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Kameradschaft – Grubenunglück bringt Völkerverständigung

18 Aug

Kameradschaft

Von Volker Schönenberger

Drama // Das Grubenunglück von Courrières gilt mit 1.099 Toten als die größte Bergwerkskatastrophe in Europa. Am 10. März 1906 hatte eine Kohlenstaubexplosion die nordfranzösische Grube erschüttert, in der zu dem Zeitpunkt etwa 1.800 Kumpels – darunter viele Kinder – in mehreren hundert Meter Tiefe arbeiteten. Weil sich die Rettungsarbeiten schwierig gestalteten, wurde Unterstützung von außerhalb angefordert. Einen Tag später brach ein Trupp von 25 Grubenwehrmännern aus zwei deutschen Bergwerken auf und eilte zu Hilfe. Das fand damals zur Zeit äußerst angespannter Beziehungen zwischen Frankreich und dem deutschen Kaiserreich internationale Beachtung.

Von 1906 in die damalige Gegenwart verlegt

Georg Wilhelm Pabst verlegte die Handlung seiner filmischen Umsetzung 1931 in die von der Weltwirtschaftskrise geplagte Gegenwart und an die deutsch-französische Grenze. Zu Beginn sehen wir einen deutschen und einen französischen Jungen im Grenzgebiet beim Murmelspiel streiten – wohl Söhne der Zollbeamten beider Länder. Erwerbslose deutsche Arbeiter versuchen vergeblich, auf französischem Boden einen Job zu finden. Zwischen Deutschen und Franzosen schwelen mehr als zehn Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs die Spannungen, wie sich zeigt, als die drei deutschen Kumpels Kasper (Alexander Granach), Wilderer (Fritz Kampers) und Wittkopp (Ernst Busch) eine französische Kneipe besuchen. Wilderer fordert die aparte Françoise Leclerc (Andrée Ducret) zum Tanz auf, sie bittet ihren Ehemann Jean (Daniel Mendaille), das abzulehnen – er spreche ja etwas deutsch. Wilderer versteht allemand und glaubt, die junge Frau wolle nicht mit ihm tanzen, weil er Deutscher ist, dabei ist sie nur müde.

Die Rettungskolonne bereitet sich auf ihren Einsatz vor

Am nächsten Morgen erschüttert eine schwere Explosion eine französische Mine, viele Bergleute sterben schnell. 600 Bergleute sind in der Tiefe verschüttet, an der Erdoberfläche macht sich sofort Angst um die Eingeschlossenen breit. Im nahe gelegenen deutschen Bergwerk überzeugt der Arbeiter Wittkopp seine Kollegen, eine Rettungskolonne zu bilden und den Franzosen zu Hilfe zu eilen. Ihr Boss rückt sogar das Rettungsgerät raus. Die Lastwagen nehmen keine Rücksicht auf die französische Grenzschranke, das Ignorieren der Zollkontrolle aus Zeitgründen geht aber zum Glück glimpflich ab.

Düstere Unter-Tage-Bilder

Ein Bergmann versucht, seinen bewusstlosen oder toten Kollegen aus der Gefahrenzone zu schleppen, bis er selbst erschöpft zusammenbricht. Ein anderer watet tief unter Tage durch hüfthoch stehendes Wasser, um seinen Freund zu finden. Pabst drehte in drei Gelsenkirchener Zechen und fand eindringliche Unter-Tage-Bilder. Das Auflodern der Flammen im Schacht lässt die Gefahr erahnen, der zusammenbrechende Schacht bringt Verwüstung und Tod. Die Bilder, die Pabst und seine Kameramänner Fritz Arno Wagner und Robert Baberske für diese Szenen erschufen, stehen mit präzise ausgeleuchtetem Licht- und Schattenspiel ganz im Zeichen des deutschen Expressionismus. Die realistische Anmutung verstärkt sich dadurch, dass die Franzosen tatsächlich Französisch sprechen – ihre Dialoge wurden deutsch untertitelt.

„Die Deutschen! Das ist doch nicht möglich.“

Les Allemands! Ce n’est pas possible. („Die Deutschen! Das ist doch nicht möglich.“) Françoise Leclerc steht am Tor des französischen Werks, bangt um ihren Mann und kann es kaum glauben, dass aus dem ungeliebten Nachbarland Retter zu Hilfe eilen, als sei das selbstverständlich (was es natürlich sein sollte). Unter Tage macht ein Händedruck zwischen einem französischen und einem deutschen Retter die Intention des Regisseurs deutlich, wenn man sie zuvor noch nicht begriffen hat. Heute verläuft die Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich in friedlichen Bahnen, aber 1931 waren die beiden Nationen Erzfeinde, die deutsch-französische Erbfeindschaft blühte, ihre über Jahrhunderte gepflegte Tradition etlicher Kriege hatte lediglich eine kurze Auszeit genommen. Sie währte 21 Jahre und kulminierte 1939 im Zweiten Weltkrieg. Pabst bezieht sich auch ausdrücklich auf die Kriege zwischen beiden Nationen, wenn bei einem Eingeschlossenen beim Anblick eines deutschen Retters mit Gasmaske die Erinnerung an die Schützengräben des Ersten Weltkriegs überkocht.

Ein verschütteter Kumpel sucht nach einem Ausweg

„Kameradschaft“ feierte am 17. November 1931 in Berlin seine Uraufführung, in Paris hatte das Drama am 29. Januar 1932 Premiere. Großer Erfolg war dem Bergarbeiter-Katastrophendrama nicht beschieden, dem damaligen Deutschland stand eben nicht der Sinn nach Völkerverständigung, wie sie Pabst propagierte. Vielleicht war er auch einfach naiv, zu glauben, mit seinem wunderbaren Werk etwas gegen den Hass ausrichten zu können, der sich damals in Deutschland ausbreitete. Heutige Zeitgenossen mit menschenfeindlicher Rechtsaußen-Gesinnung würden ihn wohl als Gutmensch diffamieren, um von ihrem eigenen Schlechtmenschentum abzulenken. Lieber naiv als misanthropisch! Und ganz so naiv war der Regisseur dann doch nicht: Am Ende zeigt er, wie tief unter Tage, wo sich deutsche und französische Schächte treffen, die Trenngitter wieder errichtet werden wie heute Zäune an der EU-Außengrenze, als sei das selbstverständlich (was es natürlich nicht sein sollte). Tatsächlich gab es in der weit von deutschem Gebiet gelegenen Grube von Courrières keinen Schacht, der nach Deutschland führte, aber diese Freiheit darf sich ein Filmemacher natürlich nehmen. Die zeitgenössischen Pressestimmen zu „Kameradschaft“ fielen sogar wohlwollend aus, wie Auszüge daraus im Booklet veranschaulichen.

Mutiges Zeitdokument

Gibt es heute deutsche Filmemacher, die als mutig und unbequem gelten? Pabst war zweifellos ein solcher. Zwar waren die Nazis unter Adolf Hitler noch nicht an der Macht, die Stimmung in der Weimarer Republik kippte aber schon seit einiger Zeit in die braune Richtung. Die NSDAP-Kampfschwadronen der SA unter Ernst Röhm machten bereits die Straßen unsicher. Ja, es ist mutig, in solchen Zeiten die humanistische Fahne hochzuhalten.

Briten, Deutsche und Franzosen kooperieren

Ein Duplikatpositiv der deutschen Fassung im BFI National Archive diente als Grundlage der Rekonstruktion von „Kameradschaft“. Ihm fehlte der Schluss, daher wurde das Ende der französischen Filmfassung „La tragédie de la mine“ ergänzt – dessen Originalnegativ lagerte im Archiv des Centre national du cinéma et de l’image animée (CNC). Bei der Restaurierung kooperierte die Deutsche Kinemathek mit dem britischen und dem französischen Filminstitut. Heraus kam eine sorgfältig restaurierte Edition in für das Alter hervorragender Bild- und Tonqualität – ein Genuss. Wer die 2006er-DVD der „UFA Klassiker Edition“ von Universum im Regal stehen hat, möge sie durch das Mediabook ersetzen.

Eureka, Criterion – nun auch atlas film

Parallel hat atlas film in vergleichbarer Edition auch Pabsts Kriegsdrama „Westfront 1918 – Vier von der Infanterie“ von 1930 veröffentlicht. Das englische Label Eureka Entertainment hat beide Werke bereits im Juli 2017 als Double Feature in seiner „The Masters of Cinema Series“ herausgebracht. Auch beim feinen US-Label The Criterion Collection sind „Westfront 1918 – Vier von der Infanterie“ und „Kameradschaft“ als Blu-ray und DVD erschienen. Den deutschen Discs fehlen zwar leider die Bonusmaterialien der amerikanischen und britischen Veröffentlichungen, dennoch gilt: Mit den beiden Mediabooks von atlas film liegen nun auch hierzulande zwei vorzügliche Editionen vor. Besonders lobenswert: die Mühe, die sich atlas film mit dem Booklet gemacht hat, das zeitgenössische und aktuelle Texte vereint.

Ich will einen menschlichen Film machen. Das vor allem! So begründete G. W. Pabst seine Motivation für „Kameradschaft“. Es ist ihm gelungen. Ein überaus bewegendes Werk, damals wie heute wichtig.

Die deutschen Retter eilen zu Hilfe

Ein lesenswerter Text zu „Kameradschaft“ findet sich auch im Filmforum Bremen.

Veröffentlichung: 13. April 2018 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 4. September 2006 als DVD (Universum Film)

Länge: 89 Min. (Blu-ray), 86 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch (tlw. Französisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch
Originaltitel: Kameradschaft
D/F 1931
Regie: Georg Wilhelm Pabst
Drehbuch: Peter Martin Lampel, Karl Otten, Gerbert Rappaport, Ladislaus Vajda, nach einem Roman von Carl Haensel
Besetzung: Alexander Granach, Fritz Kampers, Ernst Busch, Elisabeth Wendt, Gustav Püttjer, Oskar Höcker, Daniel Mendaille, Georges Charlia, Andrée Ducret, Alex Bernard, Pierre-Louis, Héléna Manson, Marcel Lesieur, Willem Holsboer, Georges Tourreil, Fritz Wendhausen, Gerhard Bienert
Zusatzmaterial Mediabook: Booklet
Label: atlas film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Szenenfotos: © 2018 atlas film / Stiftung Deutsche Kinemathek

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