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Robert Mitchum (IV): Der Einzelgänger – Die glorreichen Sieben in einer Person

24 Jul

Man with the Gun

Von Ansgar Skulme

Western // Das beschauliche Städtchen Sheridan City wird von diversen Ganoven und Revolverhelden tyrannisiert und kontrolliert. Ihr Chef hält sich im Hintergrund und organisiert das Treiben; die Stadtbewohner haben ihn schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen, manche noch nie. In ihrer Verzweiflung wenden sie sich an Clint Tollinger (Robert Mitchum), dem der Ruf vorauseilt, schon andere Städte gesäubert zu haben. Er arbeitet allein, konsequent und provoziert seine Gegner bis aufs Letzte, um den großen Unbekannten aus dem Versteck zu locken, der das Übel zu verantworten hat.

Schufte in der Stadt!

„Der Einzelgänger“ würde heute wahrscheinlich viel größere Bekanntheit genießen, hätte der Regisseur Richard Wilson in seiner Karriere mehr Filme gedreht. Leider brachte er es unter dem Strich – aus welchen Gründen auch immer – nicht einmal auf zehn Spielfilme als hauptverantwortlicher Regisseur. Darunter aber weiterer sehenswerter Stoff, wie beispielsweise das „Al Capone“-Biopic von 1959 mit Rod Steiger in der Titelrolle. Aufgrund der Mitwirkung von Robert Mitchum hat sich „Der Einzelgänger“ trotzdem seinen wohlverdienten Platz in der Filmgeschichte sichern können – was jedoch mehr Faktoren als nur dem Star zu danken ist.

Ein Werk der Debütanten und Prägnanten

Dieser Western stellt nicht nur Wilsons Regiedebüt dar, sondern war gleichzeitig auch der erste unter Federführung von Samuel Goldwyn Jr. produzierte Film. Der war der Sohn des berühmten Filmproduktionspioniers Samuel Goldwyn, welcher zu den Hauptinitiatoren hinter Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) gehörte und auch für beispielsweise die United Artists wichtige Arbeit geleistet hatte. Goldwyn Jr. betätigte sich noch bis ins neue Jahrtausend als Produzent – eine seiner letzten Arbeiten: „Master and Commander – Bis ans Ende der Welt“ (2003). Mit vereinten Kräften haben Richard Wilson und er ein Musterbeispiel von einem Film geschaffen, dem es so gut wie nur wenigen anderen gelingt, das ewige Western-Thema des einsamen Helden, der eine Stadt vom Einfluss eines Gangsterbosses und seiner Schergen befreit, umzusetzen, das gewissermaßen eine komplette Sparte des Westerns darstellt, wenn man das Genre nach wiederkehrenden inhaltlichen Motiven sortiert.

Dass hier Genre-Fans mit sehr viel Ahnung am Werke waren, wird beispielsweise an der Auswahl der Nebendarsteller deutlich: Ted de Corsia, Leo Gordon und Emile Meyer kann man ohne weiteres als drei der prägnantesten Western- und Noir-Charakterdarsteller der 50er bezeichnen. Es gibt allerdings nur zwei Filme, in denen alle drei gemeinsam zu sehen sind – einen Noir und einen Western: Don Siegels bis heute leider nur schwer greifbares Babyface-Nelson-Biopic „So enden sie alle“ (1957) und „Der Einzelgänger“. Mindestens muss man daneben aber auch die Namen von Claude Akins, Jay Adler und James Westerfield als weitere besonders wichtige Charakterdarsteller des damaligen Hollywoods nennen, die „Der Einzelgänger“ versammelt.

Die Hoffnung ruht auf Tollinger (r.)

Ein weiterer interessanter, von einem besonderen Bewusstsein der Macher zeugender Kniff des Films ist: Er wurde, obwohl damals seit 1953 gerade frisch der Umschwung auf Breitbild-Formate, einschließlich des großen, epischen CinemaScope vonstattenging, ganz klassisch im sogenannten „Vollbild“-Format gedreht – alternative Namen: „Normalbild“ und „Academy ratio“. Für 1955 auch insofern ein ungewöhnlicher Anblick, weil Robert Mitchum in den 50ern tatsächlich nur einen einzigen Schwarz-Weiß-Western drehte, nämlich diesen.

Das alles wäre allerdings nur die Hälfte wert, würde der Film nicht durch eine fortwährend spannende und gleichzeitig ziemlich lässige Erzählweise glänzen – mit einer Hauptfigur, die wirklich gut geschrieben ist, immer wieder mit trockenen Sprüchen und abgebrühten Entscheidungen punktet. Und auch daran hatte Richard Wilson, der das Drehbuch gemeinsam mit N. B. Stone Jr. verfasste, zentralen Anteil.

Gruppenzwang und Widersinn

Natürlich kann man hinsichtlich der Schilderung des Aspekts, wie der Held von der Bevölkerung alleingelassen und mit deren Verängstigung wie auch Feigheit konfrontiert wird, und angesichts der Vollbild-Kameraarbeit in Schwarz-Weiß den Vergleich mit Fred Zinnemanns „12 Uhr mittags“ bemühen. Die Variation, dass genau das Abducken der Stadtbürger hier aber von vornherein seitens des Helden akzeptiert ist, Mitchum alias Tollinger es schlicht und ergreifend sogar ganz genau so haben will, macht den Film jedoch auf seine eigene Weise stark und in gewisser Hinsicht amüsant; nicht nur, wenn man den besagten legendären Klassiker mit Gary Cooper im Hinterkopf hat. Coopers Held in „12 Uhr mittags“ sucht Hilfe und bekommt sie nicht, Mitchum hingegen lehnt sie von vornherein ab und begegnet selbst dem Versuch, dass ihn die Auftraggeber mitten im Tun wieder absetzen wollen, mit einem müden Lächeln. Kennt er alles schon, ist alles Routine, bringt ihn schon lange nicht mehr aus der Ruhe. Dieser Typ ist eine der überzeugendsten Ein-Mann-Armeen, die der Western je gesehen hat. Kann man das bereits einen Abgesang auf einen gerade erst geschaffenen Klassiker wie „12 Uhr mittags“ nennen – inszeniert von einem frischen, wilden Regisseur? Vielleicht.

Gelegenheit zum Abschluss

So oder so ist „Der Einzelgänger“ sehr gut darin, die eingeschüchterte Bevölkerung mit ihrem oft widersinnigen Reden und Handeln in schlau gestrickte Szenen zu fassen, die unterschiedlichen Arten und Weisen, wie die Menschen mit scheinbarer Machtlosigkeit umgehen, zu hinterfragen. Ein alternder Sheriff, der nicht das eigene Leben vergeuden will, aber hohen Erwartungen gegenübersteht und trotzdem einfach zusieht, wie andere ermordet werden, die er eigentlich schützen sollte. Ein Barkeeper, der erst am lautesten gegen die Zustände wettert, den erhofften Retter dann aber auch als einer der ersten wieder loswerden will. Ein wütend aufbrausender junger Kerl, der lieber mit dem Kopf durch die Wand als untätig zusehen will, aber der Situation kaum gewachsen ist. Ein junges, verliebtes Mädchen, das die Augen verschließt und deswegen am Schluss zum tragischen Spielball wird.

Achtung: Original-Format im Bonus!

Für das deutsche Publikum wird „Der Einzelgänger“ von einem der frühesten Einsätze Curt Ackermanns als Sprecher von Robert Mitchum stilsicher formvollendet, der sich damals als Mitchums erster wirklicher Stammsprecher etablierte und in den nächsten gut 40 Jahren unter allen deutschen Stimmen des Stars von kaum jemandem an Qualität erreicht wurde. Bild und Ton der Veröffentlichung in der „Edition Western Legenden“ von Koch Films lassen auch darüber hinaus nichts zu wünschen übrig. Beachten sollte man allerdings, dass man die originalgetreue Bildfassung im Bonusmaterial findet (sogenannte „Open Matte-Fassung“). Wenn man den Film hingegen ganz normal über das Hauptmenü startet, gibt es eine für 16:9 optimierte Fassung zu sehen, in der oben und unten Bildinhalte fehlen.

Tollinger ist Rückzieher gewohnt

Offenbar geht Koch Films den Weg weiter, in der „Edition Western Legenden“ verstärkt von Produktionen aus dem Hause Universal abzurücken, die diese Reihe früher dominierten, gleichzeitig geht Koch mit „Der Einzelgänger“ aber auch vorerst weiter den Weg der aufgebesserten Veröffentlichung bereits in Deutschland auf DVD erschienener Filme, statt durchweg Erstveröffentlichungen zu bringen. Das ist nicht verwerflich, in gewissen Grenzen sogar wichtig und notwendig, aber natürlich auch kein „Dauerzustand“. Noch unveröffentlichte, wirklich gute – wohlgemerkt zudem noch nicht einmal als Bootlegs erschienene – Western gibt es weiterhin sehr viele. Natürlich gibt es auch klassische Hollywood-Western, die durch eine vorausgegangene deutsche Bootleg-Veröffentlichung für die Labels vorerst kein finanzielles Risiko lohnen, aber diese stellen nur einen Bruchteil aus dem gesamten Fundus dar. Es bleibt spannend, was als nächstes kommt. Von welchen 50er-Jahre-Filmen mit Robert Mitchum erhofft Ihr euch endlich hierzulande eine Blu-ray oder DVD?

Die „Edition Western Legenden“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Robert Mitchum sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Sie müssen die Stadt noch heute verlassen – lebendig oder auch nicht

Veröffentlichung: 26. Juli 2018 als Blu-ray und DVD, 10. März 2011 als DVD

Länge: 84 Min. (Blu-ray), 80 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Man with the Gun
USA 1955
Regie: Richard Wilson
Drehbuch: N. B. Stone Jr., Richard Wilson
Besetzung: Robert Mitchum, Jan Sterling, Karen Sharpe, Henry Hull, Emile Meyer, John Lupton, Barbara Lawrence, Ted de Corsia, Leo Gordon, James Westerfield
Zusatzmaterial: Booklet, Filmfassung im Original-Bildformat, US-Kinotrailer, Bildergalerie
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2018 Koch Films

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14 Antworten zu “Robert Mitchum (IV): Der Einzelgänger – Die glorreichen Sieben in einer Person

  1. Christoph Marek

    2018/09/02 at 19:46

    Nacht des Jägers auf Bluray

     
  2. TomHorn

    2018/08/30 at 20:48

    Blu-rays von „Yakuza“, „Fahr zur Hölle, Liebling“ und „Tote schlafen besser“ wären mal nett. Und vielleicht kommen in der Western-Reihe auch noch „Die letzten vom Red River“ und „Todfeinde“. Aber eine Veröffentlichung von „The Racket“ wird wirklich mal Zeit. Auch wenn er ab und an im Pay-TV läuft, zumindest eine DVD hätte ich gerne im Regal stehen.

     
  3. Markus Tump

    2018/08/27 at 15:41

    Ich hätte rasend gerne endlich eine legale Veröffentlichung in HD von „Ein Satansweib“ (His kind of woman).

     
  4. Ralf

    2018/08/25 at 12:27

    Ich habe keine Ahnung, was schon auf DVD oder Blu-ray erhältlich ist, aber da sind schon einige starke Filme dabei, die Mitchum in den 1950ern gedreht hat. Allen voran „Die Nacht des Jägers“, „Duell im Atlantik“, „Der Seemann und die Nonne“ und „Fluß ohne Wiederkehr“. Also wohl einer von denen. 🙂

     
  5. Rico Lemberger

    2018/08/25 at 07:22

    Meine Wahl würde auf SPUR IN DEN BERGEN oder BANDIDO fallen.

     
  6. Dirk B.

    2018/08/24 at 20:55

    Ich kann mich noch ganz vage an „Engelsgesicht“ erinnern…
    Und „Die Nacht des Jägers“ wäre schon was.

     
  7. Michael Behr

    2018/08/24 at 19:50

    Ehrlich gesagt kann ich mit Mitchum so richtig erst im „reiferen“ Alter etwas anfangen. Aber „Duell im Atlantik“ ist schon ein ziemlich guter Film.

     
  8. Dennis Reichenbach

    2018/08/24 at 19:37

    Ich hätte gern ,,Spur in den Bergen„

     
  9. Frank Hillemann

    2018/08/24 at 17:58

    Die Nacht des Jägers mit massig Bonus Material auf BR wäre super.

     
  10. Andreas H.

    2018/08/24 at 17:17

    Wenn auch kein Western, aber „Die Nacht des Jägers“ auf Bluray. Seine beste Leistung meiner Ansicht nach.Dazu „Engelsgesicht“ und „Duell im Atlantik“.

     
  11. Ingo Maaßen

    2018/08/24 at 14:30

    „Spur in den Bergen“ mit deutscher Synchro wäre cool!

     
  12. Imke

    2018/08/24 at 10:01

    Feuersturm und Asche auf DVD und Deutsch, das ist mein Traum! Über den Einzelgänger für meine Sammlung würde ich mich riesig freuen!

     
  13. Dirk Busch

    2018/08/24 at 08:36

    Keine Ahnung,hab mich mit dem Thema noch nie auseinandergesetzt,aber ich steh auf Western. 🙂

     
  14. holly

    2018/08/24 at 07:43

    es wäre toll wenn Spur in den Bergen von 1954 rauskäme-habe den noch auf video.auch Second Chance von 1953 wäre wünschenswert.

     

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