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Die Seuche – Wenn Kinder zu Mordmaschinen werden

21 Apr

The Plague

Von Volker Schönenberger

Horror // Kinder, die sich zusammenrotten und gegenüber Erwachsenen Übles im Schilde führen – ein ab und zu gern genommenes Sujet. 1960 waren es in „Das Dorf der Verdammten“ („Village of the Damned“) nach einem Roman von John Wyndham am Hauptschauplatz noch lediglich zwölf, zudem Kuckuckskinder, die den Menschen von Außerirdischen untergeschoben worden waren. Die Intensität des Originals ließ John Carpenters Neuverfilmung 1995 vermissen. Ungemein intensiv und verstörend hingegen gestaltete sich 1976 Narciso Ibáñez Serradors spanischer Schocker „Ein Kind zu töten …“ („¿Quién puede matar a un niño?“), der mörderische Minderjährige auf einer Urlaubsinsel auf die Erwachsenen losließ. Dieser Film hat ebenfalls ein Remake erhalten: das sogar recht überzeugende mexikanische „Come Out and Play – Kinder des Todes“ von 2012. Zu nennen ist bei dieser kleinen und nicht auf Vollständigkeit pochenden Aufzählung auch die Stephen-King-Verfilmung „Kinder des Zorns“ (1984) mit ihren Fortsetzungen und einem TV-Remake von 2009.

Von Clive Barker produziert

„Die Seuche“ wurde von Clive Barker beziehungsweise dessen Produktionsfirma produziert, beruht aber keineswegs auf einer seiner Erzählungen. Die Handlung setzt im Jahr 1983 ein, als ohne Vorwarnung eines Morgens ausnahmslos alle Kinder der Welt unter neun Jahren in einem Zustand tiefer Starre aufgefunden werden. Zweimal täglich ereilen sie alle gleichzeitig Anfälle mit schweren Zuckungen. Zehn Jahre später hat sich daran nichts geändert. Selbst Neugeborene sind während dieser Zeit in komatösem Zustand auf die Welt gekommen. Völlig unvermittelt erwachen die Kinder und Jugendlichen eines Tages aus ihrer Katatonie – und beginnen, in mörderischer Absicht alle Erwachsenen anzugreifen. Der gerade auf Bewährung aus dem Knast entlassene Totschläger Tom Russell (James Van Der Beek) und sein alter Kumpel Sam (Brad Hunt) versuchen, in dem sich ausbreitenden Chaos und der Anarchie zu überleben und Toms Ex-Frau – Sams Schwester – Jean (Ivana Milicevic) zu finden.

Tödliche Früchte des Zorns

„Die Seuche“ hat ihre Momente und lässt das Publikum zu Beginn einige Male frösteln – etwa wenn die Minderjährigen alle im selben Moment ihre Anfälle kriegen. Nach ihrem Erwachen ähneln sie Zombies; als Zombiefilm geht der bislang einzige lange Spielfilm von Hal Masonberg für mich dennoch nicht durch. Ein paar Szenen des Verlusts und des Sterbens sind traurig geraten. Mehr und mehr macht sich ein Gefühl der Ausweglosigkeit Raum, das ist auf der Habenseite zu verbuchen. Überaus blutig geht es trotz der gnadenlosen Angriffe der jungen Menschen nicht zu. Gorehounds kommen sicher nicht auf ihre Kosten. Positiv zu bewerten ist, dass die Zuschauer über die Ursachen des Geschehens im Unklaren gelassen werden und selbst das Finale sehr rätselhaft gerät. Die menschliche Seele und etwas Religion scheinen hineinzuspielen, auch John Steinbecks 1939er-Roman „The Grapes of Wrath“ („Früchte des Zorns“) spielt offenbar eine nicht geringe Rolle beim Versuch, eine Erklärung zu finden. So recht gelungen ist mir das dennoch nicht, aber damit kann ich leben. Offene Fragen und Verwirrung mögen jenen missfallen, die erst zufrieden sind, wenn ihnen am Ende alles haarklein erläutert worden ist. Aber ich kratze mich nach solchen Filmen lieber rätselnd am Kopf, als dass ich ob eines riesengroßen Logiklochs mit der Hand die bekannte Wischbewegung vor den Augen mache. In die Falle tappen gar nicht so wenige Genrefilmer, die versuchen, dem fantastischen Element ihrer Arbeiten mit Logik beizukommen. Wobei sich auch in „Die Seuche“ einige Plotlöcher auftun, doch sie sind wohl nicht dem Regisseur anzulasten.

Von Clive Barker verschnitten?

Dem Filmemachen hat Hal Masonberg derzeit abgeschworen, gibt stattdessen Schauspielunterricht. „The Plague“, so der Originaltitel von „Die Seuche“, ist seinerzeit offenbar von den Produzenten gegen Masonbergs Willen umgeschnitten worden, weshalb im Netz sogar eine Petition für einen Director’s Cut kursiert, wenn auch ohne viel Breitenwirkung. Clive Barkers Produktionsfirma scheint sich da nicht mit Ruhm bekleckert zu haben. Masonberg hat die von ihm favorisierte Schnittfassung bereits erstellt, aber leider nicht das Recht, sie zu veröffentlichen. Es wäre ihm und uns Horrorfans zu gönnen, dass er beizeiten doch noch die Gelegenheit dazu erhält. „Die Seuche“ hat ein paar dramaturgische Mängel und Lücken im Handlungsbogen, zeigt aber Potenzial und ist als beklemmende Endzeitvision ansehnlich genug geraten. So ganz übel verschnitten wirkte er auf mich gar nicht, aber verständlich, dass Hal Masonberg das anders sieht. Ich bin jedenfalls neugierig auf den Director’s Cut.

Veröffentlichung: 14. November 2006 als DVD

Länge: 84 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Englisch für Hörgeschädigte, Französisch, Spanisch, Türkisch, Portugiesisch, Arabisch, Hindi
Originaltitel: The Plague
USA 2006
Regie: Hal Masonberg
Drehbuch: Hal Masonberg, Teal Minton
Besetzung: James Van Der Beek, Ivana Milicevic, Brad Hunt, Joshua Close, John P. Connolly, Dee Wallace, Brittany Scobie, Bradley Sawatzky, Jon Ted Wynne
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit den Darstellern Joshua Close und Brad Hunt sowie Cutter Ed Marx, entfallene Szenen, Trailer, Trailershow
Label/Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

 

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