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Töte alle und kehr allein zurück – Dann geht doch einfach alle sterben!

18 Jul

Ammazzali tutti e torna solo

Von Ansgar Skulme

Western // Clyde McKay (Chuck Connors) wird während des Amerikanischen Bürgerkriegs von der Südstaaten-Armee beauftragt, mit einer Bande von Halsabschneidern einen Goldvorrat aus einem Fort der Nordstaatler zu stehlen. Schnell jedoch zeigt sich, dass Captain Lynch (Frank Wolff) der brutalen Truppe offenbar nicht vertraut und sich deswegen an die Fersen des dreckigen halben Dutzends heftet. So werden aus der sechsköpfigen Armee schließlich sieben. Zunächst scheint alles nach Plan zu verlaufen, doch ist auf ein Rudel von Mördern, die sich alle selbst die Nächsten sind, wirklich Verlass?

Kein Überleben ohne Feuerschutz

John Sturges’ Western-Meilenstein „Die glorreichen Sieben“ (1960) sorgte schnell für eine Reihe von Filmen, die inspiriert von dieser Vorlage ebenfalls ein Team von etwa sieben Mannen zur Erfüllung einer beinahe aussichtslos scheinenden Mission in den Wilden Westen aufbrechen ließen. Nicht nur in Hollywood, sondern ab Mitte der 60er ebenso im Italowestern – dort dann mit Vorliebe für dreckigere, fragwürdigere Helden. „Töte alle und kehr allein zurück“ ist unter diesen Filmen so etwas wie der krasseste Gegenentwurf zum Original, da die Helden hier durch die Bank nicht einmal ansatzweise Edelmänner, sondern alles andere als liebenswürdige Verbrecher sind und das Motiv schlichtweg nur Geld ist – anstelle des ehrenwerten Vorsatzes, armen mexikanischen Bauern zu helfen.

Konzept mit Risiko

Ästhetisch kann man dem Film kaum Vorwürfe machen. Enzo G. Castellari war seinerzeit ein junger, motiviert aufstrebender Regisseur, der während der Produktion gerade einmal seinen 30. Geburtstag feierte. Es ist offensichtlich, wie viel Freude ihm dieses Genre bereitete und dass er viel von seinen älteren Kollegen – unter anderem während seiner Tätigkeiten als Regie-Assistent – gelernt hatte. Der freche, bemerkenswert konsequent durchgezogene Verzicht auf Frauenrollen als Steigerung des ohnehin sehr ausschweifenden Harte-Männer-Gehabes in dieser Geschichte, gibt dem Film dazu eine dreiste, auf die Spitze treibende Note. Das passt gut zum oft provokanten Charakter des immer wieder Extreme und Grenzen auslotenden Italowesterns. Das sehr lange Intro mit ungewöhnlich späten Einblendungen von Titel und Darstellernamen verdient zudem das Prädikat „visionär cool“. Musikalisch ist der Film zumindest solider Western-Durchschnitt, mit einer schönen Titelmelodie. Kurzum: Selbst für eine einmalige Sichtung lohnt sich der Kauf der Blu-ray oder DVD in jedem Falle. „Töte alle und kehr allein zurück“ sollte man gesehen haben, wenn man das Genre Western schätzt.

Schwere Geschütze gegen die zahlenmäßig Überlegenen

Die größte Schwachstelle des Films ist ausgerechnet unmittelbar im Konzept der Erzählung verankert: Aufgrund der Tatsache, dass hier durchweg Figuren am Werke sind, die gewissermaßen die Definition des Begriffes „Anti-Held“ im ganz strengen Wortsinn darstellen, fällt es ziemlich schwer, sich trotz der Vielzahl an Protagonisten in irgendeiner Form mit der Geschichte oder ihren Personen zu identifizieren. Im Grunde genommen ist es einem schnell recht egal, welches Schicksal die Bande erleiden wird und das tut dem Spannungsgehalt Abbruch. Die Charaktere sind alle sieben dermaßen unsympathisch, dass man ihnen jeglichen Erfolg ganz einfach nicht gönnt. Sollen sie doch sterben – es wäre kein Verlust. Ein Phänomen, das ich in dieser extremen Form bisher bei keinem anderen Film festgestellt habe, der sich im Fahrwasser von „Die glorreichen Sieben“ bewegt, obwohl es etliche weitere Filme dieser Art gibt, deren Hauptfiguren überwiegend oder gänzlich aus einem üblen, kriminellen Hintergrund hervorgehen – im Bereich Italowestern sowieso.

Die wenig glorreichen Sieben

Bestärkt wird diese unglückliche Konstellation dadurch, dass das Team schauspielerisch nicht überzeugt. Und das ist auch kein Wunder, da Alberto Dell’Acqua und Giovanni Cianfriglia alias Ken Wood eigentlich Stuntmen waren und es sich bei Hércules Cortés um einen Wrestler handelte. Dazu dann noch die überraschend klein gehaltene Rolle von Franco Citti, der sein Filmdebüt wohlgemerkt als Hauptdarsteller unter der Regie von Pier Paolo Pasolini gegeben hatte – in „Accattone – Wer nie sein Brot mit Tränen aß“ (1961). Und ein Frank Wolff, für den das Drehbuch leider nur ein paar überkandidelte Momente anstelle wirklich guter Einfälle parat hat. Wolff zählt seit langem zu meinen absoluten Lieblingsschauspielern und es ist schon fast ein Kunststück, wenn ein Film so danebenschießt, dass nicht einmal er zumindest für mich irgendwie das Ruder herumreißen kann. Den Eindruck, dass sich dieser Film sehr sonderbar anfühlt, hatte ich auch schon vor vielen Jahren, als ich „Töte alle und kehr allein zurück“ das erste Mal gesehen habe. Nach so langer Zeit hatte ich gehofft, dass sich mir nun ein anderes Bild aufzeigen würde. Aber leider bestätigten sich meine dunklen Erinnerungen an die frühere Sichtung.

McKays Schergen mögen kurze Prozesse

Das Ganze ist besonders ärgerlich, weil von vornherein große Töne über die Figuren gespuckt werden, wie übel und gefährlich sie ja angeblich sind, dass sie mehr draufhaben als eine ganze Armee – und dergleichen mehr. Der Film gibt hier in der ersten Viertelstunde viele Lippenbekenntnisse ab – um nicht zu sagen, dass herumgeprotzt wird als würde jemand laut den Motor seines tiefergelegten Autos aufheulen lassen. McKay preist seine Mitstreiter an als seien sie der letzte Schrei, während man sie gleichzeitig aber nur in durchschnittlichen Bildern sieht und sich denkt: „Okay, da kommt ja dann sicher später noch was, das zu den Aussagen passt!“ – kommt aber nicht. Unter dem Strich bestätigt sich im Verlauf der Handlung die Weisheit, dass Worten eben auch Taten folgen sollten. Statt die individuelle Klasse seiner Figuren zu belegen, flüchtet sich der Film in überlang ausufernde Prügel- und Baller-Szenen, was immerhin dazu taugt festzustellen, dass selbst der Bienen kauende Chuck Norris gegen die schauspielerischen Qualitäten von Giovanni Cianfriglia wie ein Shakespeare-Darsteller wirkt und Hércules Cortés als bemühtes Bud-Spencer-Abziehbild im Riesenbaby-Look zumindest amüsant, aber nicht wirklich gefährlich daherkommt. Einzig die Darbietungen von Chuck Connors und Leo Anchóriz (in der Rolle des Dynamit-Experten Deker) erzeugen nicht den Effekt, dass man sich ständig denkt, dass es deutlich besser gegangen wäre – und Alberto Dell’Acqua kann man zumindest zusprechen, dass er so etwas wie Ausstrahlung besitzt. Im Großen und Ganzen fragt man sich aber, ob es nicht das beste für den Film gewesen wäre, hätte er einfach nach einer Dreiviertelstunde mit einem Cameo von beispielsweise Lee Van Cleef geendet – nur dem Zweck dienend, die Bande endlich der Reihe nach über den Jordan zu schicken. Chuck Connors hätte einen besseren, überzeugenderen Film als Lohn für diesen einmaligen Abstecher ins italienische Genrekino der 60er und 70er verdient gehabt.

Einer, der noch fehlte

Allein Bud Spencer hat mit „Heute ich, morgen du!“ (1968), „Die fünf Gefürchteten“ (1969) und „Sie verkaufen den Tod“ (1972) gleich drei Filme gedreht, die thematisch im Geiste von „Die glorreichen Sieben“ unterwegs und allesamt besser als „Töte alle und kehr allein zurück“ gelungen sind; insbesondere die beiden erstgenannten. Und diese stellen natürlich nur einen Teil des gesamten Feldes dar, von dem ich hier spreche. Unabhängig davon ist Enzo G. Castellaris Versuch, die Fußstapfen von John Sturges zu füllen, dennoch ein lang gesuchter Vertreter des Italowesterns, der einen gewissen Standard an Größe und Bekanntheit erfüllt. Viele Italowestern auf diesem Level, die es in Deutschland bis heute immer noch nicht auf DVD oder Blu-ray geschafft haben, finden sich mittlerweile nicht mehr. Der Italowestern ist bei uns, Labels wie Koch Films sei Dank, nunmehr ziemlich gut erschlossen, was die Vertreter dieses Genres angeht, die gemeinhin – ob berechtigt oder nicht – als wichtig gelten. Diese Veröffentlichung schließt daher eine der letzten größeren Lücken. Ermöglicht wurde dies unter anderem durch eine FSK-Neuprüfung, die eine Herabstufung auf eine 16er-Freigabe zur Folge hatte, nachdem der Film zuvor jahrzehntelang nur ab 18 zugelassen war. Bild- und Tonqualität der Edition sind ausgesprochen gut, obwohl die deutsche Version – mit einem ungewöhnlich und interessant in der Hauptrolle für Chuck Connors besetzten Wolfgang Hess – lange Zeit grundsätzlich nur schwer zu bekommen war. Was die Synchronfassung anbelangt, kann ich mich einzig mit Herbert Weicker als deutscher Stimme von Frank Wolff auch hier nicht anfreunden. Zwar ist dies nicht die einzige Italowestern-Rolle, in der Wolff eine gewisse verkappte Homosexualität seiner Figur andeutet, was im Angesicht der harten Männerfiguren gegenüber gut zu Provokationszwecken dient. Weickers Interpretation treibt das Ganze aber zu weit, wirkt selbst in „Exzess – Mord im schwarzen Cadillac“ recht oberflächlich, obwohl Wolff da sogar eine ganz offen homosexuelle Figur spielt. Ein guter, prägnanter Synchronsprecher, der Allgemeinheit vor allem als „Mr. Spock“ in „Raumschiff Enterprise“ bekannt, für Wolff allerdings so fehlbesetzt wie nur wenige andere.

Bogard kann vor lauter Muskeln kaum laufen

Das Bonusmaterial erfüllt durch Interviews mit Giovanni Cianfriglia und Alberto Dell’Acqua – die heute auch die einzigen beiden noch lebenden Mitglieder der siebenköpfigen Bande sind – alle Ansprüche, die man von Koch bei Extras gewohnt ist. Dazu ein als „Making-of“ ausgerufener, sich auf den vorliegenden Film beziehender Ausschnitt aus der Dokumentation „Western, Italian Style“ (1968). Diese entstand parallel zu den Dreharbeiten zu „Töte alle und kehr allein zurück“ und enthält daher sehenswertes Behind-the-Scenes-Material vom Film. Frank Wolff war einer der Initiatoren hinter dem Projekt und wirkte auch als aus dem Off zu hörender Erzähler mit. Ferner ist er in dem hier im Bonus enthaltenen Fragment der Doku auch in Szenen aus „Drei ausgekochte Halunken“ (1968) zu sehen, einer Italowestern-Komödie, in der er ebenfalls unter Castellaris Regie spielte.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Enzo G. Castellari sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Frank Wolff unter Schauspieler.

Begrüßungsrituale unter Widersachern

Veröffentlichung: 28. Juni 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 101 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Ammazzali tutti e torna solo
IT/SP 1968
Regie: Enzo G. Castellari
Drehbuch: Tito Carpi, Francesco Scardamaglia, Enzo G. Castellari, Joaquín Luis Romero Marchent
Besetzung: Chuck Connors, Frank Wolff, Leo Anchóriz, Franco Citti, Alberto Dell’Acqua, Hércules Cortés, Giovanni Cianfriglia, Furio Meniconi, Antonio Molino Rojo, John Bartha
Zusatzmaterial: Interviews mit Giovanni Cianfriglia & Alberto Dell’Acqua, Ausschnitt aus der Dokumentation „Western, Italian Style“, Kinotrailer, Bildergalerie
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2018 Koch Films

 

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