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Andreas Dresen (II): Gundermann – Liedermacher, Baggerfahrer, Stasi-Spitzel und Familienvater

20 Aug

Gundermann

Kinostart: 23. August 2018

Von Anja Rohde

Musikdrama // Gundermann? Kenn ich nicht. Gerhard Rüdiger „Gundi“ Gundermann, DDR-Liedermacher und Musiker? Nie gehört. Kann daran liegen, dass akustisches Gitarrengeklampfe mit deutschen Texten absolut nicht zu meinen favorisierten Musikrichtungen gehört. Aber der Macher dieses Blogs weiß, wie er mich ins Kino kriegt: „Es gibt einen neuen Film von Andreas Dresen, und Axel Prahl spielt auch mit.“ – „Ok, mach ich!“

Und dann: Bäm! In nur wenigen Minuten zieht mich die Geschichte in ihren Bann. Gerhard Gundermann (Alexander Scheer): ein Baggerfahrer, der Lieder schreibt. Ein Idealist, der in die Partei eintritt, weil er das Leben der Menschen um sich herum verbessern will. Ein Mann, der liebt, ein Mann, der leidet, ein Mann, der redet und singt und Fehler macht.

Hemd, Hosenträger, Kassenbrille: Gundermanns Markenzeichen

Diesen Gundermann hat es wirklich gegeben. Und auch wenn Drehbuchautorin Laila Stieler und Regisseur Andreas Dresen nicht die ganze Geschichte erzählen und auch mal etwas dazuerfinden, wird dieser zerrissene Mensch in so vielen Facetten lebendig, dass mich ein zweistündiger Film über einen mir unbekannten DDR-Liedermacher fesselt und tief berührt. Und warum? Weil Andreas Dresen das kann.

Armee, Bergbau, Musik

1955 in Weimar geboren, verbringt Gerhard „Gundi“ Gundermann seine Kindheit und Jugend in Hoyerswerda, dem Zentrum des Lausitzer Kohlereviers zwischen Dresden und Cottbus. Abitur, Studium an der Offiziershochschule, Exmatrikulation (er weigert sich, ein Loblied auf den General mitzusingen). Anstellung als Hilfsarbeiter im Braunkohlebergbau, dann Aufstieg zum Maschinist für so genannte Tagebaugroßgeräte (die größten Bagger, die man sich vorstellen kann).

Schon in dieser Zeit ist er Texter und Schlagzeuger der Band „Brigade Feuerstein“. Nach deren Auflösung folgen ab 1986 erste Soloauftritte mit Gitarre und Gesang. Die Arbeit als Baggerfahrer und sein Alltag liefern Gundi die Ideen für seine Songs, die sich oft mit dem Leben der einfachen Menschen, mit Umweltproblemen oder seiner Heimatstadt Hoyerswerda beschäftigen.

In der Baggerkanzel textet Gundi in sein Diktiergerät

In der Wendezeit um 1989 und 1990 mischt er sich aktiv in die Ereignisse des politischen Umbruchs ein. 1992 gründet er die Band „Seilschaft“, mit der er bis 1998 spielt und unter anderem als Support bei Konzerten von Bob Dylan und Joan Baez auftritt. Mit der Album-Tournee „Einsame Spitze“ 1992 zusammen mit der Band „Silly“ erreicht Gundermann erstmals eine größere Öffentlichkeit.

Neben seiner musikalischen Karriere arbeitet Gundermann immer parallel als Baggerfahrer. Er tut das bewusst, um sich seine Unabhängigkeit von der Musikindustrie zu bewahren. Die jahrelange Doppelbelastung durch Schichtarbeit und Konzerte fordert ihren Tribut. Am 21. Juni 1998 stirbt Gerhard Gundermann im Alter von nur 43 Jahren an einer Gehirnblutung.

Idealbesetzung: Alexander Scheer

„Ich spiel’ dir den mit allem, was ich habe“, soll Alexander Scheer an Andreas Dresen getextet haben, als er den ersten Gundermann-Song hörte. Und das tut er dann auch. Alexander Scheer ist Gundermann. Äußerlich mit Frisur, Kassenbrille und Zahnprotese; die Stimme, der Dialekt und die Bewegungen wie der echte Gundermann, innerlich mit Poesie, Humor, Zerrissenheit und wilden Gedanken. Ich lasse es Andreas Dresen sagen: „Was [Alexander Scheer] beim Casting abgeliefert hat, war so schlagend, dass es nicht den geringsten Zweifel daran gab, dass er Gundermann sein wird. Mit dieser Entscheidung bin ich noch immer extrem glücklich. Es geht nicht so sehr um die Porträt-Ähnlichkeit, die er zweifelsohne erreicht. Alexander Scheer hat selbst etwas vom Feuer, das die Figur ausmacht. Er brannte auf eigene Weise für den Film und besitzt eine unglaubliche Begabung als Schauspieler, die Fähigkeit, völlig in eine Figur hineinzukriechen und sie von innen zu greifen. Hier kommt noch die Musikalität hinzu. Man darf nicht vergessen, dass Alexander alle Filmsongs selbst singt und Gitarre dazu spielt.“ Genau so ist es.

Perfektes Team: Alexander Scheer und Andreas Dresen

Nicht nur der Spagat zwischen Schichtarbeit im Bergbau und Musikkarriere macht Gundermann aus, wir lernen zwei weitere Lebensthemen Gundermanns kennen: die Liebe zu Conny (wunderschön!) und die Arbeit für die Stasi (mies!).

Liebe, Leben, Spitzelei

Jahrelang ist Gundi in Conny (großartig: Anna Unterberger) verliebt, und am Ende kriegt er sie. Ihr Mann und Vater ihrer ersten beiden Kinder tauscht gutmütig Wohnung und Ehebett mit Gundi. Viel später kommt eine gemeinsame Tochter zur Welt. Und auch wenn Gundi seine Angebetete sein Leben lang liebt, lässt er sie doch oft mit den häuslichen Aufgaben allein, zu viel Zeit fordern die Arbeit und die Auftritte: „Ich würde gern mein Glück finden, ohne an deinem rumzufressen.“ Conny steht ihrem Mann jedoch immer zur Seite, auch in der schweren Phase, als Gundi sich seiner Stasi-Vergangenheit stellen muss.

In Gundis kleiner Küche fliegen auch mal die Tassen

Natürlich ist Gundi in der Partei. Er ist Arbeiter und der Meinung, als Parteimitglied die Missstände im Bergbau und speziell in seinem Revier bearbeiten zu können. Am Ende wird er wegen „unerwünschter eigener Meinung“ ausgeschlossen – und will immer noch nicht gehen: „Das [Parteibuch] geb ich nicht her! Genauso wenig wie meine Gesinnung!“

Vaterfigur Axel Prahl als Stasi-Anwerber

Als ein Führungsoffizier des Ministerium für Staatssicherheit (da ist er endlich: Axel Prahl!) Gundi als „Inoffiziellen Mitarbeiter“ anwirbt, sagt er zu – wieder, weil er denkt, damit die Welt verbessern zu können, im Auftrag des Kommunismus, den er als einzig richtiges System für sich erklärt hat. Ist das naiv? Ohne Spitzeldienste auch nur im Geringsten in Ordnung zu finden, denke ich, dass man Gundermann keine Böswilligkeit unterstellen kann. Er war jung, er dachte, er täte das Richtige. Später kommt natürlich der Katzenjammer, als er erkennt, dass er einfach einen Haufen Mist über seine Freunde und Arbeitskollegen erzählt hat.

Stasi-Mitarbeit und Aufarbeitung

Der Film springt zwischen zwei Zeitebenen: Wir sind dabei, wie Gundi Anfang der 90er-Jahre Freunde besucht, die er früher im Auftrag der Staatssicherheit bespitzelt hat. Wie er gar nicht mehr weiß, was er alles erzählt hat. Wie er sich nicht entschuldigen kann, da ihm klar ist, es sind die anderen, die verzeihen müssen. Wie er dann erfährt, dass am Ende sogar er von einem seiner Freunde ausspioniert wurde. Wir erleben die Reaktion seiner Band, der er es erzählt, und die des Publikums, als er sich bei einem großen Konzert als ehemaliger Stasi-Mitarbeiter outet.

Wir sind aber auch in den Anfängen dabei: in den ersten Stunden seiner Bergbau-Karriere, bei den ersten musikalischen Auftritten, bei den ersten Auseinandersetzungen mit den Parteigenossen und bei der Anwerbung durch die Stasi. Wir sehen, wie jung und widersprüchlich dieser Mann ist, welche Fragen ihn umtreiben und wie er immer wieder das, was er sieht und fühlt, in sein kleines Diktiergerät spricht, dass er beim Baggerfahren dabei hat – und daraus dann die großen Songs schreibt, die die Menschen berühren.

Für immer: Gundi und Conny

Zu Hause, wieder in den 90er-Jahren, quälen ihn innere Konflikte und Schuld. Ein Mann voller Poesie, Liebe und Leidenschaft, und dann ein fieser Stasi-Spitzel? Beim Essen am Küchentisch fragt Gundi unvermittelt seine Frau: „Schämst du dich für mich?“ und heult dann los. Man möchte ihm verzeihen – und die meisten seiner Fans taten dies auch.

Was lange währt …

Zwölf Jahre trugen Dresen und Stier die Idee „Gundermann“ mit sich herum, bis der Film fertig war. Die widersprüchliche, vielschichtige Persönlichkeit des wohl berühmtesten Baggerfahrers der DDR und Nachwende-Zeit ließ sie nicht los. Kein Wunder, ist Gundermann doch eine klassische Dresen-Figur. Ein bisschen Held, ein bisschen Verlierer, ein bisschen Täter, ein bisschen Opfer. Am Ende doch liebenswert. Eingebettet in den Alltag eines Landes, das es nicht mehr gibt – und das, nicht zu vergessen, auch das Geburtsland Andreas Dresens ist.

Großes Konzert nach großem Geständnis

Das letzte Gundermann-Zitat geht raus an Blogbetreiber Volker, zum Dank, dass er mir diesen Film zur Rezension anbot: „Alle Lieder, die ich schreiben wollte, singt schon der Boss.“

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Andreas Dresen sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Länge: 128 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Originaltitel: Gundermann
D 2018
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Laila Stieler
Besetzung: Alexander Scheer, Anna Unterberger, Axel Prahl, Thorsten Merten, Eva Weißenborn, Milan Peschel, Bjarne Mädel, Peter Sodann
Verleih: Pandora Film Medien GmbH

Copyright 2018 by Anja Rohde

Filmplakate: © 2018 Pandora Film Verleih, Szenenfotos: © 2018 Peter Hartwig / Pandora Film

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