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I’m a Cyborg, But That’s OK – Entwickle dich weiter, aber bleib, wer du bist!

15 Jul

Ssa-i-bo-geu-ji-man-gwen-chan-a

Von Volker Schönenberger

Tragikomödie // Gibt es eine Bezeichnung für den Irrglauben, sich für einen Cyborg zu halten? Mir ist keine bekannt. Gibt es diese Wahnvorstellung überhaupt im wirklichen Leben? Durchaus denkbar angesichts des Einflusses der Science-Fiction in Literatur und modernen Medien, wo die Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine seit jeher in Erscheinung treten. Als Beispiele seien nur „RoboCop“ (1987), „Universal Soldier“ (1992) und „Ghost in the Shell“ (1995) genannt.

Von der Fabrik verschlägt es Young-goon …

Also: Kann sich jemand tatsächlich einbilden, ein Cyborg zu sein? In Park Chan-wooks („Die Taschendiebin“) 2006er-Regiearbeit „I’m a Cyborg, But That’s OK“ ist es Young-goon (Lim Soo-jung, „A Tale of Two Sisters – Der Fluch der zwei Schwestern“), die der Wahnvorstellung erliegt. Sie verweigert die Nahrungsaufnahme und versucht, Energie aus Steckdosen und Batterien in ihren Körper zu laden. Das kostet sie den Job in der Fabrik, in der sie Radiogeräte zusammengebaut hat, und bringt die junge Frau schnurstracks in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung. Dort verkennt man ihren Zustand, weil sie ihr kleines Geheimnis niemandem außer ihrer Mutter (Lee Yong-nyeo) offenbart hat. Young-goons Versuch, an ihren Pulsadern ein Stromkabel anzuschließen, wird fälschlicherweise als Selbstmordversuch interpretiert.

Der Meisterdieb mit der Maske

Ihre Mitpatienten sind nicht minder wirr im Kopf, etwa der selbsternannte Meisterdieb Il-sun (Rain), der gern mit Maske herumläuft und sich einbildet, seinen Mitmenschen Charakterzüge stehlen zu können. Zwischen den beiden entsteht ein unsichtbares Band, doch derweil verschlechtert sich Young-goons Zustand, weil sie nach wie vor keine Nahrung aufnehmen mag.

… in die Psychiatrie

Wer Park Chan-wook („Stoker – Die Unschuld endet“) in erster Linie mit seiner Rachetrilogie um das fulminante Kernelement „Oldboy“ (2003) verbindet, wird sich wundern, welch sanfte Töne der koreanische Ausnahmeregisseur anschlagen kann. Sein mit bunten Bildern voll surrealer Extravaganz angereichertes Psychiatrie-Sujet ist ein Hohelied auf Empathie und Toleranz. Jemand hält sich für ein Mischwesen? Ist doch okay, sofern man es hinbekommt, dass die Person nicht am Hungertod stirbt, weil Elektrizität nun mal keine Nahrung darstellt.

Von Leichtfüßigkeit zur Schwermut

Park Chan-wook visualisiert die Einbildung seiner Protagonistin mit fantasievollen Motiven, etwa wenn er ihre Arme zu Maschinengewehrläufen umfunktioniert, mit denen die junge Frau das Pflegepersonal niedermäht – nun gut, so ganz ohne Gewalt kann er offenbar doch nicht. An Milos Formans Psychiatrie-Meisterwerk „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975) kommt „I’m a Cyborg, But That’s OK“ nicht heran, aber der Ansatz ist auch ein anderer. Chan-wooks Inszenierung wirkt phasenweise leichtfüßig, dann wieder erhält der Film eine Schwere bis hin zu kurzzeitigem Schwermut, wobei der Regisseur existenzielle Fragen aufwirft, ohne eine Antwort mitzuliefern. Das muss aber auch nicht seine Aufgabe sein. Kostet es die Identität, wenn man den Verstand verliert?

Dort freundet sie sich mit Il-sun an

K-Pop-Star Rain kommt die Rolle als Retter zu, der Young-goons Wahn aufnimmt und mit viel Respekt nicht etwa zu heilen versucht, sondern ihn kanalisiert, um ihr Überleben zu ermöglichen. Auch andere Patienten profitieren von seinen Fähigkeiten als Dieb, aber diese kleinen, feinen Details seien hier ausgespart. Erlebt sie selbst! „I’m a Cyborg, But That’s OK“ ist es wert – ein ungewöhnlicher Bestandteil von Park Chan-wooks Filmografie, aber dann auch wieder nicht, weil das an sich für jede seiner Regiearbeiten gilt.

Erst der Film, dann das Booklet

Für weitere interpretatorische Ansätze empfiehlt sich die Lektüre von Marco Heiters langem Text im Booklet des Mediabooks von capelight pictures. Jedoch rate ich dringend dazu, erst den Film zu schauen und dann das Booklet zu lesen. Wie üblich, ist das Mediabook mit Blu-ray und DVD inklusive reichlich Bonusmaterial qualitativ über Zweifel erhaben. Angesichts der Masse an 30-Euro-Repacks, die den Mediabook-Markt überschwemmen, kann nur immer wieder herausgestellt werden, dass es möglich ist, sogfältig produzierte Editionen für unter 20 Euro in den Handel zu bringen. Ob Filmsammler, die „I’m a Cyborg, But That’s OK“ bereits als DVD im Regal stehen haben, nun unbedingt zur HD-Premiere greifen müssen, sei ihrem eigenen Sammlerwahn überlassen. Gibt es dafür eigentlich ein Wort?

Der zeigt sich gern maskiert

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Park Chan-wook sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Der Heizungskeller wird zum Cyborg-OP

Veröffentlichung: 16. Juli 2018 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD) und DVD, 20. Januar 2012, 22. Mai 2009, 23. Januar 2009 und 17. Januar 2008 als DVD

Länge: 107 Min. (Blu-ray), 103 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Ssa-i-bo-geu-ji-man-gwen-chan-a
KOR 2006
Regie: Park Chan-wook
Drehbuch: Jeong Seo-kyeong, Park Chan-wook
Besetzung: Lim Soo-jung, Rain, Choi Hee-jin, Kim Byeong-ok, Lee Yong-nyeo, Oh Dal-su, Yu Ho-jeong,
Zusatzmaterial Mediabook: „Kein Mitgefühl“ (Interview mit Park Chan-wook), „Keine Traurigkeit“ (Making-of), „Keine Sehnsucht“ (Interview mit Lim Soo-jung und Jung Ji-hoon), „Kein Hinauszögern wichtiger Dinge“ (Die Viper Digitalkamera), „Keine sinnlose Tagträumerei“ (Crew-Interviews), „Keine Schuldgefühle“ (entfallene und alternative Szenen), „Keine Dankbarkeit“ („I’m a Cyborg, But That’s OK“ auf der Berlinale), Director’s Choice: Kurzfilm „2 Minutes“, Musikvideo, Original Kinotrailer, Teaser, TV-Spots, 24-seitiges Booklet
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2018 capelight pictures

 

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