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Horror für Halloween (XIX): Zombies – Die aus der Tiefe kamen: Untote SS-Einheit taucht in der Karibik auf

29 Okt

Shock Waves

Von Volker Schönenberger

Horror // In diesem kruden Horror- und Zombiefilm-Subgenre der Nazi-Zombies haben „Dead Snow“ (2009) und dessen Fortsetzung „Dead Snow – Red vs. Dead“ (2014) die Messlatte zuletzt sehr hoch gelegt. Können die älteren Vertreter da mithalten? „Shock Waves“ von 1977, hierzulande auch unter dem Titel „Zombies – Die aus der Tiefe kamen“ vermarktet, hat mit dem aus zahlreichen Hammer-Film-Produktionen wie „Dracula“ (1958) und „Frankensteins Ungeheuer“ (1964) bekannten Peter Cushing immerhin einen erfahrenen Horrorfilm-Veteranen in der Besetzung.

Unbesiegbare SS-Einheiten

Eine Stimme aus dem Off suggeriert mit einem Bericht aus dem Zweiten Weltkrieg zu Beginn von „Shock Waves“ Authentizität: Gegen Ende des Krieges tauchten in den Kampfmeldungen alliierter Truppenverbände immer häufiger Berichte über SS-Einheiten auf, die ohne Waffen, mit bloßen Fäusten, selbst Panzer angriffen und vernichteten. Sie machten keine Gefangenen. Töteten und zerstören alles, was ihnen in die Hände fiel, und verschwanden nach jedem Einsatz wieder spurlos, als ob sie sich in Nichts aufgelöst hätten. Um diese SS-Truppen rankten sich bald Legenden. Man sprach von Killerspots, Kampfrobotern, Todesschwadronen, Kamikazefightern. Sie schienen unverwundbar zu sein und übernatürliche Kräfte zu besitzen. Wo sie auftauchten, verbreiteten sie Angst und Schrecken. Den Alliierten gelang es nie, einen Angehörigen dieser Einheiten zu fangen. Und da nach Kriegsende Nachforschungen ohne Erfolg blieben, wurden die Kampfberichte der alliierten Kommandeure als aus der Hektik des Augenblicks geborene übertriebene Feindmeldungen abgetan und gerieten in Vergessenheit.

Schiffbruch vor der Insel des Grauens

Dies erfahren wir über einem in Schwarz-Weiß gehaltenen Standbild von Soldaten, was dem Ganzen einen nachrichtlichen Charakter verleiht. Im Anschluss setzt die Handlung in der Karibik der Gegenwart ein: Die junge Rose (Brooke Adams, „Dead Zone“) wird als Schiffbrüchige in einem Beiboot treibend aus der See gerettet. Sie erinnert sich mit Schrecken an die Ereignisse, die sich dem Publikum als Rückblende entfalten. Das mag nicht jedem gefallen, ahnt man so doch von vornherein, dass sie die einzige Überlebende ihrer Schar sein wird. Ich mag diese Klammerhandlungen aber ganz gern, und sie wird am Schluss konsequent und mit einer schönen Einstellung zu Ende geführt – achtet darauf, was die Gute in ihr Tagebuch schreibt! Jedenfalls gehört Rose zu einer Schar Touristen, die auf einem betagten Kutter mit einem ebenso betagten Skipper (John Carradine) eine Kreuzfahrt unternehmen. Ein sonderbares Naturphänomen verändert kurzzeitig das Sonnenlicht, es scheint ein Seebeben zu geben. Nachdem das Schiff des Nachts beinahe von einem Frachter versenkt wurde, strandet die kleine Gesellschaft auf einer einsamen Insel, wo sie ein baufälliges Hotel entdeckt – und einen alten Mann (Peter Cushing), der ihnen bedeutet, sie müssten die Insel schleunigst wieder verlassen.

In der Rückschau wirken die Sequenz mit dem erwähnten Naturphänomen und dem vermeintlichen oder tatsächlichen Seebeben fast wie ein Dimensionswechsel – der Übertritt von der realen Welt der Karibik-Kreuzfahrten in ein surreales Universum, in welchem sich Nazi-Zombies tummeln. Visuell wird dies im Verlauf aber nicht weiter umgesetzt, also mag diese Deutung ein Hirngespinst sein. Reizvoll macht sie den Film allemal.

Runter vom Index

Einstmals indiziert, ist die ungeschnittene Fassung von „Shock Waves“ mittlerweile mit einer Altersfreigabe ab 16 Jahren versehen. Wer statt billiger Horrorstreifen üblicherweise herkömmliche Mainstream-Filme schaut, wird sich bei unfallbedingter Sichtung von „Zombies – Die aus der Tiefe kamen“ womöglich am Kopf kratzen. Die Touristen irren über die Insel, und bald steigen ein paar blonde Zombies in SS-Uniformen aus dem Wasser und jagen die Unglücklichen. Viel mehr wird nicht geboten. Diesen Untoten geht es nur darum, ihre Opfer ins Jenseits zu befördern, Hunger auf Menschenfleisch plagt sie nicht. Daher geht es recht unblutig zu, denn als ans Wasser gewöhnter Zombie kann man seine Beute auch einfach ersäufen. Die Masken- und Make-up-Abteilung von „Shock Waves“ hatte entsprechend wenig zu tun, die Nazi-Zombies bekamen lediglich in Verwesung begriffene Gesichter verpasst. Dafür, dass sie jahrzehntelang unter Wasser ausharrten, sind sie erstaunlich gut erhalten, aber immerhin handelt es sich ja quasi um Übermenschen. Sie stapfen allerdings lieber durchs Wasser, statt am Ufer entlangzugehen – vermutlich dem Gewöhnungseffekt geschuldet. Würden wir Ewigkeiten im Wasser lauern, ginge es uns am Ende ähnlich.

Fünf Drehtage für Peter Cushing

Wer das für etwas trashig hält, liegt richtig. Die Billigproduktion wurde 1975 in Florida gedreht, als Wrack eines Frachtschiffs dienten Bilder der 1926 vor den Bahamas auf Grund gelaufenen „SS Sapona“, wobei das „SS“ nicht für die „Schutzstaffel“ der Nazis steht, sondern „Steam Ship“ (Dampfschiff) bedeutet. Ob sich Peter Cushing bei den Dreharbeiten fragte, in was für einen Film er da wohl hineingeraten ist? Als Stammschauspieler für Hammer Films war er immerhin etwas stilvollere Produktionen gewohnt. Seinen Part spielt er routiniert herunter, er liefert sicher keine Glanzleistung, ragt damit aber immer noch aus seinen Kolleginnen und Kollegen bei „Shock Waves“ hervor. Fünf Drehtage kostete ihn das dem Vernehmen nach, ebenso den zweiten namhaften Schauspieler im Cast: John Carradine („Früchte des Zorns“). Beide haben keine gemeinsamen Szenen.

Trotz der Mängel und der simplen Story ohne Wendungen hat mir „Zombies – Die aus der Tiefe kamen“ Spaß bereitet. Sind meine Sehgewohnheiten etwa schon so arg in die Niederungen der Filmgeschichte abgedriftet? Ach was, es muss nicht immer Hochkultur sein! Auch wenn es gelegentlich etwas albern wirkt, wenn die SS-Leute aus dem Wasser auftauchen (und ihre Uniformen zügig trocknen), so wartet der auf 16mm gedrehte Film doch mit Atmosphäre auf. Der Score trägt das Seine dazu bei.

Als bekannteste Arbeit von Regisseur Ken Wiederhorn dürfte „Die Rückkehr der Höllenzombies“ („Return of the Living Dead – Part II“) von 1988 durchgehen. „Shock Waves“ markiert sein Langfilm-Regiedebüt nach einem Kurzfilm. Nach insgesamt sechs langen Spielfilmen wechselte er Ende der 1980er zum Fernsehen. Seine Karriere als Filmemacher kam vor der Jahrtausendwende zum Erliegen.

Deutsche Synchronisation nimmt sich Freiheiten

Die deutsche Synchronisation geht recht frei mit den Originaldialogen um, was mir aufgefallen ist, als ich der englischsprachigen Fassung deutsche Untertitel zuschaltete. Wenn man den Dialog „Did you hear that?“ „Be Quiet!“ hört und gleichzeitig „Was ist denn das für ein komisches Geräusch?“ „Ein Seebeben.“ liest, befremdet das schon ein wenig.

X-Rated hat „Zombies – Die aus der Tiefe kamen“ als 25. Teil seiner „Eurocult Collection“ veröffentlicht. Die Mediabooks sind ansprechend gestaltet, der üppige Booklet-Text vom erfahrenen Christoph N. Kellerbach ergänzt das Gesehene optimal. Wir erfahren im ersten Kapitel einiges über die Anfänge des Nazi-Zombie-Subgenres, im zweiten präsentiert uns der Autor seine Interpretation und Wertung von „Shock Waves“, dies sollte erst nach erfolgter Sichtung des Films gelesen werden. Zwei weitere Kapitel widmet Kellerbach Nazi-Zombies der 80er-Jahre sowie aktuellen Filmen. Wer tiefer ins Genre einsteigen will, dem steht mit diesem Booklet-Text eine schöne Fundgrube zur Verfügung.

Jess Francos „Oase der Zombies“ als Bonus

Größtes Extra des Mediabooks: Jess Francos noch trashigerer Nazi-Zombiefilm „Oase der Zombies“ von 1982. Wenn man darüber hinwegsieht, dass wir es mit einem eher langweilig und talentlos inszenierten Machwerk zu tun haben, ist ein vollständiger Film als Bonus natürlich äußerst lobenswert. Und da der verstorbene spanische Regisseur seine Fans hat, wird es auch Filmgucker geben, die trotz meiner abfälligen Meinung Gefallen daran finden. Bei Interesse lest meine Rezension von „Oase der Zombies“!

Insgesamt stellt das Mediabook eine schöne Veröffentlichung dar, auch wenn Bild- und Ton ein klein wenig mehr Politur gut vertragen hätten. Aber vielleicht ist die Patina von vier Jahrzehnten bei einem Streifen wie „Zombies – Die aus der Tiefe kamen“ auch nicht verkehrt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Peter Cushing sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 23. November 2016 unter dem Titel „Die Schreckensmacht der Zombies“ als limitierte 2-Disc „Platinum Cult Edition“ (Blu-ray & DVD), 5. September 2016 als Blu-ray im limitierten 2-Disc Edition Mediabook (mit drei Covervarianten à 444, 666 und 333 Exemplare), 16. November 2012 unter dem Titel „Nazi Blood Storm“ als DVD, 30. Januar 2003 als DVD

Länge: 85 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Shock Waves
Alternativtitel: Die Schreckensmacht der Zombies / Nazi Blood Storm / Shock Waves – Die aus der Tiefe kamen / Death Corps
USA 1977
Regie: Ken Wiederhorn
Drehbuch: John Kent Harrison, Ken Wiederhorn
Besetzung: Peter Cushing, John Carradine, Brooke Adams, Fred Buch, Jack Davidson, Luke Halpin, D. J. Sidney, Don Stout, Clarence Thomas
Zusatzmaterial Mediabook: Audiokommentar von Regisseur Ken Wiederhorn, Assistent und Setfotograf Fred Olen Ray, Make-up-Effektmacher Alan Ormsby (Englisch mit deutschen Untertiteln), Making-of inklusive Interviews mit Produzent Reuben Trane, Komponist Richard Einhorn und Hauptdarstellerin Brooke Adams sowie Darsteller Luke Halpin am Set (Englisch mit deutschen Untertiteln), alternative Vor- und Abspänne, Bildergalerien, 2 Radio-Spots, TV-Spot, deutscher Trailer, Originaltrailer, 16-seitiges Booklet mit einem Text von Christoph N. Kellerbach, Bonus-Blu-ray mit „Oase der Zombies“
Label/Vertrieb Mediabooks: X-Rated
Label/Vertrieb Platinum Cult Edition: VZ-Handelsgesellschaft mbH (Digi-Dreams-Studios)
Label/Vertrieb DVD 2012: Savoy Film (Intergroove)
Label/Vertrieb DVD 2003: Marketing-Film

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

 

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