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Exzess – Mord im schwarzen Cadillac: Die Schickeria findet ihr Sodom und Gomorrha

05 Jun

Femmine insaziabili

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Der italienische Journalist Paolo Sartori (Robert Hoffmann) recherchiert in Los Angeles die Vergangenheit des tödlich verunglückten Playboys Giulio Lamberti (Roger Fritz), den er als seinen Freund glaubt. „Lambert, the Smile“ war ein bekanntes Gesicht in zahlreichen Werbekampagnen und nicht nur von der Damenwelt heißbegehrt. Die Konzernchefin Vanessa Brighton (Dorothy Malone) hatte mehr als nur ein Auge auf ihn geworfen, wetteiferte mit ihrer eigenen Tochter (Romina Power) um seine Gunst. Auch die schüchterne Sekretärin Mary Sullivan (Luciana Paluzzi) hat Lamberti ihr Herz geschenkt. Nicht zuletzt Frank Donovan (Frank Wolff), der von seinen Kollegen immer wieder für die angebliche Unnatürlichkeit seiner sexuellen Vorlieben angefeindet wird. Bei all diesen Angeboten am Arbeitsplatz, weit über die finanziell lukrative Zusammenarbeit hinaus, hielt Lamberti nicht mehr viel von seiner eigenen Ehefrau (Nicoletta Machiavelli). Hinter der Fassade der Reichen und Schönen verbergen sich tragische und auch verlogene Wesen. Gut möglich, dass bei Lambertis Tod nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist, einigen ist zuzutrauen, dabei ihre Finger im Spiel gehabt zu haben – manche hätten gute Gründe dafür gehabt. Sartori rollt die Geschichte auf, doch das bringt ihn, ebenso wie seinen Chef Salinger (John Ireland), in Gefahr.

Die Titel „Mord im schwarzen Cadillac“ und „Exzess“ stehen beide im deutschen Vorspann des Films – zur Handlung passt „Exzess“ aber zweifelsohne besser. Man stelle sich einen klassischen Film noir vor, erweitert um die Komponente der Freizügigkeit bis hin zur Orgie – ein Film, der in der Form nur wenige Jahre früher selbst in Europa nicht hätte gemacht werden können, ohne massive Probleme mit der Zensur wie auch bei Abnehmern im internationalen Vertrieb zu bekommen. Die italienischen Kriminalfilme und Thriller des späten 60er- und des 70er-Genrekinos orientierten sich, wenn es sich nicht um Action- oder Polit- und Justizthriller handelt, häufig an Grusel- und Ratekrimivorbildern wie den deutschen Edgar-Wallace-Filmen und modernisierten diese auf ihre Weise. „Exzess“ allerdings ist kein Giallo dieser Art, sondern folgt stattdessen eher US-amerikanischen Vorbildern aus den 40er- und 50er-Jahren. Das Aufrollen der Vergangenheit einer von Mysterien umgebenen Person durch einen Ermittler, in dem Fall einen Journalisten, kennt man in ähnlicher Form beispielsweise aus „Die Killer“. Angereichert wird dieser klassische Baustein in „Exzess“ jedoch um viele wilde, verwegene und erotische Elemente, die erst durch frischen Zeitgeist möglich wurden. Sex und Erotik spielten im Noir schon immer eine wichtige Rolle, im klassischen Hollywood lebte dies aber von Andeutungen. Und auch in den eher wenigen physisch gewalttätigen Szenen geht „Exzess“ bis ans Limit – da wird auch schon einmal das Gesicht eines Mannes in dessen eigenes Erbrochenes gedrückt, um eine Information zu bekommen. Mir ist in Filmen der 60er/70er-Jahre oder früheren Semesters bislang keine andere Szene solchen Inhalts untergekommen.

Bestechendes Gesamtkonzept

Es ist bemerkenswert, wie es dieser recht aufwendig zu großen Teilen in Los Angeles gedrehten italienisch-deutschen Produktion gelingt, die alte Hollywood-Schule in diverser Hinsicht aufzupeppen und dabei dem US-Kino visuell doch sehr verbunden zu bleiben, trotz, dass es sich um einen europäischen Film handelt. Kamera und Schnitt wirken, hinsichtlich der gewählten Einstellungen sowie der Art wie Bewegung im Bild und bedingt durch das Bild stattfindet, in vielen Szenen eher amerikanisch als italienisch. Selbiges gilt für die Musik, die harmonisch und hinsichtlich der Instrumentation mehrfach Parallelen zu beispielsweise Ende der 60er, Anfang der 70er international recht bekannten US-TV-Serien aufweist. Die Musik stammt allerdings ebenfalls nicht aus Hollywood, sondern aus der Feder des engen Morricone-Vertrauten Bruno Nicolai. Schon der von Lara Saint Paul gesungene Titelsong „I Want It All“ hat es in sich; eine brillante Mischung aus wuchtiger Orchestermusik und emotional starkem Gesang. Ferner wurde beim Schnitt dieses Films auffällig gut darauf geachtet, durch die Musik immer wieder besondere Akzente zu setzen, die mit dem Bild korrespondieren. Mehrmals entwickeln sich mitreißende Stimmungen durch einen gut mit den Beats der Musik interagierenden Schnitt.

Der Regisseur des Films, Alberto De Martino, war zudem ein Genre-Allrounder, der sich, im Gegensatz zu vielen anderen damaligen Regisseuren des italienischen Genrekinos, offensichtlich nicht auf ein bestimmtes Feld spezialisieren wollte – und das auch nicht nötig hatte. Ein durchaus wichtiger Regisseur der damaligen Epoche in Italien, aber unter den Großen auch einer der heute am meisten verdrängten und vergessenen. Gekrönt wird der Film schließlich von einer überragenden Besetzung vor der Kamera, in der die früheren Hollywood-Stars Dorothy Malone und John Ireland auf Luciana Paluzzi, die damals zu den international bekannten Schauspielstars Italiens gehörte, und die jungen deutschsprachigen „Wilden“ Robert Hoffmann, Roger Fritz, Ini Assmann und Rainer Basedow treffen. Für Dorothy Malone war es seinerzeit der erste Kinofilm nach rund fünf Jahren, worauf eine weitere längere Kinopause folgte, und gleichzeitig ein einmaliger Ausflug in den italienischen Film. Daneben der erst in Italien zu großem Erfolg gelangte, Hollywood eigentlich entflohene Frank Wolff und um das Ganze perfekt abzurunden, die in Los Angeles geborene Romina Power, Tochter der damals schon verstorbenen Hollywood-Legende Tyrone Power. Sie war seinerzeit ein aufgehender, talentierter Stern am italienischen Kino-Himmel, ehe sie später, an der Seite von Al Bano, auch als Musikerin große Erfolge feierte und vor allem dadurch nachhaltige Bekanntheit erlangte. John Ireland und Dorothy Malone gehörten zur selben Hollywood-Generation wie ihr Vater, die sich in den späten 40er- sowie den 50er-Jahren auf dem Zenit ihres Erfolges befand. Entscheidend sind aber nicht allein die Namen, sondern ist, dass die Schauspieler zudem durchweg motiviert wirken und überzeugen. Gerade John Ireland hat einige Filme gedreht, in denen er eher wenig inspiriert oder gar gelangweilt wirkte und gehörte zu den Schauspielern, denen man das dann auch recht schnell anmerkt. Hier spielt er eine relativ kleine Rolle, wirkt aber trotzdem fokussiert und glaubwürdig – auch solche Faktoren sprechen für einen Film.

Eure Körper, eure Seelen, eure Liebe, euer Geld!

Eine besondere Stärke des Films ist die oft regelrecht erschreckende Konsequenz, wie sich Menschen hier gegenseitig emotional ausbeuten und verletzen. Ein forscher Blick in eine Gesellschaft der Blender, der aber auch ein gewisses Mitleid für die emotionalen Zustände hinter den Fassaden weckt. Der Film ist sehr gut darin, verletzte Gefühle, gekränkten Stolz, missbrauchtes Vertrauen und emotionale Orientierungslosigkeit respektvoll anprangernd in der Geschichte zu verweben. Mehrfach macht Lamberti ihm verfallene Frauen absichtlich lächerlich und provoziert ihre Eifersucht, indem er vor ihren Augen beispielsweise über andere herfällt, die Frauen auslacht oder von Freunden auslachen lässt. Er melkt die Kuh, die ihm Milch gibt, wo er nur kann, um sich finanziell zu bereichern und so viel Spaß wie möglich zu haben, nutzt Menschen aus, von denen er sich gleichzeitig aushalten lässt. Diese Frauen können einem leidtun, aber selbst der arrogante Donovan, der im Geld schwimmt, andere eiskalt abserviert und mit seinem nach Beifall gierenden Gebaren in der Öffentlichkeit sehr schnell unsympathisch wird, erweckt so etwas wie Bedauern. Wenn er wegen seiner Homosexualität wiederholt stigmatisiert wird und dem weitestgehend mit Schweigen begegnet, ist da ein doppelter Boden, im Kontrast zu der Art und Weise, wie überheblich er sich daheim hofieren lässt und an einer riesigen Tafel wie ein König speist.

Stark, und nicht einfach nur reißerisch, ist der Film aber auch mit seinem Mut zur nackten Haut, wie man allein schon an der auffällig in die Länge gezogenen Orgie voller junger Menschen im Drogenrausch eindrucksvoll sehen kann, die ausführlich ins Bild gesetzt wird, obwohl diese umfangreiche Komposition der Szene die Handlung, dem oberflächlichen Anschein nach, überhaupt nicht voranbringt. In Momenten wie diesen gelingt es „Exzess“, einen recht klug beobachteten Konflikt der Generationen in denkwürdigen Bildern einzufangen. Da ist die ältere Generation, die sich hinter einer Fassade aus Reichtum und Glamour versteckt und eine gleichzeitig sehr experimentierfreudige, aber auch in gewisser Hinsicht abstumpfende junge Generation, angeführt von den Kindern der Reichen, die sich alles leisten können, ohne je dafür gearbeitet zu haben, und nicht wissen, wohin mit sich selbst.

Auch, dass eine gestandene Schauspielerin wie Dorothy Malone hier einen Strip hinlegt und die von Luciana Paluzzi verkörperte Mary Sullivan, wenn auch sicherlich mit Body-Double, in einer Szene praktisch gänzlich nackt gezeigt wird, macht den Film – angesichts dieses souveränen Umgangs mit gleichzeitig spielfreudigen Stars – als recht offensives Kinoerlebnis glaubwürdig und sympathisch. Ob man ausgerechnet der Paluzzi die jungfräuliche Rolle in aller Endkonsequenz abnimmt – in einer Szene wird sie sogar als Jungfrau, die es auch bleiben wird, bezeichnet –, ist noch mal eine andere Frage, aber nichts, was den Film zum Wanken bringt. Dieser Hintergrund wird zwar erwähnt, ist für die Rolle letztlich aber nicht sonderlich entscheidend, sondern vor allem die Gefühle, die sie für Lamberti hegt und wie er dies ausnutzt.

Versionen mit unterschiedlichen Vorzügen

Die mir vorliegende deutsche Videofassung ist relativ stark gekürzt. Ob und inwieweit dies der in den deutschen Kinos gezeigten Version entspricht, ist für mich momentan nicht abschließend zu klären. Es dürfte schon im Kino mehrere offizielle Schnittfassungen dieses Films gegeben haben, was sich daran ablesen lässt, dass die Geldübergabe in einer der letzten Szenen des Films in der deutschen Fassung – trotz der sonstigen Kürzungen – überraschenderweise länger dauert als in der englischen Fassung. Zudem setzt hier in der deutschen Version auch ein Musikstück ein, das in der englischen Fassung an der Stelle gänzlich fehlt. Es gibt also zusätzliches Bild- und Tonmaterial in einer ansonsten aber gekürzten Fassung, das so in der englischen Fassung offenbar nie existierte. Wenn man diese unnötig in die Länge gezogene Sequenz sieht, weiß man aber auch schnell, warum sie in der englischen Fassung gekürzt wurde, obwohl diese Version ansonsten wesentlich länger ist.

Kürzungen hin oder her, die in München entstandene deutsche Synchronfassung lohnt sich in jedem Fall. Dass der Salzburger Schauspieler und Sänger Robert Hoffmann hier mit seiner eigenen Stimme zu hören ist, tut der Fassung sehr gut – die Synchronisation wirkt dadurch authentisch und macht Spaß, zumal Hoffmann mit einer bemerkenswerten Coolness und gefühlten Routine für jemanden spricht, der nur sporadisch im Synchronstudio zu Gast war. Wahrscheinlich ist die deutsche Version die einzige Fassung des Films, in der Hoffmann wirklich seine eigene Stimme hat, da es sich bei der englischen wie auch italienischen Fassung, wie bei damaligen italienischen Filmen üblich, ebenfalls um Synchronfassungen handelt. Auch Rainer Basedow synchronisierte sich selbst, Roger Fritz wurde allerdings von Erik Schumann gesprochen. Der macht seine Sache jedoch gut und auch darüber hinaus überzeugt die deutsche Version bis in die Nebenrollen, auch wenn Herbert Weicker sicherlich nicht die beste Besetzung für Frank Wolff ist, so ist beispielsweise Tilly Lauenstein als Stimme von Dorothy Malone wiederum eine recht genial funktionierende Idee. Angesichts der deutschsprachigen Schauspieler im Cast ergibt es sogar Sinn, dass die Rollennamen der von Hoffmann und Fritz verkörperten Figuren in der deutschen Version eingedeutscht wurden; wenngleich das Phänomen des Eindeutschens von Namen in Synchronfassungen ansonsten meist eher putzig wirkt. So wird zwar auch Nicoletta Machiavelli als Fritz’ Ehefrau plötzlich zu einer Deutschen, aber das Auge kann man zudrücken.

Einer müsste den Anfang machen

Die Sichtung lohnt unbedingt schon allein wegen Roger Fritz, der heute auf eine jahrzehntelange erfolgreiche Karriere als Fotograf und Filmemacher zurückblickt. Fritz spielte in „Exzess“ letztlich seine größte Rolle im Rahmen einer internationalen Produktion. Der Film zeigt, wie viel Potenzial er auch als Schauspieler hatte. „Jet Generation – Wie Mädchen heute Männer lieben“ (1968), in dem Fritz eine der Hauptfiguren verkörperte, ist aktuell Gegenstand einer spektakulären, komplizierten Restaurierung, die vom Label Subkultur-Entertainment in ungewöhnlicher Weise transparent begleitet wird. Regelmäßig gibt es Updates in Textform zu den neuesten Herausforderungen, die sich bei dem Projekt stellen. Es soll wohl nicht der einzige Film mit Roger Fritz bleiben, den man wieder zugänglich machen will. „Exzess“ wäre in jedem Fall auch eine Wiederentdeckung wert.

Bisher scheint der Film weltweit noch nicht auf DVD veröffentlicht worden zu sein, was gemessen an der internationalen, namhaften Besetzung, einschließlich auch über das Schauspielfach hinaus populärer Personen wie Romina Power und Roger Fritz, zweifellos überraschend ist. Dann noch dazu als Werk eines Regisseurs wie Alberto De Martino, gehört „Exzess“ eigentlich in die Kategorie der Filme, die schleunigst an die Oberfläche zurückgeholt werden sollten. Ein in allen Belangen ziemlich rundes, innovatives, mutiges, gleichzeitig aber auch mit filmhistorisch fundiertem Wissen produziertes Werk, das praktisch an der Schnittstelle zwischen dem klassischen Noir-Kino der 40er und 50er sowie dem modernen Kino der späten 60er und 70er steht und obendrein eine sehr gute Synthese aus Hollywood- und Italo-Kino bildet. Dieser Film ist, wenn man so will, vielleicht der älteste überhaupt, bei dem die Bezeichnung „Neo-Noir“ absolut ins Schwarze trifft.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Frank Wolff sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 18 / FSK 16 (versionsabhängig)
Originaltitel: Femmine insaziabili
US-Titel: Carnal Circuit
IT/BRD 1969
Regie: Alberto De Martino
Drehbuch: Vincenzo Flamini, Carlo Romano, Lianella Carell, Alberto De Martino
Besetzung: Robert Hoffmann, Dorothy Malone, Luciana Paluzzi, Roger Fritz, Frank Wolff, John Ireland, Romina Power, Nicoletta Machiavelli, Rainer Basedow, Sergio Mioni
Verleih: Empire Films, Hape-Film Company, Cinerama Filmgesellschaft

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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