RSS

Winchester – Das Haus der Verdammten: Willkommen in der Geisterherberge

02 Nov

Winchester

Von Philipp Ludwig

Horrordrama // Amerika,1906: Eigentlich wollte der bekannte Psychologe Dr. Eric Price (Jason Clarke, „Everest“) ein Sabbatical einlegen. Den Tod seiner geliebten Ehefrau Ruby (Laura Brent) hat er nicht wirklich verkraftet, sodass er seine Trauer nun mit Laudanum, Whiskey und der Gesellschaft von Huren zu betäuben versucht. Das nächtliche Auftragsgesuch eines Anwalts der berühmten Winchester Repeating Arms Company kann er dann allerdings doch nicht ausschlagen. Verspricht ihm die üppige Belohnung nicht nur Schuldenfreiheit, am Ende dürfte auch eine ganze Menge Geld für noch mehr Laudanum, Alkohol und leichte Mädchen übrig bleiben.

Witwer Dr. Eric Price betreibt Trauerbewältigung auf eigene Art

Der Auftrag lautet: eine professionelle Einschätzung der psychischen Verfassung von Sarah Winchester (Helen Mirren, „The Queen“). Als Witwe von William Winchester hat diese nicht nur dessen beachtliches Vermögen geerbt – sie wurde auch zur Mehrheitseignerin der von ihm gegründeten, berühmten Waffenfirma. Einige hohe Herrschaften in der Führungsetage sehen nun die Gelegenheit gekommen, die Kontrolle über die lukrative Firma zu erlangen. Hat sich Sarah doch auf ein Anwesen in der Nähe San Franciscos zurückgezogen – das Winchester House, das sie in stetiger Arbeit Tag und Nacht schier end- wie scheinbar auch planlos erweitern lässt. Sie glaubt, die wütenden Seelen der zahlreichen von Winchester-Waffen Getöteten würden sie als Geister heimsuchen, und unternimmt daher den Versuch, diese in speziell für sie hergerichteten Räumen zu beherbergen und so gut es geht zu besänftigen. Aber ist sie tatsächlich ein Medium dieser unruhigen wie wütenden Seelen oder, aufgrund ihrer Schuldgefühle für ihren auf Tod und Verderben basierenden Reichtum, dem Wahnsinn verfallen?

Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist

Auf dem Anwesen angekommen, dauert es einige Zeit, bis der Psychologe seine Patientin erstmalig treffen kann. Zunächst wird er von einer Reihe anderer dort lebender Menschen nicht nur in die Eigenheiten des imposanten und höchst verworrenen Gebäudes eingeführt, sondern vor allem auch auf die charakterlichen Besonderheiten der Millionenerbin vorbereitet: ihrer ebenfalls verwitweten Nichte Marian (Sarah Snook) mit ihrem Sohn Henry; dem emsigen Bauleiter John Hansen (Angus Sampson) sowie dem geheimnisvollen Butler Ben (Eamon Farren). Price machen aber zunächst eher die strengen Regeln der Hausherrin zu schaffen: kein Alkohol vor dem Abendessen und vor allem: kein Laudanum mehr! Ebenso scheint ihn der stetige, auch nachts nicht abklingende Baulärm mehr um den Verstand zu bringen, als es die ersten geisterhaften Erscheinungen zu erreichen vermögen – tut er diese doch zunächst als Nachwirkungen seines vorherigen Drogenkonsums ab. Doch im Laufe der Zeit muss er feststellen, das sowohl er als auch seine eigenwillige Patientin und Gastgeberin weniger verrückt zu sein scheinen als zunächst angenommen. Und wie es aussieht droht ausgerechnet jetzt ein besonders bösartiger und hartnäckiger Geist, sich in dem Anwesen einzunisten.

Trotzdem macht sich der Psychologe auf den Weg zu dem imposanten Anwesen

„Winchester – Das Haus der Verdammten“ basiert zum Teil auf wahren Begebenheiten. So hat es nicht nur die Hauptfigur der Sarah Winchester tatsächlich gegeben, sondern auch das imposante Anwesen – es kann im kalifornischen San José besichtigt werden. Dieses zunächst gerade einmal acht Zimmer umfassende, Gebäude wurde von der Witwe des Erfinders des Repetiergewehres in jahrelanger Arbeit nach eigenen Entwürfen umfangreich umgestaltet. So entstanden bis zu ihrem Tod 1922 im Alter von 82 Jahren mehrere hundert Zimmer, auf sieben Etagen verteilt. Etliche Treppen und Türen führen ins Nichts, Gänge enden unvermittelt, auch Fenster innerhalb des Hauses sind zu bemerken. Die Vermutungen, warum sie diese scheinbar planlose Ansammlung an Zimmern, Fluren und Treppen erschuf, gehen allerdings auseinander. So wird einerseits ihre durch Trauer bedingte Depression als Begründung herangezogen, verlor Sarah Winchester kurz nach ihrem Mann doch auch die gemeinsame Tochter, noch im Säuglingsalter. Andererseits bestehen Gerüchte, sie hätte tatsächlich geglaubt, von den Geistern der Winchester-Todesopfer heimgesucht zu werden, deren rastlosen Seelen sie in dem Anwesen eine Art Zufluchtsort spenden wollte. Als unbestritten gilt, dass die bodenständige Witwe aufgrund ihres durch menschliches Leid begründeten Vermögens, schwere Schuldgefühle plagten.

Sarah Winchester – Medium für rastlose Seelen oder dem Wahnsinn verfallen?

Verantwortlich für die filmische Umsetzung dieser faszinierenden und mit viel Grusel-Potenzial versehenen Vorlage sind die australisch-deutschen Zwillingsbrüder Peter und Michael Spierig. Als „The Spierig Brothers“ konnten diese bereits einige Erfahrungen im Horrorgenre sammeln, sowohl als Regisseure wie auch Drehbuchautoren – etwa mit dem Vampirfilm „Daybreakers“ (2009) mit Ethan Hawke in der Hauptrolle, ebenso wie mit „Jigsaw“, als ihren persönlichen Beitrag für die meiner Meinung nach vollkommen überflüssige „Saw“-Filmreihe.

Tolle Vorlage – mäßige Umsetzung

Trotzdem gelingt es den Zwillingsbrüdern leider nicht, aus der spannenden historischen Vorlage in „Winchester“ mehr zu machen als einen höchstens (aber immerhin) grundsoliden Gruselstreifen. Gerade die Vorgeschichte um Sarah Winchester wie auch das Anwesen hätte deutlich mehr zu bieten gehabt. Ebenso etwa das Potenzial, das die zahlreichen, durch Winchester-Waffen Getöteten als unendlicher Quell toller Geistergeschichten geboten hätten – die dann im Film aber leider lediglich als gruseliges Hintergrundrauschen wie auch als Mittel mehr oder minder einfallsreicher Jump-Scares herhalten müssen. Ebenso kommt „Winchester – Das Haus der Verdammten“ trotz einiger vielversprechender Ansätze nie in Fahrt. Was nach dem durchaus gelungenen, einführenden Spannungsaufbau in der ersten Hälfte umso enttäuschender ist.

Dr. Price und seine Patientin, wahlweise: Gastgeberin

Eine gelungene Grusel-Atmosphäre können die Spierig Brothers auf alle Fälle kreieren. Sowohl das Sounddesign mit allerlei Stöhnen, Krächzen und Knarzen als auch die stimmige musikalische Untermalung – von Peter Spierig selbst komponiert – werden einem Spukhausfilm absolut gerecht. Auch die gelegentlich eingeschobenen, obligatorischen Jump-Scares sind weitgehend gut gemacht und sitzen im Timing. Sie sind zwar mitunter etwas vorhersehbar, für leicht Erschreckbare wie mich aber absolut ausreichend. Den Puls von Horrorprofis werden sie dagegen wohl weniger zum Rasen bringen. Ebenso ist das Anwesen gerade zu Beginn fulminant in Szene gesetzt worden, auch wenn die offensichtlich erkennbaren CGI-Effekte mitunter etwas nerven können.

Auch Sarahs Nichte Marian will den mysteriösen Geschehnissen auf den Grund gehen

Besonders schade ist aber vor allem tatsächlich, dass „Winchester“ sein Potenzial für einen wirklich tollen Gruselfilm nie wirklich ausschöpfen kann und dieses nach dem durchaus guten Start ab etwa der Hälfte des Films zunehmend in den Sand gesetzt wurde. Wird zunächst noch stetig Spannung erzeugt und für ausreichend Gruselgefühl gesorgt, während wir zusammen mit Dr. Price das Anwesen erkunden und die von Sarah kontaktierten Geister kennenlernen, so verliert sich die Handlung zunehmend in Vorhersehbarkeiten und Belanglosigkeiten, um am Ende in einem ziemlich einfallslosen und simpel gehaltenen Finale zu gipfeln, das den Möglichkeiten der Vorlage erst recht nicht gerecht wird. Sonderlich innovativ ist der Film darüber hinaus auch nicht, dafür wird sich leider etwas zu oft auf altbewährte Tricks des Genres verlassen.

Selbst eine Oscar-Gewinnerin hilft nur bedingt

Erstaunlich, dass sich eine großartige Schauspielerin wie Helen Mirren für einen derartig durchschnittlichen Film hergegeben hat. Ebenso der Australier Jason Clarke, der in den vergangenen Jahren zunehmend auf sich aufmerksam machen konnte. Ihnen ist es dann auch in erster Linie zu verdanken, dass der Film wenigstens seinen Standard des Mittelmaßes halten kann – nicht auszudenken, wären sie durch weniger talentierte Darstellerinnen und Darsteller ersetzt worden. So präsentiert Mirren eine tolle Darstellung ihrer interessanten und außergewöhnlichen Figur Sarah, hin- und hergerissen zwischen Trauer, Schuld und Sühne, die sich auch von den unheimlichen Geisterkontakten kaum aus der Ruhe bringen lässt. Auch Clarke überzeugt als vom Schicksal gebeutelter Psychiater, der zwischen Alkohol- und Drogenkonsum und seiner persönlichen Gier zunehmend ein Interesse an Sarah und den Geschehnissen im Haus entwickelt. Der sich übrigens selbst, gegenüber einem Bildnis seiner verstorbenen Frau, als einen „Betrüger“ bezeichnet – leider nur ein weiterer vielversprechender Handlungsstrang, der ins Leere verläuft.

Die Geister, die ich rief …

Interessant finde ich persönlich die moralische Komponente des Films und die hier aufgeworfene Frage nach Schuld und Sühne. Sarah Winchester muss stellvertretend für ihren Mann mit den tragischen Folgen von dessen Arbeit klarkommen. Die ethische Frage nach den Möglichkeiten eines Lebens in Saus und Braus, insbesondere in Bezug auf das Zustandekommen der Grundlage für eben dieses Leben, finde ich auf jeden Fall spannend. Auch ich würde es begrüßen, würden all die Waffenproduzenten und -händler dieser Welt, ebenso wie etwa Auto- oder Tabakindustrielle, Massentierhalter, Braunkohleunternehmer oder Bad Banker von den Geistern der von ihnen Geschädigten heimgesucht werden. Das wäre doch mal gerecht und auch ein Stück weit schön. Ja, ich gebe zu, auch ich habe manchmal so eine gewisse, bösartige Seite an mir. Aber eigentlich bin ich ein ganz netter Kerl.

Die Schatten der Vergangenheit plagen Sarah

Ein Urteil über „Winchester – Das Haus der Verdammten“ zu fällen, ist also nicht ganz einfach. Das Horrordrama ist weder sonderlich schlecht noch besonders gut. Dank der soliden Gruselatmosphäre und ein paar gelungener Schreckmomente wird er zumindest gelegentlichen Horrorzuschauern wie mir etwas mehr zu bieten haben als den wahren Genrecracks. Diese wird der Film wohl noch weniger vom Hocker hauen, hat er dafür in seiner Durchschnittlichkeit doch einfach zu wenig innovative und vor allem einfallsreiche Ideen zu bieten. Ein klassischer Fall also von „Kann man mal gucken, muss man aber nicht.“ Schade – bei der Story und der Besetzung wäre mehr drin gewesen, wie zumindest in Ansätzen zwischendurch immer mal wieder zu erkennen ist.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Helen Mirren sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Jason Clarke unter Schauspieler.

Kann Price den Überblick behalten?

Veröffentlichung: 31. August 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 109 Min. (Blu-ray), 105 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Winchester
Alternativtitel: Winchester – The House that Ghosts Build
AUS/USA 2018
Regie: Michael und Peter Spierig
Drehbuch: Tom Vaughan, Michael und Peter Spierig
Besetzung: Helen Mirren, Jason Clarke, Sarah Snook, Finn Scicluna-O’Prey, Angus Sampson, Laura Brent, Tyler Coppin, Eamon Farren, Bruce Spence, Emm Wiseman
Zusatzmaterial: Making-of, Interviews
Label/Vertrieb: splendid film

Copyright 2018 by Philipp Ludwig

Fotos & Packshot: © 2018 splendid film

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Eine Antwort zu “Winchester – Das Haus der Verdammten: Willkommen in der Geisterherberge

  1. Melanie Wehrmann

    2018/11/05 at 06:12

    Also wie auch oben schon geschrieben… Irgendwie schwer zu beurteilen.
    Die Story an und für sich ist top.
    Aber hatte mir mehr erwartet.
    Kann man sich auf jeden Fall ansehen und gruselt auch schön, aber man hätte mehr draus machen können finde ich.

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: