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Zum 100. Geburtstag von Jeff Chandler: Gefangene des Dschungels – Schick-bunte Abenteuer-Exotik mit guten Ansätzen

15 Dez

East of Sumatra

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // Duke Mullane (Jeff Chandler) wird mit seinem Team auf eine Insel östlich von Sumatra geschickt, um die reichen Zinn-Vorkommen abzubauen. Der König des dort lebenden Volkes, Kiang (Anthony Quinn), lässt sich auf den Kontakt mit den Amerikanern zaghaft, aber wohlwollend ein. Auch Kiangs Auserkorene, Minyora (Suzan Ball), mag den Neuling gern. Mullane versucht zu erwirken, dass die Eingeborenen ebenfalls von dem Projekt profitieren, zumal dies die Arbeit vor Ort wesentlich vereinfachen würde, und ist von der Rückendeckung seiner Arbeitgeber überzeugt. Ihm wird jedoch von seinem Vorgesetzten Catlin (John Sutton) das Leben schwer gemacht, der alle Risiken ignoriert, mit aller Macht so viel Geld wie möglich bei dem Projekt zu sparen versucht und dabei jegliches Fingerspitzengefühl im Umgang mit fremden Kulturen vermissen lässt.

Es gibt Filme, denen man nachsagt, dass noch viel Luft nach oben war, und damit meint, dass sie nicht gelungen sind – und es gibt Filme, die ihr Potenzial zwar ebenfalls bei weitem nicht ausschöpfen, aber dennoch sehenswert sind. Im Ansatz quasi schon allein so stabil, dass sie selbst im Scheitern immer noch besser sind als ein sich auf die Hinterbeine stellender belangloser Film. „Gefangene des Dschungels“ ist ein Film ebendieser „dennoch sehenswert“-Kategorie. Ein Film, der sich ein wenig anfühlt wie ein halbvoll über den Tresen gereichtes Halbliter-Bierglas, das neidisch auf das nebenan stehende prallgefüllte 0,3-Wasserglas schielt.

Es geht immer auch anders

Dass ich ihn trotzdem als denjenigen Film ausgewählt habe, der genau am Tag des 100. Geburtstages von Jeff Chandler (1918–1961) auf „Die Nacht der lebenden Texte“ erscheint, obwohl es locker mehr als zehn unter dem Strich überzeugendere, bessere Filme mit Jeff Chandler in der Hauptrolle gibt, hat seine Gründe. Einer der triftigsten darunter ist, dass „Gefangene des Dschungels“ durch seinen hinsichtlich der geografischen Lage eher ungewöhnlichen Handlungsort selbst unter Chandlers doch zahlreichen Abenteuerfilmen und Western in punkto Exotik am meisten aus dem Rahmen damaliger Hollywood-Abenteuergewohnheiten fällt. Dass dem Südsee-Film sehr ähnliche Thema vom Landen und Erkunden bzw. Erschließen einer Insel und ihrer Bewohner war damals zwar durchaus beliebt, Filme dieser Art aber im Regelfall in anderen Ländern angesiedelt. Infolgedessen laufen die Männer hier zum Beispiel ungewöhnlicherweise auch mal nicht alle mit freiem Oberkörper und in knappen „Hosen“ umher, wie man es in solchen Geschichten sonst häufig vorfindet.

Ein weiterer Grund, warum ich den Film auf seine Art für besonders halte, findet sich in dem Aspekt, dass „Gefangene des Dschungels“ im Grunde keinen wirklichen Bösewicht hat und dadurch erst recht auf Konfrontationskurs mit Hollywood-Klischees ist. Eine Weile macht es zwar den Anschein, dass Catlin die Rolle des fiesen Drahtziehers zukommt, der sich am Ende nur selbst bereichern will, stattdessen aber spart sich die Geschichte das Stilisieren einer Figur zum großen Unheilstifter schließlich doch und findet zum Finale hin andere Lösungswege. Es gibt Dutzende Filme dieser Art, in denen sich Figuren wie Catlin oder Kiang letztlich als reaktionäre oder völlig gewissenlose Egomanen entpuppen, die es aufzuhalten gilt – was der Held dann übernimmt. „Gefangene des Dschungels“ aber hat also sogar zwei Figuren im Boot, die dahingehend wie auf dem Antagonisten-Präsentierteller liegen, dennoch widerstand man der Versuchung, eingleisig auf ein eben doch nicht so ganz unvermeidliches „Held gegen Fiesling/Brutalo“-Finale zuzusteuern. Das ist auch insofern interessant, als sich der Autor der Skript-Vorlage, Louis L’Amour, später beklagte, der Film kümmere sich nicht genug um die Anliegen des Eingeborenenkönigs, der sich eigentlich ein Krankenhaus, Medizin und einen Doktor für sein Volk erhofft und sich deswegen den ankommenden Amerikanern öffnet. L’Amour, der bald darauf durch Western bekannt wurde und hier erstmals fürs Kino arbeitete, hielt den finalen Film für viel zu oberflächlich, zu sehr auf reines Dschungel-Abenteuer und den Sex-Appeal des Eingeborenenmädchens Minyora fokussiert. Aber ist „Gefangene des Dschungels“ wirklich so sehr Einheitsbrei? Ich persönlich habe König Kiang durchaus in einer Form wahrgenommen, wie L’Amour sich dies auch gewünscht zu haben scheint, nur geht der Film, der aus der Vorlage gemacht wurde, nicht die erzählerischen Wege eines Dramas, sondern versucht gleichzeitig trotzdem das Abenteuer-Publikum zu begeistern, das von Universal damals sehr vielfältig und gelungen bedient wurde – mit sehenswertem, fast jede Story rettendem Technicolor als Kernstück des bunten, exotischen Konzepts. Diesen narrativen Weg kann man jetzt „Fehler“ nennen oder aber auch „interessante Mischung“. Recht hat L’Amour so oder so zumindest dahingehend, dass mit den fähigen Schauspielern, die zur Verfügung standen, viel mehr zu machen gewesen wäre.

Treffpunkt der kommenden Stars

Genau genommen versammelt dieser Film eine ganze Reihe an Schauspielern, denen eine große beziehungsweise noch größere Zukunft bevorstand. Von ihnen war Jeff Chandler zum damaligen Zeitpunkt am weitesten mit seiner Karriere fortgeschritten, dennoch hatte er eigentlich Größeres vor sich als lediglich Vertragsstar bei Universal zu sein – was er in den letzten Jahren vor seinem Tod schließlich auch mehr denn je bewies. Dieser Weg hätte noch viel weiter gehen können und wohl nur sein frühes Ableben mit 42 Jahren, rund achteinhalb Jahre nach den Dreharbeiten zu „Gefangene des Dschungels“, verhinderte nachhaltigen Ruhm auf Höhe desselben Bekanntheitsgrades, den Stars wie Cary Grant, Gregory Peck, Robert Mitchum, Gary Cooper oder Humphrey Bogart heute noch genießen. Man nehme beispielsweise Rock Hudson oder Tony Curtis – auch sie machten, wie Chandler, bei Universal ihre Anfänge, bekamen dort recht bald eine richtungsweisende Handvoll Hauptrollen, und wurden wenig später zu Topstars.

Suzan Ball in der Rolle der angehenden Königin Minyora, die die Hälfte ihrer letztlich nur sechs namentlich in den Credits genannten Kinorollen in Filmen mit Jeff Chandler absolvierte, wurde damals eine große Karriere vorausgesagt. Sie steckte aber noch in der Frühphase ihrer Laufbahn und starb bereits 1955 mit nur 21 Jahren an den Folgen von Krebs, ohne bis dahin eine Hauptrolle vor der Kamera gespielt zu haben. Wenn man sie in „Gefangene des Dschungels“ – unter anderem in einer feurigen Solo-Tanzszene – sieht, ist es kaum vorstellbar, dass sie sich, wenig mehr als ein Jahr nach den Dreharbeiten, Anfang 1954 einer Beinamputation unterziehen musste. Auch dieser Eingriff konnte ihren Tod gut eineinhalb Jahre später jedoch nicht mehr verhindern. Der Sommer und Frühherbst 1955 waren beispiellos dramatisch für den Hollywood-Nachwuchs: Binnen nur zwei Monaten, zwischen Ende Juli und Ende September, starben mit Robert Francis, Suzan Ball und James Dean drei der wohl verheißungsvollsten aufgehenden Stars aus der Altersklasse bis 25.

Gewissermaßen am Vorabend seines großen Durchbruchs befand sich Anthony Quinn, der wenige Monate nach Abschluss der Dreharbeiten zu „Gefangene des Dschungels“ den Oscar als bester Nebendarsteller für „Viva Zapata!“ gewann. Ob man ihn dann so schnell noch einmal für eine Nebenrolle in einem solchen Abenteuer bei Universal hätte gewinnen können, ist fraglich. Er wertet den Film mit seiner für eine solche Figur damals ungewöhnlich nachdenklichen Verkörperung in jedem Fall auf und gibt ihm eine besondere Note. Über die Zusammenarbeit mit Jeff Chandler äußerte er sich sehr positiv, lobte dabei im Besonderen Chandlers bodenständige Art.

Zwischen Schauspielerei und Textaufsagen

Etwas sonderbar ist, dass die Nebenfiguren innerhalb von Duke Mullanes Team sehr oberflächlich gestaltet sind. Normalerweise werden in klassischen Hollywood-Filmen mit vergleichbarer Figurenkonstellation prägnante, lustige oder sonstig bemerkenswerte Eigenschaften der Mannen aus dem Gefolge des Helden genutzt, um einige schöne Szenen oder zumindest Begebenheiten daraus zu machen. Kriegs- oder Kavalleriefilme leben beispielsweise oft stark vom bunten Charakter des Haufens, der sich gemeinsam durch den Film schlägt und sind meist umso besser, umso klüger dieser Haufen ausdifferenziert ist. Aus unerklärlichen Gründen bleibt „Gefangene des Dschungels“ dahingehend aber sehr pappig. Mit Ausnahme des stets vor sich hinsingenden Scatman Crothers fehlen dem auf der Insel landenden Team schlicht die Besonderheiten und erinnerungswürdigen Momente. Eugene Iglesias lässt gegen Ende erahnen, dass er einiges mehr an Potenzial hatte als es der Film zulässt. Peter Graves, der später als Vorgänger von Tom Cruise Teamleiter in der ursprünglichen „Mission: Impossible“-Serie wurde, stand hier noch am Anfang seiner Karriere, hatte aber schon vor „Gefangene des Dschungels“ Rollen in Hollywood gespielt, in denen er weitaus weniger beliebig wirkte als im vorliegenden Film. Selbst ohne Szenen, die ihm wirklich Gelegenheit gaben, sein Können zu zeigen, soll sein Auftreten in „Gefangene des Dschungels“ aber dazu geführt haben, dass sich danach erkundigt wurde, wer denn dieser junge Mann sei. Erstaunlich ist auch, dass sogar ein Jay C. Flippen, der nun wirklich ein alter Hase war und – soweit mir sein Schaffen bekannt ist – nie enttäuschte, hier ziemlich unter Wert verkauft erscheint. Flippen war, meiner Erinnerung nach, so ziemlich der erste Nebendarsteller des klassischen Hollywoods, den ich als Kind namentlich kannte und dementsprechend lange habe ich ihn im Blick. Er erweckt in „Gefangene des Dschungels“ manchmal den Eindruck, bestellt und nicht abgeholt worden zu sein, ist auf Stichwort aber doch immer zur Stelle und weiß zu überzeugen.

All dies führt zu dem Schluss, dass Budd Boetticher heute nicht umsonst eher mit seinen Western assoziiert wird, wobei er grundsätzlich durchaus auch andere Genres draufhatte, wenn denn eben alles passte. Mit einem anderen Regisseur wäre vielleicht mehr aus „Gefangene des Dschungels“ geworden. Boetticher soll über den Film später gesagt haben, das Projekt habe hauptsächlich dem Zweck gedient, einigen befreundeten Beteiligten eine Beschäftigung beziehungsweise die dazugehörige Vergütung zu verschaffen, und betonte in diesem Zusammenhang, es sei ein Unterhaltungsfilm gewesen – gewissermaßen aus Spaß an der Freude produziert. Vielleicht eine Erklärung dafür, warum der Film nicht so geworden ist, wie ihn sich der Autor Louis L’Amour gewünscht hatte. Auch andere Faktoren, wie etwa, dass eigentlich die sehr prägnante Gloria Grahame die Rolle der von John Sutton und Jeff Chandler umworbenen Frau spielen sollte, die dann der eher fehlbesetzten Marilyn Maxwell zufiel, da Gloria Grahame ablehnte, sind aber nicht zu unterschätzen. Nicht umsonst ist Suzan Ball hier die auffälligere der beiden Damen auf der Insel, obwohl sie die kleinere Rolle hat. Ball und Grahame im Duo – das wäre schon eine Hausnummer gewesen und wohlgemerkt nicht nur rein oberflächlich.

Unternehmen: DVD

Budd Boetticher sprach rückblickend mit Hochachtung von Jeff Chandler, den er als engen Freund bezeichnete, und äußerte sein Bedauern, nicht weitere Filme mit ihm gedreht zu haben. „Gefangene des Dschungels“ war die zweite und blieb die letzte Zusammenarbeit der beiden. Der vorausgegangene, schwarz-weiß gedrehte Kriegsfilm „Unternehmen ‚Rote Teufel‘“ (1952) wird seit ein paar Jahren international auf DVD verbreitet, ist in Deutschland aber noch nicht erschienen – möglicherweise, weil die deutsche Kinosynchronisation dieses Films eine der am schwersten zu bekommenden aus Jeff Chandlers gesamtem Schaffen als Hauptdarsteller ist. Schon allein weil Budd Boetticher durch seine Western doch einen gewissen Namen hat, sollte man hoffen dürfen, dass auch sein zweiter Film mit Jeff Chandler, wenigstens in den USA, offiziell auf DVD nachgereicht werden wird, damit „Unternehmen ‚Rote Teufel‘“ im Regal endlich angemessene Gesellschaft bekommt. Derzeit teilt „Gefangene des Dschungels“ aber noch das Schicksal von „Kreuzverhör“, der ebenfalls trotz Chandler und trotz Jack Arnold – einem der neben Boetticher namhaftesten sogenannten „B-Regisseure“ des 50er-Hollywoods – und ebenfalls trotz der Tatsache, dass es eine andere Zusammenarbeit der beiden in den USA und darüber hinaus bereits auf DVD gibt, weltweit offenbar noch nicht offiziell auf DVD veröffentlicht worden ist. Die deutsche Synchronfassung von „Gefangene des Dschungels“ ist zumindest sicher greifbar und trumpft wie üblich mit Curt Ackermann auf, der sich damals gerade als Chandlers Stammsprecher etablierte und viele, viele weitere Auftritte folgen ließ. Ferner überrascht die Synchro mit dem sehr ungewöhnlich besetzten Alfred Balthoff als Sprecher von Anthony Quinn und ist bis in kleine Nebenrollen mit beliebten Stimmen mit Wiedererkennungswert gefüllt.

Wenn man sich die Vorfälle auf North Sentinel Island von Mitte November 2018 vor Augen führt, wirkt ein Film wie „Gefangene des Dschungels“, mag man ihn als noch so banal und altmodisch abtun wollen, plötzlich auf recht bizarre Weise aktueller denn je. Und gerade angesichts dessen kann man die Tatsache, dass „Gefangene des Dschungels“ seine Eingeborenen eben nicht zu Wilden stilisiert, obwohl das damals in Hollywood nicht unüblich war (allerdings auch nicht so massiv verbreitet, wie es von der Filmwissenschaft gern pauschalisiert behauptet wird), eigentlich gar nicht hoch genug einstufen. Die Landnahme im Angesicht fremder Kulturen ist ein hochsensibles Thema, dem sich der vorliegende Film für einen als Abenteuer vermarkteten Stoff in durchaus anständiger Art und Weise nähert.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Budd Boetticher sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jeff Chandler und Anthony Quinn in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 82 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: East of Sumatra
USA 1953
Regie: Budd Boetticher
Drehbuch: Frank Gill Jr., Louis L’Amour, Jack Natteford
Besetzung: Jeff Chandler, Marilyn Maxwell, Anthony Quinn, Suzan Ball, John Sutton, Jay C. Flippen, Scatman Crothers, Eugene Iglesias, Peter Graves, Earl Holliman
Verleih: Universal International Pictures

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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