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Singularity – Endzeitstimmung im Logikloch

22 Jun

Singularity

Von Philipp Ludwig

Science-Fiction // Schaut man sich das Langfilm-Regiedebüt des mittlerweile 25-jährigen Schweizer Filmemachers Robert Kouba an, so empfiehlt sich zu Beginn ein Blick auf dessen besondere Entstehungsgeschichte: Der damals 20-Jährige und frischgebackene Absolvent des SAE Institute für angehende Filmemacher drehte sein Werk nämlich bereits 2013 unter dem Titel „Aurora“. Das Drehbuch dazu hatte er zusammen mit seinem Kumpel Sebastian Cepeda geschrieben – es basiert auf einer von ihnen früher erdachten Geschichte. Der mit den damaligen Nachwuchsschauspielern Julian Schaffner und Jeannine Wacker (die später durch ihre Rolle in der ARD-Endlos-Telenovela „Sturm der Liebe“ Bekanntheit erlangte) in der Schweiz und den wunderschönen Landschaften der böhmischen Wälder Tschechiens gedrehte Low-Budget-Endzeit-Survival-Abenteuer-Mix im Science-Fiction-Gewand schaffte es damals jedoch nicht direkt zur Vollendung.

Der Low-Budget-Studentenfilm, der mehr sein wollte

Denn der junge Regisseur Kouba wünschte sich vor allem die entsprechenden visuellen Spezialeffekte, um seinen Vorstellungen vom Endzeitszenario einer Welt nach der nahezu vollständigen Ausrottung der Menschheit durch eine künstliche Intelligenz und deren anschließende Kontrolle über den Planeten auch einen angemessenen Touch zu verleihen. Um die nötigen Gelder hierfür zu generieren, griff er unter anderem auch auf Crowdfunding-Plattformen zurück, und so kam sein Erstling erst 2017 auf den Markt, nun unter dem Titel „Singularity“ und mittlerweile bereichert um eine ganze Reihe der gewünschten (und mehr oder weniger gelungenen) Spezialeffekte sowie der nachträglichen Hinzufügung von nachgedrehten Szenen mit der Hollywood-Größe John Cusack. Und damit begannen auch die Probleme …

Aus Freund …

Worum genau geht es? In einer nahen Zukunft gelingt dem genialen K.I.-Entwickler und CEO von VA Industries, Elias VanDorne (Cusack), ein entscheidender Durchbruch in der Robotertechnologie, wodurch hochentwickelte Maschinen ab sofort allerlei Tätigkeiten für den Menschen übernehmen können. Leider wird der technische Fortschritt in erster Linie für militärische Zwecke missbraucht, und statt die Welt und das Leben darin zu verbessern, verschlimmert sich die ohnehin angespannte Weltlage (kommt uns das gerade irgendwie bekannt vor?) umso mehr. Doch VanDorne hat erneut eine scheinbar perfekte Lösung parat: Er entwickelt ein bisher nie dagewesenes und unvorstellbar leistungsstarkes Programm einer künstlichen Intelligenz mit dem Namen Kronos, das die Ursache allen Übels auf der Welt ermitteln und beseitigen soll. Dumm nur, dass Kronos direkt den Menschen selbst als diese Ursache entschlüsselt und innerhalb von wenigen Stunden nahezu die gesamte Weltbevölkerung eliminiert. Die wenigen Überlebenden versuchen auch Jahrzehnte später noch, sich vor den überall nach den letzten Menschen suchenden, überdimensionalen und von Kronos kontrollierten Kampfrobotern zu verstecken und zudem die sagenumwobene letzte Festung der Menschheit, Aurora, zu finden – einen Ort, den die Maschinen angeblich nicht aufspüren können. VanDorne und sein Assistent Damien Walsh (Carmen Argenziano), die sich am Tag der Menschheitsvernichtung anscheinend selbst in Kronos hochladen konnten, versuchen ebenfalls mit aller Macht, diesen mythischen Ort aufzuspüren, um das Ziel von Kronos endgültig zu erreichen. Hierzu heften sie den neuesten, hochentwickelten und mit den genretypischen Identitätsproblemen ausgestatteten Androiden Andrew (Julian Schaffner) an die Fersen der jungen Überlebenskünstlerin Calia (Jeannine Wacker), die verzweifelt auf der Suche nach ihrem verschollenen Vater ist, den sie in der Siedlung Aurora vermutet.

So weit, so gut. Die Grundstory klingt ja zumindest eigentlich gar nicht mal so verkehrt, auch wenn sich hier natürlich eine ganze Reihe an Storyelementen wiederfinden, die man so schon sehr oft und in vielen anderen Filmen des Genres selbstverständlich deutlich interessanter und besser dargestellt gesehen hat, wie etwa, ganz offensichtlich, in der „Terminator“-Reihe sowie „Blade Runner“ und dessen Fortsetzung „Blade Runner 2049“.

… wird Feind

Aber das Scheitern an übermächtigen Vorbildern muss nicht zwingend zum Scheitern des Films an sich führen. Gerade die Einstiegssequenz etwa ist wirklich sehr interessant (trotz der leider hier bereits doch eher billig anmutenden visuellen Effekte) expositorisch in die Handlung einführend inszeniert, die Einführung des Systems Kronos mit dem anschließenden Beginn der Vernichtung der Menschheit somit ansehnlich in Szene gesetzt. Doch bereits im Anschluss beginnen die ersten Probleme im gut gemeintem Grundplot des ansonsten mit etlichen Logiklöchern versehenen Drehbuchs.

Interessante Idee – „interessante“ Umsetzung

Erster Fehlgriff ist zunächst einmal die schier unvorstellbare Zeitspanne von 97 (!) Jahren, zu der die Haupthandlung nach der einführend gezeigten Zerstörungswelle des Prologs erst einsetzt. Denn die Vielzahl der auch hier leider nicht besonders ansehnlich animierten und darüber hinaus überdimensionierten Kampfroboter, die nahezu permanent die Wälder auf der Suche nach letzten Überlebenden durchstreifen, lassen einen doch stark daran zweifeln, dass nach knapp 100 Jahren Überlebende überhaupt noch existieren können. Insbesondere wenn man dann auch noch sieht, wie sorglos diese mitunter in ihren völlig sichtbaren Siedlungen zu leben scheinen, wenn man denn mal überhaupt etwas mehr von dem rar gesäten Input zur Tiefengestaltung des Endzeit-Settings zu sehen bekommt, statt dass man Calia und Andrew beim schier endlosen Durchstreifen der Wälder beobachten darf. Ebenfalls arg überzogen erscheint ebenso der allgemeine Zustand der Überlebenden, sei es etwa in Sachen Kleidung, körperlicher Zustand und Aussehen oder der weiterhin hohen Qualität sämtlicher Gebrauchsgegenstände. Etwas sonderbar angesichts einer Situation dieser Menschen, die an sich seit Jahrzehnten wie Ratten in ihren Löchern ums nackte Überleben kämpfen müssten. Sogar die Protagonisten am Ende der ersten Staffel der Zombie-Horror-Survival-Serie „The Walking Dead“, die ja nur wenige Wochen nach dem Ausbruch der dort behandelten Zombie-Apokalypse spielt, erscheinen verwahrloster als unsere „Singularity“-Helden Jahrzehnte später.

Von vielen Logiklöchern kann ich gar nicht erst anfangen, da ich sonst zu viel von der Handlung verraten würde. Ein paar seien noch genannt: Selbst gegen hochentwickelte Maschinen, ausgestattet mit allerlei fortschrittlicher Technologie, scheint das klassische Verstecken hinter einer alten Holzbank weiterhin ein probates Mittel zu sein. Und warum durch eine absolut rational-logisch denkende künstliche Intelligenz, deren Ziel die Rettung des Planeten mittels Auslöschung des Auslösers für das gesamte Übel auf der Welt war, nun wiederum selbst diese Welt malträtiert wird, indem etwa riesige Kampfroboter ganze Waldabschnitte platttrampeln oder Roboter-Megacitys entstehen, die mehr Smog produzieren als Peking, Tokio und Los Angeles zusammen, erschließt sich zumindest mir nicht so ganz. Ganz zu schweigen von der als toughen Survivalexpertin inszenierten Calia, die den einsamen und geheimnisvollen Andrew quasi einfach so aufgabelt, sofort als Begleitung duldet und auch noch dessen doch schon ziemlich fadenscheinig anmutende Lebensgeschichte ebenfalls einfach so akzeptiert. Ok, ok, ich höre ja schon auf. Aber vielleicht muss in einem Film ja auch nicht immer alles logisch sein, wer weiß? Wer dies jedoch erwartet, der dürfte in „Singularity“ leider eher häufig als selten ein klein wenig verdutzt die Augenbrauen hochziehen. Nett ausgedrückt.

Katniss Everdeen mit „Sturm der Liebe“-Charme

Von den darüber hinaus, erneut noch positiv formuliert, eher bescheidenen Schauspielfertigkeiten der beiden Jungschauspieler/-innen möchte ich an dieser Stelle ebenfalls gar nicht erst groß beginnen, wobei sich allerdings zumindest Jeannine Wacker (Achtung, schlechter Wortwitz voraus) halbwegs wacker schlägt, gerade im Vergleich zu ihrem steif agierenden Kollegen Schaffner. Vielmehr möchte ich diese jedoch als Aufhänger für das zentrale Problem des Films nehmen: dessen fehlende Konsequenz in seiner eigenen Identität und dem damit verbundenen „Betrug“ an den Zuschauern. Denn etwa drei Viertel von „Singularity“ bestehen aus dem 2013 abgedrehten Material zu „Aurora“, der, wie eingangs schon beschrieben, ursprünglich den Charakter eines Low-Budget-Studentenfilms innehatte. Den Film unter diesem Aspekt angemessen zu bewerten, wäre deutlich einfacher gewesen, denn mit einem gewissen, diesen Produktionen innewohnenden Charme hätte man über die zahlreichen Mängel mitunter hinwegsehen können, vor allem, da zudem eine ganze Reihe guter Ansätze zu erkennen sind. Der Soundtrack etwa ist geradezu außergewöhnlich gut und in seiner Gestaltung absolut stimmig für ein Endzeit-Szenario im Science-Fiction-Gewand. Ebenso deutet Kouba trotz der mitunter klaffenden Logiklöcher und Plotholes im Skript sowie dem latenten Hang zu Continuity-Fehlern an, dass er dennoch das Zeug zu einem guten Filmemacher hat. So bietet er nicht nur eine solide Kameraarbeit, auch in der Inszenierung mancher Szenen schimmert Potenzial durch. Insbesondere die aufwendig gefilmten Panoramaaufnahmen der böhmischen Waldlandschaften lassen sich sehen, vor allem vor dem Hintergrund eines billig produzierten Studentenfilms, in dem man diese hochwertigen Aufnahmen nicht erwarten konnte.

Ein Film mit Patchworkcharakter

Die Probleme in Koubas Werk beginnen insbesondere in dem Moment, in dem der Regisseur den Versuch unternimmt, daraus mehr zu machen, als es schließlich ist. So wirken gerade die nachträglich eingefügten Spezialeffekte durch ihre Schlichtheit eher kontraproduktiv, verleihen sie „Singularity“ doch den Charme alter „Command & Conquer“-Teile auf dem PC oder von eher durchschnittlichen PS2-(mit Wohlwollen vielleicht PS3-)Spielen. Und auch der nachträgliche Einbau des von John Cusack dargestellten VanDorne fühlt sich irgendwie nie wirklich richtig an. So interagiert dieser daher während des gesamten Films nur mit einer weiteren Figur der Welt von „Singularity“, nämlich seinem Assistenten Walsh, der von dem ebenfalls nicht gerade unbekannten Carmen Argenziano verkörpert wird. Da dieser bereits 2013 bei den Dreharbeiten dabei war, ist Walsh im Gegensatz zu VanDorne auch in der Lage, mit den anderen Figuren wie Andrew und Calia zu interagieren, sodass Cusacks Rolle dagegen nahezu ausschließlich als Beobachter aus dem Programm Kronos heraus fungiert und somit mitunter eher zu einer Art aufhübschendes Beiwerk des Gesamtwerks degradiert wird. Ein prominenter Name fürs Cover eben. Schauspielerisch ist Cusack natürlich dennoch über Zweifel erhaben. Auch wenn er, wahrscheinlich den Umständen entsprechend, vornehmlich nach Schema F zu agieren scheint, sticht er damit in Relation zum Rest des Films immer noch meilenweit heraus.

Sieht so etwa die optimierte Zukunft aus, liebes Kronos?

Man kann sich daher alles in allem des Anscheins nicht erwehren, es im Grunde genommen mit zwei verschiedenen Filmen mit jeweils unterschiedlichem Anspruchsdenken zu tun zu haben, sodass neben den zuvor aufgeführten Mängeln ein ganz entscheidender hinzukommt: Man kommt nicht umhin, sich als Zuschauer vom Film und dessen Macher ein Stück weit hinters Licht geführt zu fühlen, weil man einen Film vorgesetzt bekommt, der nie die Balance zu finden scheint, ob er nun ein fehlerhafter, dafür aber sympathischer Low-Budget-Film sein oder am Ende doch noch den Eindruck erwecken will, größer zu sein, als er eigentlich ist. So ist er im Endeffekt zumindest eines leider nicht: ein guter und vor allem sehenswerter Film. Unabhängig vom jeweiligen Anspruchsdenken, mit dem jeder Zuschauer persönlich im Endeffekt an „Singularity“ herangeht.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit John Cusack sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Offenbar kein Menschenfreund: Elias VanDorne

Veröffentlichung: 6. Juni 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Singularity
CH/USA 2017
Regie: Robert Kouba
Drehbuch: Robert Kouba, Sebastian Cepeda
Musik: Scott Kirkland, Tobias Enhus
Besetzung: Jeannine Wacker, Julian Schaffner, John Cusack, Carmen Argenziano, Eileen Grubba
Zusatzmaterial: Wendecover
Label/Vertrieb: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2018 by Philipp Ludwig

Fotos, Packshot & Trailer: © 2018 EuroVideo Medien GmbH

 

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