RSS

Terry Gilliam (III): The Man Who Killed Don Quixote – Was lange währt, wird endlich gut

25 Sep

The Man Who Killed Don Quixote

Kinostart: 27. September 2018

Von Lutz R. Bierend

Tragikomödie // Bewirbt ein Verleih einen Terry-Gilliam-Film mit „Jetzt endlich bald im Kino“, dann steckt da schon ein wenig Ironie drin und im Falle von „The Man Who Killed Don Quixote“ auch eine Menge Wahrheit. Seit fast 30 Jahren brodelt die Gerüchteküche, Terry Gilliam wolle „Don Quixote“ adaptieren. Nach dem Kinostart von „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ (1988) plante er mit dessen Ko-Produzent Jake Ebert die Verfilmung des Klassikers von Miguel de Cervantes. 20 Millionen Dollar sollte der Spaß kosten, aber nachdem Münchhausen völlig zu Unrecht an der Kinokasse gefloppt war und Terry Gilliam erkannt hatte, dass die beiden Bücher von Cervantes mit dem vorgesehenen Budget unmöglich nach seinen Vorstellungen umgesetzt werden konnten, schob er das Projekt auf und drehte er erst einmal „König der Fischer“ („The Fisher King“, 1991), „12 Monkeys“ (1995) und„Fear and Loathing in Las Vegas“, (1998), bevor er sich der Don-Quixote-Geschichte erneut zuwandte. Diesmal mit dem Drehbuch „The Man Who Killed Don Quixote“ welches nicht mehr zur Originalzeit der beiden Bücher spielen sollte.

Tiefflieger und der Hamster-Faktor

Der Regisseur erklärt: „Nachdem ich begriffen hatte, dass ich Don Quixote nicht so verfilmen konnte, wie Cervantes es geschrieben hatte, fragte ich mich, ob ich einen Film machen konnte, der die Essenz von Quixote vermittelte, ohne die Bücher einzubeziehen.“ Die Produktion begann im Jahr Herbst 2000 mit Jean Rochefort und Johnny Depp in den Hauptrollen. Die Crew hatte nicht nur mit einer Springflut zu kämpfen, die einen Großteil der Requisiten zerstörte. Der Lärm von Tieffliegern machte Aufnahmen fast unmöglich, und am fünften Tag musste Jean Rochefort den Dreh abbrechen, weil ihm massive Schmerzen das Reiten unmöglich machten. Dazu sei angeführt, dass Terry Gilliam für den Hamster-Faktor berühmt ist. Das ist (nach der gleichnamigen Dokumentation „The Hamster Factor and Other Tales of Twelve Monkeys“) ein kaum zu bemerkendes und unberechenbares Detail, durch welches bei Gilliam eine zehn-Sekunden-Einstellung ganze Drehtage verschlingend lässt. Bei „12 Monkeys“ ist dieses Detail ein als Schattenriss im Bild kaum wahrnehmbarer Hamster, der einfach nicht in seinem Laufrad rennen wollte, während Bruce Willis eine Blutprobe nimmt. Selbst unter guten Bedingungen ist Terry Gilliam bekannt dafür, dass Drehtage und Budget bei ihm selten innerhalb der Planung bleiben. Kein Wunder also, dass die Produzenten nach so einem Start am sechsten Tag die Reißleine zogen. Die Dokumentarfilmer Keith Fulton und Louis Pepe begleiteten Gilliam bei seinem Höllentrip und erstellten dabei die sehenswerte Dokumentation „Lost in La Mancha“, (2002).

Kurz vor dem Ende ihrer Odyssee: Werbefilmer Toby und „Schuhmacher“ Don Quixote

Acht Jahre dauerte es, bis Gilliam das Drehbuch erneut anfasste und in den folgenden Jahren überarbeitete, weitere neun Jahre, bis die Geschichte am 19. Mai 2018 schließlich die Leinwand von Cannes erreichte und dort zu Recht gefeiert wurde. Nun kommt „The Man Who Killed Don Quixote“ auch hierzulande „bald endlich ins Kino“. Mit Cervantes Originalromanen hat diese Geschichte nichts mehr zu tun, aber das muss ja kein Nachteil sein.

Werbefilmer gerät in Sinnkrise

Erzählt wird die Geschichte des erfolgreichen jungen Werberegisseurs Toby (Adam Driver). Er soll einen Werbespot drehen, in dem Don Quixotes Kampf gegen die Windmühlen beim Verkauf von Versicherungen helfen soll. Budget ist ausreichend vorhanden, um den Spot an Originalschauplätzen in La Mancha umzusetzen. Aber Toby steckt in einer kreativen Krise. Nichts läuft wie geplant. Am Abend sitzt das Team beim Essen, als Toby einen Zigeuner entdeckt, der Raubkopien seines Debütfilms „The Man Who Killed Don Quixote“ verkauft. Der Film war Tobys jugendlich idealistisches Abschlusswerk für die Filmhochschule, welches er in einem kleinen Dorf unweit ihres jetzigen Drehorts realisiert hatte. Er sollte ihm die Tore zur großen Kunst öffnen. Toby gewann damit einen Festivalspreis, und dann klopften die Werbeagenturen an die Tür. Das leichte Geld der Werbung war verführerischer als die schlechte Bezahlung als freischaffender Filmemacher, der wie ein Welles oder Gilliam seine Vision gegen Produzenten und widrige Drehumstände verteidigt. Hier muss Toby nur seinen eigenen #MeToo-Moment ertragen, wenn die Ehefrau Jaci (Olga Kurylenko) seines Geldgebers (Stellan Skarsgård) meint, als Frau vom Boss habe sie ein Anrecht auf sexuelle Befriedigung durch Toby, während sich ihr Mann mit potenziellen Geschäftspartnern beschäftigt.

Ein wenig romantisches Wiedersehen mit Jugendliebe Angelica

Am nächsten Tag verschwindet Toby vom Set und besucht das Dorf, in dem er sein Frühwerk gedreht hat. Alles sieht fast noch aus wie vor Jahren. Der Wirt, dessen Tochter Angelica (Joana Ribeiro) in dem Film mitgespielt hatte, ist alles andere als begeistert davon, Toby zu sehen: Seine Tochter habe sich von dem jungen Mann Flausen über eine Filmkarriere in den Kopf setzen lassen und sei jetzt eine Hure, so berichtet er. Der Sancho-Pansa-Darsteller ist tot, und der alte Schuhmacher (Jonathan Pryce), den sie für die Rolle des Don Quixote gewonnen hatten, hat sich durch die Rolle offensichtlich zu sehr mit den Idealen des Rittertums identifiziert und sein Filmkostüm nie wieder abgelegt. Toby entdeckt den Schuhmacher auf einem Bauernhof, wo er als „der echte Don Quixote“ für die Touristen gefangen gehalten wird, die ihn für ein paar Euro als Attraktion bewundern können. Als Toby auf dem Landgut auftaucht, hält Don Quixote ihn für Sancho Pansa. Im Gerangel mit der Bäuerin, die befürchtet ihre Einnahme zu verlieren, geht der Bauernhof in Flammen auf und Toby flieht.

Wiedersehen mit der Jugendliebe

Am nächsten Tag taucht die Polizei am Set auf. Toby soll zum Polizeirevier gebracht werden, um zu den Vorfällen auf dem Bauernhof auszusagen. Auf dem Weg begegnen sie wieder dem Schuhmacher, der in der Überzeugung Don Quixote zu sein, seinen edlen Sancho Pansa aus den Fängen der Polizei befreit. Es beginnt eine Odyssee, der beiden durch die Landstriche von La Mancha, bei denen er auch Angelica wieder begegnet. Sie ist die Mätresse des russischen Oligarchen Alexei (Jordi Mollà). Keine Hure im eigentlichen Sinne, aber sie hat sich trotzdem kaufen lassen – ein wenig Sex und Erniedrigung für ein Leben im Luxus. Irgendwo ist doch jeder käuflich, selbst Tobys Boss, der große Geschäfte mit Alexei wittert. Toby wird mit vielen Fehlern seines Lebens konfrontiert, und muss sich entscheiden, ob er diese korrigieren will oder sich lieber weiter in die Bequemlichkeit des großen Geldes von Männern wie seinem Boss oder Alexei ergibt.

Gefällt sich in der Rolle als Mann von La Mancha

Hat sich das warten gelohnt? Zugegeben, der einzige Ex-Monty-Python, der nach dem Ende der BBC-Comedy-Serie eine eigene künstlerische Stimme entwickelt hat, macht es seinem Publikum nicht immer einfach. Die meisten seiner Filme weiß man eigentlich immer erst nach dem zweiten Sichten wirklich zu schätzen, wenn man ungefähr weiß, wohin die Reise geht, auf die man mitgenommen wird. Beim ersten Mal zieht Gilliam seine Zuschauer schnell in den Drogenrausch seiner Hauptfiguren, wie in „Fear and Loathing in Las Vegas“, oder lässt sie an ihrem Verstand zweifeln, wie James Cole aus „12 Monkeys“ oder Jack Lukas in „König der Fischer“. Gilliams Filme wirken wie wunderschön komponiertes Chaos, bei dem man – wie in „Brazil“ (1985) deutlich wird – sehr aufpassen muss, um all die kleinen Details mitzubekommen, die aus dem absurden Chaos eine sinnvolle Geschichte machen. Beim zweiten Mal wird es einfacher. Dann kann man sich zurücklehnen und diese Reise in Gilliams aberwitzige Welten genießen. Und jedes Mal entdeckt man neue Details.

Abschluss von Terry Gilliams Fantasie-Trilogie

„The Man Who Killed Don Quixote“ ist ein perfekter Epilog für Gilliams informelle Fantasie-Trilogie, die aus „Time Bandits“ (1981), „Brazil“ und „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ besteht. In dieser hat sich Terry Gilliam mit den unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Fantasie beschäftigt. In „Time Bandits“ wird der kleine Kevin durch seine Fantasie in wilde Abenteuer getrieben. In „Brazil“ lernt Sam Lowrie sie zu nutzen, um einer unerträglich gewordenen Realität zu entfliehen. Beim Baron Münchhausen beherrscht der alte Titelheld sie, um eine unerträgliche Realität zu verändern und damit die Belagerung der Stadt durch die Türken zu beenden. Es ist eigentlich auch ein schönes Statement, dass Don Quixote nun vom selben Darsteller wie Sam Lowrie gespielt wird. Der hat jetzt seinen Lehrling gefunden, der ganz dringend lernen muss, seine Fähigkeiten sinnvoller zu nutzen als in der Werbebranche.

Nichts will beim Dreh funktionieren

In „The Man Who Killed Don Quixote“ geht Gilliam erstaunlich freundlich mit dem Zuschauer um. Die Geschichte von Toby bietet gutes Identifikationspotenzial, um bereits beim ersten Mal mitzureißen. Alle, die mit Idealismus in ihr Berufsleben gestartet sind, um etwas Großes zu machen, und dann irgendwann feststellen mussten, dass sich die Miete und der Lebensunterhalt für die Familie schwer mit großen Idealen finanzieren lassen, werden sich schnell angesprochen fühlen. „The Man Who Killed Don Quixote“ weiß diese Melancholie einzufangen, die wir bei der Erkenntnis verspüren, dass wir uns unsere Zukunft ganz anders vorgestellt haben, ohne dabei rührselig oder verzweifelt zu werden. Der Film ermutigt uns, all die wohlmeinenden Zuredner zu ignorieren, welche die Jugendlichen heute gern belehren: „Aber wie willst du dir denn damit mal deinen Lebensunterhalt verdienen oder dir irgendwann einmal etwas leisten?“

Die Schaffenskraft der Verrückten

„The Man Who Killed Don Quixote“ zeigt, welche Kraft in Zielen, Idealen und Utopien steckt – Niederlagen und Prügeln zum Trotz. In dieser Hinsicht hat Terry Gilliam es tatsächlich geschafft, den Geist von Don Quixote großartig auf die Leinwand zu bringen. Um es mit Steve Jobs zu sagen: „Diejenigen, die die Dinge anders sehen — sie halten nichts von Regeln und respektieren den Status quo keineswegs … Du kannst sie zitieren, anderer Meinung sein als sie. Du kannst sie glorifizieren oder sie herabwürdigen, aber das einzige, was du nicht tun kannst ist, sie zu ignorieren, weil sie die Dinge nämlich verändern … Sie bringen die menschliche Rasse weiter und obwohl andere sie als die Verrückten sehen, sehen wir sie als Genies. Denn diejenigen, die verrückt genug sind, zu denken, dass sie die Welt ändern könnten, werden diejenigen sein, die es tatsächlich tun.“

Das klingt so, als hätte Mister Jobs „Don Quixote“ mit Terry Gilliams Augen gelesen. Don Quixote ist tot. Lang lebe Don Quixote.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terry Gilliam sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Olga Kurylenko, Adam Driver und Jonathan Pryce unter Schauspielerinnen bzw. Schauspieler.

Zum Glück findet gerade ein Kostümball statt

Länge: 132 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Man Who Killed Don Quixote
SP/BEL/F/POR/GB 2018
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Terry Gilliam, Tony Grisoni
Besetzung: Adam Driver, Jonathan Pryce, Stellan Skarsgård, Olga Kurylenko, Joana Ribeiro, Óscar Jaenada, Jason Watkins, Sergi López, Jordi Mollà, Paloma Bloyd
Verleih: Concorde Filmverleih GmbH

Copyright 2018 by Lutz R. Bierend

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 Concorde Filmverleih GmbH

 

Schlagwörter: , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: