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Die Schreckenskammer des Dr. Thosti – Stelldichein der Genre-Ikonen

04 Jun

The Black Sleep

Von Andreas Eckenfels

Horror // Jede Rache – und sei sie noch so eiskalt serviert – nimmt einmal ein Ende. Und so schließt jetzt auch „Die Rache der Galerie des Grauens“ mit dem zehnten Titel die letzte Lücke der prall gefüllten Box. Die dritte Staffel der beliebten „Galerie des Grauens“-Reihe von Anolis Entertainment hatte wieder eine Vielzahl von Schauergeschichten, Kuriositäten und Entdeckungen zu bieten. Mit „Der Fluch des Dämonen“ und „Schrei, wenn der Tingler kommt“ gab es echte Highlights, positiv blieben außerdem „Angriff der Riesenkralle“ und „Der 27. Tag“ in Erinnerung. Zudem warf man mit „Das Grauen schleicht durch Tokio“ und „Krieg im Weltenraum“ erstmals den Blick nach Fernost, um zu zeigen, dass die asiatischen Filmstudios in den 1950er-Jahren im Bereich Science-Fiction und Horror auch nicht untätig waren.

Dr. Ramsay soll wegen Mordes gehängt werden

Zum Finale präsentiert uns Anolis Entertainment mit „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ einen etwas konfus erzählten Vertreter der Mad-Scientist-Thematik, der mit einer illustren Darstellerriege glänzt: Mit unter anderem Basil Rathbone, Lon Chaney Jr. und Bela Lugosi bietet die Bel-Air-Produktion von Regisseur Reginald Le Borg ein Stelldichein der Genre-Ikonen. Wie Regisseur Joe Dante im Bonusmaterial berichtet, besitzt der für 225.000 US-Dollar produzierte Film einen etwas zweifelhaften Ruf: In den USA wurde er 1956 zunächst im Doppelprogramm zusammen mit „Schock – The Quartermass Xperiment“ aufgeführt. Während einer Vorstellung sei irgendwo im Mittleren Westen der USA ein Kind im Kinosaal gestorben – allerdings sicherlich nicht aufgrund seiner Filmauswahl, wie Dante betont.

Doch Dr. Thosti (l.) rettet den Sträfling – fortan unterstützt ihn Dr. Ramsay bei dessen Hirnforschungen

In Deutschland kam der im Original „The Black Sleep“ benannte Film am 29. November 1957 in die Kinos. Was sich der Verleih allerdings beim Titel dachte, lässt stutzig werden. Ein Dr. Thosti kommt in der englischen Fassung überhaupt nicht vor. Basil Rathbones Figur heißt in der Originalfassung Sir Joel Cadman. Warum man sich für eine Namensänderung entschied, kann nur gemutmaßt werden: Lag es vielleicht daran, dass man auf den wenige Jahre zuvor veröffentlichten „Das Kabinett des Professor Bondi“ (1953) mit Vincent Price, dem Remake von Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts, anspielen wollte und deshalb einen ähnlich klingenden Namen für die Hauptfigur wählte?

Der schwarze Schlaf

London, 1872: Dr. Gordon Ramsay (Herbert Rudley) sitzt als mutmaßlicher Mörder in der Todeszelle des Newgate-Gefängnisses. Kurz vor seiner Hinrichtung bekommt der Chirurg überraschend Besuch von seinem Kollegen Dr. Thosti (Basil Rathbone), der ihm ein Angebot macht, das er nicht ablehnen kann: Durch eine Droge, die Dr. Thosti „Der schwarze Schlaf“ nennt, will er Dr. Ramsay in einen todesähnlichen Zustand versetzen, um ihn auf diese Weise vor dem Galgen zu bewahren. Im Gegenzug soll Dr. Ramsay ihn mit seinem Wissen bei dessen Gehirnforschungen unterstützen.

Mungo (M.) ist eines der menschlichen Versuchskaninchen

Dr. Ramsay willigt ein. Das Mittel zeigt Wirkung. Der vermeintliche Leichnam wird Dr. Thosti überlassen, welcher Dr. Ramsay wieder ins Leben zurückholt. In Dr. Thostis Anwesen, einem ehemaligen Kloster, tummeln sich außer der jungen Laurie (Patricia Blair) und der Krankenschwester Daphne (Phyllis Stanley) auch der stumme Diener Casimir (Bela Lugosi) und der aggressive Patient Mungo (Lon Chaney Jr.). Wie Dr. Ramsay bald feststellt, ist Mungo nicht das einzige menschliche Versuchskaninchen, welches Dr. Thosti für seine skrupellosen Experimente am lebenden Objekt unter das Messer genommen hat. Denn Dr. Thosti verfolgt mit seinen Forschungen rein private Interessen …

Der letzte Film von Bela Lugosi

Die namhaften Darsteller haben fraglos schon bessere Zeiten gesehen, was sich aber eigentlich nur rein äußerlich bemerkbar macht und sich nicht auf den fertigen Film auswirkt. Die Altstars sind zwar nicht mehr mit voller Leidenschaft bei der Sache, wissen aber genau, was von ihnen verlangt wird und was sie zeigen müssen. Für Bela Lugosi war es das letzte vollendete Werk vor seinem Tod 1956. Wie Ingo Strecker im Booklet-Text berichtet, hatte er den gebürtigen Österreicher Reginald Le Borg darum gebeten, einige Dialogszenen zu erhalten. Seinem Wunsch wurde entsprochen, die abgedrehten Szenen fanden aber später keine Verwendung. Zudem erinnert sich Le Borg, dass es zwischen Lugosi und Lon Chaney Jr. immer wieder zu Zankereien am Set kam. Die Rivalitäten stammten wohl noch aus alten gemeinsamen Universal-Tagen, als das Studio beschloss, den „Ur-Dracula“ Lugosi durch Chaney Jr. zu ersetzen. Die beiden Streithähne konnten laut dem Regisseur während des Drehs nur schwer voneinander getrennt werden.

Casimir (r.) kann nur stumm zusehen, wie Odo (M.) Dr. Thosti bei dessen dunklen Machenschaften unterstützt

Basil Rathbone gehört zu den wenigen Schauspielern, die eine Produktion allein schon aufgrund ihres reinen Präsenz adeln. Dies gelingt im klassischen Gruselfilm sonst vielleicht noch Vincent Price, Christopher Lee und Peter Cushing. Ihnen und dem „Sherlock Holmes“-Darsteller wohnt eine würdevolle Aura inne, der man sich schwer entziehen kann. So verleiht Rathbone auch hier mit einer gewissen Ernsthaftigkeit als Dr. Cadman beziehungsweise Dr. Thosti dem Film den nötigen Glanz. Neben den drei genannten Stars wurden weitere bekannte Darsteller verpflichtet, die Genre-Freunden ein Begriff sind: John Carradine („The Howling – Das Tier“) und Tor Johnson („Plan 9 aus dem Weltall“). Zum Ensemble gesellen sich auch Herbert Rudley („Der Herrscher von Kansas“) sowie der zweifach für den Oscar nominierte Akim Tamiroff („Wem die Stunde schlägt“) – er spielt die Rolle des Leichenbeschaffers Odo, die ursprünglich für Peter Lorre angedacht war.

Der Schmalz quillt aus dem Hirn

Sie alle tragen dazu bei, dass „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ nach einem redseligen Einstieg und trotz inhaltlicher Schwächen ein ansehnliches B-Movie geworden ist. Le Borg hält die Beweggründe, warum der Arzt seine moralischen Werte über Bord geworfen hat, lange im Dunklen. Ihm gelingen einige interessante Einstellungen, wie etwa Dr. Ramsays „Auferstehung“ aus dem Sarg oder die Angriffe von Mungo, die aus der Ego-Perspektive gedreht wurden. Für die damalige Zeit gibt es außerdem eine recht drastisch anzusehende Gehirn-Operation zu sehen. Damit der Hirnschmalz auch authentisch aus dem Hirn quillt, wurde für die Aufnahmen extra ein echter Neurochirurg als technischer Berater hinzugezogen. Am Ende, wenn die Schreckenskammer schließlich geöffnet wird, wird noch eine etwas zu kurz geratene Geisterbahnfahrt geboten, bei der auch die Maskenbildner ordentlich zu tun hatten. Davon hätte man gern mehr gesehen.

Somit ist „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ ein mehr als würdiger Abschluss der dritten „Galerie des Grauens“-Box. Laut Anolis Entertainment soll die Reihe Ende des Jahres auch in die vierte Runde gehen. Dann wird uns voraussichtlich „Der Fluch der Galerie des Grauens“ treffen. Wir freuen uns drauf!

Die Filme der Anolis-Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“:

01. Der Fluch des Dämonen (Night of the Demon / Curse of the Demon, 1957)
02. Planet der toten Seelen (War of the Satellites, 1958)
03. Schrei, wenn der Tingler kommt (The Tingler, 1959)
04. Ausgeburt der Hölle (The Beast with a Million Eyes, 1955)
05. Im Sumpf des Grauens (The Alligator People, 1959)
06. Das Grauen schleicht durch Tokio (Bijo to ekitai ningen, 1958)
07. Angriff der Riesenkralle (The Giant Claw, 1957)
08. Krieg im Weltenraum (Uchû daisensô, 1959)
09. Der 27. Tag (The 27th Day, 1957)
10. Die Schreckenskammer des Dr. Thosti (The Black Sleep, 1956)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lon Chaney Jr. und Bela Lugosi sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet. Ein lesenswerter Text zu „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ findet sich auch bei den Kollegen von Evil Ed.

Dr. Ramsay und Laurie auf dem Weg in Dr. Thostis Schreckenkammer

Veröffentlichung: 30. Mai 2018 als 2-Disc-Edition (Blu-ray & DVD)

Länge: 83 Min. (Blu-ray), 79 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Black Sleep
USA 1956
Regie: Reginald Le Borg
Drehbuch: John C. Higgins, Gerald Drayson Adams
Besetzung: Basil Rathbone, Akim Tamiroff, Lon Chaney Jr., John Carradine, Bela Lugosi, Herbert Rudley, Patricia Blair, Tor Johnson, Phyllis Stanley, Louanna Gardner
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen, Uwe Sommerlad und Volker Kronz, deutsche „Grindhouse“-Kinofassung, amerikanischer Kinotrailer, deutscher Kinotrailer, „Trailers from Hell“ mit Joe Dante, Werberatschlag, US-Pressebuch, Filmprogramme, Bildergalerie, Wendecover
Label/Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels
Szenenfotos & Packshot: © 2018 Anolis Entertainment GmbH

 

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