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Die nackten Vampire – Die überlegene Spezies

05 Jul

La vampire nue

Von Andreas Eckenfels

Horror // Nach „Sexual-Terror der entfesselten Vampire“ entführt uns Wicked-Vision Media mit dem zweiten Beitrag der „Jean Rollin Collection“ erneut in die bizarre und bunte Welt des französischen Kultregisseurs. Und bunt ist in diesem Fall durchaus wörtlich zu nehmen: Rollins zweiter Spielfilm nach „Die Vergewaltigung des Vampirs“ („Le viol du vampire“, 1968) war gleichzeitig auch sein erster Farbfilm – und in der neuen HD-Neuabtastung des Original-Kamera-Negativs erstrahlt er in schönstem Glanz.

Mysteriöse Frau auf der Flucht

Des Nachts begegnet Pierre Radamante (Olivier Rollin) einer mysteriösen Fremden (Caroline Cartier). Die Frau ist nur mit einem langen, orangefarbenen Tuch bekleidet und offensichtlich auf der Flucht. Ihre Häscher tragen große Tiermasken auf dem Kopf und sind ihr schon bedrohlich nah. Ein Schuss fällt. Pierre kann die Frau nicht retten. Die Männer tragen die Tote in ein herrschaftliches Anwesen. Der Besitzer erweist sich ausgerechnet als Pierres Vater Georges (Maurice Lemaître), der ihn aber nicht in seine dunklen Machenschaften einweihen will. Bei seinen Nachforschungen findet der Sohn heraus, dass in dem Schloss regelmäßig Treffen eines Selbstmordkults stattfinden. Pierre gelingt es, an einem Ritual teilzunehmen. Eine Auserwählte schießt sich vor allen anderen eine Kugel in den Kopf. Kurz darauf traut Pierre seinen Augen nicht: Die totgeglaubte Frau aus der vergangenen Nacht lebt – und trinkt das Blut der Selbstmörderin.

Gut gegen Böse

Laut eigenen Worten wollte Rollin mit „Die nackten Vampire“ ein „Mysterium“ erschaffen. Das gelingt ihm ohne Frage mit seiner surrealistischen Bildsprache: intensiver Farbrausch, bizarre Kostüme und theatralische Sets. Erstmals arbeitete der Franzose mit Kameramann Jean-Jacques Renon zusammen, der die Visionen des Regisseurs gekonnt umsetzte. Viele weitere Kollaborationen folgten. Das Gezeigte wird zeitweise von einem wilden Free-Jazz-Soundtrack untermalt, welcher zur besonderen, fast psychedelischen Stimmung beiträgt.

Pierre geht dem Geheimnis der Fremden auf den Grund

Anders als in Rollins späteren Werken ist die Geschichte recht linear erzählt. Auf der einen Seite stehen die Menschen, die sich nach dem ewigen Leben sehnen und damit auch nach ewiger Macht streben. Auf der anderen Seite stehen die Vampire, die bereits auf einer höheren Stufe angelangt sind. Sie sind Mutanten, denen Kruzifixe sowie Sonnenlicht nichts anhaben können und die in Frieden leben wollen. Bei Rollin gibt es also keine Blutsauger im klassischen Sinne. Die Vampire sind bei ihm die Guten, die Menschen die Bösen, die sich übereilig durch künstliche Experimente auf eine Ebene mit der ihnen überlegenen Spezies stellen wollen.

Faszination von Schönheit

Für einen Vampirfilm ungewöhnlich: Der Blutgehalt tendiert gegen Null. Dafür wird das andere Versprechen des Titels eingelöst: Wie üblich bei Rollin geizen seine hübschen Darstellerinnen nicht mit nackter Haut, weshalb seine Filme meist irrtümlich mit dem Label Vampir-Sex-Trash abgestempelt werden. Nicht ganz unschuldig daran ist wieder einmal der deutsche Verleih gewesen, der für die Bahnhofkinos den reißerischen Alternativtitel „Das Lustschloss der grausamen Vampire“ texten ließ. Doch es geht Rollin nicht um die plumpe Zurschaustellung von Nacktheit. Auch wenn die Kamera immer wieder lange Zeit sanft an den blanken Brüsten und Schenkeln der weiblichen Figuren entlanggleitet, steht dabei wie im gesamten Film immer das sinnhafte Erleben und die Faszination von Schönheit in all ihren Facetten im Vordergrund.

Pierres Vater Georges (M.) betreibt dunkle Machenschaften

Die Filme der „Jean Rollin Collection“ von Wicked-Vision Media haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt.

Die neuen Vampire fürchten sich nicht vor Kruzifixen und Sonnenlicht

Veröffentlichung: 16. Dezember 2016 als 2-Disc Limited Collector’s Edition (Blu-ray und DVD) im Mediabook (Auflagen: Cover A 666 Exemplare, Cover B 666 Exemplare)

Länge: 85 Min. (Blu-ray), 81 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Deutscher Alternativtitel: Das Lustschloss der grausamen Vampire
Originaltitel: La vampire nue
F 1970
Regie: Jean Rollin
Drehbuch: Jean Rollin, Serge Moati
Besetzung: Olivier Rollin (als Olivier Martin), Caroline Cartier (als Christine François), Maurice Lemaître, Bernard Musson, Jean Aron, Ursule Pauly, Catherine Castel (als Cathy Tricot), Marie-Pierre Castel (als Pony Tricot), Michel Delahaye
Zusatzmaterial: 24-seitiges Booklet mit Texten von Pelle Felsch („La Poésie Phantastique – Das sinnliche Kino des Jean Rolin Teil 2“) und Leonhard Elias Lemke („Vampire sind die besseren Menschen“), Einleitung von Jean Rollin, Feaurettes: „Erinnerungen – Im Gespräch mit Jean Rollin“, „Die Passage der nackten Vampire“, deutscher Trailer, französische Trailer, englischer Trailer, alternativer deutscher Trailer, alternativer Vorspann, Bildergalerie
Label: Wicked-Vision Media / donau film
Vertrieb: NSM Records

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & Packshots: © 2016 Wicked-Vision Media / donau film

 

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