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Massai – Der große Apache: Tapfer, wild – und entfremdet im eigenen Land

24 Mai

Apache

Von Dirk Ottelübbert

Western // Im Jahr 1886: Die Apachen unter Geronimo geben den Kampf gegen die US-Kavallerie auf. Mit weißer Fahne nähern sich der Häuptling und ein paar Getreue den Stellungen der Soldaten. Da plötzlich fallen Schüsse, ein Indianer prescht auf seinem Pferd heran, feuert weiter aus seiner Winchester, bereit, sich einer ganzen Armee entgegenzuwerfen: Massai (Burt Lancaster). Die Kavalleristen, unter ihnen der Scout Al Sieber (John McIntire) und der Indianer hassende Unternehmer Weddle (John Dehner), überwältigen den jungen Krieger.

Besiegt? Sieber (2.v. l.) setzt Massai (r.) fest

Ein Deportationszug dampft in Richtung Florida los. Massai, wie seine Stammesbrüder in Handschellen gelegt, kann unterwegs heimlich fliehen. Befremdet irrt er durch St. Louis, muss auch dort sein Heil in der Flucht suchen und kommt kurzzeitig beim Cherokee Dawson (Morris Ankrum) unter, der seit der Kapitulation als Farmer lebt. Dawson schenkt Massai einen Beutel mit Saat-Mais. Mit Ackerbau sei ein friedliches und autarkes Leben möglich. Auch wenn Massai ihm entgegnet, die Apachen seien Krieger, keine Bauern, steckt er das Säckchen doch ein.

Massais kräftezehrende Rückkehr

Durch Regen, Schnee und Sturm, über Berge und Flüsse kehrt er in sein Heimatdorf zurück – einen nunmehr trostlosen Ort, in dem nur noch Frauen, Kinder und alte Leute leben. Der zum Häuptling ernannte trunksüchtige Santos (Paul Guilfoyle) und dessen in Massai verliebte Tochter Nalinle (Jean Peters) beherbergen ihn heimlich. Santos allerdings verrät ihn an die Weißen, der Kämpfer wird gefangen genommen. Nach einem Mordanschlag des heimtückischen Weddle entkommt er erneut. Massai tötet Weddle später und verschleppt Nalinle, von der er zunächst annimmt, sie habe ihn wie ihr Vater verraten. Nachdem die beiden als Liebespaar zusammenfinden und Nalinle ein Kind erwartet, suchen sie Zuflucht in den Bergen, richten sich eine Hütte ein und bestellen den Boden – mit dem von Nalinle geretteten Mais des Cherokee Dawson.

Ihre Häscher sind allerdings nicht weit: Scout Sieber und der in Armeediensten stehende Apache Hondo (Nebenrolle für Charles Bronson) haben die beiden hartnäckig verfolgt und nähern sich, begleitet von bewaffneten Soldaten, der Hütte …

„Massai – Der große Apache“ steht in einer Reihe mit jenen Hollywood-Western, die sich um differenzierte Darstellung der indianischen Bevölkerung und ihres Schicksals bemühen. Als Vorreiter gilt Delmer Daves’ Klassiker „Der gebrochene Pfeil“ („Broken Arrow“, 1950) mit James Stewart und Debra Paget, Anthony Mann inszenierte im selben Jahr „Fluch des Blutes“ („Devil’s Doorway“) mit Robert Taylor. „Massai“ von 1954 hat den beiden genannten voraus, dass er die Sache des „roten Volkes“ aus der Perspektive zweier indianischer Hauptfiguren thematisiert. Sowohl „Pfeil“ als auch „Fluch“ stellen dem indianischen Charakter eine weiße Figur an die Seite, um dem Publikum griffigere Identifikationsflächen zu bieten.

Wichtigstes Bleichgesicht in „Apache“ (Originaltitel) ist eindeutig der sympathisch und klug gezeichnete Al Sieber, der Schurken wie Weddle mit Sarkasmus begegnet und dem gejagten Massai Achtung, sogar Bewunderung entgegenbringt. Allerdings erhält er zu wenige Auftritte, um hier als Hauptakteur durchzugehen.

Alternatives Filmende – Spoilerwarnung für die folgenden zwei Absätze

Als großer Makel des Films gilt bekanntermaßen sein versöhnliches Ende. Produzent Harold Hecht sowie Titelstar (und Koproduzent) Burt Lancaster nötigten Regisseur Robert Aldrich (1918–1983, „Das dreckige Dutzend“), einen zweiten Schluss zu drehen, in welchem Massai weiterleben darf – das ursprüngliche Drehbuch war düsterer ausgefallen und sah seine Erschießung vor. Aldrich zeigte sich erbost: „Es war ein böser Kompromiss. Man macht einen Film über die Unausweichlichkeit von Massais Tod. Sein Mut wird an dieser Unausweichlichkeit gemessen.“ Die vorausgehende Filmerzählung werde „sinnlos, wenn er am Schluss einfach weggehen kann“ – zitiert nach dem Western-Lexikon von Joe Hembus. Letztgenannter merkt an: „Aldrich wollte die Rebellion Massais verherrlichen; sein Held ist der rebellierende Massai, nicht der Familienvater und Bauer.“

Santos macht Tochter Nalinle mundtot

In der Tat liegen Welten zwischen dem ersten Auftauchen des Kriegers und seinem Abgang: Aldrich inszeniert den – übrigens historisch verbürgten – Massai geradezu als Symbol des Aufstands und des Drangs nach Freiheit. Ein mythisches Bild. Aufgabe und Unterwerfung würden für die Apachen nur eine andere Form des Todes bedeuten, Massai prescht dagegen an. Am kompromisshaften Filmende, wie wir es nun kennen, stehen Ende des Widerstands, Domestizierung, Frieden im Sinne der Weißen.

Ab hier geht es wieder spoilerfrei weiter

Andererseits erweist sich Aldrichs Westerndrama als zu dicht, detailfreudig und dynamisch, als dass ihm diese Einschnitte ernsthaft etwas anhaben könnten. Massais Fluchtbewegungen bieten Raum für gut getaktete Actionsequenzen. Er rennt, klettert, springt wie eine Bergziege von Fels zu Fels, er schießt mit Bogen und Winchester, zündet Sprengstoff und setzt Planwagen in Brand.

Burt Lancaster, im Jahr der Premiere von „Massai“ oscarnominiert für „Verdammt in alle Ewigkeit“ (1953), lebt seine Rolle als Rebell, auch wenn Nebendarsteller Charles Bronson (Hondo) in physiognomischer Hinsicht besser als „Rothaut“ durchgeht. Der athletische Lancaster, damals 40 Jahre alt, wirft alle Körperlichkeit in die Waagschale. Seine durchdringend blauen Augen flammen vor Zorn und Entschlossenheit, blicken rachedurstig oder waidwund. Mit seinen Produktionspartnern Harold Hecht und James Hill hatte er übrigens 1952 schon „Der rote Korsar“ ins Kino gebracht. Auch dort verkörperte er einen virilen und kaum zu bändigen Unruhegeist, freilich in humoristischer Färbung.

Apropos: Das clevere Drehbuch von Westernspezialist James R. Webb (1910–1974), der Lancaster auch „Vera Cruz“ (1954) und „Trapez“ (1956) auf den Leib schrieb, findet Raum für kleine, nennen wir sie kulturkritische Sottisen, die das Aufeinanderprallen der Welten illustrieren: Im Farmhaus des Cherokee Dawson staunt Massai, dass sich sein Gastgeber von dessen Ehefrau zum Wasserholen verdonnern lässt. Der entgegnet, einige Wege des weißen Mannes seien eben hart. Später, als Massai ein Schiebefenster hochdrückt, um nach draußen zu schlüpfen, betritt Dawson den Raum und meint, nicht einmal ein Apache könne diese Fenster geräuschlos bewegen.

Nalinle folgt ihrer großen Liebe

Derartige Geplänkel brechen auch den gelegentlichen Bierernst des Helden, ohne dass der ernste Erzählton seiner Saga beeinträchtigt würde. In der Hauptsache nämlich ist „Massai – Der große Apache“ ein tragischer Film über einen Entwurzelten und Deplatzierten, über die Schrecken der Deportation, über die Unbehaustheit der amerikanischen Indianer. Diese stehen vor einer grausamen „Wahl“: Sie lassen sich internieren oder werden gejagt – gejagt auf dem Land, das vormals ihnen gehörte.

Die Entfremdung des Ureinwohners

Auf der Flucht in St. Louis gestrandet, passiert Massai eine Häuserzeile, er läuft irritierten Blickes an einem feinen Restaurant, einer von Chinesen betriebenen Wäscherei und einem Amüsier-Etablissement vorbei, stoppt schließlich bei einem Klavierspieler, der sein Instrument – zum Erstaunen des Pöbels – nach einer vorgestanzten Walze klimpern lässt. Diese großartige Sequenz illustriert die Entfremdung des Ureinwohners, die Fallhöhe zwischen untergehender indianischer Zivilisation und weißer Vormachtstellung. Ein magischer Kinomoment in augenfälliger Symbolik.

Nach der kürzlichen Sichtung von „Massai“, ein Wiedersehen nach, sagen wir, 40 Jahren, spukte mir immer wieder die Phrase „A man went looking for America. And couldn’t find it anywhere“ durch den Kopf. Ja, genau, vom „Easy Rider“-Filmplakat. Unter anderen Vorzeichen passt das auch hier. Welche die Vertreibung der Ureinwohner kritisch thematisierenden Indianerwestern könnt Ihr empfehlen?

Die „Edition Western Legenden“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Aldrich sind in der Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Charles Bronson und Burt Lancaster unter Schauspieler.

Unbändiger Freiheitsdrang treibt Massai an

Veröffentlichung: 24. Mai 2018 als Blu-ray und DVD, 13. Juni 2008 als DVD (Twentieth Century Fox Home Entertainment), 3. April 2003 als DVD (MGM)

Länge: 88 Min. (Blu-ray), 84 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Apache
USA 1954
Regie: Robert Aldrich
Drehbuch: James R. Webb, nach einem Roman von Paul Wellman
Besetzung: Burt Lancaster, Jean Peters, John McIntire, Charles Bronson, John Dehner, Paul Guilfoyle, Ian MacDonald, Walter Sande, Morris Ankrum, Monte Blue
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Trailer, Booklet
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2018 by Dirk Ottelübbert
Fotos & Packshot: © 2018 Koch Films

 
 

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10 Antworten zu “Massai – Der große Apache: Tapfer, wild – und entfremdet im eigenen Land

  1. Jan

    2018/07/13 at 23:07

    Begrabt mein Herz am Wounded Knee

     
  2. Frank Hillemann

    2018/07/07 at 13:14

    Ganz aktuell “ Wind River „. Ein grossartiger Film.

     
  3. Ralf

    2018/07/07 at 11:15

    Ganz aktuell: „Feinde – Hostiles“. Für mich sowieso der beste Western seit Jahren!

     
  4. Dennis Reichenbach

    2018/07/06 at 17:38

    ,,Spur des Falken“ fällt mir dazu ein

     
  5. Mike Hennig

    2018/07/06 at 10:03

    Da fallen mir spontan die DEFA Indianer-Filme mit Gojko Mitic ein, allen voran z.Bsp. Apachen, Ulzana, Spur des Falken oder Weiße Wölfe. Empfehlenswert in der Richtung ist auch die Serie Mein Freund Winnetou, die sich sehr kritisch mit der Vertreibung der Indianer auseinandersetzt.

     
  6. Dirk Busch

    2018/07/06 at 09:48

    Hab in meinen Leben ja schon viele Western gesehen,aber zu der Frage fällt mich spontan auch nur „Das Wiegenlied vom Totschlag“ein.

     
  7. Holger Jekel

    2018/07/06 at 08:38

    New World (Terence Malick)

     
  8. Rico Lemberger

    2018/07/06 at 07:24

    Mir fällt da spontan DAS WIEGENLIED VOM TOTSCHLAG ein.

     
  9. kultgestalt

    2018/07/06 at 07:20

    Hier kann ich uneingeschränkt „Das Wiegenlied vom Totschlag“ empfehlen 😉

     
  10. Jens Albers

    2018/07/06 at 06:57

    Puh, hier muss ich dann mal passen, da fällt mir spontan nichts ein. Man könnte aber Pocahontas empfehlen, wenn man den Disney Film in dieses Genre setzen möchte. xD

     

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