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Horror für Halloween (VI): Skin Creepers – Der Exorzismus des Dieter Landuris

14 Okt

Skin Creepers

Kinostart: 18. Oktober 2018

Von Volker Schönenberger

Horrorkomödie // Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle Ezra Tsegayes Kurzfilm „Casting des Todes“ (2015) vorgestellt. Nun hat der Berliner Independent-Regisseur seinen ersten langen Spielfilm fertiggestellt. Independent heißt auch, dass man vieles selbst erledigt, für das es bei der Produktion eines großen Studios ganze Abteilungen gibt. Und so hat mich Ezra Tsegaye dann auch selbst direkt kontaktiert, um mir „Skin Creepers“ ans Herz zu legen. Die Screener-Disc mit dem Film lag gleich bei, er und sein Team würden sich riesig freuen, wenn er mein Interesse weckt und ich eine Filmkritik veröffentlichen würde.

Lagebesprechung im Bumslokal

Natürlich weckt „Skin Creepers“ mein Interesse. Da ich Independent-Filmern im Allgemeinen und dem deutschen Genrefilm im Besonderen stets wohlwollend gegenüberstehe, nehme ich das Angebot selbstverständlich gern wahr. Die einzige Schwierigkeit beim Rezensieren besteht darin, sich davon freizumachen, dem Regisseur nicht wehtun zu wollen. Es ist anzunehmen, dass unabhängige Filmemacher wie Ezra Tsegaye, die so stark vielfältige Aufgaben einer Produktion selbst wahrnehmen, auch besonders viel Herzblut in „ihr Baby“ investieren.

Zuhälter vermietet „Schauspielerinnen“

Der Vorspann beginnt verheißungsvoll: Zu dramatischem Score von Simone Cilio erscheinen Fragmente gemalter Motive, auch eine blanke Frauenbrust ist dabei. Ohnehin hat das Produktionsteam viel Kreativität spielen lassen, was das Platzieren von Gemälden – und Filmplakaten – an Kulissenwänden angeht. Achtet mal drauf! Im Anschluss sehen wir eine an ein Bett gefesselte junge Frau (Mai Duong Kieu), deren Teint sonderbar verfärbt ist. Ihre Eltern stehen besorgt daneben, eine Schamanin (Sesede Terziyan) ist ebenfalls dabei, um auf eine ungenannte Weise zu helfen. Szenenwechsel: Die beiden Brüder Ben (Nicolas Szent) und Daniel (Nicolás Artajo) wollen einen hochkarätigen Erotikthriller drehen. Als Filmset ergattern sie auf nicht ganz koschere Weise eine abgewrackte Lagerhalle. Den Tipp dafür hatte Ben vom Luden „Lederkalle“ (Thomas Schmuckert) erhalten. Der hat ihm auch zwei seiner Prostituierten (Annika Strauss, Judith Wegner) als Darstellerinnen vermietet – für stolze 5.000 Euro. Daniel ist etwas ungehalten, als Ben ihm das beichtet, aber immerhin haben sie mit Sasha Blue (Barbara Prakopenka) einen US-Star engagiert. Nachdem Daniel die junge Frau vom Flughafen abgeholt und sie sich im Hotel etwas „frischgemacht“ hat, kann der Dreh endlich starten – und ist schneller beendet, als er begonnen hat: Sasha Blue beißt zu …

Die Regisseure instruieren ihren Star

Wo die Reise hingeht, kann sich der erfahrene Horrorfilm-Zuschauer zügig ausrechnen: in Richtung Besessenheit und Exorzismus. William Friedkins „Der Exorzist“ (1973) hat eine Vielzahl von Epigonen hervorgebracht, warum nicht auch einen deutschen Undergroundfilm? In die Fußstapfen von Max von Sydow tritt im Falle „Skin Creepers“ Dieter Landuris („Alles außer Mord“). Der hat sichtlich Freude an seinem Part als Teufelsaustreiber, der über TV-Homeshopping allerlei Devotionalien vertreibt und Ben und Daniel zu Hilfe eilt, als sich Sasha Blue überhaupt nicht mehr bändigen lässt. Die Handlung des Prologs setzt sich parallel bis zu einem blutigen Höhepunkt fort; wir erfahren, dass sich die Ereignisse Jahre zuvor zugetragen haben. Ort des Geschehens: das Hotelzimmer, in welchem Daniel Sasha Blue untergebracht hat. Dort laufen die Fäden des Grauens zusammen. Das ist durchaus fesselnd inszeniert, ich wollte erfahren, wie sich das Ganze auflöst und wie es ausgeht.

Vier Wochen Aufbau, vier Wochen Dreharbeiten

Regisseur Ezra Tsegaye und Produzent Sebastian Wolf haben „Skin Creepers“ mit dem Mini-Budget von 50.000 Euro verwirklicht. Für acht Wochen mieteten sie eine leere Halle in Berlin-Charlottenburg. Vier Wochen gingen für die Konstruktion des Hotel-Sets drauf, welches Sebastian Wolf mit einigen Freunden in Eigenarbeit errichtete. Die übrigen vier Wochen wurde gedreht. Die Nachproduktion verschlang dann satte elf Monate, was vor allem wegen des Einbaus visueller Effekte so lange dauerte. Beachtlich, was dabei herausgekommen ist. Setdesign und Tricks genügen professionellen Ansprüchen, auch wenn ein paar der im Computer entstandenen Effekte nicht ganz überzeugen (der Funkenflug). Es splattert einige Male ganz gewaltig, und das handgemacht, sogar die legendäre Szene aus David Cronenbergs „Scanners – Ihre Gedanken können töten“ (1981) wird zitiert. Die Make-up-Abteilung hat ganze Arbeit geleistet und bekommt dafür einen erhobenen Daumen.

Und Action!

Der Humor hingegen kommt zu kurz. Bei einer Horrorkomödie möchte ich mindestens zum Schmunzeln angeregt werden, das war zu selten der Fall. Und auch schauspielerisch hinkt das hinterher, was nicht zuletzt an der Dialogregie zu liegen scheint, an der es hapert. Die Darstellerinnen und Darsteller mühen sich redlich. Da ist Luft nach oben; es zeigt sich einmal mehr, dass Schauspielerführung eine der größten Schwierigkeiten auf dem Regiestuhl darstellt, wobei das phasenweise übertriebene Spiel zum Teil gewollt gewesen sein mag – immerhin haben wir es mit einer Horrorkomödie zu tun. So oder so wird sich der Umgang mit Schauspielerinnen und Schauspielern mit zunehmender Erfahrung bei Ezra Tsegaye sicher bessern, wobei Laiendarsteller natürlich Laiendarsteller bleiben.

Diese Art Action stand nicht im Drehbuch

Ebenfalls tückisch ist offenbar der Wechsel vom Kurz- zum Langfilm. Eine Story auf anderthalb Stunden zu bringen, ist vermutlich leichter gesagt als getan. Ein paar Szenen hätten etwas Straffung verdient gehabt, einige inhaltliche Passagen erscheinen zudem komplett entbehrlich, weil sie die Geschichte nicht wirklich voranbringen. Auch Logiklöcher lassen sich nicht ganz vermeiden. Dass etwa der US-Star Sasha Blue akzentfreies Deutsch spricht, verwundert etwas. Hier hätte ein kurzes „Mensch, ich ahnte ja nicht, dass du Deutsche bist“ in ihrer ersten Szene am Flughafen Abhife geleistet. Die Kritikpunkte ändern aber nichts am insgesamt positiven Gesamteindruck einer Horrorkomödie aus dem Independent- und Undergroundsektor. Wer derart „kleinen“ Produktionen mit ihren zwangsläufigen Makeln zugetan ist, wird auch an „Skin Creepers“ seine Freude haben.

Micaela Schäfer zeigt ihre Talente

Vom eingangs erwähnten „Casting des Todes“ zu „Skin Creepers“ ist es kein allzu weiter Weg, was der Grund sein mag, dass auch die gute Micaela Schäfer wieder mit von der Partie ist. Die polarisierende C-Prominente mit ihren beiden herausragenden Talenten hält eben diese auch in Ezra Tsegayes Langfilm-Regiedebüt ausladend ins Bild. Ihre wenigen Szenen sind eher ein Gimmick für Schäfer-Fans und Schäfer-Hasser und an sich verzichtbar; sie dürften aus Marketing-Erwägungen den Weg in den Film gefunden haben – immerhin hat die Dame mittlerweile einige Bekanntheit erlangt, egal was man vom Phänomen der Berühmtheit von Menschen ohne besondere Fähigkeiten halten mag. Wenn es denn der Sache dient, „Skin Creepers“ etwas mehr Öffentlichkeit zu verschaffen, sollen mir Micaela Schäfers entbehrliche Szenen recht sein.

Nicht mal in Ruhe nackig sein kann man!

„Skin Creepers“ wird ab dem 18. Oktober in einigen wenigen Kinos über das Bundesgebiet verteilt laufen, was ihm nicht viel Publikum, aber vielleicht etwas Mundpropaganda einbringen wird. Termine und Spielstätten sind auf der Website zum Film zu finden. Mit der Veröffentlichung der Horrorkomödie auf Blu-ray und DVD kann sich die Zuschauerzahl deutlich steigern. Es sei Ezra Tsegaye und seinem Team gewünscht.

Wo stand nur der richtige Exorzismus-Spruch?

Veröffentlichung: 9. November 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 87 Min. (Blu-ray), 83 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Skin Creepers
D 2018
Regie: Ezra Tsegaye
Drehbuch: Sebastian Kühne, Ezra Tsegaye
Besetzung: Nicolas Szent, Nicolás Artajo, Barbara Prakopenka, Micaela Schäfer, Dieter Landuris, Thomas Schmuckert, Annika Strauss, Judith Wegner, Mai Duong Kieu, Sesede Terziyan, Milton Welsh, Ben Zimmermann, Hans Jürgen Alf, Gregor Marvel
Zusatzmaterial: Making-of, Trailer, Trailershow
Produktion: Botchco Films
Verleih: Starcloser
Vertrieb: Generation X Group GmbH Film- & Medienproduktion

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Filmplakate, Szenenfotos & Packshot: © 2018 Botchco Films / Starcloser / Generation X Group GmbH Film- & Medienproduktion

 

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