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Zum 100. Geburtstag von William Holden: Der Wendepunkt – Nicht jeder ist käuflich

17 Apr

The Turning Point

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Der aufrechte Staatsanwalt John Conroy (Edmond O’Brien) soll in Los Angeles mit einem Verbrecher-Syndikat aufräumen. Korruption und Bestechung sind in der Stadt an der Tagesordnung – wenn das nicht reicht, sollen Angst und Schrecken Ehrfurcht im Sinne von Gangsterboss Neil Eichelberger (Ed Begley) verbreiten, der sich nach außen als seriöser und erfolgreicher Geschäftsmann gibt. Da unklar ist, wem man überhaupt noch trauen kann und welche angeblichen Rechtshüter längst gekauft worden sind, gilt der neu installierte Conroy als Hoffnungsträger für all jene, die noch an Ordnung und Frieden in der Stadt glauben. Der mit Conroy befreundete Reporter Jerry McKibbon (William Holden) ist ebenfalls an einer Lösung des Problems interessiert und nutzt seine eigenen Möglichkeiten, die auf dem Weg nach vorn manchmal auch dann noch weiterhelfen, wenn der Staatsanwalt mit dem Rücken zur Wand steht. Darüber hinaus verfügt McKibbon allerdings über Informationen, die er mit seinem Freund kaum zu teilen wagt.

Am 17. April 2018 wäre William Holden 100 Jahre alt geworden. Er gehörte zu den Schauspielern des klassischen Hollywood-Kinos, die durch gute Rollenauswahl und regelmäßigen Erfolg beim Publikum bis weit in die 70er-Jahre hinein eine recht große Bandbreite namhafter Filme hinterlassen haben, was in dieser Form nur einem Bruchteil der Stars des 50er-Hollywood-Kinos gelang. Dass Holden gegen Ende seiner Karriere, trotz anhaltend erfolgreicher Filme im Portfolio, etwas kürzer trat, war seine freie Entscheidung, da er sein Geld gewinnbringend investiert hatte. So konnte er es sich leisten, viel Zeit auf seiner Ranch in Kenia zu verbringen und ausgiebig durch die Welt zu reisen. Bereits Ende der 50er-Jahre hatte er im kenianischen Nanyuki den Mount Kenya Safari Club gegründet, der der internationalen Jet-Set-Society als gern gesehener Treffpunkt diente. Bis zu seinem Lebensende setzte sich Holden für den Schutz von Wildtieren ein. Die Schauspielerin Stefanie Powers, die von 1972 bis zu Holdens Tod 1981 mit ihm liiert war, gründete, auf Holdens Aktivität in Afrika basierend, nach seinem Ableben die William Holden Wildlife Foundation. Bis heute ist die 75-jährige Präsidentin der Stiftung, sie investiert noch immer viel Zeit in den Schutz von Wildtieren.

Der Film zwischen den Zeilen

„Der Wendepunkt“ ist dem Anschein nach der einzige Kinofilm, den Holden nach 1950 drehte, der offenbar nie deutsch synchronisiert wurde. In Österreich wurde seinerzeit ein „Illustrierter Film-Kurier“ mit dem deutschen Titel vertrieben, und überliefert ist, dass der Film dort ab Mai 1953 in den Kinos gelaufen sein soll – Anhaltspunkte für einen Kinostart in Deutschland oder eine Synchronfassung gibt es ansonsten aber nach meinem Kenntnisstand nicht. Ein recht erstaunlicher Umstand angesichts der Tatsache, dass mit William Dieterle sogar ein deutscher Regisseur die Verantwortung trug, der hierzulande bereits zu Stummfilmzeiten als Schauspieler und Regisseur durchaus bekannt war. Erstaunlich aber auch, weil der Film außer William Holden mit Edmond O’Brien sogar einen zweiten damals des Öfteren in Hauptrollen besetzten Schauspieler im Portfolio hat, der seinerzeit bereits mehrere hochkarätige Noirs als Hauptdarsteller gedreht hatte. Sowohl Holden als auch O’Brien in positiven, aufrichtigen Rollen, keiner der beiden als Schurke – das untermauert die Ambitionen des Films, der Korruption den Kampf anzusagen. So entging dem bundesdeutschen Kinopublikum offenbar ein Krimidrama, das die damalige Film-noir-Welle auf ihrem insgesamt recht hohen Niveau gut widerspiegelt. Besonders gelungen ist die glaubwürdige Darstellung der Positionen von Anwalt (O’Brien), Journalist (Holden) und Polizist (Tom Tully in der Rolle von John Conroys Vater). Hierbei kommt der Film weitgehend ohne Klischees und vor allem Glorifizierungen aus.

Durchschnitt im positiven Sinne

„The Turning Point“, so der Originaltitel, ist zugegebenermaßen nicht unbedingt ein solch herausragender Beitrag zum Genre, dass er auch im Falle dessen, wieder öfter gesehen zu werden, mit gewissen Szenen, Twists und sonstigen Elementen der Erzählung denselben Erinnerungswert wie diverse große und berühmte Noirs erreichen wird. Hierfür fehlt es vielleicht auch etwas zu sehr an den ganz großen Bildern, im Geiste der berühmten Lichtstimmungen des Film noirs. Der Film eignet sich aber gut als repräsentatives Beispiel dafür, wie ansehnlich damals selbst der Durchschnitt der von größeren Studios produzierten Noir-Krimis war. Allein fantastische Charakterdarsteller, die das Genre für geraume Zeit bereichert haben, wie etwa Ted de Corsia, Neville Brand, Tom Tully, Whit Bissell und Jay Adler, sind da schon die halbe Miete. Das Drehbuch ist an manchen Stellen sicher etwas zu einfallslos und hätte mehr aus der einen oder anderen Nebenfigur herausholen sollen – ein klassischer Fall für einen Film, dem mindestens 15 bis 20 Minuten extra gut getan hätten, denn 85 Minuten sind dann eben doch recht wenig für so ein breites Spektrum an guten Schauspielern und für ein solches Thema. Dennoch hat „The Turning Point“ mehrere mitreißende, dramatische Szenen und beweist Empathie mit reumütigen Figuren, die auf die schiefe Bahn geraten waren. Insbesondere die Darstellung der völlig verängstigten Carmelina LaRue (Adele Longmire), die Kronzeugin werden soll und deswegen auf die Abschussliste gerät, brennt sich eindrücklich ins Gedächtnis. Zudem wird das gewissenlose und berechnende Vorgehen von Neil Eichelberger nachhaltig entlarvt – mit allem damit verbundenen Zynismus sowie den Situationen, in denen er sich öffentlich, bei Interviews, Befragungen wie auch bei publikumswirksamen Anhörungen, als unschuldiges Schaf gibt. Der Film prangert Korruption und die Macht der Reichen, mit allen Opfern, die es zu beklagen gibt, schonungslos und direkt mit diversen traurig und wütend stimmenden Bildern sowie generell inhaltlicher Kompromisslosigkeit an. Man denke nur an die bedrückende Szene, in der John Conroy resignierend die Trümmer eines mutwillig niedergebrannten Gebäudes begutachtet, angesichts der Folgen die dieser Brand – auch über die Todesopfer und das hörbare Leid hinaus – für seinen Fall hat.

William Holden spielt in diesem Kontext seine Stärken gut aus – weder zu sehr eiserner Held, noch zu sehr attraktiver Liebhaber, sondern irgendwo dazwischen; entschlossen, geradlinig, aber in moralischen Zwickmühlen, die seine Freunde betreffen, auch menschlich am Limit. Nicht ohne Grund etablierte der Oscar-Preisträger („Stalag 17“, 1953) in den 50ern, im Gegensatz zu vielen anderen Kollegen, kein Image als Held von Western. Dass er das konnte, zeigt „Verrat im Fort Bravo“ („Escape from Fort Bravo“, 1953), aber er schlachtete diese Möglichkeit nicht aus, was seiner Präsenz in damaligen Filmen immer einen gewissen distinguierten Charakter verleiht, war es doch ansonsten regelrecht üblich, dass Stars dieser Altersklasse auch öfters Western drehten – es sei denn, sie bewegten sich, wie beispielsweise Cary Grant, grundsätzlich abseits dieses Genres, was für Holden so allerdings auch nicht gilt.

Selbst in den USA außen vor

Mag man es schon für ungewöhnlich halten, dass ein solch namhaft besetzter Paramount-Film aus einem beliebten Genre und eines gleichsam namhaften Regisseurs wohl nicht regulär in Deutschland im Kino und auch später nicht synchronisiert im Fernsehen gelaufen ist, so ist erst recht überraschend, dass das Krimidrama selbst in den USA bis heute nicht auf DVD erschienen ist. Aus Italien ist immerhin eine DVD-Veröffentlichung von 2010 bekannt, die Spanier legten 2016 mit einer offenbar nicht besonders gelungenen Edition nach. Summa summarum ein Film der Kategorie „erstaunlich vergessen“, der in William Holdens Filmografie, betrachtet man diese nur ab Beginn seines großen Erfolges – einsetzend Ende der 40er-Jahre, spätestens 1950 –, so etwas wie der große Unbekannte ist, aber in jedem Fall eine Wiederentdeckung lohnt und auch in Nachschlagewerken zu guten Film-noir-Genrebeiträgen nicht vergessen werden sollte. Es wirkt angesichts des großen Potenzials und der großen Namen hinter dieser Produktion beinahe so, als würde der Film schon sehr lange aus irgendwelchen Gründen bewusst unterschlagen werden – nur findet sich keine Antwort auf die Frage nach dem Warum. Vermutlich wirkt es auch nur so und es fand oder findet keine mutwillige Unterschlagung statt – manche Filme haben eben einfach das Pech, in Vergessenheit zu geraten oder zu wenig ausgestrahlt, verbreitet und rezipiert zu werden. Andererseits kann es eigentlich auch kein kompletter Zufall sein, dass dieser Film in eine solch auffällige Sonderstellung innerhalb des filmischen Erbes von William Holden katapultiert worden ist.

Abschließend sei die Sichtung auch allen Fans der beliebten „Addams Family“-Horrorkomödien ans Herz gelegt: Carolyn Jones, die in der 60er-Jahre-Serie die legendäre Morticia Addams spielte, ist in „The Turning Point“ in ihrer ersten Kinorolle zu sehen – in einer recht amüsanten noch dazu und mal knallig blond, ganz im Gegensatz zum bekannten langen schwarzen Haar der Morticia Addams.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit William Holden sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (Italien): 2. Juli 2010 als DVD

Länge: 85 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Originaltitel: The Turning Point
USA 1952
Regie: William Dieterle
Drehbuch: Warren Duff, nach einer Geschichte von Horace McCoy
Besetzung: William Holden, Edmond O’Brien, Alexis Smith, Tom Tully, Ed Begley, Danny Dayton, Adele Longmire, Ted de Corsia, Ray Teal, Neville Brand
Verleih: Paramount Pictures

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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