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Das Verfahren ist eingestellt – Vergessen Sie’s! Der üble Alltag hinter Gittern

11 Jun

L’istruttoria è chiusa: dimentichi

Von Ansgar Skulme

Gefängnisdrama // Der Architekt Vanzi (Franco Nero) blickt auf ein beschauliches Leben in wohlhabenden Verhältnissen zurück, als er seine Haftstrafe in einem von Korruption und Brutalität durchzogenen Gefängnis antreten muss. Dort sitzen Menschen ein, die weit schlimmere Verbrechen begangen haben als er selbst, doch es gibt kein Entkommen für ihn – nur das Warten darauf, dass man ihn eines Tages wieder freilassen wird. Er findet Freunde und falsche Freunde, wird ausgenutzt und muss mit ansehen, wie anderen die Freundschaft zu ihm zum Verhängnis wird. Eine tragische Odyssee nimmt ihren Lauf.

Das Leben kann so schön sein, wenn man nicht eingesperrt ist

Lose auf dem Roman „Tante sbarre“ von Leros Pittoni basierend, ist Damiano Damiani ein düsterer, überzeugender Blick hinter die Fassaden eines Gefängnisses geglückt. Sein Name in Verbindung mit Franco Nero war schon damals eine Art Erfolgsgarantie. Gemeinsam hatten sie „Der Tag der Eule“ (1968) und „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ (1971) gedreht. Nero schätzte Damiani sehr und nutzte die Gelegenheit gern, wieder mit ihm zusammenzuarbeiten. Es folgten noch zwei weitere Kooperationen – eine davon erneut mit Damiani in der Regie („Warum musste Staatsanwalt Traini sterben?“, 1975), eine andere mit Nero und Damiani vor der Kamera („Der Mordfall Matteotti“, 1973). Damiani mochte Cameos und begrüßte Angebote anderer Regisseure an ihn, als Schauspieler in deren Projekten mitzuwirken. Auch in „Das Verfahren ist eingestellt – Vergessen Sie’s!“ ist er in einer kleinen Rolle als Vanzis Anwalt zu sehen.

Morricone Marke „Weniger ist mehr“

Auch wenn man Franco Nero die Belastungen und Ängste im Gefängnisalltag stellenweise nicht so recht abkauft, der Verfall zu wenig sichtbar wird und das gute Aussehen manchmal zu sehr im Vordergrund steht, macht er sich zumindest ganz gut darin, den tief gesunkenen Architekten in einem ihm fremden Milieu widerzuspiegeln. Er wirkt deplatziert, aber das schadet dem Ansinnen der Geschichte nicht unbedingt. Der beliebte Star hilft dem Film in jedem Falle dabei, Größe zu generieren und somit dabei, gehört zu werden.

Die Gefängnisinsassen demonstrieren für ihre Rechte

Ein nicht unwesentlicher Bestandteil des Erfolges ist ferner der Umstand, dass der Film überraschend sparsam mit Musik umgeht. Dies erhöht den Realismus in der Erzählung umso mehr. Überraschend, weil immerhin Ennio Morricone als Komponist zu Buche steht, der hier allerdings alles andere tat, als die Musik in den Vordergrund zu schreiben. Ein gutes Beispiel dafür, was für ein ungemein empathischer, kluger Film- und Musikversteher dieser legendäre Meister ist. Einer, der ganz laut und pompös, aber auch behutsam leise kann, sich immer wieder neu erfand, interessante Instrumentationen erprobte und selbst die Stille als Form der akustischen Unterfütterung zu nutzen weiß. Auffälligerweise steht der Film damit obendrein völlig im Kontrast zum genialen, epischen Originaltrailer, der äußerst stark von der Musik in Zusammenwirkung mit den Bildern lebt. In diesem visionären, recht modern anmutenden und ziemlich spannenden Trailer dominieren gewaltige, bedrückende Klänge, bedeutungsgeladene Bewegungen im Bild und Gesichter die Wirkung des Geschehens. Ein Trailer, der den Eindruck erweckt, dass er sehr lange und detailliert konzipiert worden sein dürfte. Es ist wohl davon auszugehen, dass auch die Musik im Trailer von Morricone stammt. Dass das bemerkenswerteste Musikstück der Produktion nur im Trailer und nicht im Film zur Geltung kommt – da die Erzählweise in dieser Geschichte und die Wünsche Damianis im Film wenig Spielraum für den Komponisten boten –, dürfte Ennio Morricone ansonsten nur selten passiert sein.

Gesichter mit Charakter

Spätestens aufgrund der Tatsache, dass Franco Nero in der Hauptrolle nicht unbedingt seinen überzeugendsten Auftritt erwischte, zeigt sich die sehr gute Auswahl der Nebendarsteller als anderer wichtiger Baustein. John Steiner als fiesen, mörderischen Mistkerl zu besetzen, ist zwar nicht unbedingt innovativ, aber effektiv. Er spielt die Rolle inspiriert, mochte sie noch so viele Klischees erfüllen und sein Image besiegeln. Dazu mit Ricciardetto De Simone ein Mann, der im wirklichen Leben eine lebenslange Haftstrafe bekommen hatte, aber vor dem Dreh begnadigt worden war, so dass er nicht nur als Darsteller weiterhelfen, sondern auch viele Erfahrungen einbringen konnte. Turi Ferro, der bis dato eher als Theaterschauspieler bekannt war, nutzte in der Rolle des korrupten Wärters die Gelegenheit, um in einem erfolgreichen Film bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Georges Wilson ließ man für eine recht kleine Rolle extra aus Frankreich kommen. Riccardo Cucciolla bewies, dass er im damaligen italienischen Kino nicht nur ein gefragter Synchronsprecher war, sondern auch vor der Kamera sogar in ganz sensiblen Momenten mimisch zu überzeugen verstand. Auch die Darbietungen von Antonio Casale, Luigi Zerbinati, Corrado Solari und Claudio Nicastro geben Zweifeln keinen Raum: Dieser Film ist großes Kino der Gesichter und der Charakterdarsteller.

Koch lässt alte Traditionen hochleben

Man hätte in den vergangenen Jahren manchmal den Eindruck gewinnen können, dass sich Koch Films langsam vom italienischen Genrefilm der 60er und 70er verabschiedet, da das Label früher wesentlich mehr Filme aus dieser Sparte veröffentlicht hat. Da ist es schon eine Hausnummer, dass nun ein solch bedeutender Damiani-Film in bester Bildqualität kommt – noch dazu weltweit erstmals als HD-Abtastung auf Blu-ray und DVD; und mit „Töte alle und kehr allein zurück“ steht schon das nächste Italo-Highlight bei Koch in den Startlöchern.

Im Knast gilt das frühere Leben nichts mehr

Viel auszusetzen gibt es an dieser Veröffentlichung von „Das Verfahren ist eingestellt – Vergessen Sie’s!“ nicht. Schade ist lediglich, dass es die alternative Synchronfassung aus der DDR nicht mit auf die Blu-ray und DVD geschafft hat – der Film lief dort wohl unter dem Titel „Die Untersuchung ist abgeschlossen – Vergessen Sie alles!“. Es gibt mehrere Filme mit Franco Nero aus der damaligen Epoche, zu denen sowohl eine in der Bundesrepublik als auch eine in der DDR entstandene Synchronfassung existiert. Manche der damaligen italienischen Produktionen wurden sogar ausschließlich in der DDR und nie in der BRD synchronisiert. Bei Koch kann man allerdings so gut wie sicher davon ausgehen, dass die Fassung enthalten wäre, wenn sich eine realistische Option zur Veröffentlichung geboten hätte. Insofern ist dem Label hier kein Vorwurf zu machen. Stattdessen gibt es, wie bei Kochs Italo-Veröffentlichungen üblich, immerhin ein lobenswertes, informativ mit Anekdoten gespicktes Featurette, das aus drei Interviews mit Beteiligten zusammengestellt wurde.

Richtige von falschen Freunden zu unterscheiden, kann überlebenswichtig sein

„Girolimoni – Das Ungeheuer von Rom“ (1972), „Ich habe Angst“ (1977), „Goodbye und Amen“ (1978) sowie „Die tödliche Warnung“ (1980) bilden eine Reihe weiterer Damiani-Filme aus seiner im Kino erfolgreichsten Phase, die bisher auf eine DVD-Veröffentlichung in Deutschland warten. Jemand wie Damiani hätte auch mal eine Box verdient. Es bleibt spannend, was Koch noch alles aus Italien zutage fördern wird.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Franco Nero sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Der Gefängnisleiter bekommt viele Missetaten nicht mit

Veröffentlichung: 14. Juni 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 108 Min. (Blu-ray), 102 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: L’istruttoria è chiusa – dimentichi
Deutscher Alternativtitel: Die Untersuchung ist abgeschlossen – Vergessen Sie alles!
IT/F 1971
Regie: Damiano Damiani
Drehbuch: Massimo De Rita, Dino Maiuri & Damiano Damiani, nach einem Roman von Leros Pittoni
Besetzung: Franco Nero, Riccardo Cucciolla, John Steiner, Turi Ferro, Claudio Nicastro, Antonio Casale, Georges Wilson, Ferruccio De Ceresa, Ricciardetto De Simone, Luigi Zerbinati
Zusatzmaterial: Featurette mit Interviews, Booklet, Originaltrailer, Bildergalerie
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2018 Koch Films

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