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Under the Silver Lake – Odyssee durch die Stadt der Engel

06 Dez

Under the Silver Lake

Kinostart: 6. Dezember 2018

Von Andreas Eckenfels

Mysterythriller // Einer der Höhepunkte auf dem Fantasy Filmfest 2014 war für mich der wunderbare „It Follows“ (2014) von David Robert Mitchell, der nicht nur in Cannes mit Lobeshymnen überschüttet wurde. Allerdings: Nicht jeder Zuschauer konnte dem Retro-Horrorfilm etwas abgewinnen, sodass wir Mitchells zweiter Regiearbeit bei „Die Nacht der lebenden Texte“ ausnahmsweise zwei Rezensionen gegenüberstellten, sowohl eine positive als auch eine negative. Für sein Nachfolgewerk hat sich der Filmemacher vier Jahre Zeit gelassen. Sein in Los Angeles angesiedelter „Under the Silver Lake“ mit Andrew Garfield („Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“) in der Hauptrolle sorgte allerdings in Cannes und auf dem Fantasy Filmfest 2018 für eher gemischte Kritiken.

Eine Dame verschwindet

Seiner Mutter erzählt Sam (Andrew Garfield) am Telefon, dass er wegen seiner Arbeit zu beschäftigt sei, um mit ihr zu sprechen. Doch eigentlich hat der 30-Jährige rein gar nichts zu tun. Er lebt in den Tag hinein, sitzt auf dem Balkon, raucht, trinkt und beobachtet mit dem Fernglas seine alte Nachbarin, die wieder mal oben ohne mit ihrem Papagei redet. Dass er mit seiner Miete in Verzug ist, stört ihn nicht. Auch seine Freundin (Riki Lindhome), eine Schauspielerin, schaut ab und zu nach einem Casting in seiner recht verwahrlosten Wohnung vorbei. Es gibt bedeutungslosen Sex zwischen beiden – irgendwie muss man ja die Zeit totschlagen. Es ist offenbar nur eine Zweckbeziehung, romantisch geht es zwischen den beiden nicht gerade zu.

Sam beobachtet seine Nachbarn

Als Sam wieder einmal auf seinem Balkon sitzt, erweckt eine junge Frau seine Aufmerksamkeit. Sie trägt einen weißen Hut, einen weißen Bikini, hat einen kleinen weißen Hund dabei und macht es sich auf einer der Sonnenliegen am Gemeinschaftspool gemütlich. Sam ist sofort fasziniert von der Blondine. Am Abend gelingt es ihm, mit seiner neuen Nachbarin ins Gespräch zu kommen. Es stellt sich heraus, dass sie Sarah (Riley Keough) heißt – und ihren Vierbeiner „Coca Cola“ getauft hat. Sie lädt ihn in ihre Wohnung zu einem Drink ein, sie rauchen einen Joint und schauen „Wie angelt man sich einen Millionär“ (1953) im TV. Gerade als sie einander ein wenig näherkommen, kehrt ihre Mitbewohnerin gemeinsam mit einem Herren, der ein Piratenkostüm trägt, zurück. Sarah verabschiedet Sam und vertröstet ihn. Als er tags drauf an ihre Tür klopft, stellt er fest, dass die Wohnung komplett leergeräumt ist. Sam kann es nicht fassen. Er beschließt, Sarah zu finden. Der Beginn einer ruhelosen Odyssee durchs schwül-warme Los Angeles.

Liebevolle Hommage an Alfred Hitchcock

Der Mann mit dem Fernglas und die mysteriöse Blondine sind nur zwei von zahlreichen Bildern in Mitchells Werk, deren Ursprung jedem Filmfreund bestens bekannt sein dürfte. Sie stammen aus „Das Fenster zum Hof“ (1954) und „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (1958). „Under the Silver Lake“ ist eine liebevolle Hommage an die Werke von Alfred Hitchcock – ganz eindrucksvoll ist der im alten Stil gehaltene Klassik-Score – und an den Film noir, auch Anleihen von David Lynch und Roman Polanski sind erkennbar. Diese Vorbilder dienen Mitchell als roter Faden für seine verrückte, wendungsreiche Geschichte. Gleichzeitig zitiert und dekonstruiert er auch sonst wild und postmodern aus der Popkultur, Film- und Musikgeschichte quer durch die Jahrzehnte. Das Sammelsurium aus Referenzen geht sogar so weit, dass der Ex-„Amazing Spider-Man“-Darsteller Andrew Garfield als Sam in einer Szene einen „Spider-Man“-Comic in die Hand nimmt.

Die attraktive Sarah verschwindet spurlos

Zum Glück nimmt Mitchell seine Geschichte selbst nicht sonderlich ernst und würzt sie mit lakonischem Witz. Als Running Gag fungiert dabei Sams Figur selbst, herrlich lässig und drollig gespielt von Andrew Garfield, die nach einer „Bestäubung“ durch ein Stinktier den halben Film über mit einem üblen Geruch zu kämpfen hat, der auch nach mehrfachem Duschen nicht verfliegen will.

Geheime Botschaften auf Cornflakes-Packungen

Sams endlose Suche nach Sarah wird für ihn zur Obsession. Er trifft bei dabei auf allerhand hübsche Frauen, auf seltsame Typen in verschiedenen Kostümen und besucht mysteriöse Orte, die in der „Stadt der Engel“ offenbar allgegenwärtig sind, für uns aber äußerst bizarr wirken. Sam erkennt sogar auf dem Karton einer Cornflakes-Packung geheime Botschaften und sucht in Musikstücken nach Codes, die ihn, wie er glaubt, immer näher zu der Wahrheit führen, zu dieser groß angelegten Verschwörung, was mit Sarah wirklich geschah.

Auch Sarahs Freundinnen geben Sam nur neue Rätsel auf

Das ständige Decodieren der verschiedenen Zusammenhänge und die daraus resultierenden Ergebnisse, die Sams Hirn entspringen, machen zum einen den Reiz von „Under the Silver Lake“ aus. Doch gleichzeitig ist man all dieser ohne Zweifel gut gemeinten Rätsel bald überdrüssig, die Mitchell in sein Drehbuch gepackt hat. Denn ebenso wie die Suche nach Sarah spielen bei Sams Streifzügen durch Los Angeles unter anderem auch die Entführung eines Millionärs, ein Hundemörder, der König der Obdachlosen, eine Band und ein Playboy-Heft mehr oder weniger eine Rolle im großen Ganzen. Alles ganz schön viel. Zu viel. Kein Wunder, dass Mitchell knapp vier Jahre Zeit für seinen stimmungsvollen und schön anzusehenden Neo-noir-Mystery-Thriller benötigte, der sich aber häufig zu verträumt lethargisch im Kreis dreht.

Die Band Jesus and The Brides of Dracula ist gerade absolut hip

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Andrew Garfield sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Bringt ein Videospiel Licht ins Dunkel?

Länge: 139 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Under the Silver Lake
USA 2018
Regie: David Robert Mitchell
Drehbuch: David Robert Mitchell
Besetzung: Andrew Garfield, Riley Keough, Topher Grace, Callie Hernandez, Don McManus, Riki Lindhome, Chris Gann, Grace Van Patten, Zosia Mamet
Verleih: Weltkino Filmverleih

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 Weltkino Filmverleih / A24

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