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Das zweite Leben des Doktor X – Hier sind nicht nur die Opfer blutleer

25 Apr

The Return of Doctor X

Von Ansgar Skulme

Horror // Der Journalist Walter Garrett (Wayne Morris) ist zu einem Interview mit der schönen Angela Merrova (Lya Lys) verabredet. Statt ein quicklebendiges Gespräch zu führen, findet er die Dame jedoch tot vor. Zu allem Überfluss ist kurz darauf plötzlich die Leiche verschwunden, so dass Garrett gegenüber der Polizei und seinem Chef wie ein Lügner, Trottel oder Hochstapler dasteht. Die Schublade, in die man ihn steckt, kann er sich fortan bestenfalls aussuchen. Als die Merrova obendrein lebendig wieder auf der Bildfläche erscheint, hat Garrett die Gunst seines Chefs komplett verspielt. Niemand außer dem windigen Journalisten fragt allerdings danach, warum die Dame nach ihrem zwischenzeitlichen Verschwinden nun blass wie eine Leiche ist. Mit dem Rücken zur Wand stehend, erbittet Garrett die Hilfe des befreundeten Arztes Michael Rhodes (Dennis Morgan). Von nun an ermitteln die beiden gemeinsam und stoßen im Umfeld des Rhodes vorgesetzten Dr. Francis Flegg (John Litel) auf den mysteriösen Marshall Quesne (Humphrey Bogart).

Die Merrova wird Garretts Karriere zum Verhängnis

„Das zweite Leben des Doktor X“ ist keine unmittelbare Fortsetzung von „Der geheimnisvolle Doktor X“ (1932), schließt thematisch aber lose an die Geschichte an. Anstelle synthetischen Fleisches geht es nun um synthetisches Blut, und die öffentliche Sicherheit liegt erneut in den Händen eines umtriebigen, aber etwas tapsigen Reporters. Wayne Morris nimmt man als solchem, im Gegensatz zu Lee Tracy im ersten Teil, zumindest auch ab, dass er die Jagd nach dem Täter am Ende tatsächlich erfolgreich gestaltet und nicht frühzeitig längst selbst Opfer der Mordlust seines ihm noch unbekannten Gegenspielers wird.

Mag „Das zweite Leben des Doktor X“ dem vorausgegangenen Film ansonsten auch noch so unterlegen sein, hält sich Morris dankenswerterweise damit zurück, die Rolle zu überzogen zu spielen, und liefert dennoch ein paar lustige Momente. Wäre der Film zudem auch in Technicolor gedreht worden, hätte man damit sicher auch einige Schwächen kaschieren können. So bleibt am Ende vor allem der Vorzug, Humphrey Bogart in seiner einzigen Rolle in einem Horrorfilm zu sehen. Wobei sich „Das zweite Leben des Doktor X“ zugegebenermaßen hart an der Grenze zwischen Horror und Mysterythriller bewegt, da der Fokus doch eher auf der relativ klassisch, krimitypisch gehaltenen Ermittlung des Täters liegt, auch wenn man es dabei am Rande schließlich mit übernatürlichen Vorgängen zu tun bekommt. Zuweilen wird der Film aufgrund seines wissenschaftlichen Kontextes auch als Science-Fiction-Horror eingestuft.

Rhodes (l.) und Garrett sammeln Spuren

Humphrey Bogart hielt sich ansonsten vom Horror- wie auch Science-Fiction-Film fern, weitestgehend aber beispielsweise auch vom Western. „Das zweite Leben des Doktor X“ und sein kurioser Ausflug in die musikalische Komödie, „Swing Your Lady“ (1938), gelten als zwei der Bogart am meisten verhassten Filme seines Schaffens. Er prangerte in diesem Zusammenhang an, dass er von den Warner Brothers in diese Rollen gedrängt worden und aus vertraglichen Gründen gezwungen war, sie zu spielen.

Dennoch ein stilbildender Auftritt

Unabhängig davon, dass Bogart den Film nur widerwillig drehte, ist ihm hier, auch dank nicht unwesentlicher Mithilfe seiner Kollegen aus den Sektoren Maske und Kostümbild, trotzdem eine recht interessante Darstellung gelungen. Gleich in seiner ersten Szene wirkt er durch die Kostümierung, einschließlich eines dunklen Handschuhs, ergänzt von einem Kaninchen auf dem Arm, wie eine Kreuzung aus den späteren James-Bond-Schurken Dr. No und Ernst Stavro Blofeld. Dazu die grelle, weiße Strähne mitten im Haarschopf, die aus dem Doktor selbst im Kontext anderer damaliger Horrorfilme zumindest auf den ersten Blick eine doch auffällig forsch und ungewöhnlich anmutende Person macht; sein Aussehen weckt Erinnerungen an die schräge Performance von Elsa Lanchester in „Frankensteins Braut“ (1935), was wiederum gut von dem verklemmt, beunruhigend-ruhigen und verschlagen wirkenden Verhalten dieses Marshall Quesne konterkariert wird. Es mag sein, dass Bogarts Darstellung dieser Rolle erst aus heutiger Sicht recht hip und visionär anmutet, mochte er sich damals in dem Part vielleicht recht albern vorgekommen sein und sich deswegen über die Rolle geärgert haben, aber das ist immerhin besser als gar nichts.

Etwas schade, dass Bogart im Kontext der ohnehin recht knapp bemessenen Laufzeit des Films ziemlich kurz kommt. Streng genommen spielt John Litel als Dr. Francis Flegg die größere Rolle. In diesem Zusammenhang muss man allerdings festhalten, dass der auch auf der deutschen DVD enthaltene Original-Kinotrailer mehrere Aufnahmen enthält, die im Film so nicht zu sehen sind, entweder weil die entsprechende Szene gänzlich fehlt oder anders gelöst wurde. Ob der Film ursprünglich länger werden sollte und wie viel Material mit Bogart der Schere zum Opfer gefallen ist, ist nur schwer aufzulösen. Das vorliegende Endergebnis macht bedauerlicherweise einen phasenweise recht blutleeren Eindruck. Diese Blutleere passt im übertragenen Sinne letztlich zwar zumindest zum Inhalt der Geschichte um die blassen Wiederauferstandenen, denen es offensichtlich an Blut mangelt – das jedoch hilft dem Spannungsgehalt des Films nicht weiter.

M & M gegen Dr. X

Sehenswert ist „Das zweite Leben des Doktor X“, neben der ungewöhnlichen Bogart-Darbietung, auch aufgrund der Tatsache, dass der Film zwei bestimmte damals fest bei Warner unter Vertrag stehende Schauspieler zum ersten Mal gemeinsam vor der Kamera zusammenbrachte: besagten Wayne Morris mit dem gerade erst frisch von Warner verpflichteten Dennis Morgan. Dass der gestanden wirkende Morris zum Zeitpunkt des Drehs gerade einmal 25 Jahre alt war, mag man rückblickend kaum glauben – er verfügte sowohl über ein gutes komödiantisches Talent als auch umfassende Charakterdarsteller- und Hauptdarsteller-Kompetenzen, die mit vielen Genres vereinbar waren. Sowohl er als auch Dennis Morgan sind heute kaum noch bekannt, wurden seinerzeit allerdings regelmäßig in Hauptrollen besetzt. Sie gehören zu einer Fraktion an Hollywood-Stars der Goldenen Ära, denen selbst der (wenigstens) eine große, populäre Film von nachhaltiger Bekanntheit als Hauptdarsteller verwehrt blieb, auch wenn manche ihrer Filme damals durchaus Hits waren, und waren gleichzeitig auch keine Stars eines bestimmten Genres, das man unmittelbar mit ihnen assoziieren würde – daher fallen sie heute dem Damokles-Schwert der Vergessenheit zum Opfer. Morris und Morgan drehten danach zwei weitere Filme gemeinsam – der letzte davon „Die Rächer von Missouri“ (1941), in dem die Geschichte der James-Younger-Gang erstmals als Tonfilm adaptiert wurde, mit Morgan als Cole Younger und Morris als Bob Younger.

Marshall Quesne (l.) hat eine dunkle Vergangenheit

Der dritte Film im Bunde ist „Flight Angels“ (1940), der bei Wayne Morris das Interesse am Fliegen weckte und maßgeblichen Anteil daran hatte, dass zwischen 1941 und 1947 kein Film mehr mit ihm ins Kino kam, da er sich als von Flugzeugträgern aus operierender Pilot der Navy anschloss und schließlich hochdekoriert aus dem Krieg zurückkehrte. Die lange Karrierepause führte allerdings dazu, dass Morris als Hauptdarsteller nicht mehr wie früher gefragt war. Er hatte seinen Star-Status mehr oder minder eingebüßt und bildet somit gewissermaßen den Gegenentwurf zu Audie Murphy, dessen erfolgreiche Filmkarriere als Western-Star von seinem als Soldat erworbenen Ruhm im Zweiten Weltkrieg im Grunde überhaupt erst ermöglicht wurde. Wayne Morris’ wohl bekanntester Film wurde letztlich Stanley Kubricks „Wege zum Ruhm“ (1957), in dem er die Nebenrolle des Lieutenant Roget spielte, ehe er wenig später mit nur 45 Jahren an einer Herzattacke verstarb.

Ordentliche Veröffentlichung

Die DVD von Studio Hamburg Enterprises ist für einen Film dieser eher geringen Größenordnung mit mehreren Untertiteln und immerhin dem Originaltrailer im Bonusmaterial annehmbar ausgestattet. Leider weist das Bild dasselbe sich im Widerstreit von 16:9- und 1,37:1-Format bewegende Phänomen auf, das ich im letzten Absatz meiner Rezension zu „Flucht vor dem Tode“ ausführlich beschrieben habe. Die deutsche Synchronfassung ist gut gelungen und löst das Problem, dass man die Originalmusikspuren nicht zur Verfügung hatte, zumindest recht professionell. Zudem trägt sie stärker als die Originalversion zur Vernetzung mit „Der geheimnisvolle Doktor X“ bei, da der Reporter, der auf eigene Faust ermittelt, hier ebenfalls von Eckart Dux synchronisiert wurde, auch wenn der Schauspieler vor der Kamera nicht mehr Lee Tracy, sondern Wayne Morris ist.

Die Polzei glaubt Garrett (r.) kein Wort mehr

Ein überraschender Aspekt der deutschen Fassungen ist außerdem, dass „Das zweite Leben des Doktor X“ hierzulande einige Jahre früher als „Der geheimnisvolle Doktor X“ synchronisiert und veröffentlicht wurde (als Maßstab dafür nehme ich die auf der deutschen DVD enthaltene Synchronfassung, die zur Farbversion von „Der geheimnisvolle Doktor X“ gehört, auch wenn es von dem Film offenbar noch eine weitere, etwa gleichaltrige Synchronfassung gibt, zu der mir ansonsten aber keine hier hilfreichen Informationen vorliegen). Dem Anschein nach liegen sogar über zehn Jahre zwischen diesen Synchronfassungen beider „Dr. X“-Filme, hinsichtlich des Klangbildes ähneln sie sich dennoch sehr. Ganz typische, gelungene deutsche Fernsehsynchronisationen von 30er- oder 40er-Filmen, die rund 25 bis 50 Jahre nach den Erstveröffentlichungen der Filme erstellt wurden. Im Original wirken solche Filme dann aber dennoch häufig noch einmal ganz anders, schon allein aufgrund anderer Ton-Aufnahmetechniken, anderer Klangfülle, anderer Musik, gegebenenfalls aufgrund eines Wechsels von Mono hin zu Stereo, der durch die Synchronisation vollzogen wird, und dergleichen mehr.

Obwohl beide Filme inhaltlich eigentlich nur rudimentär zusammengehören, gibt es in den USA, meines Wissens, übrigens weder von „Der geheimnisvolle Doktor X“ noch von „Das zweite Leben des Doktor X“ eine alleinstehende DVD-Veröffentlichung, dafür allerdings ein Double Feature, das beide Filme enthält. Zudem findet man das Duo auch in der „Legends of Horror Collection“ – dort an der Seite von „Das Zeichen des Vampirs“ (1935) und drei weiteren filmhistorisch relevanten Genre-Beiträgen, die im Fahrwasser der großen von Universal produzierten Horrorklassiker bei anderen Studios entstanden sind.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Humphrey Bogart sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Zielt Quesne hier auf den Täter?

Veröffentlichung: 20. April 2018 als DVD

Länge: 62 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch & Englisch
Untertitel: Englisch, Französisch, Spanisch
Originaltitel: The Return of Doctor X
Deutscher Alternativtitel: Die Rückkehr des Dr. X
USA 1939
Regie: Vincent Sherman
Drehbuch: Lee Katz, nach einer Geschichte von William J. Makin
Besetzung: Wayne Morris, Rosemary Lane, Humphrey Bogart, Dennis Morgan, John Litel, Lya Lys, Huntz Hall, Charles C. Wilson, Vera Lewis, Olin Howland
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Bildergalerie
Vertrieb: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2018 by Ansgar Skulme

Fotos & Packshot: © 2018 Studio Hamburg Enterprises

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Eine Antwort zu “Das zweite Leben des Doktor X – Hier sind nicht nur die Opfer blutleer

  1. TomHorn

    2018/04/25 at 08:10

    Der ist recht lahm, aber wegen Bogart kurios und ansonsten stellenweise trashig lustig, da die Polizisten mal wieder reine Kasperlepuppen abgeben und unsere Helden immer wieder auf taube Ohren stoßen. Als ernstgemeinten Mystery-Krimi darf man den nicht sehen, denn dafür stellen sich Protagonisten wie auch Antagonisten zu doof an.

     

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