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Der Hund von Baskerville – Da hätte mehr draus werden können

10 Jul

The Hound of the Baskervilles

Von Ansgar Skulme

Krimi // Sherlock Holmes (Stewart Granger) wird von dem Testamentsvollstrecker Dr. Mortimer (Anthony Zerbe) beauftragt, Sir Henry Baskerville (Ian Ireland) zu beschützen. Dieser ist eigens nach Großbritannien gereist, um ein Erbe anzutreten, doch offenbar will ihm ein Neider einen Strich durch die Rechnung machen. Schon beim Tod des letzten Baskervilles scheint nicht alles mit rechten Dingen zugegangen zu sein – und nicht nur bei diesem. Im Moor treibt angeblich schon seit etwa 150 Jahren ein blutrünstiger Hund sein Unwesen – von einem Fluch ist die Rede, der auf der Baskerville-Familie laste. Mit Hilfe seines treuen Gefährten Dr. Watson (Bernard Fox) nimmt Holmes die wenigen Menschen in und um Baskerville Hall genauer unter die Lupe.

Holmes (r.) und Watson nehmen die Ermittlungen auf

Sir Arthur Conan Doyles Roman „Der Hund von Baskerville“ wurde derart häufig verfilmt, dass man sich selbst als hartgesottener und kulanter Freund von Kriminalfilmen wie ich irgendwann die Frage stellen muss, was das eigentlich noch bringen soll. Wenn jede Generation konstant zumindest eine filmische Neuauflage eines (literarischen) Stoffes produziert, ist das schon ungewöhnlich, beim „Hund von Baskerville“ allerdings kann man getrost von mehr als einer Adaption pro Generation seit 100 Jahren sprechen. Ein Umstand, der in dieser immensen Form seinesgleichen sucht. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass es zwar zugegebenermaßen nur wenige Holmes-Geschichten gibt, die als Romane klassifiziert werden, dafür allerdings umso mehr als Erzählungen eingeordnete Geschichten mit dem berühmten Detektiv – und wenn man außerdem beachtet, dass zudem prinzipiell die Möglichkeit bestand, ganz neue Holmes-Geschichten für Filme und Serien zu erschaffen. Nichtsdestotrotz schickte man bis ins neue Jahrtausend hinein immer und immer wieder den „Hund von Baskerville“ ins Feld. Egal, ob es nun darum geht, einfach nur einzeln für sich stehende Holmes-Filme auszukoppeln oder aber neue Reihen mit neuen Holmes-Darstellern zu starten – der „Hund von Baskerville“ wird bis heute immer wieder gern losgelassen. Woher in diesem Zusammenhang der Glaube stammt, als Start einer neuen Holmes-Serie ausgerechnet mit dieser Geschichte noch begeisterungswilliges Publikum hinter dem Ofen hervorzulocken, ist rätselhaft. Das Ganze verhält sich in etwa so, als würde man jedem neuen James-Bond-Darsteller spätestens im dritten Film immer wieder eine „Goldfinger“-Verfilmung aufdrücken, obwohl eigentlich doch jeder weiß, dass es nie wieder so wie mit Gert Fröbe werden würde.

Pläne, die Pläne blieben

Innerhalb so einer Masse an Produktionen darf und muss es durchaus schwerfallen, noch Alleinstellungsmerkmale zu generieren. Der vorliegende Film kommt in dieser Kategorie aber zumindest ganz gut weg, da er als erste US-Version des Stoffs in Farbe in die Geschichte eingegangen ist, obwohl es sich nicht um einen Kinofilm, sondern eine TV-Adaption handelt. Angedacht war eigentlich eine Reihe von mehreren Geschichten um Holmes sowie um die in den USA ebenfalls aus der Literatur bekannten, hierzulande aber weniger geläufigen Spürnasen Hildegarde Withers und Nick Carter. Diese sollten sich innerhalb der Reihe in etwa von Episode zu Episode mit Holmes abwechseln. So erklärt sich auch, warum im Vorspann bei einigen Schauspielern, wie in TV-Serien üblich, von „Gaststars“ die Rede ist, was bei einem für sich allein stehenden Film eigentlich wenig Sinn ergibt und sofort auf die ursprünglichen Pläne hinter diesem Projekt schließen lässt. Schlechte Kritiken und Einschaltquoten stoppten das Vorhaben – die Ermittler durften nach der Pilotphase des Projekts keine weiteren Fälle lösen.

Mit angeblichen Schwächen charmant

Beim Dreh von „Der Hund von Baskerville“ wurden einige für andere Filme erbaute Sets genutzt, schwerpunktartig dem Horrorgenre entstammend. Das macht den Streifen angenehm nostalgisch, im positiven Sinne altmodisch, führte aber auch dazu, dass eine recht altbackene, unspektakuläre Inszenierung angemahnt wurde. Man muss dieser Produktion zugutehalten, dass das Ganze immer wieder ein wenig nach 40er-Jahre in bester Universal-Kinogruseltradition aussieht – passend dazu, dass es sich um eine Universal-Fernsehproduktion handelt. Da trägt unter anderem die für die 70er doch recht mutige Verwendung von Studio-Kulissen für Außenaufnahmen, im Stile der ganz alten Schule, ihren Teil bei. Die Tatsache, dass Barry Crane ein lupenreiner, als solcher aber verdienstvoller TV-Regisseur bleiben sollte, der kaum abendfüllende Filme und erst recht nichts fürs Kino drehte, schlägt sich ästhetisch in jedem Falle nicht negativ nieder; unabhängig davon, wie man den altmodischen Inszenierungsansatz ansonsten finden mag. Filme aus den 70ern, 80ern oder 90ern, die es schafften, ein Flair des 30er-, 40er- oder 50er-Kinos punktuell relativ authentisch zu reproduzieren, habe ich nur wenige gesehen. Da kann man diesen „Hund von Baskerville“ schon als positiven Ausnahmefall werten. Neben seiner stabilen Karriere als Fernsehregisseur verfolgte Crane übrigens eine noch deutlich spektakulärere Laufbahn im Bridge. Er gilt bis heute als einer der erfolgreichsten und als der wohl am höchsten mit Titeln dekorierte Bridge-Spieler aller Zeiten. 1985 wurde er unter nach wie vor ungeklärten Umständen ermordet.

Der unterschätzte Stewart Granger

Eine Besonderheit dieses Films ist zudem, dass als Holmes ein Schauspieler besetzt wurde, der schon zum Zeitpunkt des Drehs – und noch dazu seit mehr als zwei Jahrzehnten – ein Star war und nicht erst dadurch größere Bekanntheit erlangte, dass er die Rolle des Sherlock Holmes übernahm. Obendrein ausgerechnet Stewart Granger – ein Darsteller, der gern einmal auf Oberflächlichkeiten reduziert wird, bei genauerer Betrachtung aber in so ziemlich jeder seiner Rollen zu überzeugen und gefallen wusste, auch wenn er oft ähnliche Typen spielte. Schien es noch so offensichtlich zu sein, dass er eine Rolle nur des Geldes wegen angenommen hatte, gelang es Granger trotzdem konsequent, mit Charisma, Spielfreude und gegebenenfalls auch viel Selbstironie zu überzeugen. Er war sicherlich auf unnatürlich strahlende Helden abonniert, in dieser Sparte aber auch so gut, dass er dahingehend zu den würdigsten Nachfolgern von Errol Flynn gehörte. Man nimmt ihm in „Der Hund von Baskerville“ allerdings auch den clever kombinierenden Holmes ab, selbst dann, wenn er sich kurios verkleidet. Zudem verleiht er Holmes eine witzige, etwas selbstverliebte Note, wenn er anfängt, seine Helfer herumzukommandieren und Aufgaben an sie zu verteilen. Das Gespann mit Granger als Holmes und Bernard Fox als Dr. Watson hatte Potenzial und es ist schon allein um ihretwillen schade, dass es bei diesem einen Film geblieben ist.

Poch, poch! Dr. Mortimer (l.) auf frischer Tat ertappt?

Was die Macher allerdings geritten hat, William Shatners Rolle derart klein zu halten, steht auf einem anderen Blatt. Da kann man es irgendwie sogar nachvollziehen, dass Shatners Stammsynchronsprecher aus „Raumschiff Enterprise“ in der deutschen Fassung für Stewart Granger besetzt wurde. Shatner hat einfach zu wenig Dialog dafür, dass dieser Bruch wirklich negativ auffallen würde. Die Synchronisation entstand zwar erst in den 80er-Jahren, dennoch hätte Gert Günther Hoffmann hier sicherlich auch noch als Stimme des als Star-Trek-„Captain Kirk“ berühmt gewordenen Schauspielers funktioniert. Während sich die Macher der Synchronfassung aber womöglich dachten: „Wenn ich Hoffmann schon habe, lasse ich ihn nicht nur ein paar Sätze sprechen“, hatten sich das die Produzenten des Films in Bezug auf Shatner offenbar nicht gedacht. Auch andere Nebendarsteller wie der außergewöhnliche Anthony Zerbe und der insbesondere aus dem Hitchcock-Film „Bei Anruf Mord“ bekannte John Williams – nicht zu verwechseln mit dem weltberühmten Komponisten, aber immerhin der zweitbekannteste Filmschaffende dieses Namens – werden unschön verheizt. Der Film hätte unbedingt 15 oder 20 Minuten länger sein müssen, um seinen Schauspielern genügend Raum zu geben. Wenn man den „Hund von Baskerville“ schon zum x-ten Mal auflegt, lohnt es sich dann auch nicht, ausgerechnet an dieser Stelle zu sparen. Vor allem wenn man Charakterköpfe wie Shatner, Zerbe und Williams im Boot hat.

Mission: Possible

Pidax hat es sich offenkundig zur Aufgabe gemacht, auf unserem heimischen DVD-Markt fehlende Filme und Serien mit berühmten Ermittlern aus der Literatur und dem Kino, deren Abenteuer im Zuge von Leinwanderfolgen in aller Regel früher oder später auch im TV in Serie gingen, nach und nach herauszubringen. Das Bestreben, Stück für Stück verstreute Produktionen, die bei unterschiedlichen Rechtegebern liegen, unter einem Dach zu vereinen, so dass man als Fan unproblematisch Zugriff auf mehr und mehr Filme mit beispielsweise Sherlock Holmes, Kommissar Maigret, Paul Temple, Charlie Chan oder auch diverse im Geiste von Edgar Wallace entstandene Produktionen bekommt, ist aller Ehren wert. Hier wird sogar noch Geld in die Hand genommen, um derartige Filme, falls nötig, neu synchronisieren zu lassen, wenn keine Synchronfassung existiert oder nicht mehr aufzutreiben ist – und darauf geachtet, dass diese Synchronisationen nicht aus Spargründen qualitativ völlig daneben gehen, was man beileibe nicht von allen Neusynchronisationen behaupten kann, die in den vergangenen 10 bis 15 Jahren auf dem deutschen DVD-Markt das Licht der Welt erblickt haben. Es gibt nicht viele deutsche DVD-Labels, die den Ansinnen von sogenannten „Collector’s Editions“ im Wortsinn jemals so gerecht geworden sind wie Pidax bei seinem Umgang mit Filmen und Serien, die sich um klassische Spürnasen drehen. Im Hause Pidax wird engagiert recherchiert, gesammelt und zusammengestellt, kein „Einzelfall“ unter den Tisch fallen gelassen. An Veröffentlichungen wie „Der Hund von Baskerville“ wird klar: Entscheidend ist nicht immer unbedingt der Umfang des Bonusmaterials, sondern durchaus auch mal Faktoren wie, dass man sich als Fan so, dank Pidax, eben nicht mehr in fünf bis zehn Ländern auf den DVD- und TV-Märkten umsehen muss, um irgendwann mal eine einigermaßen vollständige Holmes- oder Maigret-Sammlung zu haben, weil stattdessen die fundierte Arbeit des Labels große Teile des Aufwands abdeckt.

Stapleton bleibt undurchsichtig

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Stewart Granger und William Shatner haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 13. Juli 2018 als DVD

Länge: 69 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Hound of the Baskervilles
USA 1972
Regie: Barry Crane
Drehbuch: Robert E. Thompson, nach einem Roman von Sir Arthur Conan Doyle
Besetzung: Stewart Granger, Bernard Fox, William Shatner, Anthony Zerbe, Sally Ann Howes, Jane Merrow, Ian Ireland, John Williams, Alan Caillou, Brendan Dillon
Zusatzmaterial: keins
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Ansgar Skulme

Sir Henry (2. v. l.) hat weitaus mehr Probleme als nur den Hund von Baskerville

Fotos & Packshot: © 2018 Al!ve AG / Pidax Film

 
 

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Eine Antwort zu “Der Hund von Baskerville – Da hätte mehr draus werden können

  1. Dr. Nick

    2022/07/05 at 09:35

    Ich mag auch diese Filme mit dem nostalgischen Flair, deshalb ist vermutlich auch der Baskerville-Stoff so oft verfilmt worden, mit all den alten Herrenhaus-Szenen und denen im Moor… mir und wohl vielen meiner Generation gefällt sowas. Vor allem, wenn auch noch das Moor im Studio entstand. Übrigens: der Mord an Barry Crane ist inzwischen aufgeklärt.

     

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