RSS

Der Fahnder – Fünf Folgen von Dominik Graf

17 Mai

Der Fahnder

Von Simon Kyprianou

Krimiserie // Nach für Dominik Graf enttäuschenden ersten Versuchen, Filme zu machen, war sein neuer Anspruch, sich selbst als Regisseur in den Möglichkeiten der vorabendlichen Kriminal-Stangenware zu verorten, in erster Linie ein guter Handwerker zu sein und die Themen und Inszenierungen, die er begehrte, wie „Schmugglerware“ in seriellen Formaten unterbringen. „Der Fahnder“ war sein langjähriger Tummelplatz und vier der fünf letzten von ihm inszenierten Episoden (von insgesamt elf) wirken heute wie eine Art Poetik zu seinem Gesamtwerk, insbesondere die Folge „Nachtwache“, die er heute selbst als Werkkern bezeichnet und immer noch einen im neueren deutschen Film so einsamen wie unterschätzten Höhepunkt markiert.

Diese Reihe an kurzen Texten legt das Augenmerk auf Grafs beste Folgen – eine persönliche Auswahl –, die viel zu selten ins kollektive Gedächtnis der deutschen Filmkritik oder den deutschen Filmliebhabern allgemein gerufen werden. Einige davon sind auch Vorstudien oder Miniaturen späterer Filme Grafs, das Sichten dieser Folgen bereichert also auch die Rezeption der Spielfilme.

Nachtwache (1993, fünfte Staffel, Episode 8)

Der unheilvoll rhythmische Bass der wiederkehrenden Melodie dieser Folge klingt wie ein Beatmungsgerät, welches die Handlung immer wieder mit Leben füllt. Im Mittelpunkt steht eine Frau (Maja Maranow) ganz in gespenstischem Weiß, die sich durch leere, tote Räume bewegt. Beinahe der gesamte Film spielt sich in den Räumen eines halb fertigen Hochhauses ab, das Dominik Graf als schauderhaften Riss in der Nacht inszeniert. Was sich in und auf dem Hochhaus abspielt, ist ein absolut verdichtetes Spannungsstück, in dem immer wieder der inszenatorische Wahnsinn durchschlägt: Gänge, die in grünem Licht zu Horrorwelten werden, ekstatische Tänze auf dem Hochhausdach, eine schauderhafte Puppe in der dunklen Auslage einer Bäckerei und immer wieder ein unbehaglich klingendes Kinderlied als begleitende Melodie. Dazu ein wunderbares Zusammenspiel zwischen Cop Faber (Klaus Wennemann) und einer so verzweifelten wie zwielichtigen Zeugin, deren entrückte, gespenstische Gestalt den ganzen Film einnimmt. Am Ende präsentiert Graf waghalsige Drehbuch-Finten, dazu gleich ein doppeltes Finale und ein unheimlich schönes nachgeschobenes Happy End. Ganz am Ende dann eine ergreifende Quasi-Liebeserklärung von Faber an die Zeugin: „Ich will wissen, was sie sehen, wenn sie die Augen schließen.“ Danach schön zum Weiterschauen: Grafs „Polizeiruf 110“-Meisterstück Der scharlachrote Engel“ von 2005.

Verhör am Sonntag (1993, fünfte Staffel, Episode 6)

In seiner vorletzten Fahnder-Episode bewegt sich Graf vom Genre eher weg, hin zu dem, was er ursprünglich an der Filmhochschule machen wollte, „französisierende Konversations-Filme“. In der ersten Szene kommt Faber aus seiner Wohnung, draußen alles graubraun, milchiges Morgenlicht, die Blätter fallen von den Bäumen und werden verwirbelt wie bei Douglas Sirk, dazu eine kleine sentimentale Klaviermelodie. Der Rest der Folge dann nur Dialog, Faber mit einer Frau (Claudia Messner), die sonntagmorgens zum Revier kommt, um den Selbstmord ihres Mannes zu melden. Der war aber schon Freitag, die letzten 24 Stunden fehlen ihrer Erinnerung. Langsam bricht der Dialog ihre inneren Widerstände auf und legt eine zerstörerische Ehe-Dynamik offen. Die Ehe ist längst geschieden, aber die Verbindung zwischen der Frau Vera und ihrem Mann ist bestehen geblieben, er ein hoffnungsloser Alkoholiker, des Lebens schon lange müde – sie zeigt Faber eine ganze Sammlung von Abschiedsbriefen, die er verfasst hat. Am Ende, wenn ihrer Erinnerung alles entlockt ist, da ist auch bei ihr der Lebenswille verloren gegangen. „Wo noch Erinnerung ist“, von ihr aus dem Off gesprochen, dazu die von Graf selbst komponierte traurige Klaviermelodie.

Dazu gibt es trotzdem einen launigen Nebenplot, nämlich Faber und seine Freundin Susanne (Barbara Freier), die sich über einen zwielichtigen Autoverkäufer ärgern – der hat ihm einen neuen BMW verdächtig günstig verkauft. Das ist auch das Schöne an vielen „Fahnder“-Folgen von Dominik Graf: wie leichtfüßig und ganz nebensächlich er über Alltag, über Menschen und Beziehungen erzählt und wie schön er das mit seiner ökonomischen Erzählweise in den seriellen Rahmen der Serie einbauen kann. Und viele dieser „Fahnder“-Folgen sind ja auch wie Vorstudien zu späteren Filmen. Diese Folge hier erinnert in ihrem Fokus auf Verhör und Erinnerung stark an den „Polizeiruf 110 – Er sollte tot“.

Bis ans Ende der Nacht (1992, vierte Staffel, Episode 16)

Den Fahnder selbst degradiert Graf die meiste Zeit über zur Randnotiz. Beide Hauptfiguren fliehen vor ihrem Leben und finden sich am Höhepunkt dieser Flucht auf dem Polizeirevier wieder: der erfolglose Autoknacker Sigi (Heinz Hoenig) und Nadine (Meret Becker), Tochter eines reichen Geschäftsmannes. Sigi, eigentlich bloß wegen einer Lappalie verhaftet, hat Nadine und Faber als Geiseln genommen, will seine Frau (Despina Pajanou) sprechen, mit ihr fliehen. Die eröffnet ihm aber, sie sei fertig mit ihm. Danach gibt es keinen Fixpunkt mehr, für Nadine sowieso nicht, für Sigi dann auch nicht mehr. Alles wird fallengelassen, das erpresste Lösegeld wird verbrannt, die Waffe aus dem Auto geworfen, das Auto unter der Brücke stehen gelassen. Die beiden wissen, dass es für sie nirgendwo hingehen kann.

Was Dominik Graf inszeniert. ist eine Möglichkeit zwischen zwei Menschen: Immer wieder bringt seine Montage Sigi und Nadine in Verbindung, die Sehnsucht in ihren Blicken, und am Ende, wenn alles vorbei ist, starren beide nur fassungslos ins Leere, Nadine hält sich die Augen zu, wenn sie im Auto neben ihrem verhassten Vater sitzt. Die Möglichkeit der Liebe war da, doch jetzt ist es zu spät, um etwas zu sagen. Damit lässt Graf den Film im Morgengrauen enden. Seine Inszenierung lässt Heinz Hoenigs verstörtes Gesicht in den Glasscheiben des Reviers brechen und verschmieren, und Meret Becker in ihren weißen Kleidern wie ein verlorenes Gespenst durch das ausgestorbene Polizeirevier tänzeln.

Christian Petzold („Transit“) sagt, alle Kinofiguren seien Gespenster, die sich materialisieren wollen – Sigi und Nadine aber bleiben tot. Anders als bei Petzold, in dessen Kino die Figuren immer Gespenster sind – Dominik Graf hat das mal „Schneewittchenkino“ genannt –, sind bei Graf und in dieser Folge die Figuren am Anfang noch sehr lebendig, geradezu von Lebensdurst zerfressen, bevor sie dann genau an ihren Sehnsüchten zerbrechen.

Baal (1992, vierte Staffel, Episode 9)

„Baal“ ist, nach J. Lee Thompsons klassischer Verfilmung „Ein Köder für die Bestie“ (1962) und dem 1991 beinahe zeitgleich zur „Fahnder“-Folge erschienenen Remake „Kap der Angst“ von Martin Scorsese die dritte Bearbeitung des „Cape Fear“-Plots, diesmal durch Graf-Stammautor Günther Schütter: Im Oktober kommt der Gewaltverbrecher Paulus (Hannes Jaenicke) aus der Haft frei – Faber hatte ihn festgenommen. Nun ist Paulus auf Rache aus, an Faber, seiner Freundin Susanne und ihrem gemeinsamen Kind.

Passend zu der Stimmung von Paranoia und Aggression die sich in der engen Wohnung des Fahnders ausbreitet, ist es Halloween, die Äußerlichkeiten spiegeln vereinfacht, verdichtet die Innerlichkeiten wider, wie so oft bei Graf, der den Konflikt zwischen dem in Rachefantasien zerflossenen Paulus und Faber unheimlich straff und auf den Punkt inszeniert, ihn in die 50 Minuten der Folge verdichtet. Was Schütters Drehbuch dem „Cape Fear“-Plot der beiden anderen Versionen noch hinzufügt, sogar sehr markant, ist ein kritischer Blick auf die Polizei. Generell verortet Dominik Graf die Gewalt überall, in allen Figuren. Wenn Fabers Freundin Paulus trifft, ihm Geld dafür bietet, dass er aufhört, und Baal legt ein Skalpell auf den Tisch, fragt sie direkt, wie aus einer abgründigen Faszination heraus, ob man damit jemandem die Haut abziehen könne. Daraufhin entgegnet er, das sei nun aber ihre Fantasie, nicht seine. Überhaupt geht in „Baal“ mindestens genau so grausame Gewalt von Faber aus wie von Paulus. Am Ende führt Paulus seine Gewalt in den Tod, und die Polizei verschweigt aus einem Korpsgeist heraus die eigene – alle kommen ungeschoren davon. Mit dieser Bilanz beendet Graf die Episode dann auch.

Über dem Abgrund (1988, zweite Staffel, Episode 2)

Bei einem Einsatz glaubt Faber, in einem der Gangster einen ehemaligen Polizei-Kollegen erkannt zu haben, seinen Nachforschungen zufolge ist der aber längst tot. Es entspinnt sich ein erzählerisches Netz in die Vergangenheit, um den vermeintlich toten Polizisten, der als V-Mann mit seinen Vorgesetzten Geld unterschlägt.

„Über dem Abgrund“ ist die Blaupause für Grafs spätere Kinoruine „Die Sieger“ (1994), in dem es ja auch um die maliziösen Verstrickungen eines V-Mannes gehen wird. Dicht inszeniert der Regisseur in dieser Folge Fabers Wirren mit dem Polizeisystem, dessen engmaschiges Netz an Vertuschungen kaum Durchsicht bietet. Am Ende sind alle am Verbrechen Beteiligten tot, was vermeidbar gewesen wäre, aber die Bürokraten sind froh drum, so ist’s für alle am einfachsten, Faber steht machtlos und enttäuscht daneben und geht dann lieber zu seiner Freundin, um sich über Kochrezepte zu streiten.

So ist das oft bei Dominik Graf, der dem ganz normalen Leben, den Alltagssituationen immer Platz freiräumt in seinen Geschichten, oft in den schönsten Momenten. Alle seine „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung als DVD: 29. November 2007 (zweite Staffel), 5. März 2009 (vierte Staffel), 9. April 2009 (fünfte Staffel)

Länge: etwa 50 Min. je Folge
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Der Fahnder
BRD/D 1984–2005
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Günter Schütter u. a.
Stammbesetzung: Klaus Wennemann, Barbara Freier, Dieter Pfaff
Gäste: u. a. Meret Becker, Heinz Hoenig, Hannes Jaenicke, Klaus Lemke, Claudia Messner, Maja Maranow, Despina Pajanou, Heinrich Schafmeister
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2018 by Simon Kyprianou
Packshots: © Universal Pictures Germany GmbH

Advertisements
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: