RSS

Greyzone – No Way Out: Staffel 1 – Skandinavischer Drohnen-Terror

15 Nov

Greyzone

Von Volker Schönenberger

Thriller-Serie // Im Hafen von Göteborg kontrollieren Eva Forsberg (Tova Magnusson-Norling) vom schwedischen Geheimdienst Säpo und ein Zollbeamter einen deutschen Lastwagen, der per Fähre aus Dänemark eingetroffen ist. Als sich die Agentin gerade im Laderaum befindet, erschießt einer der Insassen des Fahrzeugs den Zöllner. Forsberg kann den Schützen ausschalten, doch obwohl sie auch den Fahrer verwundet, gelingt dem die Flucht. Die Durchsuchung des Lkws fördert einen voll funktionstüchtigen Raketensprengkopf zutage, konventionell bestückt, aber von gewaltiger Detonationskraft. Einer von zwei Sprengköpfen, die vor einiger Zeit von einer NATO-Basis gestohlen worden sind. Schweden muss offenbar mit einem schweren Terroranschlag rechnen. Oder wird Dänemark zum Ziel? Eva Forsberg wird Teil einer vom dänischen Geheimdienstler Henrik Dalum (Lars Ranthe) geleiteten dänisch-schwedischen Anti-Terror-Einheit, die die Säpo in Kooperation mit dem dänischen Nachrichtendienst PET bildet.

Victoria präsentiert eine Neuentwicklung der Drohnen-Antriebstechnik

In einen zweiten Handlungsstrang lernen wir die dänische Software-Ingenieurin Victoria Rahbek (Birgitte Hjort Sørensen, „Automata“) kennen, die gerade auf einer internationalen Konferenz in Frankfurt am Main einen neuartigen Drohnenantrieb vorgestellt hat. Dort trifft sie auf Iyad Adi Kassar (Ardalan Esmaili), mit dem sie vor Jahren in Lund studiert hat. Ihr Ex-Kommilitone gibt vor, für ein Technik-Magazin als Journalist zu arbeiten, und bittet Victoria um ein Interview. Sie stimmt zu, doch zurück in ihrer Wohnung in Kopenhagen überwältigt Iyad sie, nimmt auch ihren fünfjährigen Sohn Oskar (Virgil Katring-Rasmussen) als Geisel. Er will Victoria zwingen, eine Drohne zu programmieren, und zwar so, dass sie auch Flugverbotszonen ansteuern kann. Zu diesem Zweck muss die Ingenieurin aus den Räumlichkeiten ihres Arbeitgebers sensible Daten und Gerätschaften entwenden. Ein mehr als heikles Unterfangen …

Binge-Watching an einem Tag?

„Greyzone – No Way Out“ ist wendungsreich und packend inszeniert worden – so packend, dass man zügig wissen will, wie es denn weitergeht. Wer Gelegenheit zum Binge-Watching hat, wird sich wundern, wie schnell die zehn knapp dreiviertelstündigen Folgen weggeatmet sind. Dabei hält die Serie das gewohnt hohe Niveau der Krimi- und Thriller-Serien aus Skandinavien – angesichts der großen Auswahl in diesem Bereich kann es sich auch kaum eine Produktion erlauben zu schwächeln. Ortswechsel werden oft mit einer Luftaufnahme eingeleitet, was gut zum Sujet des bevorstehenden Drohneneinsatzes durch die Terroristen passt. Wo soll die Rakete einschlagen? Die Frage gewinnt allerdings erst in der letzten Folge an Bedeutung.

Iyad setzt seinen Plan in die Tat um

Das sogenannte Stockholm-Syndrom wird Thema – die emotionale Annäherung zwischen Entführer und Entführungsopfer in der Ausnahmesituation auf engem Raum. Victoria wird von der Angst um ihr Überleben und das ihres Sohnes angetrieben. Dafür würde sie alles tun, dafür zeigt sie Stärke, was hinreichend belegt wird, wenn sie allein nach Stockholm fliegt, um im Büro der Firma „Besorgungen“ zu erledigen, die für Iyads Mission unerlässlich sind. Hier verlassen sich die Terroristen meines Erachtens zu sehr darauf, dass ihrer Geisel ihre riskanten Beutezüge im Büro gelingen. Mehrfach kommt Victoria nur durch Zufall davon, derlei Zufälle müsste ein derart ausgeklügelter Plan an sich ausgeschlossen haben, denn nur ein kleines Scheitern bringt alles zum Einsturz. Aber okay, vielleicht bin ich bei der Glaubwürdigkeitsfrage in solchen Details auch etwas päpstlich, Hochspannung bringen diese Szenen jedenfalls.

Eva und Jesper ermitteln auf Hochtouren

Die Figuren sind charakterlich gut und differenziert ausgeleuchtet, wir entwickeln als Zuschauer Beziehungen zu ihnen. Das gilt auch für die Ermittler um Eva Forsberg, darunter Jesper Lassen (Joachim Fjelstrup, „9. April – Angriff auf Dänemark“), den sein Boss Henrik Dalum erst einmal wieder rekrutieren muss, weil er die besten Kontaktleute kennt, den Geheimdienst aber vor einiger Zeit aufgrund eines besonderen Vorfalls verlassen hat. Dieser Vorfall offenbart sich uns nach einigen Episoden und passt gut ins Bild. Weniger gut passt ein familiäres Problem, das Eva mit sich herumträgt. Es soll vermutlich den immensen Druck und Stress dokumentieren, dem Agenten wie sie ausgesetzt sind, und ihrer Figur Tiefe geben, wird dafür aber allzu nebensächlich thematisiert und treibt die Handlung auch nicht voran. Zugegeben, ich jammere da auf hohem Niveau, an den Charakterzeichnungen gibt es an sich nichts auszusetzen. Auch Geiselnehmer Iyad ist mehrschichtig gezeichnet und nicht der verblendete islamistische Terrorist, als der er charakterisiert werden könnte. Seine Spießgesellen sind da deutlich einseitiger porträtiert, aber hier weiter in die Tiefe zu gehen, hätte irgendwann den Rahmen gesprengt. Der Fokus des Handlungsstrangs um Victoria liegt ohnehin auf ihr und Iyad, und diese beiden lernen wir sehr gut kennen, was völlig ausreicht. Ein paar anderweitige Klischees lassen sich da gut tolerieren. Als Drahtzieher des geplanten Anschlags ist Kida Khordr Ramadan zu sehen, Hauptdarsteller der hochgelobten deutschen Gang-Serie „4 Blocks“.

Die Angst vor dem Terror

Während meiner Sichtung habe ich mich gefragt, ob realitätsnah inszenierte und authentisch wirkende Filme und Serien wie diese nicht allzu sehr die Angst vor Terror schüren und somit Anlass zur Kritik geben. Zu einem abschließenden Schluss bin ich nicht gekommen. Ganz von der Hand weisen lässt sich das sicher nicht, aber deswegen in der Fiktion auf Terroristen-Szenarien gänzlich zu verzichten, kann auch keine Lösung sein. Wichtig ist eine ausgewogene Darstellung, und in dieser Hinsicht punktet „Greyzone – No Way Out“. Zum einen müssen die Ermittler schwerwiegende Entscheidungen treffen, die Auswirkungen auf die Menschen haben, die sie beschützen sollen, ja müssen. Diesen Konflikt arbeitet die Serie sehr gut heraus, gerade Rückkehrer Jesper Lassen fungiert hier als Gewissen und Mahner, der an seiner Arbeit leidet, wenn nicht gar zerbricht. Zum anderen erfahren wir in Rückblenden, wie Iyad zu dem wurde, der er ist. Er ist nicht einfach ein fundamentalistischer Muslim, der den gesamten Westen hasst, nach und nach entfalten sich sein Schicksal und seine Motive.

Kann die Anti-Terror-Einheit den Anschlag verhindern?

„Greyzone – No Way Out“ lief bereits beim Spartensender ZDFneo, auf dem das Zweite Deutsche Fernsehen durchaus mutig mit neuen Formaten experimentiert und der die Serie auch mitfinanziert hat. Besonderer Mut gehörte in diesem Fall allerdings nicht dazu, die Serie hat das Niveau, auch auf dem Mutterkanal Quote zu bringen. In der Kombination aus linearer TV-Ausstrahlung, Bereitstellung zur kostenlosen Sichtung in der ZDF-Mediathek (derzeit alle Folgen verfügbar!) und DVD-Auswertung erhält sie hoffentlich die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Ob eine zweite Staffel geplant ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Wer Serien wie „Homeland“ und „Countdown Copenhagen“ oder auch „Der Adler – Die Spur des Verbrechens“ mag, wird auch an „Greyzone – No Way Out“ Gefallen finden. Hochkarätige Thriller-Unterhaltung in Reinkultur mit einem hervorragendem Ensemble.

Der Drahtzieher des Terrors

Die zehn Episoden der ersten Staffel:

01. Die Vereinbarung (En aftale)
02. Die erste Mission (Første mission)
03. Oskar (Hjemkomst)
04. Der Code (En chance)
05. Kontakt (Rekrutteret)
06. Doppelagent (Dobbelagent)
07. Zugriff (Ofret)
08. Überleben (Overlevelse)
09. Simone (Simone)
10. Eine neue Welt (En ny verden)

Victoria muss dem enormen Druck standhalten

Veröffentlichung: 12. Oktober 2018 als 3-DVD-Box

Länge: 10 x 45 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Dänisch, Schwedisch
Untertitel:
Originaltitel: Greyzone
DK/SWE 2018
Regie: Jesper W. Nielsen
Drehbuch: Rasmus Thorsen, Morten Dragsted, Oskar Söderlund, Mikkel Bak Sørensen
Besetzung: Birgitte Hjort Sørensen, Ardalan Esmaili, Tova Magnusson, Joachim Fjelstrup, Lars Ranthe, Johan Rabaeus, Virgil Katring-Rasmussen, Christopher Wollter, Özlem Saglanmak, Karin Franz Körlof, Kida Khordr Ramadan, Olaf Højgaard
Zusatzmaterial: Interviews mit Cast & Crew
Label/Vertrieb: Edel Germany GmbH

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2018 Edel Germany GmbH

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: