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Archiv für den Monat September 2018

Terry Gilliam (III): The Man Who Killed Don Quixote – Was lange währt, wird endlich gut

The Man Who Killed Don Quixote

Kinostart: 27. September 2018

Von Lutz R. Bierend

Tragikomödie // Bewirbt ein Verleih einen Terry-Gilliam-Film mit „Jetzt endlich bald im Kino“, dann steckt da schon ein wenig Ironie drin und im Falle von „The Man Who Killed Don Quixote“ auch eine Menge Wahrheit. Seit fast 30 Jahren brodelt die Gerüchteküche, Terry Gilliam wolle „Don Quixote“ adaptieren. Nach dem Kinostart von „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ (1988) plante er mit dessen Ko-Produzent Jake Ebert die Verfilmung des Klassikers von Miguel de Cervantes. 20 Millionen Dollar sollte der Spaß kosten, aber nachdem Münchhausen völlig zu Unrecht an der Kinokasse gefloppt war und Terry Gilliam erkannt hatte, dass die beiden Bücher von Cervantes mit dem vorgesehenen Budget unmöglich nach seinen Vorstellungen umgesetzt werden konnten, schob er das Projekt auf und drehte er erst einmal „König der Fischer“ („The Fisher King“, 1991), „12 Monkeys“ (1995) und„Fear and Loathing in Las Vegas“, (1998), bevor er sich der Don-Quixote-Geschichte erneut zuwandte. Diesmal mit dem Drehbuch „The Man Who Killed Don Quixote“ welches nicht mehr zur Originalzeit der beiden Bücher spielen sollte.

Tiefflieger und der Hamster-Faktor

Der Regisseur erklärt: „Nachdem ich begriffen hatte, dass ich Don Quixote nicht so verfilmen konnte, wie Cervantes es geschrieben hatte, fragte ich mich, ob ich einen Film machen konnte, der die Essenz von Quixote vermittelte, ohne die Bücher einzubeziehen.“ Die Produktion begann im Jahr Herbst 2000 mit Jean Rochefort und Johnny Depp in den Hauptrollen. Die Crew hatte nicht nur mit einer Springflut zu kämpfen, die einen Großteil der Requisiten zerstörte. Der Lärm von Tieffliegern machte Aufnahmen fast unmöglich, und am fünften Tag musste Jean Rochefort den Dreh abbrechen, weil ihm massive Schmerzen das Reiten unmöglich machten. Dazu sei angeführt, dass Terry Gilliam für den Hamster-Faktor berühmt ist. Das ist (nach der gleichnamigen Dokumentation „The Hamster Factor and Other Tales of Twelve Monkeys“) ein kaum zu bemerkendes und unberechenbares Detail, durch welches bei Gilliam eine zehn-Sekunden-Einstellung ganze Drehtage verschlingend lässt. Bei „12 Monkeys“ ist dieses Detail ein als Schattenriss im Bild kaum wahrnehmbarer Hamster, der einfach nicht in seinem Laufrad rennen wollte, während Bruce Willis eine Blutprobe nimmt. Selbst unter guten Bedingungen ist Terry Gilliam bekannt dafür, dass Drehtage und Budget bei ihm selten innerhalb der Planung bleiben. Kein Wunder also, dass die Produzenten nach so einem Start am sechsten Tag die Reißleine zogen. Die Dokumentarfilmer Keith Fulton und Louis Pepe begleiteten Gilliam bei seinem Höllentrip und erstellten dabei die sehenswerte Dokumentation „Lost in La Mancha“, (2002).

Kurz vor dem Ende ihrer Odyssee: Werbefilmer Toby und „Schuhmacher“ Don Quixote

Acht Jahre dauerte es, bis Gilliam das Drehbuch erneut anfasste und in den folgenden Jahren überarbeitete, weitere neun Jahre, bis die Geschichte am 19. Mai 2018 schließlich die Leinwand von Cannes erreichte und dort zu Recht gefeiert wurde. Nun kommt „The Man Who Killed Don Quixote“ auch hierzulande „bald endlich ins Kino“. Mit Cervantes Originalromanen hat diese Geschichte nichts mehr zu tun, aber das muss ja kein Nachteil sein.

Werbefilmer gerät in Sinnkrise

Erzählt wird die Geschichte des erfolgreichen jungen Werberegisseurs Toby (Adam Driver). Er soll einen Werbespot drehen, in dem Don Quixotes Kampf gegen die Windmühlen beim Verkauf von Versicherungen helfen soll. Budget ist ausreichend vorhanden, um den Spot an Originalschauplätzen in La Mancha umzusetzen. Aber Toby steckt in einer kreativen Krise. Nichts läuft wie geplant. Am Abend sitzt das Team beim Essen, als Toby einen Zigeuner entdeckt, der Raubkopien seines Debütfilms „The Man Who Killed Don Quixote“ verkauft. Der Film war Tobys jugendlich idealistisches Abschlusswerk für die Filmhochschule, welches er in einem kleinen Dorf unweit ihres jetzigen Drehorts realisiert hatte. Er sollte ihm die Tore zur großen Kunst öffnen. Toby gewann damit einen Festivalspreis, und dann klopften die Werbeagenturen an die Tür. Das leichte Geld der Werbung war verführerischer als die schlechte Bezahlung als freischaffender Filmemacher, der wie ein Welles oder Gilliam seine Vision gegen Produzenten und widrige Drehumstände verteidigt. Hier muss Toby nur seinen eigenen #MeToo-Moment ertragen, wenn die Ehefrau Jaci (Olga Kurylenko) seines Geldgebers (Stellan Skarsgård) meint, als Frau vom Boss habe sie ein Anrecht auf sexuelle Befriedigung durch Toby, während sich ihr Mann mit potenziellen Geschäftspartnern beschäftigt.

Ein wenig romantisches Wiedersehen mit Jugendliebe Angelica

Am nächsten Tag verschwindet Toby vom Set und besucht das Dorf, in dem er sein Frühwerk gedreht hat. Alles sieht fast noch aus wie vor Jahren. Der Wirt, dessen Tochter Angelica (Joana Ribeiro) in dem Film mitgespielt hatte, ist alles andere als begeistert davon, Toby zu sehen: Seine Tochter habe sich von dem jungen Mann Flausen über eine Filmkarriere in den Kopf setzen lassen und sei jetzt eine Hure, so berichtet er. Der Sancho-Pansa-Darsteller ist tot, und der alte Schuhmacher (Jonathan Pryce), den sie für die Rolle des Don Quixote gewonnen hatten, hat sich durch die Rolle offensichtlich zu sehr mit den Idealen des Rittertums identifiziert und sein Filmkostüm nie wieder abgelegt. Toby entdeckt den Schuhmacher auf einem Bauernhof, wo er als „der echte Don Quixote“ für die Touristen gefangen gehalten wird, die ihn für ein paar Euro als Attraktion bewundern können. Als Toby auf dem Landgut auftaucht, hält Don Quixote ihn für Sancho Pansa. Im Gerangel mit der Bäuerin, die befürchtet ihre Einnahme zu verlieren, geht der Bauernhof in Flammen auf und Toby flieht.

Wiedersehen mit der Jugendliebe

Am nächsten Tag taucht die Polizei am Set auf. Toby soll zum Polizeirevier gebracht werden, um zu den Vorfällen auf dem Bauernhof auszusagen. Auf dem Weg begegnen sie wieder dem Schuhmacher, der in der Überzeugung Don Quixote zu sein, seinen edlen Sancho Pansa aus den Fängen der Polizei befreit. Es beginnt eine Odyssee, der beiden durch die Landstriche von La Mancha, bei denen er auch Angelica wieder begegnet. Sie ist die Mätresse des russischen Oligarchen Alexei (Jordi Mollà). Keine Hure im eigentlichen Sinne, aber sie hat sich trotzdem kaufen lassen – ein wenig Sex und Erniedrigung für ein Leben im Luxus. Irgendwo ist doch jeder käuflich, selbst Tobys Boss, der große Geschäfte mit Alexei wittert. Toby wird mit vielen Fehlern seines Lebens konfrontiert, und muss sich entscheiden, ob er diese korrigieren will oder sich lieber weiter in die Bequemlichkeit des großen Geldes von Männern wie seinem Boss oder Alexei ergibt.

Gefällt sich in der Rolle als Mann von La Mancha

Hat sich das warten gelohnt? Zugegeben, der einzige Ex-Monty-Python, der nach dem Ende der BBC-Comedy-Serie eine eigene künstlerische Stimme entwickelt hat, macht es seinem Publikum nicht immer einfach. Die meisten seiner Filme weiß man eigentlich immer erst nach dem zweiten Sichten wirklich zu schätzen, wenn man ungefähr weiß, wohin die Reise geht, auf die man mitgenommen wird. Beim ersten Mal zieht Gilliam seine Zuschauer schnell in den Drogenrausch seiner Hauptfiguren, wie in „Fear and Loathing in Las Vegas“, oder lässt sie an ihrem Verstand zweifeln, wie James Cole aus „12 Monkeys“ oder Jack Lukas in „König der Fischer“. Gilliams Filme wirken wie wunderschön komponiertes Chaos, bei dem man – wie in „Brazil“ (1985) deutlich wird – sehr aufpassen muss, um all die kleinen Details mitzubekommen, die aus dem absurden Chaos eine sinnvolle Geschichte machen. Beim zweiten Mal wird es einfacher. Dann kann man sich zurücklehnen und diese Reise in Gilliams aberwitzige Welten genießen. Und jedes Mal entdeckt man neue Details.

Abschluss von Terry Gilliams Fantasie-Trilogie

„The Man Who Killed Don Quixote“ ist ein perfekter Epilog für Gilliams informelle Fantasie-Trilogie, die aus „Time Bandits“ (1981), „Brazil“ und „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ besteht. In dieser hat sich Terry Gilliam mit den unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Fantasie beschäftigt. In „Time Bandits“ wird der kleine Kevin durch seine Fantasie in wilde Abenteuer getrieben. In „Brazil“ lernt Sam Lowrie sie zu nutzen, um einer unerträglich gewordenen Realität zu entfliehen. Beim Baron Münchhausen beherrscht der alte Titelheld sie, um eine unerträgliche Realität zu verändern und damit die Belagerung der Stadt durch die Türken zu beenden. Es ist eigentlich auch ein schönes Statement, dass Don Quixote nun vom selben Darsteller wie Sam Lowrie gespielt wird. Der hat jetzt seinen Lehrling gefunden, der ganz dringend lernen muss, seine Fähigkeiten sinnvoller zu nutzen als in der Werbebranche.

Nichts will beim Dreh funktionieren

In „The Man Who Killed Don Quixote“ geht Gilliam erstaunlich freundlich mit dem Zuschauer um. Die Geschichte von Toby bietet gutes Identifikationspotenzial, um bereits beim ersten Mal mitzureißen. Alle, die mit Idealismus in ihr Berufsleben gestartet sind, um etwas Großes zu machen, und dann irgendwann feststellen mussten, dass sich die Miete und der Lebensunterhalt für die Familie schwer mit großen Idealen finanzieren lassen, werden sich schnell angesprochen fühlen. „The Man Who Killed Don Quixote“ weiß diese Melancholie einzufangen, die wir bei der Erkenntnis verspüren, dass wir uns unsere Zukunft ganz anders vorgestellt haben, ohne dabei rührselig oder verzweifelt zu werden. Der Film ermutigt uns, all die wohlmeinenden Zuredner zu ignorieren, welche die Jugendlichen heute gern belehren: „Aber wie willst du dir denn damit mal deinen Lebensunterhalt verdienen oder dir irgendwann einmal etwas leisten?“

Die Schaffenskraft der Verrückten

„The Man Who Killed Don Quixote“ zeigt, welche Kraft in Zielen, Idealen und Utopien steckt – Niederlagen und Prügeln zum Trotz. In dieser Hinsicht hat Terry Gilliam es tatsächlich geschafft, den Geist von Don Quixote großartig auf die Leinwand zu bringen. Um es mit Steve Jobs zu sagen: „Diejenigen, die die Dinge anders sehen — sie halten nichts von Regeln und respektieren den Status quo keineswegs … Du kannst sie zitieren, anderer Meinung sein als sie. Du kannst sie glorifizieren oder sie herabwürdigen, aber das einzige, was du nicht tun kannst ist, sie zu ignorieren, weil sie die Dinge nämlich verändern … Sie bringen die menschliche Rasse weiter und obwohl andere sie als die Verrückten sehen, sehen wir sie als Genies. Denn diejenigen, die verrückt genug sind, zu denken, dass sie die Welt ändern könnten, werden diejenigen sein, die es tatsächlich tun.“

Das klingt so, als hätte Mister Jobs „Don Quixote“ mit Terry Gilliams Augen gelesen. Don Quixote ist tot. Lang lebe Don Quixote.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terry Gilliam sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Olga Kurylenko, Adam Driver und Jonathan Pryce unter Schauspielerinnen bzw. Schauspieler.

Zum Glück findet gerade ein Kostümball statt

Länge: 132 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Man Who Killed Don Quixote
SP/BEL/F/POR/GB 2018
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Terry Gilliam, Tony Grisoni
Besetzung: Adam Driver, Jonathan Pryce, Stellan Skarsgård, Olga Kurylenko, Joana Ribeiro, Óscar Jaenada, Jason Watkins, Sergi López, Jordi Mollà, Paloma Bloyd
Verleih: Concorde Filmverleih GmbH

Copyright 2018 by Lutz R. Bierend

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 Concorde Filmverleih GmbH

 

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Geheimagent Barrett greift ein – Zellenpest und Satanskäfer

The Satan Bug

Von Volker Schönenberger

SF-Thriller // „Satanskäfer“ („Satan Bug“) nennt sich im Original der Virus, das angetan ist, nach seiner Freisetzung binnen weniger Monate die ganze Welt zu entvölkern. In der deutschen Synchronisation wurde daraus die „Zellenpest“. Okay, kann man machen, klingt hier wie dort spektakulär. Der Wissenschaftler Dr. Hoffman (Richard Basehart) hat die Substanz im in der südkalifornischen Wüste gelegenen unterirdischen Forschungslabor „Station 3“ entwickelt. Dort sind mehr als 40 biochemische Kampftstoffe entstanden. Es kommt, wie es kommen muss: Der Sicherheitschef wird ermordet, die Zellenpest wird geklaut, und das anscheinend vom Direktor der Einrichtung, Dr. Baxter (Henry Beckman) persönlich.

Erpresser droht mit dem Ende der Menschheit

Auftritt unseres Helden: „Geheimagent Barrett greift ein“ – nach einer Viertelstunde bekommen wir Lee Barrett (George Maharis) endlich zu sehen. Drei Monate zuvor war er selbst noch Sicherheitschef von Station 3, doch Aufsässigkeit und ein loses Mundwerk haben ihn den Job gekostet. Nun holt ihn sein alter Boss in den Staatsdienst zurück – allerdings erst, nachdem zuvor mit einem unmoralischen Angebot seine Loyalität getestet wurde. Nun muss er sich mit einer monströsen Erpressung auseinandersetzen: Ein Unbekannter verlangt die Zerstörung von Station 3, andernfalls werde die Zellenpest auf die Menschheit losgelassen. Der Erpresser kündigt eine Demonstration der Wirksamkeit des Virus an …

Sind die Diebe durch den Zaun gekommen?

Er tut es tatsächlich und tötet die Bewohnerinnen und Bewohner einer Stadt in Florida. Dem damaligen Filmpublikum wollte man offenbar allzu schreckliche Bilder ersparen, wir bekommen lediglich einige Schwarz-Weiß-Luftbilder eines Films zu sehen, den sich Barrett und einige Mitstreiter anschauen. Diese Film-im-Film-Methode schafft Distanz, die das grausame Szenario etwas vom Publikum fernhält – clever gemacht, wenn das denn so beabsichtigt war.

Zwischen „Gesprengte Ketten“ und „Vierzig Wagen westwärts“

Regisseur John Sturges inszenierte „Geheimagent Barrett greift ein“ mit dem vergleichsweise schmalen Budget von weniger als zwei Millionen Dollar zwischen zwei Großproduktionen: Mit dem Kriegsgefangenen-Actionthriller „Gesprengte Ketten“ (1963) hatte er gerade einen Welterfolg gelandet, der Steve McQueen in Superstar-Sphären gehievt hatte. Nun bereitete er den Western „Vierzig Wagen westwärts“ mit Burt Lancaster vor, doch da sich der Beginn der Dreharbeiten um etliche Monate hinauszögerte, schob er die Verfilmung eines Romans von Alistair MacLean ein. Der Bestsellerautor hatte „Satanskäfer“ 1962 unter dem Pseudonym Ian Stuart veröffentlicht.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste

Die Budgetbeschränkungen sieht man dem Agenten-Abenteuer an: Etliche Szenen spielen sich im Innern ab, ob in Station 3 oder anderswo, und sind im Studio entstanden. Seinen Blick für die Inszenierung von Panoramen konnte Sturges mit seinem Kameramann Robert Surtees nur begrenzt einsetzen. Surtees wurde im Lauf seiner Karriere 16 Mal für den Oscar nominiert und gewann ihn immerhin dreimal: für die Kamera von „König Salomons Diamanten“ (1950), „Stadt der Illusionen“ (1952) und „Ben Hur“ (1959). Seine Arbeit für „Geheimagent Barrett greift ein“ ist als Pluspunkt zu werten, was für Innen- wie Außenaufnahmen gleichermaßen gilt. Auch der Score des für 18 Oscars nominierten und 1977 für den Soundtrack von „Das Omen“ auch prämierten Jerry Goldsmith (1929–2004) bringt Spannung.

James Bond lässt grüßen

Der Protagonist Lee Barrett orientiert sich klar erkennbar an einem gewissen James Bond. Der Agent mit der Lizenz zum Töten hatte 1962 in „James Bond 007 – James Bond jagt Dr. No“ seine cineastische Arbeit aufgenommen und rief zügig Epigonen auf den Plan, einer davon eben Lee Barrett. Darsteller George Maharis mangelt es aber etwas an Charisma, um als Lee Barrett Sean Connery alias James Bond Paroli zu bieten. Seine Eigenwilligkeit und Aufsässigkeit kommt nur zu Beginn zur Sprache, wenn aus seiner Akte zitiert wird, spielt aber im weiteren Verlauf keine Rolle mehr. Regisseur John Sturges hatte sich offenbar bewusst einen Fernsehschauspieler gesucht, den er zum Star aufbauen wollte, wie ihm das 1960 in „Die glorreichen Sieben“ bereits mit Steve McQueen gelungen war. Kann eben nicht immer klappen.

Geheimagent Barrett greift ein

Die deutsche Titelschöpfung passt in diesem Fall sogar besser als der Originaltitel, handelt es sich bei „Geheimagent Barrett greift ein“ doch um ein lupenreines Agenten-Abenteuer. Das fantastische Element und die Science-Fiction in Form des Virus nehmen zwar Raum ein, dennoch hätte die wörtliche Übersetzung „Satanskäfer“ das deutsche Kinopublikum in die Irre geführt. Immerhin bekamen deutsche Kinogänger sogar mit Barretts Synchronstimme Bond-Feeling serviert, lieh der deutsche Sprecher Gert Günther Hoffmann doch oft Sean Connery seine Stimme.

Mediabook von Anolis Entertainment

John Sturges war Profi genug, auch mit begrenzten Mitteln und ohne allzu großen Enthusiasmus ein unterhaltsames Abenteuer zu inszenieren. Langeweile kommt trotz der beachtlichen Länge von fast zwei Stunden jedenfalls nicht auf. Etwas überraschend, dass sich Anolis Entertainment für „Geheimagent Barrett greift ein“ entschieden hat, und die Reihe „Phantastische Filmklassiker“ fortzusetzen. Nach einem 80er-Film und zwei 70er-Produktionen sind nun also die 60er-Jahre an der Reihe. Das Mediabook genügt erwartungsgemäß den hohen Ansprüchen, die wir an Anolis-Veröffentlichungen haben. Im Booklet berichtet Mike Siegel Interessantes über den Film und seine Entstehung. Schönes Gimmick auf der beiliegenden Bonus-DVD: eine „Grindhouse“-Fassung des Films in altmodischer Optik inklusive vorgeschalteten zeitgenössischen Trailern und Werbung von damals – nette Idee. Ein neu eingesprochener Audiokommentar von Professor Doktor Marcus Stiglegger rundet das Gesamtpaket gut ab. Wir sind gespannt, womit Anolis die Reihe fortsetzt.

In diesem Fläschchen lauert die Apokalypse

Die Anolis-Entertainment-Reihe „Phantastische Filmklassiker“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Sturges sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet. Ein weiterer lesenswerter Text zu „Geheimagent Barrett greift ein“ findet sich bei den Kollegen von Evil Ed, und auch das „Filmforum Bremen“ hat Lektüre darüber zu bieten.

Veröffentlichung: 31. August 2018 als 2-Disc Limited Mediabook mit zwei Covervarianten (Blu-ray & DVD)

Länge: 115 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Satan Bug
USA 1965
Regie: John Sturges
Drehbuch: James Clavell, Edward Anhalt, nach einem unter dem Pseudonym Ian Stuart veröffentlichten Roman von Alistair MacLean
Besetzung: George Maharis, Richard Basehart, Anne Francis, Dana Andrews, John Larkin, Richard Bull, Frank Sutton, Edward Asner, Henry Beckman, Simon Oakland, Lee Remick
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Prof. Dr. Marcus Stiglegger, deutsche „Grindhouse“-Kinofassung (128 Min.), US-Kinotrailer deutscher Kinotrailer Filmografie John Sturges, deutsche Titelsequenz, amerikanische Radio-Spots, deutscher Werberatschlag, Filmprogramm, Bildergalerie, 24-seitiges Booklet mit einem Text von Mike Siegel
Label/Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2018 Anolis Entertainment GmbH

 

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Weltengänger – Optik hui, Inhalt pfui

Chernovik

Von Paula Bierend

Fantasy // Mit „Weltengänger“ verfilmte der russische Regisseur Sergey Mokritskiy („Red Sniper – Die Todesschützin“) den gleichnamigen Roman seines Landsmanns Sergey Lukyanenko („Wächter der Nacht“). Die Prämisse ist vielversprechend, an der Umsetzung hapert es jedoch etwas. Ein wenig wirkt der Film wie ein russischer Versuch, mit den großen internationalen Science-Fiction-Produktionen mitzumischen. Die Spezialeffekte überzeugen teilweise, doch die Geschichte kann da nicht ganz mithalten.

Karriere hui, Liebe pfui

Der Computerspiele-Designer Kirill (Nikita Volkov) wird von seinem Arbeitgeber für die Entwicklung eines bahnbrechenden Spiels gefeiert. Karrieretechnisch stehen ihm nun alle Türen offen. Nur in der Liebe klappt es nicht so recht: Sein Herz gehört der schönen Anna (Olga Borovskaya), die hat ihn jedoch für eine Beförderung und einen neuen Mann verlassen. Sein bester Freund Konstantin ist stets an seiner Seite und hilft ihm, wo er kann.

Kirill erkundet die Welt Gimkim

Alles ändert sich, als plötzlich Renata (Severija Janusauskaite) in seiner Wohnung auftaucht und ihn aus den Erinnerungen aller Menschen, aus allen Unterlagen, Dokumenten und somit aus der Welt löscht. Kirill wurde zum Zöllner zwischen den Welten auserkoren. Er lebt von nun an in einem Turm, von welchem aus er in andere Welten – oder Paralleluniversen – reisen und sogar neue Realitäten erschaffen kann. Sein erstes Ziel wird die Welt Kimgim – ein warmherziger Ort, ohne Kriege oder Revolutionen. Dort lernt er Rosa (Yuliya Peresild) kennen, eine andere sogenannte Funktionale, die Kirll hilft, sich in seiner neuen Realität zurechtzufinden. Funktionale haben übermenschliche Kräfte, sie sind stark, schnell und quasi unsterblich. Kirill wird als einer der mächtigsten Funktionalen gefeiert, dabei aber scharf überwacht. Und seine neue Realität hat auch Schattenseiten: Es gibt strikte Regeln, wie zum Beispiel, dass er sich nur 15 Kilometer von seinem Turm entfernen darf und bestimmte Themen nicht angesprochen werden dürfen. Wer gegen die Regeln verstößt, riskiert die Verbannung in einen Gulag (eine Gefängniswelt, die auf den Gulags der Sowjetunion basiert).

In Arkan liegt der Schlüssel zur Rückkehr

Trotz der vielen Annehmlichkeiten seines neuen Lebens will Kirill nur in seine alte Realität zurückkehren. Als Anna mit ihrem neuen Freund Anton (Evgeniy Tsyganov) im Zollamt auftaucht gibt es für Kirill kein Halten mehr. Kirill erfährt, dass die Welt Arkan den Schlüssel für seine Freiheit darstellt – doch sie wurde seit 60 Jahren nicht mehr betreten. Beim Versuch, Arkan zu finden und sein altes Leben zurückzubekommen, setzt er nicht nur sein, sondern auch Annas Leben aufs Spiel.

Renata (l.) und Rosa beobachten, wie Kirill in der neuen Gesellschaft der Funktionalen gefeiert wird

Zur Geschichte gehören noch sehr viel mehr Aspekte, Figuren und Details, die mehr oder weniger wichtig und essenziell sind, doch primär zu Verwirrung führen. Sieht man den Film zum ersten Mal, weiß man nicht so recht, wo einem der Kopf steht. Vieles passiert auf einmal, etliche Themen werden hastig eingeführt, nur teilweise erklärt und dann liegen gelassen. Regisseur Sergey Mokritskiy erschafft ein großes Chaos aus zu vielen – teils guten – Ideen. Der erste Band der zweiteiligen Buchreihe hat knapp 600 Seiten und es scheint, als sei es dem Drehbuchteam schwergefallen, zwischen bedeutsamen und unbedeutenden Details zu unterscheiden. Die Geschichte fließt nicht angenehm und es fällt sehr schwer zu differenzieren, ob etwas wichtig für den Verlauf der Handlung ist oder nicht. Sieht man „Weltengänger“ ein zweites Mal, fällt es einem leichter zu verstehen, worum es geht und warum die Figuren so handeln, wie sie es tun.

Auch beim zweiten Mal bleiben Fragen offen

Doch auch beim zweiten Gucken gibt es einige Fragen und Lücken im Plot, die nicht geklärt werden. Es passieren teilweise unerklärliche Dinge, die wichtig für die Geschichte sind oder scheinen, aber man kommt nicht so recht dahinter wieso. Das mag daran liegen, dass es sich nur um den Inhalt des ersten Buches handelt, nichtsdestotrotz hätte der Regisseur einige Details besser erklären und bestimmten Charakteren mehr Hintergrund geben können. Zwei Beispiele hierfür sind der Wasserfall in Kirills Zollamt und Annas neuer Freund Anton. Der Wasserfall taucht recht früh im Zollamt auf, und irgendwie scheint jeder genau zu wissen, welche Bedeutung und Funktion er hat. Jeder, der von einer Welt in eine andere reisen will, muss seine Hand durch den Wasserfall stecken, doch den Grund dafür erfahren wir nicht. Anton ist ebenfalls ein Funktionaler und scheint eine wichtige Rolle zu spielen, die über seinen Part als Annas neues Liebesinteresse hinausgeht. Doch welche Gründe er für sein Verhalten hat und was es mit seinem Erzählstrang auf sich hat, wird leider nicht deutlich. Die gesamte Gesellschaft der Funktionalen bleibt unerklärt. Die um sie herum aufgebaute Machtstruktur wird nicht plausibel erklärt, man weiß nur, dass es die Kommission und Kuratoren gibt. Wer über wen befehligt, ist unklar.

Im Zollamt entdeckt Kirill einen mysteriösen Wasserfall

Es mangelt „Weltengänger“ einfach daran, was einen epischen Science-Fiction- oder Fantasy-Film ausmacht: eine fundierte, plausible Welt. Natürlich müssen Science-Fiction und Fantasy bestimmte Prämissen akzeptiert werden, so wie die Möglichkeit der Zeitreise in „Terminator“ oder die Idee der Stromgewinnung in „Matrix“ – und diese Prämissen dürfen dann auch ihre Löcher haben. Aber davon ausgehend, sollte sich eine glaubwürdige Geschichte ergeben, die nicht dauernd neue Logiklöcher aufreißt. „Weltengänger“ ist kein solide gewebter Geschichtenteppich mehr, sondern ein Lochmuster. Einige der Löcher kann man mit eigenen Erklärungen und Interpretationen füllen, andere allerdings nicht.

Sergey Mokritskiy – kein russischer Fincher oder Gilliam

Was mich am meisten gestört hat, abgesehen davon, dass man sich den Großteil des Filmes selbst erklären muss, ist, dass ich den Film wirklich zweimal sehen musste, um ihm ansatzweise folgen zu können. Natürlich gibt es viele Filme, die beim zweiten oder dritten Mal besser werden, weil sich dann Details erklären und die Geschichte dadurch an Tiefe und mit jedem Mal ein bisschen mehr an Großartigkeit gewinnt. David Finchers „Fight Club“ und Terry Gilliams „12 Monkeys“ sind hierfür gute Beispiele, aber Sergey Mokritskiy macht es dem Zuschauer schwer, das Interesse für eine zweite Sichtung aufzubringen und das unterscheidet ihn deutlich von den zwei genannten Regisseuren. Die Geschichte wird plausibler, aber es ist noch immer die gleiche Geschichte, sie gewinnt nicht durchs erneute Gucken. Ich habe „Weltengänger“ beim zweiten Mal nicht plötzlich in einem völlig anderen Licht gesehen, weil ich nun Dinge verstand, die mir vorher rätselhaft erschienen. Lediglich die Verwirrung legt sich ein wenig.

Anna am Strand, den Kirill für sie erschuf

Technisch hat der russische Film mit „Weltengänger“ erstaunlich gut zu Hollywood aufgeschlossen. Aber die Geschichte ist leider überhaupt nicht Blockbuster-tauglich. Vielleicht hätte sich der Regisseur doch ein wenig mehr an Hollywood orientieren und der Geschichte mehr Zeit geben müssen. Dann hätte der Film eine interessante Alternative zum Hollywood-Mainstream werden können. So ist es leider nicht mehr als ein gut gemeinter Versuch.

Tipp: Originaltonspur schauen!

Abschließend ein Tipp: Die Übersetzung aus dem Russischen ist sehr ungenau und gibt den Dialogen teilweise andere Bedeutungen. Wer das nicht zu anstrengend findet, möge „Weltengänger“ mit der russischen Originaltonspur und deutschen Untertiteln schauen.

Kann der Weltengänger seine Liebste aus dem Gulag retten?

Veröffentlichung: 7. September 2018 als Blu-ray im Steelbook, Blu-ray und DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Russisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Chernovik
Internationaler Titel: A Rough Draft
RUS 2018
Regie: Sergey Mokritskiy
Drehbuch: Maksim Budarin, Denis Kuryshev, Sergery Mokritskiy, Olga Sobenina, nach einem Roman von Sergey Lukyanenko
Besetzung: Nikita Volkov, Severija Janusauskaite, Vilen Babichev, Olga Borovskaya, Oleg Feoktistov, Irina Gorbacheva, Sergei Kapkov, Andrey Merzlikin, Yuliya Peresild, Evgeniy Tsyganov
Zusatzmaterial: Kinotrailer
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Paula Bierend

Fotos, Packshot & Trailer: © 2018 capelight pictures

 

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