesichtsausdruck und dem Kommentar, dass er noch nie einen Junkie so lange durchhalten gesehen habe! Carewe, der bereits zu Stummfilmzeiten ein gefragter Darsteller größerer Rollen war, schied 1937 tragisch im Alter von 52 Jahren durch Suizid aus dem Leben, nachdem er im Vorjahr einen Schlaganfall erlitten hatte, dessen Folgen ihm die weitere Ausübung seines Berufs nahezu unmöglich machten.

Und dann ist da eben noch Lionel Atwill. Ein Schauspieler, der es brillant verstand, Unberechenbarkeit zu verkörpern und Grausamkeiten in filmischen Bildern wirklich werden zu lassen. Der Horror in Filmen mit den beiden größten Berühmtheiten des Genres aus den 30er-Jahren, Boris Karloff und Bela Lugosi, funktioniert auf anderen Ebenen. Was den Aspekt betrifft, dass der Schauspieler den Eindruck erweckt, zu allem fähig zu sein, und das des Öfteren sogar aus recht alltäglichen Settings heraus und nicht kaschiert durch Maskeraden oder mysteriöse, sagenumwobene Handlungsorte, müssen sie sich Atwill allerdings hoffnungslos geschlagen geben. Kein Film mit Lionel Atwill ist noch abgründiger und bestialischer als „Murders in the Zoo“, aber „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ gehört nichtsdestotrotz zu seinen besten Errungenschaften. Wie genial sein Schauspiel mitsamt der stark auf Regungslosigkeit im Gesicht bedachten Miene hier wirklich ist, kann man im Grunde auch erst rückwirkend begreifen, wenn man den Ausgang der Geschichte kennt – vorher fällt dieses Detail eigentlich gar nicht besonders auf, wird allerdings sehr deutlich, wenn man darauf achtet.

Wenn Logik keine wichtige Rolle mehr spielt

Zeit für einige Spoiler und den Hinweis an alle, die diesen Film oder „Der geheimnisvolle Doktor X“ noch nicht gesehen haben, bitte erst ab der nächsten Zwischenüberschrift weiterzulesen! Ich will an dieser Stelle auf das auffällige Phänomen hinweisen, wie bereitwillig man im Angesicht des Grauens sowohl in „Der geheimnisvolle Doktor X“ als auch „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ Logiklücken akzeptiert. Diese beiden Filme sind so gut darin, zu schocken und das Sicherheitsgefühl der Zuschauer durcheinander zu würfeln, dass eigentlich sehr offensichtliche Absurditäten beim unmittelbaren Anblick dessen, was sie allerdings zutage fördern, wie verschluckt erscheinen. Die Szene in „Doctor X“, wenn sich der wahnsinnige Wissenschaftler am Ende mit synthetischem Fleisch einschmiert, erklärt weder, wie das zunächst in Form einer Pampe erscheinende Fleisch plötzlich eine Konstanz erreicht, dass ein Gesicht mit Nase und Mund etc. in fester Form erhalten bleiben kann, noch erklärt sie, wo plötzlich die neue Frisur des entstandenen Monsters herkommt. Das Ergebnis sieht aber so abstoßend aus, dass man auch so gut wie gar keine Gelegenheit hat, sich unmittelbar großartig Gedanken darüber zu machen, zumal die Bestie auch direkt zur Tat schreitet und als erstes eine der bis dato ansonsten gruseligsten Figuren des Films ermordet. Klug gelöst. Logik ist nicht alles und Horror meistens dann am besten, wenn er Logik völlig bedeutungslos werden lässt. Man könnte auch ganz frech behaupten: Ansonsten, wenn alles noch logisch erklärbar bleibt, wären es schließlich Thriller und keine Horrorfilme.

Trotzdem gibt es natürlich viele Horrorfilme, die gerade zum Ende hin die Gunst von Zuschauern verlieren, weil ihre Twists nicht zu überzeugen wissen und sie gleichzeitig auch nicht schockierend genug sind. Auch „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ zeigt, wie man es besser macht: Natürlich ist es irgendwie albern, wenn auch melancholisch und in gewisser Weise poetisch, dass das Gesicht von Ivan Igor sich am Ende als Maske aus Wachs herausstellt und dass sich darunter die grausam durch den Brand in London entstellte Visage verbirgt, die man bereits zuvor auf Raubzug im Leichenschauhaus gesehen hat, denn angesichts dessen, dass Ivan Igor ja auch ganz normal unter der Maske gesprochen und seinen Mund bewegt hat, erscheint Wachs als eine Art Vorläufer der Latex-Masken aus „Mission: Impossible“ hier doch wenig glaubhaft. In dem Moment, als die Maske zerschlagen wird, man darunter das grausige Gesicht sieht und Ivan Igor aus Scham seinen Kopf senkt, während seine designierte Marie-Antoinette, angesichts dessen was sie da direkt vor sich betrachten muss, vor Entsetzen aufschreit und ihn danach – wohlgemerkt auch aufgrund seines Aussehens – beschimpft, wird der Faktor Unglaubwürdigkeit inmitten dieser intensiven Szene aber sofort nebensächlich. Das Gesehene und Gehörte ist einfach zu grausam, traurig und schockierend. Man fühlt sich vielmehr kurz an „Die Schöne und das Biest“ erinnert – in Form eines Gegenentwurfs, wenn man so will –, steht zudem aber auch noch unter dem Eindruck des manischen Wahnsinns mit dem der Wachsfiguren-Schöpfer zuvor sein dem Tod geweihtes Modell angegangen ist, als er sich plötzlich aus seinem Rollstuhl erhob, sie an sich zu reißen versuchte und sie, mit völliger Besessenheit in den Augen, als seine Marie-Antoinette bezeichnete. Die Schockmomente sind hier durch Schauspiel und Regie einfach so gut dosiert, dass man die Logiklücken bereitwillig als Teil der Erzählung hinnimmt. Ganz ähnlich verhält es sich, wenn man es in einem Fantasy-Film ohne Umschweife akzeptiert, dass phantastische Wesen auftauchen oder Besen plötzlich fliegen können – Horrorfilme sind genau dann großartig, wenn ihre Art, sich vom Realistischen und Alltäglichen abzuwenden, beim Zuschauer eine vergleichbare Form der Akzeptanz erreicht!

Verschollen, wiederentdeckt, versemmelt

Nicht zuletzt bleiben die schaurigen Aufnahmen der gleich in der ersten Szene des Films im Feuer schmelzenden Wachsfiguren im Gedächtnis. Für die Crew, die an dem Film arbeitete, übrigens ein zweischneidiges Schwert, da es beim Dreh tatsächlich Probleme mit der Wärme gab, die durch die beim Filmen im Zwei-Farben-Verfahren von Technicolor verwendeten Lichtquellen entstand. Es heißt, dass man eigentlich wirklich schwerpunktartig mit Wachsfiguren arbeiten wollte, dieser Plan aber des Drehs in Technicolor wegen verworfen werden musste. Man griff stattdessen zu der kuriosen Option, Schauspieler ihre eigenen Wachsabbilder verkörpern zu lassen. Fay Wray spielte daher auch die Marie-Antoinette-Figur zu Beginn des Films selbst, für deren perfektes Abbild die von ihr verkörperte Charlotte Duncan dann später im Film gehalten wird. Angeblich soll sogar das Augenlicht einiger Schauspieler bei Technicolor-Drehs unter den damaligen Bedingungen durch die grellen Lichter in Mitleidenschaft gezogen worden sein.

Als Ironie des Schicksals stellte sich heraus, dass der Film in seiner Farbfassung – die den Dreh erst so kompliziert gemacht hatte – bereits ab Mitte der 40er-Jahre für mehrere Jahrzehnte als verschollen galt. Im Privatarchiv von Jack L. Warner wurde schließlich eine Farbkopie wiedergefunden. Wie es sein konnte, dass die Farbversion schon nach weniger als 15 Jahren plötzlich verschwunden war und dann ausgerechnet bei einem der Köpfe des Studios wiederentdeckt wurde, der offenbar jahrzehntelang selbst nicht davon wusste, dass er die einzige noch greifbare Farbkopie besaß, sagt viel darüber aus, wie wenig Acht seinerzeit auf die Filme und sachgemäße Archivierung gegeben wurde. Ein dazu passendes Beispiel: 1937 wurden diverse Filme von 20th Century Fox – die genaue Zahl ist nicht determinierbar – auf dem eigenen Gelände dieses Studios unwiederbringlich bei einem spektakulären Brand zerstört, der obendrein überhaupt erst durch unsachgemäße Lagerung von Filmmaterial ausgelöst wurde. Das Wort Sicherheitskopien wurde damals zudem nicht besonders großgeschrieben. Wenn sich nicht zufällig noch andere Kopien, Negative oder dergleichen auftreiben ließen, verschwanden Filme durch derlei Fahrlässigkeit somit unter Umständen für immer von der Bildfläche. Bis heute hofft man darauf, dass der eine oder andere Film irgendwann noch einmal auf irgendeinem Dachboden in einer alten, nicht mehr gepflegten Sammlung oder zwischen Gerümpel wiederentdeckt wird. Inwiefern solches Material dann überhaupt noch verwertbar ist, ist allerdings die nächste Frage.

Damit, dass der Film nur durch einen glücklichen Zufall wieder aufgetaucht war, noch nicht genug, wurde bei der Restaurierung von Jack L. Warners privater Filmkopie dann offenbar erneut geschlampt – dass die Farben der heute noch bekannten Kopie von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ merklich schwächer als in der restaurierten Version von „Der geheimnisvolle Doktor X“ erhalten sind, soll diesem Umstand geschuldet sein. Dennoch wurde die Wiederentdeckung damals groß gefeiert und mit einer Wiederaufführungspremiere in Anwesenheit von Fay Wray geehrt. Man kann immerhin versuchen, die Umstände so positiv wie möglich zu sehen: Niemand weiß, ob es zu dem großartigen 3D-Remake mit Vincent Price aus dem Jahr 1953 schon so frühzeitig überhaupt gekommen wäre, wäre die Farbvorlage von 1933 zum damaligen Zeitpunkt nicht verschollen gewesen. Nicht einmal „Dracula“ oder „Frankenstein“ wurden von Hollywood bereits in den 50er-Jahren rundum erneuert, sondern wanderten stattdessen ins Hause Hammer nach Großbritannien ab. Die nächsten Remakes und unmittelbaren Adaptionen von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ folgten erst über 40 Jahre nach der Neuauflage mit Vincent Price.

Es fehlt der Ritterschlag

Der Film wurde in Deutschland bisher nur als Teil des Bonus-Materials auf der DVD- und der späteren Blu-ray-Veröffentlichung des Remakes „Das Kabinett des Professor Bondi“ fürs Heimkino herausgebracht. Dieses Vorgehen basiert auf den Veröffentlichungen in den USA, wo der Film ebenfalls entsprechend als Bonus zum Remake ausgekoppelt wurde. In den USA gibt es auch eine ominöse Einzel-DVD, für die man das Bild offenbar aufpolierte, indem man das im Zwei-Farben-Verfahren typischerweise fehlende Blau in der Farbpalette ergänzte. Interessant, aber auch fragwürdig. Besitzer dieser mittlerweile recht schwierig greifbaren DVD machten das Thema zum Diskussionsgegenstand.

Es wäre wünschenswert, dass es dieser Film irgendwann auch in Deutschland auf eine eigenständige DVD schaffen wird. Für eine Blu-ray wird es sinnstiftend nicht reichen, da der Film auch auf der Blu-ray von „Das Kabinett des Professor Bondi“ schon nur als SD-Transfer enthalten ist, während man das Remake auf der Blu-ray sogar optional in der 3D-Fassung bewundern kann. Was im Falle einer eigenständigen DVD-Veröffentlichung von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ nicht fehlen darf, ist die deutsche Synchronfassung, die man bisher ausklammerte, da sie im Bonusmaterial wohl nicht für nötig erachtet wurde. Die heute etwa 30 Jahre alte Synchronfassung von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ ist durchaus annehmbar, auch wenn mich die ebenfalls für das deutsche TV erstellte Synchronisation der Farbfassung von „Das geheimnisvolle Doktor X“ noch mehr überzeugte. Unter anderem, weil es Horst Naumann – vielen vor allem als langjähriger Schiffsarzt Dr. Schröder auf dem „Traumschiff“ des ZDF bekannt – erstaunlich gut gelang, sich dem Sprechrhythmus und Duktus von Lionel Atwill anzunähern. Joachim Kerzel – der spätere Stammsprecher von Schauspielern wie Jean Reno, Jack Nicholson und Dustin Hoffman –, klingt in „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ hingegen etwas zu jung für Atwill und auch ansonsten weniger originalgetreu, machte seine Sache, wie auch der Rest des Ensembles, aber trotzdem engagiert.

Während es zu „Der geheimnisvolle Doktor X“ für die Farbfassung und die Schwarz-Weiß-Fassung zwei unterschiedliche deutsche Synchronfassungen zu geben scheint – auch wenn sich das merkwürdige Gerücht hält, dass die Fassungen eventuell zeitgleich entstanden sind, da sie viele Parallelen hinsichtlich der besetzten Synchronsprecher aufweisen sollen –, gibt es für „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ offenbar nur die zur Farbfassung gehörige Synchronfassung und keine eigenständige für die schwarz-weiße Version. Unter welchen Umständen die Schwarz-Weiß-Fassung von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ entstand, wäre aber sowieso noch genauer als bisher aufzuklären, zumal hier im Gegensatz zu „Doctor X“, nach meinem Kenntnisstand, kein separater Kameramann überliefert ist. In jedem Falle scheint die Schwarz-Weiß-Fassung dieses Films merklich weniger bekannt zu sein als die von „Doctor X“. So oder so wäre eine Special Edition beider Filme, mit beiden Farb- und, falls verfügbar, beiden Schwarz-Weiß-Fassungen sowie mit sämtlichen deutschen Synchronfassungen, die es zu den Fassungen dieser Filme gibt, in jedem Fall eine schöne Herausforderung.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Michael Curtiz sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Lionel Atwill in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 4. Oktober 2013 als Blu-ray, 3. Juni 2005 als DVD (Veröffentlichungstermine des Remakes mit dem Originalfilm im Bonusmaterial)

Länge: 77 Min. (Blu-ray), 75 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Mystery of the Wax Museum
USA 1933
Regie: Michael Curtiz
Drehbuch: Don Mullaly & Carl Erickson, nach einer Kurzgeschichte von Charles S. Belden
Besetzung: Lionel Atwill, Glenda Farrell, Fay Wray, Frank McHugh, Arthur Edmund Carewe, Edwin Maxwell, Allen Vincent, Gavin Gordon, Holmes Herbert, Thomas E. Jackson
Zusatzmaterial: ausführliche Dokumentation und Audiokommentar zum Remake „Das Kabinett des Professor Bondi“ auf der Blu-ray
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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