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Barquero – Der widerspenstige Fährmann

11 Dez

Barquero

Von Volker Schönenberger

Western // Der stoische Travis (Lee Van Cleef) betreibt an einem Fluss in der Nähe zu Mexiko eine kleine Fähre, die er selbst zusammengezimmert hat, und genießt sein ruhiges Leben in der Ufersiedlung. Der Frieden wird jäh gestört, als ihn der Gangster Fair (John Davis Chandler) mit zwei Kumpanen überwältigt und an die Fähre fesselt. Der Ganove bildet die Vorhut für die Bande von Jacob Remy (Warren Oates, „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia“), die gerade anderswo eine Bank ausgeraubt und die Bewohner des Orts zusammengeschossen hat. Glück für Travis: Sein Kumpel Mountain Phil (Forrest Tucker) legt die beiden Spießgesellen von Fair um, setzt den Gangster fest und befreit den Fährmann. Gerade noch rechtzeitig vor dem Eintreffen von Remy und dessen Bande bringen Travis und Mountain Phil sich und die Siedlerschaft mit dem Wasserfahrzeug auf dem anderen Ufer in Sicherheit. Über den Fluss hinweg beginnt ein Psychoduell zwischen dem Fährmann und dem Gangsterboss.

Mit diesem Fährmann legt man sich besser nicht an

Bei aller nicht zu leugnender Präsenz von Charakterkopf Lee Van Cleef („Zwei glorreiche Halunken“) bietet Warren Oates’ Rolle des Oberschurken doch den etwas interessanteren Part. Dessen Jacob Remy fällt gleich zu Beginn durch absolute Gnadenlosigkeit auf, was eine liebesbedürftige Hure auf tödliche Weise zu spüren bekommt. Später stellt sich heraus, dass der Gangster mit bösen Erinnerungen zu kämpfen hat und sein Dasein mit bewusstseinserweiternden – oder wahlweise -trübenden – Rauchwaren zu erleichtern versucht. Mitgefühl kommt zwar nicht auf, dafür mangelt es ihm dann doch zu sehr an menschlichen Regungen, was auch seine Kumpane zu spüren bekommen, aber wenn er irgendwann am Ufer steht und nicht mehr weiter weiß, kann er einem fast leid tun – aber eben nur fast.

Als verschmitzter Sidekick des Fährmanns bringt Forrest Tucker („Chisum“) etwas Leichtigkeit ins Spiel. Die übrigen Figuren gehen da etwas verloren, etwa Marie Gomez als Travis’ Geliebte Nola und Mariette Hartley als Anna, auf die der Fährmann ebenfalls ein Auge geworfen hat. Dieses Dreieck hatte mehr Potenzial, auch auf die Gefahr hin, vom Hauptplot abzulenken, wobei Travis seine Fähre stets mehr am Herzen zu liegen scheint als eine der beiden Frauen.

Gezielter Schuss hätte Abhilfe gebracht

Ab und zu habe ich mich gefragt, weshalb nicht ein geübter Scharfschütze auf der einen den oder die Wortführer auf der jeweils anderen Seite mit einem gezielten Gewehrschuss zur Strecke bringt. Dass das möglich ist, wird vereinzelt demonstriert. Ein kleines, zu verschmerzendes Logikloch – ebenso wie die Frage, weshalb die Gangster erst ganz am Ende auf die Idee kommen, sich ihr Wasserfahrzeug selbst zusammenzuzimmern.

Viel Faszination zieht „Barquero“ – Spanisch für „Bootsmann“ – aus dem ungewöhnlichen Sujet der Belagerung über einen Fluss hinweg. Der US-Western zeigt sich stark vom Italowestern beeinflusst, vor allem, was das unvermittelte, geradezu lakonische Töten angeht. Die Personalie Lee Van Cleef tut ihr Übriges dazu. Ein wenig scheint „Barquero“ unter dem Radar zu laufen – der „Tomatometer“ von Rotten Tomatoes führt überhaupt keine Wertung auf, der „Audience Score“ der Seite liegt bei niedrigen 38 Prozent. Immerhin haben die User der IMDb dem Western eine Durchschnittswertung von 6,3 beschert (Stand jeweils Dezember 2018). Auf diesem Wert ist „Barquero“ auch gut aufgehoben.

Vom Regisseur des Ameisen-Horrorfilms „Formicula“

Regisseur Gordon Douglas (1907–1993) begann seine Laufbahn 1935 mit Kurzfilmen, seinen ersten Langfilm drehte er 1942. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen „Ein Sommer in Florida“ („Follow that Dream“, 1962) mit Elvis Presley, „Man soll nicht mit der Liebe spielen“ („Young at Heart“, 1954) mit Doris Day und Frank Sinatra sowie den durchaus wegweisenden SF-Horrorfilm „Formicula“ (1954), in welchem Riesenameisen ihr Unwesen treiben.

Mit diesem Gangster allerdings auch nicht

Douglas eröffnet und beschließt „Barquero“ mit gewalthaltiger Action, die furios ausfällt, wenn auch nicht ganz so blutig wie Sam Peckinpahs ein Jahr früher entstandener „The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz“, in welchem Warren Oates ebenfalls mitwirkte. Im Mittelteil legt der Regisseur seinen Fokus auf die Psychologie der Figuren und ihre Beziehungen zueinander. Mit Warren Oates als Sam-Peckinpah-Star und Lee Van Cleef als Sergio-Leone-Schauspieler liegt der Verdacht nahe, dass Gordon Douglas und seine Produzenten „Barquero“ etwas reißbrettartig als Mischung aus beiden Regisseurseinflüssen angelegt haben; an diesen Vorbildern gemessen scheitert der Western natürlich zwangsläufig, das tut seiner Qualität und dem Unterhaltungswert aber keinen Abbruch.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lee Van Cleef sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 31. März 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 109 Min. (Blu-ray), 105 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Barquero
USA 1970
Regie: Gordon Douglas
Drehbuch: George Schenck, William Marks
Besetzung: Lee Van Cleef, Warren Oates, Forrest Tucker, Kerwin Mathews, Mariette Hartley, Marie Gomez, Armando Silvestre, John Davis Chandler, Craig Littler, Harry Lauter
Zusatzmaterial: Bio- und Filmografien, Bildergalerie, Wendecover
Label: Black Hill Pictures GmbH
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2017 Black Hill Pictures GmbH

 

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