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Der Boxer und der Tod – Ein aussichtsloser Kampf

29 Mai

Boxer a smrt

Von Andreas Eckenfels

Kriegsdrama // Die 1960er-Jahre werden als das Goldene Zeitalter des tschechoslowakischen Films bezeichnet. Eine ganze Generation von aufstrebenden, jungen Filmemachern prägte die Nová Vlna, die Tschechoslowakische Neue Welle. Dabei sorgten die stilistisch und inhaltlich von staatlichen Zwängen befreiten, meist gesellschaftskritischen Werke auch international für Aufsehen und gewannen auf den weltweiten Filmfestivals die wichtigsten Preise. „Das Geschäft in der Hauptstraße“ (1965) von Ján Kadár und
Elmar Klos sowie Jiří Menzels „Liebe nach Fahrplan“ (1966) wurden sogar jeweils mit einem Oscar als bester fremdsprachiger Film geehrt.

Lagerkommandant Kraft (r.) findet in Häftling Jan Komínek seinen perfekten Sparringspartner

Regisseur Peter Solan mag nicht ganz so bekannt sein wie seine Kollegen Miloš Forman, Věra Chytilová und Jan Němec. Doch mindestens ein Film machte den 2013 verstorbenen Slowaken auf einen Schlag bekannt: „Der Boxer und der Tod“ mit Štefan Kvietik und Manfred Krug in den Hauptrollen wurde 1963 auf dem 5. Festival des Tschechoslowakischen Films in Ústí nad Labem ausgezeichnet und avancierte in seiner Heimat zum erfolgreichsten Film des Jahres.

Sparringspartner im KZ gesucht

Schauplatz ist ein irgendwo in Ost-Europa gelegenes Konzentrationslager während des Zweiten Weltkriegs: Lagerkommandant Kraft (Manfred Krug) ist ehemaliger Preisboxer. Bevor er seine SS-Uniform überstreift, trainiert er in den Baracken immer noch ein paar Runden. Doch ohne Sparringspartner ergibt das tägliche Sandsackhauen nicht viel Sinn. Seine Frau Helga (Valentina Thielová) rät ihm dazu, unter den Häftlingen einen geeigneten Kandidaten zu finden. Nur so könne er in Form bleiben und nach dem Krieg wieder seiner alten Leidenschaft nachgehen.

Komínek demonstriert seine Fertigkeiten

Tatsächlich wird Kraft fündig: Jan Komínek (Štefan Kvietik) sollte eigentlich aufgrund eines missglückten Fluchtversuchs hingerichtet werden. Doch der Lagerkommandant erkennt das Talent des ehemaligen Amateurboxers und begnadigt ihn. Fortan trainiert Komínek gezwungenermaßen regelmäßig mit Kraft. Damit er bis zu einem geplanten Schaukampf vor Nazi-Obersten wieder rechtzeitig zu alter Stärke zurückfinden kann, erhält Komínek ausreichend zu essen und Gesundheitskontrollen durch Lagerarzt Dr. Gluck (Jindrich Narenta). Mit dieser Sonderstellung handelt er sich nicht nur unter seinen Mithäftlingen bald reichlich Missmut und Anfeindungen ein.

Dem Verbot widersetzt

Bereits Ende der 1950er-Jahre plante Peter Solan die Kurzgeschichte des polnischen Schriftstellers Józef Hen zu verfilmen. Sein Drehbuch wurde zunächst vom Leiter der slowakischen Filmbehörde wegen des Vorwurfs, es sei „profaschistisch“, verboten. Schließlich würden die „dämonischen“ Deutschen nicht so dargestellt werden, wie sie wirklich waren – dämonisch eben. Die Kunstbehörde setzte sich dennoch über das Verbot hinweg und gab das Drehbuch frei. Aber erst unter dem Einfluss der aufkeimenden Nová Vlna konnte der in ruhigen Schwarz-Weiß-Bildern inszenierte „Der Boxer und der Tod“ 1963 schließlich realisiert werden. Die Außenaufnahmen wurden in einem ehemaligen jüdischen Arbeitslager nahe der slowakischen Stadt Nováky gedreht. Das Lager war 1941 errichtet worden, zwischen 1.200 und 1.800 Häftlinge waren darin untergebracht.

Die Spinne, die mit Fliegen spielt

Mit Štefan Kvietik und Manfred Krug liefern sich zwei schauspielerische Schwergewichte in „Der Boxer und der Tod“ einen gleich auf mehreren Ebenen aussichtslosen Kampf. Denn die Verhältnisse, die in dem System eines Konzentrationslagers vorherrschen, lassen nur einen Schluss zu: Egal, was er auch tun mag, Komínek hat eigentlich keine Chance zu Überleben. Obwohl der abgemagerte Komínek dem stämmigen Kraft technisch überlegen ist, wäre es gefährlich, wenn der Häftling den Lagerkommanden niederstreckt. Kraft hält nun mal unweigerlich das Schicksal von Komínek und dessen Mithäftlingen fest in seinen Händen. Ein falscher Schlag oder eine falsche Geste und die Stimmungslage des Kommandanten könnte sich schnell ändern. Kraft könnte wahllos das Todesurteil auf andere Häftlinge anwenden, die er schlicht als „Fliegen“ bezeichnet. Was den Lagerkommandanten zur Spinne macht, die ihre wehrlosen Opfer in ihrem Netz so lange zappeln lässt, bis sie keine Lust mehr hat, mit ihnen zu spielen. Oder ist Kraft vielleicht am Ende doch Sportsmann genug, um Komínek eine faire Chance aufs Überleben zu geben?

Komínek steckt in einem tiefen Dilemma

Doch Komínek kämpft auch noch an einer anderen Front: gegen den Hass und Unmut seiner Mithäftlinge. Während er ausreichend zu essen hat, hungern sie und müssen im Lager schuften. Er wird von den anderen Inhaftierten als „Verräter“ und „Spitzel“ beschimpft. „Soll ich ins Gas gehen?“, erwidert Komínek verzweifelt, als er wieder einmal bepöbelt wird. Solan konfrontiert seinen Protagonisten in seinem packenden Kriegsdrama mit einer Vielzahl existenzieller Gewissensfragen, bei denen sich auch der Zuschauer unweigerlich fragt, wie man in so einer Situation selbst entscheiden würde. Gleichzeitig funktioniert Solan aber auch durch die realistisch inszenierten Boxszenen als mitreißender Sportfilm.

Als Vorlage für die Figur von Jan Komínek diente das reale Schicksal des polnischen Boxers Tadeusz Pietrzykowski. Dass er kein Einzelfall und besonders der Boxsport in Konzentrationslagern gang und gäbe war, berichtet Sportjournalist Martin Krauss in seinem interessanten Booklet-Text „Boxen, um zu überleben“. Sehenswert ist auch das US-Drama „Triumph des Geistes“ („Triumph of the Spirit“, 1989) von Robert M. Young, in welchem Willem Dafoe den griechisch-jüdischen Boxer Salamo Arouch verkörpert, der in Auschwitz im Ring um sein Leben kämpfen musste. Wer mehr über das tschechoslowakische Kino und Regisseur Peter Solan im Speziellen erfahren möchte, der wird im ausführlichen Bonusmaterial der DVD- und Blu-ray-Veröffentlichung von Bildstörung fündig.

Während er boxt und ausreichend zu essen hat …

Die Filme der „Drop Out“-Reihe von Bildstörung:

01. Im Glaskäfig (Tras el cristal, 1986)
02. Bad Boy Bubby (Bad Boy Bubby, 1993)
03. Marquis (Marquis, 1989)
04. Ein Kind zu töten … (¿Quien Puede Matar a un Niño?, 1976)
05. La Bête – Die Bestie (La bête, 1975)
06. Possession (Possession, 1981)
07. Overlord (Overlord, 1975)
08. Valerie – Eine Woche voller Wunder (Valerie a týden divu, 1970)
09. Arrebato (Arrebato, 1979)
10. Lärm & Wut (De bruit et de fureur, 1988)
11. Clean, Shaven (Clean, Shaven, 1993)
12. Leben und Tod einer Pornobande (Zivot i smrt porno bande, 2009)
13. Unmoralische Geschichten (Contes immoraux, 1973)
14. Der Leichenverbrenner (Spalovac mrtvol, 1969)
15. Gandu – Wichser (Gandu, 2010)
16. Das 10. Opfer (La decima vittima, 1965)
17. Tausendschönchen (Sedmikrásky, 1966)
18. Und erlöse uns nicht von dem Bösen (Mais ne nous délivrez pas du mal, 1971)
19. Henry – Portrait of a Serial Killer (Henry – Portrait of a Serial Killer, 1986)
20. Blut an den Lippen (Les lèvres rouges, 1971)
21. Singapore Sling (Singapore Sling, 1990)
22. El Topo (El Topo, 1970)
23. Der Heilige Berg (La montaña sagrada, 1973)
24. Coherence (2013, Kino)
24. Coherence (2013, Heimkino, auf vnicornis)
25. Es ist schwer, ein Gott zu sein (Trudno byt bogom, 2013)
26. Der Bunker (Der Bunker, 2015)
27. Marketa Lazarova (Marketa Lazarova, 1967)
28. Die Weibchen (Die Weibchen, 1970)
29. The Eyes of my Mother (The Eyes of my Mother, 2016)
30. Laurin (Laurin, 1989)
31. Entertainment & The Comedy (2015/2012)
32. Der Boxer und der Tod (Boxer a smrt, 1963)

Ein lesenswerter Text zu „Der Boxer und der Tod“ findet sich auch im Filmforum Bremen.

… müssen seine Mithäftlinge hungern und schuften

Veröffentlichung: 25. Mai 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 106 Min. (Blu-ray), 100 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch/Tschechisch
Untertitel: keine (tschechische Dialoge deutsch untertitelt)
Originaltitel: Boxer a smrt
CSR 1963
Regie: Peter Solan
Drehbuch: Peter Solan, Tibor Vichta, Józef Hen nach seiner Kurzgeschichte „Der Boxer und der Tod“
Besetzung: Štefan Kvietik, Manfred Krug, Valentina Thielová, Józef Kondrat, Edwin Marian, Gerhard Rachold, Jindrich Narenta, Edmund Ogrodzinski
Zusatzmaterial: „Die goldenen Sechziger“ (Dokumentation über Peter Solan), Wochenschaubericht zu den Dreharbeiten, „Deutschdorf“ (Dokumentarfilm von Peter Solan), Interview mit dem Filmwissenschaftler Martin Kanuch, Interview mit dem Filmwissenschaftler Olaf Möller, Setfotos, Behind-the-Scenes-Galerie, Booklet mit einem Text des Sportjournalisten Martin Krauss
Label: Bildstörung
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos: © Slovak Film Institute, Trailer & Packshot: © 2018 Bildstörung

 

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