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Charlie Chan in Honolulu – Der Intellektuelle unter den Sprücheklopfern

03 Okt

Charlie Chan in Honolulu

Von Ansgar Skulme

Krimi // Charlie Chan (Sidney Toler) hat alle Hände voll mit seiner Familie zu tun – er wird zum ersten Mal Großvater! Dazu ein wagemutiger „Sohn Nummer 2“, Jimmy (Victor Sen Yung), der unbedingt beweisen will, dass er als Detektiv die Fußstapfen seines Vaters zu füllen vermag, obwohl er den Mund damit reichlich voll nimmt; bestärkt aber von seinem kleinen Bruder Tommy (Layne Tom Jr.), der die drohenden Gefahren erst recht nicht einschätzen kann und Jimmy wagemutig nacheifert. Ausgerechnet mitten in dieses Szenario prescht ein Mordfall auf einem Schiff, das im Hafen von Charlie Chans Heimatstadt Honolulu vor Anker liegt. Nur eine Frage der Zeit, dass Jimmy Chan den Fall zu übernehmen versucht – aber sein legendärer Vater lässt nicht lange auf sich warten. Mordlustige Raubeine, Verrückte und Verschlagene warten an Bord.

Die Charlie-Chan-Filmserie, nach literarischem Vorbild von Earl Derr Biggers, war eine der erfolgreichsten Krimireihen des Hollywood-Kinos der 30er-Jahre, direkt begonnen, als der Tonfilm noch taufrisch war, und wurde letztlich bis Ende der 40er über verschiedene Hürden hinweg weitergeführt – macht insgesamt fast zwei komplette Jahrzehnte. Für die Fox Film Corporation war sie ein Aushängeschild; der chinesische Meisterdetektiv gehörte gewissermaßen bereits zum Erfolg garantierenden Bestand, als 20th Century Fox 1935 aus dieser Filmproduktionsgesellschaft hervorging. Die Hauptrolle in den ersten 16 Filmen der Reihe spielte Warner Oland. Zwölf der Filme mit Oland sind heute noch erhalten, die anderen vier gelten als verschollen, da das Ausgangsmaterial wahrscheinlich durch Feuer im Hauptarchiv zerstört wurde und bisher keine Kopien aufgefunden worden sind. Kurz nach Beginn der Dreharbeiten zu „Charlie Chan at the Ringside“, der Warner Olands 17. Fall werden sollte, verließ der Hauptdarsteller das Filmset und kehrte nicht wieder zurück. Der Legende nach soll er nach einem Glas Wasser gefragt haben und dann für immer in Richtung seiner Heimat Schweden verschwunden sein. Näher an der Wahrheit ist gleichwohl, dass Oland vor seiner Abreise Richtung Schweden im Austausch mit dem Studio gestanden haben dürfte und sein Vertrag offenbar sogar, trotz seines Ausscheidens aus den Dreharbeiten zum 17. Chan-Krimi, verlängert wurde, er aber die Erlaubnis erhielt, Heimaturlaub in Stockholm zu machen. Aus „Charlie Chan at the Ringside“ wurde spontan „Mr. Moto und der Wettbetrug“, mit Peter Lorre in der Hauptrolle, Warner Oland jedoch kehrte von seiner Reise nicht zurück. Sein Plan dürfte gewesen sein, sich in Schweden zu erholen und dann gestärkt erneut in die von ihm sehr geschätzte Rolle dieses messerscharf beobachtenden und mit prägnanter Wortwahl analysierenden Detektivs zu schlüpfen. Oland schien mit Chan phasenweise wie verwachsen, gab sogar Interviews, in denen er sprach, als sei er der berühmte Ermittler, und in der dritten Person über Warner Oland redete. Auch mit den Studio-Verantwortlichen kommunizierte er dem Vernehmen nach zuweilen in Person seiner Filmfigur. Seine langjährige Ehe war an seinen Alkoholproblemen zerbrochen, Charlie Chan jedoch war ihm geblieben. Aber Warner Oland starb im August 1938 in Stockholm, wo er als internationaler Star aus Schweden gefeiert wurde, mit nur 58 Jahren an einer Lungenentzündung. Das tragische Ende eines sehr gebildeten Menschen, der sich schon lange vor seinem erfolgreichsten Karriereabschnitt, den er als Charlie Chan erlebte, durch englische Übersetzungen von Arbeiten August Strindbergs hervorgetan hatte.

Fußstapfen der besonderen Art

Erst über zwei Monate nach Olands Tod starteten die Dreharbeiten zu einem neuen Chan-Film mit neuem Hauptdarsteller: „Charlie Chan in Honolulu“ mit Sidney Toler. Nicht der beste Film der Reihe und zudem einer, der die Frage aufwirft, warum Tolers Chan in mehreren Fox-Filmen auf Schiffen ermittelt, obwohl es tausend andere Möglichkeiten für Handlungsorte gegeben hätte. Schade auch, weil der Film „Charlie Chan in Honolulu“ heißt, man von der Stadt, die den Titelhelden prägt, aber herzlich wenig sieht; stattdessen spielt ein Großteil der Handlung auf dem langweiligen Frachter und in den Sequenzen an Land fortwährend in geschlossenen Räumen. Hawaiianisches Flair: Fehlanzeige. Dafür entschädigen, wie in allen Chan-Filmen von Fox, diverse gefragte Nebendarsteller und die beiden überdurchschnittlich charismatischen Hauptfiguren. Eine positiv herausstechende Besonderheit an „Charlie Chan in Honolulu“ ist die Präsenz des schrägen und unterhaltsamen Vaudeville-Komikers Eddie Collins, der hier darstellerisch ein wenig vorwegnimmt, womit Lou Costello ab Anfang der 40er-Jahre an der Seite von Bud Abbott im Kino wahnsinnig erfolgreich wurde. Gekrönt wird dies von ein paar ziemlich abgefahrenen Aufnahmen mit Collins und einem echten Löwen, die ebenso blödsinnig wie leichtsinnig wirken, da Collins mit dem Löwen hantiert als sei er ein Schoßhund oder ein Schmusekätzchen. Der Komiker kam erst mit über 50 Jahren zum Film und starb bereits 1940 – daher ist „Charlie Chan in Honolulu“ eines der überschaubaren, in einem sehr kurzen Zeitfenster entstandenen filmischen Beispiele für sein Können und lohnt schon allein aus diesem Grunde. In Lexika zu wichtigen Komikern des klassischen Hollywoods sollte Eddie Collins nicht fehlen, auch wenn er nicht zu denen gehörte, die den Sprung von der Bühne in Hollywood-Hauptrollen schafften, sondern sich beim Film lediglich als Nebendarsteller verdient machte.

Charlie Chan (l.) kann nicht jeden Mord verhindern – aber ob ihm der Mörder auch entkommt?

Hinsichtlich der Chan-Interpretation wurde mit dem Wechsel zu Sidney Toler ein gewisser Wert darauf gelegt, die Figur ein Stück weit neu zu erfinden, statt Warner Oland so gut wie möglich zu kopieren. Sowohl Chan als auch der ihm assistierende Sohn wurden in den Toler-Filmen noch humorvoller als zuvor angelegt. Der von Victor Sen Yung gespielte sogenannte „Sohn Nummer 2“ ist eine ganze Ecke chaotischer als der von Keye Luke verkörperte „Sohn Nummer 1“, welcher ab 1935 Warner Oland assistiert hatte. Tolers Chan gibt sich schon im ersten Film zudem die ein oder andere putzige Blöße als aufgeregter, angehender Großvater, die zu Olands Verkörperung der Rolle nur ansatzweise gepasst hätte, wirkt mit seiner Darbietung der für Chan typischen analytischen Sprüche und quasi-philosophischen Vergleiche aber oft sogar noch angriffslustiger als Oland – eine andere Seite des Humors, der mit dieser Figur einhergeht. Im Großen und Ganzen macht Tolers Verkörperung einen wesentlich selbstironischeren Eindruck, ohne dabei allerdings weniger schlau herüberzukommen. Toler hatte sich am Broadway mit komischen Rollen einen großen Ruf erworben und ließ dieses Talent in die Rolle einfließen. Das bedeutet aber nicht, dass Olands Darstellung überernst oder humorlos gewesen wäre. Sein Chan wirkt lediglich gesetzter. Tolers Darstellung ist sowohl äußerlich als auch inhaltlich in gewisser Weise extremer und provokanter, aber auch spaßiger. Er benötigte zudem schlichtweg mehr Maske – Veränderungen der Augenpartie, die allerdings auch deutlich als künstlich erkennbar sind –, um asiatisch auszusehen, ferner spricht er in der Rolle wesentlich abgehackter als Oland, was in gewisser Weise ebenfalls künstlicher wirkt, und hat ganz generell eine erheblich kernigere Stimme als sein vergleichsweise sanft klingender, in höherer Stimmlage sprechender Vorgänger. Auch das ist Teil der Neuerfindung der Figur.

Wo Wille ist, sind Wege

Darüber hinaus hielten am Set mit Sidney Toler andere Abläufe Einzug, da die Drehs mit Warner Oland vor allem gen Ende seiner Ära stark von dessen Alkoholismus beeinflusst worden waren. Ab einer gewissen Uhrzeit konnte man mit Oland – unter Umständen auch schon vor dem Mittag – oft nur noch stark eingeschränkt oder gar nicht mehr arbeiten. Dies dürfte einer der Gründe sein, warum nach 1935 über die Chan-Reihe hinaus keine Filme mehr mit Warner Oland erschienen. Offenbar versuchte man allerdings auch, seine Probleme zu nutzen, da manch einer am Set davon ausging, dass eine aus Trunkenheit resultierende stockende Sprache der exotischen Rolle sogar zuträglich sei. Dass Oland einige oder sogar viele Dialoge in seinen Chan-Filmen stark betrunken gesprochen haben dürfte, ist erstaunlich, da es gelungen ist, dies in den Filmen zu kaschieren und Oland offenkundig Profi genug war, die Rolle sogar dann noch glaubhaft zu vermitteln, wenn sein Sehvermögen für diesen Tag bereits beträchtlich durch den Alkohol eingeschränkt war und die Regisseure ihn für den Dreh dann wappneten, indem sie ihm lediglich noch klarmachten, in welche Richtung er sprechen sollte. Welch hervorragende Filme, die zum Besten gehören, was der klassische Hollywood-Whodunit-Krimi mit all seinen Spürnasen hervorgebracht hat, unter diesen Umständen entstanden sind, ist beeindruckend, wenn auch natürlich mit tragischem Beigeschmack. Die von Fox produzierten Chan-Filme zeichnet unter anderem im positiven Sinne aus, dass sie sich qualitativ allesamt nur sehr wenig nehmen – das gilt sowohl für die Filme mit Oland als auch die mit Toler. Wohlgemerkt, obwohl die Reihe, mit 27 Filmen allein bei Fox, eine der langlebigsten Kinokrimiserien im klassischen Hollywood war, wenn nicht sogar der große Vorreiter in dieser Kategorie. (Zum Vergleich: Selbst die beliebte und sehr gelungene Sherlock-Holmes-Reihe mit Basil Rathbone umfasst mit 14 Teilen kaum mehr als halb so viele Filme wie es Chan-Krimis mit Warner Oland und Sidney Toler allein nur aus dem Hause Fox gibt.) Erst als die Charlie-Chan-Reihe – weiterhin mit Toler in der Hauptrolle – nach dem letzten Fox-Film, „Das Schloss in der Wüste“ (1942), zum Studio Monogram wechselte, ließ die Qualität der Filme, aufgrund deutlich geringeren Budgets, zwangsläufig nach.

Darf man oder darf man nicht?

Die Figur des Charlie Chan lädt zu Diskussionen darüber ein, inwiefern es legitim ist, eine solche asiatische Figur von einem Schweden oder einem US-Amerikaner verkörpern zu lassen, die dann mittels Maske und fehlerhafter Sprache so tun, als seien sie Asiaten. Böse Zungen sagen diesen Filmen sogar gewisse, auch im Kontext von rassistischen Darstellungen kritisierte, Untertöne nach, da oberflächliche Asiaten-Klischees bedient und teils auch ziemlich ausgekostet werden; sei es nun hinsichtlich Mimik, Gestik, „typisch-asiatischen“ Grammatikfehlern, häufigem Lächeln, vielen Verbeugungen, Höflichkeitsbekundungen oder des permanenten Klopfens konfuzianisch angehauchter Sprüche. Peter Sellers‘ Parodie der Figur in „Eine Leiche zum Dessert“ (1976) treibt die von Charlie Chan kolportierten Klischees in der filmischen Darstellung von Asiaten auf die Spitze, die speziell in Tolers Interpretation der Rolle durchaus sehr ähnlich transportiert worden sind. Ich möchte allerdings ausdrücklich in Abrede stellen, dass es gerechtfertigt ist, die Chan-Filme direkt oder indirekt in einen Kontext mit den auf bitterböse Weise überzeichnenden und geringschätzig veralbernden Tendenzen des Blackfacings zu setzen – denn genau das ist der Rückschluss, wenn man eine derartige Kritik an der Darstellung von Asiaten führt.

Zum einen ist es leicht dahergesagt, dass man ja auch „ganz einfach“ einen chinesischen oder chinesisch-stämmigen Schauspieler hätte besetzen können und dass es quasi so etwas wie böser Wille sei, dass man diese Option „ausgegrenzt“ hat; denn es ist beileibe nicht so, dass das damalige Hollywood voll von (Halb-)Chinesen – noch dazu in dem Alter – mit genügend Kameraerfahrung war, die diese Rolle hätten spielen können, oder dass die Möglichkeit bestanden hätte, in den 30ern mal eben den perfekt geeigneten Schauspieler aus China einzufliegen, um mit ihm zwei bis drei Dutzend Filme zu drehen. Zudem ist es im Vergleich zur Kritik an der Besetzung von Oland oder Toler nicht minder „rassistisch“ zu behaupten, dass man dann ja wenigstens einen Japaner oder zumindest irgendwie asiatisch-stämmigen Amerikaner hätte nehmen können als beispielsweise einen Schweden – sinngemäß nur aus dem einen Grund, sich das Verfremden der Augen in der Maske zu sparen –, denn wenn man im Übereifer anfängt Japaner mit Chinesen gleichzusetzen, nur weil beide Länder in Asien liegen, hat man damit sicher kein Zeichen gegen Oberflächlichkeit gesetzt und der eigenen Sache somit einen Bärendienst erwiesen. Ob ein Japaner oder ein Schwede die Rolle spielen, macht hinsichtlich „Wirklichkeitsnähe“ keinen entscheidenden Unterschied. Man mag nun argumentieren, dass ein (Halb-)Asiate jedweder Herkunft die Rolle mutmaßlich mit einem anderen Zugang und Ansatz gespielt hätte. Das ändert aber nichts daran, dass es anmaßend ist, dem, wenn auch sicher manchmal karikaturartigen, Darstellungsgestus von Sidney Toler eine Art Böswilligkeit oder Abwertung der asiatischen Kultur zu unterstellen – und in Warner Olands tief in sich selbst ruhender Darstellung sind sowieso keinerlei signifikante mimische und gestische Übertreibungen sichtbar, mag er sich nun des Öfteren mal dezent verbeugen und relativ viel lächeln oder auch nicht. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass Olands Darstellung ausgesprochen respektvoll gegenüber der asiatischen Kultur ist. Er interessierte sich auch nachweislich dafür und bereiste den Erdteil.

Ratschläge vom Vater an den Sohn werden im Hause Chan großgeschrieben

Nicht zuletzt sollte man sich klar darüber bleiben, dass in den Filmen nie ein Zweifel an Chans großer Intelligenz und seiner analytischen Begabung aufkommt. Die Figur wird nie lächerlich gemacht, sondern ist stets eindeutig der Schlauste in der Handlung, gibt einige durchaus kluge Weisheiten und Beobachtungen zum Besten. Chans Humor ist noch dazu ebenso sympathisch wie seine sonstigen Eigenheiten – kulturelle und persönliche Besonderheiten werden als etwas Positives gezeigt, mögen sie noch so ungewöhnlich sein. Wenn man so will, zollen diese Filme schrägen Gestalten mit großem Verstand Tribut, mit dem klaren Verweis darauf, dass es keine Rolle spielt, welcher Herkunft sie sind. Festzuhalten ist auch: In Nebenrollen sind über die gesamte Reihe hinweg diverse asiatisch-stämmige Schauspieler zu sehen, was ein klarer Hinweis darauf ist, dass man sich durchaus bemühte und im entsprechenden Alter nur schlicht kein geeigneter Schauspieler mit entsprechendem Migrationshintergrund verfügbar gewesen sein dürfte, um Charlie Chan zu verkörpern. Keye Luke, der Darsteller von „Sohn Nummer 1“ an der Seite von Warner Oland, war wohlgemerkt sogar gebürtiger Chinese. Davon, dass hier womöglich alle Asiaten von Amerikanern und Europäern mit zu Schlitzen geschminkten Augen gespielt werden, ist absolut nicht zu sprechen, sondern das Gegenteil der Fall. Die Charlie-Chan-Reihe setzt somit vielmehr sogar ein starkes Zeichen gegen das Klischee von der „gelben Gefahr“ und asiatischen Superschurken Marke Dr. Fu Man Chu – einer, den Warner Oland vor Chan übrigens auch verkörpert hatte. Mag die Figur Charlie Chan auch auf Klischees fußen, kreiert sie daraus ein ganz neuartiges, positiv besetztes Image. Inwieweit man das noch „stereotyp“ nennen will, ist eine Definitionsfrage.

Das Vermächtnis von Oland und Toler

Sidney Toler, der bei seinem ersten Film als Chan bereits über fünf Jahre älter war als Warner Oland bei dessen letztem, spielte die Rolle des Charlie Chan ebenfalls bis zu seinem Tod, im Jahre 1947. Toler war die treibende Kraft hinter dem Wechsel von Fox zu Monogram, der der Reihe den Fortbestand sicherte, und somit auf seine Weise nun auch mit der Figur verwachsen. Fast genau wie Oland spielte er in den letzten rund drei Jahren vor Ende seines Lebens nahezu keine andere Kinorolle mehr. Während der Arbeiten an seinem finalen Film war Sidney Toler gesundheitlich so stark angeschlagen, dass er sowohl starke Schwierigkeiten zu laufen als auch mit seinen Texten hatte, zog die Rolle seines Lebens aber trotzdem bis zum Abschluss der Dreharbeiten durch. Ebenso für Fox wie auch für Monogram drehte er jeweils elf Chan-Filme. Monogram setzte die Reihe ohne Toler noch für wenige weitere Filme mit Roland Winters in der Hauptrolle fort, die insofern interessant sind, als Winters darstellerisch nunmehr ähnlich vorging wie Warner Oland und gewissermaßen einen Bogen zurück zu den Anfängen schlug, nachdem Toler eine recht eigene Interpretation entwickelt hatte. Interessant sind die Winters-Filme auch, weil in zwei von ihnen „Sohn Nummer 1“, Lee Chan – erneut verkörpert von Keye Luke –, plötzlich wieder auftauchte. So kam es nun sogar zum filmischen Zusammentreffen der Söhne 1 und 2, mit den Originaldarstellern aus der Fox-Filmreihe, die sich dort nie begegnet, sondern bis dato an die unterschiedlichen Hauptdarsteller gekoppelt gewesen waren. Dass Keye Luke fünf Monate älter als sein neuer Filmvater Roland Winters war, fällt glücklicherweise nicht auf.

In den Jahren 1957 und 1958 wurde die Serie „The New Adventures of Charlie Chan“ mit J. Carrol Naish ausgestrahlt, deren Produktionsstandort schon nach wenigen Folgen kurioserweise von den USA nach Großbritannien wechselte. Naishs Interpretation folgte interessanterweise eindeutig Sidney Toler. Es ist anzunehmen, dass die Besetzungen von Winters und Naish auch mit den jeweiligen Vorlagen im Hinterkopf realisiert wurden. Somit bilden Oland und Winters in gewisser Weise stilistisch ebenso eine klassische Chan-Variante wie Toler und Naish die andere. Leider wurde die Serie mit Naish nie deutsch synchronisiert und von den sechs Filmen mit Winters nur einer, im Rahmen der Veröffentlichung der „großen Charlie-Chan-Box“ (Chandler Film, im Vertrieb von Alive), mit einer direkt für die DVD erstellten Synchronfassung versehen. In zwei späteren Filmen verkörperten Ross Martin und Peter Ustinov den chinesischen Meisterdetektiv; dem TV-Pilotfilm mit Martin folgte aber nicht die angestrebte Serie und Ustinovs Einsatz gilt als einer seiner schlechtesten Filme. Auf immerhin 16 Episoden – genau wie einst Warner Oland – brachte es die von Hanna-Barbera produzierte Cartoon-Serie „The Amazing Chan and the Chan Clan“, in der Keye Luke 1972, annähernd 40 Jahre nach seinem ersten Einsatz als Chans Sohn Lee, nun also Charlie Chan sprach.

Ein guter Kniff

Nachdem Koch Films bereits alle zwölf heute noch greifbaren Chan-Filme mit Warner Oland veröffentlicht hat, macht sich Pidax nun dankenswerterweise an die Fortsetzung, indem man mit den Fox-Filmen von Sidney Toler startet. „Charlie Chan in Honolulu“ und „Charlie Chan in Reno“ bilden hierbei das erste Double Feature. Endlich Chan mit Toler in DVD-tauglicher, sehr guter Bildqualität! Auf Bonusmaterial – hinsichtlich dessen sich Koch bei seinen Oland-Editionen gut von den US-Veröffentlichungen hatte anleiten lassen – muss man bei Pidax leider verzichten, aber das ist zumindest besser, als auch auf die Filme selbst verzichten zu müssen. Als Grundlage dient den Hauptfilmen im Pidax-Double-Feature erneut das US-Bild. Somit fehlen auch hier die kultigen deutschen Vorspänne mit gezeichnetem Titelbild, Pidax hat aber immerhin die dazugehörige Musik in die deutsche Tonspur übernommen. Zu zehn der elf bei Fox entstandenen Charlie-Chan-Filme mit Sidney Toler existiert bereits eine deutsche Synchronfassung – einzige Ausnahme: „City in Darkness“ (1939), der mit seiner Weltkriegsthematik offenbar auch noch Jahrzehnte später als zu anstößig gegenüber der Bundesrepublik empfunden wurde. Im Kino lief „Charlie Chan“ in Deutschland nicht, die Synchro wurde in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre fürs Fernsehen erstellt. Spannend ist, dass Chan sowohl in der Verkörperung von Warner Oland als auch der von Sidney Toler jeweils vom damaligen Frankfurter „Tatort“-Kommissar Klaus Höhne synchronisiert wurde, der Oland stimmlich bemerkenswert nahekommt. Das ist insofern genial, als dadurch in der deutschen Version der Toler-Filme plötzlich der Geist von Warner Oland mitschwingt. Ein wenig wirkt es, als würde Toler in der deutschen Fassung von Oland synchronisiert werden. Und tatsächlich funktioniert Tolers Variante auch mit sanfter Stimme und weniger abgehackter Sprechweise, im Oland-Stil. So etwas kann nur das Feld der Synchronisation leisten!

Wenn der Kuchen ermittelt, haben die Krümel Pause

Insgesamt wurden 26 Chan-Filme mit Klaus Höhne synchronisiert: Alle erhaltenen mit Warner Oland, außer „Charlie Chan in Paris“ (1935), alle Fox-Filme mit Sidney Toler, außer „City in Darkness“, sowie fünf weitere Chan-Krimis mit Toler von Monogram. Von letztgenannten fünf Filmen sind drei bereits in der „großen Charlie-Chan-Box“ veröffentlicht worden. Im Optimalfall werden von Pidax, wenn man von zwei Filmen pro Veröffentlichung ausgeht, also hoffentlich mindestens sechs Volumes der „Charlie Chan Collection“ mit Sidney Toler erscheinen, nämlich die zehn mit Klaus Höhne synchronisierten Fox-Filme sowie die beiden einzigen bisher noch nicht veröffentlichten Monogram-Filme, von denen es eine Synchronfassung mit Höhne gibt: „Charlie Chan in Mexiko“ (1945) und „Schatten über Chinatown“ (1946). Zusätzlich gäbe es dann neben dem nicht synchronisierten Fox-Film mit Toler noch je fünf weitere bisher immer noch nicht synchronisierte Monogram-Filme mit Toler sowie auch mit Roland Winters. Es wäre immerhin nicht das erste Mal, dass Pidax einen klassischen Krimi erstmals auf Deutsch und daher mit eigener Synchronfassung herausbringt – und auch die „große Charlie-Chan-Box“ enthält bereits je eine Direct-to-DVD-Synchro eines Toler- und eines Winters-Films, mag man über die Qualität auch streiten.

Das zu meinem Wunschdenken – warten wir ab, was die Pläne des Labels sind!

Veröffentlichung: 21. September 2018 als DVD in der Charlie Chan Collection Vol. 1 (im Doppelpack mit „Charlie Chan in Reno“)

Länge: 65 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Charlie Chan in Honolulu
USA 1938
Regie: H. Bruce Humberstone
Drehbuch: Charles Belden, in Anlehnung an die Romanfigur Charlie Chan von Earl Derr Biggers
Besetzung: Sidney Toler, Victor Sen Yung, Phyllis Brooks, Eddie Collins, John King, Claire Dodd, George Zucco, Robert Barrat, Marc Lawrence, Paul Harvey
Zusatzmaterial: keins
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2018 Pidax Film

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