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Man-Eater – Der Menschenfresser: Klassikerstatus dank Tabubruch

28 Mrz

Antropophagus

Von Volker Schönenberger

Horror // Der Film: MAN-EATER (DER MENSCHENFRESSER) enthält extrem starke und nervenbelastende Szenen, die bei sensiblen Zuschauern zu gesundheitlichen Belastungen führen können. Wir bitten deshalb nachtstehend genannte Personen unbedingt auf den Besuch des Filmes zu verzichten: Herzkranke, Kreislaufschwache, Magenkranke, Schwangere sowie Personen die unter Schlaflosigkeit leiden und Jugendliche unter 18 Jahren. Dies ist kein Werbegag, sondern eine sehr ernst gemeinte WARNUNG die Sie nach Besuch des Filmes bestätigen werden! Der Film: MAN-EATER (DER MENSCHENFRESSER) ist so entsetzlich, daß Sie ihn in Ihrem Leben nicht mehr vergessen werden!

Natürlich sind solche Warnungen niemals als Werbegag gedacht! Ein Schelm, wer Arges dabei denkt. Die oben zitierten Sätze sind inklusive der Zeichensetzungsfehler dem Menü der mir vorliegenden DVD von „Man-Eater – Der Menschenfresser“ vorgeschaltet. Im konkreten Fall rate ich Schwangeren allerdings tatsächlich von der Sichtung ab. Wer Joe D’Amatos berüchtigten „Klassiker“ kennt, weiß, weshalb.

Zu Beginn schlendert ein Pärchen an einen einsamen Strand. Während sie sich ins Wasser begibt, lungert er lieber auf einem Felsen herum. Für beide gibt es keine Wiederkehr. Kurz darauf – oder währenddessen – bereitet sich eine Gruppe befreundeter Touristen auf eine Segeltour zu einigen Ägäis-Inseln vor. Ihnen schließt sich Julie (Tisa Farrow) an, die darum bittet, zu einer Insel gefahren zu werden, auf der sie Freunde hat. Fatal für die jungen Leute, dass dort ein Geselle (George Eastman) umgeht, der ganz und gar nicht freundlich gesinnt ist.

Während meiner ersten Sichtung von „Man-Eater – Der Menschenfresser“ Jahre zuvor fand ich nichts Gutes daran. Damit tat ich Joe D’Amatos berüchtigtem Werk allerdings etwas Unrecht. Wie überraschend viele Italo-Exploitation-Streifen weist auch „Antropophagus“, so der Originaltitel, einen stimmungsvollen Synthie-Score auf, der Spannung bringt, die es ansonsten nicht gegeben hätte. Obendrein fängt der Regisseur einige – wenn auch nicht alle – Settings gekonnt ein und schafft so immerhin ein paar faszinierende Bilder. Seinen Reiz hat speziell der Gegensatz zwischen der sommerlichen Atmosphäre der griechischen Insel – tatsächlich wurde in Italien gedreht – und den düsteren Katakomben voller verwesender Leichen, in die es einige Protagonisten verschlägt. Das täuscht allerdings nicht darüber hinweg, dass die Kameraführung über weite Strecken des Films Optimierungspotenzial gehabt hätte. Auch das Timing lässt zu wünschen übrig. Ohne den erwähnten Soundtrack wäre überhaupt keine Spannung aufgekommen, da Joe D’Amato anscheinend keinen Wert auf einen ausgearbeiteten Spannungsbogen legte oder es nicht besser drauf hatte. Die Protagonisten irren allzu lange sinnlos auf dem Eiland umher, und bis der von Drehbuchautor George Eastman verkörperte Psychopath auftaucht, vergeht viel Zeit.

Warnung vor dem Spoiler

In den kommenden beiden Absätzen spoilere ich etwas. Wer „Man-Eater – Der Menschenfresser“ noch nicht gesehen hat und dies nachzuholen beabsichtigt, möge zum letzten springen. Der Goregehalt ist nicht von schlechten Eltern. Obgleich nur punktuell eingesetzt, verfehlen die blutigen Szenen ihre Wirkung nicht. In diesem Kontext sind natürlich die Tabubrüche zu nennen: Der degenerierte Psychopath reißt einer Schwangeren ihr Ungeborenes aus dem Unterleib, um genüsslich hineinzubeißen – angeblich musste beim Dreh ein gehäutetes Kaninchen dafür herhalten.

Im finalen Akt bekommt der Knilch eine Spitzhacke in den Leib, sodass ihm die Eingeweide herausquellen. Bevor er das Zeitliche segnet, nimmt er einen kräftigen Happen seines eigenen Darms – quasi der ultimative Kannibalismus. Auf billigem Niveau sehen diese beiden und auch alle anderen Gore-Elemente ganz anständig aus. Eastmans Killer bewegt sich fast wie ein Zombie bei Romero, langsam schlurft er durch die Gegend, aber seine Bärenkräfte helfen ihm immer wieder bei seinen Gräueltaten. Er gehört der schweigsamen Sorte an, und was ihn in den Wahnsinn getrieben hat, wird in einer Rückblende im letzten Drittel des Films gezeigt. Darin sieht man auch, weshalb er so entstellt ist – ein exzessiver Sonnenbrand ist schuld.

Um es auf den Punkt zu bringen: Ohne die beiden Tabubrüche würde heute kein Hahn mehr nach „Man-Eater – Der Menschenfresser“ krähen. Nun genießt D’Amatos Schocker ebenso wie der ein Jahr zuvor entstandene „Sado – Stoß das Tor zur Hölle auf“ („Buio Omega“) aber dennoch Klassikerstatus, vermutlich nicht zuletzt aufgrund seiner langen Zensurgeschichte: Er ist mehrfach beschlagnahmt und indiziert worden. Es ist natürlich völlig legitim, Fan des italienischen Exploitationkinos zu sein. Die Mängel all dieser Filme will sich aber kaum ein Verehrer mal eingestehen – differenzierte Betrachtung scheint bei vielen nicht angesagt zu sein. Letztlich lässt „Man-Eater – Der Menschenfresser“ alles vermissen, was einen guten Film ausmacht.

Veröffentlichung: 31. Oktober 2005 als DVD

Länge: 90 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD), 83 Min. (geschnittene DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Antropophagus
IT 1980
Regie: Joe D’Amato
Drehbuch: George Eastman (als Luigi Montefiori)
Besetzung: George Eastman, Tisa Farrow, Saverio Vallone, Serena Grandi (als Vanessa Steiger), Margaret Mazzantini (als Margaret Donnelly), Mark Bodin, Bob Larson, Rubina Rey, Simone Baker, Mark Logan, Zora Kerova
Label/Vertrieb: VZ-Handelsgesellschaft

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Packshot: © 2005 VZ-Handelsgesellschaft

 
 

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Eine Antwort zu “Man-Eater – Der Menschenfresser: Klassikerstatus dank Tabubruch

  1. Fatherleft

    2018/03/29 at 19:30

    Das Fazit trifft es genau. Als Jungteenager in meiner Kinoreinschleicherzeit war das natürlich ein Muss, den Film nach dieser Werbetafel zu sehen. Aber letztendlich hat auch die damals erhältliche Super 8 in ihren 40 Minuten die zwei Tabubrüche untergebracht und war damit weit weniger langatmig, Wie es im Filmgeschaft so schön heisst: „Kill Your Babies“ und hinter dewr Kamera heisst das man muss in der Lage sein seine Lieblingsszenen herauszuschmeissen, auch wenn man weiß wieviel Aufwand der Dreh gekostet hat, wenn sie der Dramaturgie nicht helfen. Aber mit 40 Minuten hätte man den Film ja nicht ins Kino bekommen und sich vorher beim Dreh mehr Mühe zu geben war wahrscheinlich nicht drin, bzw. dafür war Herr D’Amato dann doch zu untalentiert.

     

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