RSS

Die Macht und ihr Preis – Ein Film, der vom Staat angeklagt wurde

24 Jun

Cadaveri eccellenti

Von Ansgar Skulme

Politthriller // Der Mord an einem angesehenen Staatsanwalt erschüttert Italien. Es wird nicht der einzige bleiben. Von Richtern bis zum Gerichtspräsidenten gibt es weitere Opfer. Wer steckt hinter den Attentaten? Die Spur scheint zur Mafia zu führen, doch es finden sich auch Einzelpersonen, die Anlass zur Rache an den verdienstvollen Köpfen aus der Justiz hatten. Vielleicht aber gibt es mehrere Täter, Hintermänner und verschiedene Beweggründe hinter den Morden. Der Polizeiinspektor Rogas (Lino Ventura) gerät bei den Ermittlungen in einen undurchsichtigen Sumpf aus Korruption und Verschwörung. Ein Staatsstreich funktioniert am besten, wenn man Personen aus dem Weg räumen und den Verdacht auf andere lenken kann.

In den 70er-Jahren entstanden etliche Filme, die versuchten, politische Verschwörungen und komplizierte Verstrickungen hinter der Oberfläche transparent zu machen. Ein berühmtes, exemplarisches Beispiel aus Hollywood ist Alan J. Pakulas „Zeuge einer Verschwörung“ (1974). Noch zentraler als in Hollywood entwickelten sich derartige Politthriller allerdings im italienischen Kino zu einer prägnanten Konstante. „Die Macht und ihr Preis“ gehört zu den Filmen darunter, die sich bis zum Ende der Geschichte eine gewisse Undurchsichtigkeit bewahren und dadurch besonders verstören. Solche Filme laufen manchmal Gefahr zu enttäuschen, da sie weniger konkrete Lösungsvorschläge anbieten als es sich der eine oder andere Zuschauer erhofft, überzeugen aber auch mit der Weisheit, dass manche politischen Themenkomplexe eben einfach nicht so simpel sind, dass sie ein einziger Film in zwei Stunden oder weniger entlarven könnte.

Schwere Geschütze

Ein großer Vorteil von „Die Macht und ihr Preis: Der Politthriller wartet mit einer Besetzung auf, die mindestens so exzellent ist wie auch die im Originaltitel besagten „Kadaver“. Wenn ein Film mit Verschwörungstheorien hantiert, ist es beileibe nicht unwesentlich, dass die gezeigten Personen dem Ganzen eine gewisse Glaubhaftigkeit verleihen. Insbesondere, wenn der Film am Ende eben nicht mit einer klaren Auflösung daherkommt. Wenn diese Überzeugungskraft den Darstellern nicht glückt, kann dann auch schnell einmal der Vorwurf kommen, dass es im Grunde nur um Panikmache und eine gewisse Art von sensationslüsternem Getue geht, da dann am Ende die reine Verschwörungstheorie steht, mit Betonung auf „Theorie“, noch dazu ohne klare Problemlösung zum Abschluss des Films. Ich gebe offen zu, dass ich bei Erstsichtung von „Zeuge einer Verschwörung“ ein ähnliches Bauchgefühl hatte, da ich die schauspielerische Darbietung von Warren Beatty zumindest zum damaligen Zeitpunkt nicht gut und, gemessen an der Story des Films, viel zu belanglos fand – der Film wurde für mich seinerzeit deswegen nie den starken Geschmack danach los, sich deutlich an seinem Thema zu verheben. „Die Macht und ihr Preis“ hat anstelle von Beatty allerdings eine Kante wie Lino Ventura zu bieten – und das macht hier letztlich einfach einen Unterschied. Dass der Film Hand und Fuß hat und es somit verdient ernst genommen zu werden, beweist die Tatsache, dass der auch später vielfach preisgekrönte Regisseur Francesco Rosi und die Produktionsfirma, für das was sie da abgeliefert haben, auf höchster Ebene von der italienischen Justiz angeklagt wurden.

Neben Ventura hat „Die Macht und ihr Preis“ etliche weitere bekannte Darsteller mit starken schauspielerischen Qualitäten in petto, die interessanterweise, gerade in den größeren Rollen, zu einem auffälligen Teil aus Frankreich stammen, obwohl „Die Macht und ihr Preis“ in Italien spielt und dort gedreht wurde. Die Vielzahl an Prominenten allein ist bei solch einer Geschichte zwar nicht die halbe Miete, aber mit einem Zugpferd wie Ventura vornan, der hier geschickt mit seinem Image spielt, dass er das Kind am Ende schon schaukeln wird, kommt man recht weit. Ventura überrascht in diesem Film immer wieder – ausgerechnet er zunehmend isoliert und sich nicht mehr im Klaren darüber, wem er noch trauen kann. Die Bilder, wie er sich Orientierung suchend in einer Masse von Leuten umblickt, feststellend, dass hier ganz andere Zusammenhänge eine Rolle spielen als er bis dato angenommen hatte, bleiben im Gedächtnis. Ein einfacher, rechtschaffener Polizist, der wacker seinen Fall zu lösen versucht und irgendwann merkt, dass er nicht eine Einzelperson, sondern eine Menge an Verschwörern jagt, derer er nicht habhaft werden kann. Der im Dokumentarfilm sowie im Neorealismus verwurzelte und etwa als Schöpfer hintergründiger Mafiafilme bekannte Regisseur Rosi unterstützt diese Entwicklung der Figur damit, dass er den Film zunächst eher wie einen typischen Kriminalfilm aussehen lässt, in dem ein Mörder gejagt wird, dann aber auf eine zunehmend komplexere politische Ebene wechselt. Mehr und mehr wird deutlich, warum der Film international unter anderem mit dem Titel „The Context“ vertrieben wurde. „Die Macht und ihr Preis“ regt zum Wechsel von Blickwinkeln und zur verschärften Berücksichtigung von Kontexten anstelle oberflächlicher Bewertungen von Zusammenhängen an, variiert Betrachtungsstandpunkte, spielt sehr geschickt mit den Erwartungshaltungen des Zuschauers und lenkt das Publikum zum Nachdenken, indem man es narrativ gewissermaßen immer wieder darauf anlegt, die Betrachter auf dem falschen Fuß zu erwischen. Der Film ist vom Erzählstil her selbst für das hoch ambitionierte, vor komplexen Problemstellungen keineswegs zurückschreckende italienische Politkino dieses Jahrzehnts eher ungewöhnlich und ähnelt dem US-Vorbild „Zeuge einer Verschwörung“, hinsichtlich der Art wie die Geschichte vermittelt wird, stärker als anderen mir bisher bekannt gewordenen italienischen Politthrillern der damaligen Zeit.

Wo der Kommunismus kein Dämon ist

Was hingegen typisch italienisches 70er-Kino ist, ist der recht weltoffene Umgang mit den verschiedensten politischen Strömungen und das stete Bemühen um eine differenzierte Betrachtung von Parteien und politischen Faktoren jeder Richtung. Es kann einen nachdenklich stimmen, wenn man sich vor Augen führt, wie angenehm vorbehaltlos hier beispielsweise mit der Kommunistischen Partei umgegangen wird, und dann feststellt, dass wir im heutigen Kino wahrscheinlich mehr Dogmen, Tabuisierungen und Zwängen unterliegen als damals. Da gibt es tatsächlich eine Szene, in der der Inspektor Informationen an die Kommunisten weiterzugeben versucht, um einen politischen Umsturz zu verhindern – und nicht etwa, um einen herbeizuführen. Und dies wird dann auch noch von wirklich sehr, sehr großen Stars wie Lino Ventura, Max von Sydow und Charles Vanel flankiert, die selbst für das damalige italienische Genrekino mit seinen vielen Gaststars zur besonders hohen Güteklasse zählen. Man stelle sich vor, man würde heute einen Film drehen, in dem Weltstars mit Kommunisten kooperieren. Das Geschrei wäre groß. Womit wir wieder beim Thema Panikmache sind – nur auf eine andere Art und Weise.

Der Franzose aus Parma

Enttäuschend stimmt „Die Macht und ihr Preis“ letztlich nur hinsichtlich eines nahezu unerklärlich scheinenden Aspekts, für den er selbst am wenigsten kann. Man fragt sich angesichts dieses starken Films unweigerlich, warum der in Parma geborene und schon als Kind nach Frankreich emigrierte Lino Ventura darüber hinaus so gut wie gar nicht in unter italienischer Federführung entstandenen Produktionen in Erscheinung getreten ist, obwohl er für den damaligen italienischen Polizei- und Politthriller aber auch für den Giallo – wie man beispielsweise anhand seines Auftritts in „Der Schrecken der Medusa“ (1978) erahnen kann – als Inspektor und Kommissar eigentlich wie geschaffen war. Man war im 60er- und 70er-Italokino nun wirklich sehr bemüht darum, internationale Stars zu gewinnen und realisierte gerade mit Frankreich in den 70ern auch diverse Ko-Produktionen, darunter etliche vor brisantem politischem Hintergrund. Es wurde auch ein gewisser Wert darauf gelegt, Schauspieler mit familiären italienischen Wurzeln, die in anderen Ländern lebten, in italienische Produktionen zu holen, wie beispielsweise Tony Musante, Al Lettieri und Tony Lo Bianco. Was Lino Ventura betrifft, bleibt aber eigentlich nur der Blick auf „Die Macht und ihr Preis“ mit einem lachenden und einem weinenden Auge, da es weitestgehend rätselhaft ist, warum man aus dieser inhaltlich wirklich glücklichen Konstellation „Ventura und das italienische 70er-Kino“ nicht viel mehr gemacht hat als diesen einen großen Film.

In Italien und Spanien gibt es „Die Macht und ihr Preis“ auf DVD, in Deutschland zwar eine sehr gute Kinosynchronisation und diverse speziell Ventura gewidmete DVD-Boxen mit anderen Produktionen, dennoch bisher allerdings keine DVD-Veröffentlichung genau dieses Films. Es ist einer, dessen Fehlen in den DVD-Regalen ganz besonders unverhältnismäßig wirkt – bei dem Regisseur, dieser Brisanz, diesen Ambitionen und dieser Besetzung. Zur deutschen Ehrenrettung kann man sagen, dass der Politthriller ausgerechnet auch in Frankreich, trotz der diversen französischen Schauspieler im Cast, immer noch nicht veröffentlicht wurde. Wirklich besser macht dieser Umstand das Versäumnis aber nicht.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lino Ventura sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (Italien): 12. März 2003 als DVD

Länge: 120 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Cadaveri eccellenti
IT/F 1976
Regie: Francesco Rosi
Drehbuch: Tonino Guerra, Lino Iannuzzi & Francesco Rosi, nach einem Roman von Leonardo Sciascia
Besetzung: Lino Ventura, Luigi Pistilli, Fernando Rey, Max von Sydow, Tino Carraro, Renato Salvatori, Alain Cuny, Charles Vanel, Marcel Bozzuffi, Corrado Gaipa
Verleih: United Artists Europa

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

Advertisements
 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Eine Antwort zu “Die Macht und ihr Preis – Ein Film, der vom Staat angeklagt wurde

  1. TomHorn

    2018/06/24 at 16:52

    Toller Film, vor einiger Zeit auch erst wieder gesehen. Eine DVD ist schon lange überfällig. Es wäre echt schön, wenn ich nicht immer meine alte Aufzeichnung von Premiere rauskramen müsste, um den zu sehen.

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: