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Höre die Stille – Trügerischer Friede im Krieg

19 Dez

Höre die Stille

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // In den ukrainischen Tiefen sucht eine versprengte Einheit der deutschen Wehrmacht unter der Führung von Leutnant Wenzel (Lars Doppler) Ende Oktober 1941 nach einem Unterschlupf. Die Soldaten entdecken ein eingeschneites Dorf, in welchem sich nur Frauen, Kinder und Alte befinden. Es handelt sich um Russlanddeutsche, die Männer wurden nach Ausbruch des Krieges vom Stalin-Regime deportiert und ermordet. Obwohl die Eindringlinge gleich zu Beginn den Ortsvorsteher ermorden, richten sich die Bewohnerinnen und Bewohner und die Soldaten erst einmal miteinander ein – ein Verwundeter ist zu versorgen. Für Angst bestehe kein Anlass, wird den Frauen vermittelt. „Wenn wir wiederkommen, dann hissen wir hier gemeinsam die deutsche Fahne“, wie einer der Gefreiten einer Dörflerin gegenüber bemerkt. Man kommt sich näher, so etwa der Gefreite Schulz (Dominik Fenster) und die Russlanddeutsche Ursula (Antonia Langenohl). Lediglich die offenbar renitente Martha (Clarissa Molocher) wird in einem Schuppen gefesselt – von ihren eigenen Mitbürgerinnen. Der vordergründig idyllische Mikrokosmos ist jedoch zum Scheitern verurteilt, aus der Tat eines Einzelnen entwickelt sich eine unvermeidliche Spirale der Gewalt.

Leutnant Wenzel versucht die Frauen zu beruhigen

Genau diese Tat stellt das größte Manko des ansonsten überaus sehenswerten und bis dahin bedächtig inszenierten Kriegsdramas dar: Sie kommt aus dem Nichts, keine einzige Handlung, kein einziger Wesenszug des Täters hat zuvor auch nur im Entferntesten erahnen lassen, zu was er fähig ist. Auch dass die Soldaten im Anschluss in der Lage sind, von jetzt auf gleich jegliche Skrupel über Bord zu werfen und zu Folterern und Mördern zu werden, hat sich überhaupt nicht angedeutet. Hier hätte dem Skript etwas mehr Sorgfalt in der Figurenzeichnung und -entwicklung gutgetan. Die Gegenwehr der Frauen hingegen ist nachvollziehbar, allerdings rennen einige von ihnen später arg unbeholfen ins freie Schussfeld und werden demzufolge problemlos abgeknallt. Aber okay, Frauen in einem Dorf im Hinterland verhalten sich sicher nicht unbedingt soldatesk.

Man geht einander zur Hand …

Das war es aber auch schon mit den Kritikpunkten. Für die Abschlussarbeit einer Schauspielerklasse der München Film Akademie hätte ich „Höre die Stille“ nicht gehalten, das Kriegsdrama genügt sogar höheren Weihen – womit ich nichts gegen Schauspielerklassen von Filmakademien gesagt haben will. Passend zum Feldgrau und der winterlichen Waldlandschaft rund ums Dorf wurden die Farben etwas herausgenommen, die Siedlung im Nirgendwo wirkt so trist, wie sie es wohl war. Ein paar nicht ganz runden Dialogen zum Trotz lässt sich an Dialogregie und Schauspielkunst nichts aussetzen, die Akteure agieren angemessen zurückhaltend. Die meisten von ihnen lernen wir nicht allzu gut kennen, aber auch das passt gut zum Geschehen, denn die beiden aufeinanderprallenden Gruppen bleiben sich letztlich völlig fremd.

… und kommt einander näher

Die Kostüme wirken authentisch; ob sie es tatsächlich sind, vermag ich mangels Kenntnis von Wehrmachtsuniformen und der ländlichen Kleidung von Russlanddeutschen in der Ukraine nicht zu beurteilen, aber auch das Dorfsetting erscheint glaubwürdig. Immer löblich, wenn sich ein Produktionsteam beschränkt und nicht mehr aus einem geringen Budget herausholen will, als möglich ist. Für ausufernde Schlachtenszenen gab es sicher keine Kapazitäten, das Sujet benötigt sie auch nicht. Besser so, als wenn uns etwas Halbgares vorgesetzt wird, um ein Mehr zu suggerieren, dass es nicht gibt.

Was macht der Krieg mit den Menschen?

Selbst in den vermeintlich freundschaftlichen Sequenzen brodelt stets etwas latent Bedrohliches. Von Anfang an erscheint die Hoffnung auf ein Happy End als naiver Irrglaube. Dabei geht es nicht darum, eine Aussage über die Schuld der Deutschen am und im Zweiten Weltkrieg zu machen oder Verbrechen der Wehrmacht an der Ostfront anzuprangern – daran besteht ohnehin kein Zweifel –, sondern darüber, wie leicht wir Menschen zu Grausamkeit und Mord verleitet werden können, erst recht, wenn wir in einer Militär-Uniform stecken. Die Frauen hingegen handeln stets in Notwehr, aber auch sie tun das mit aller bitteren Konsequenz.

Sogar sehr nah

Regisseur Ed Ehrenberg arbeitet seit kurz nach der Jahrtausendwende fürs Fernsehen, inszenierte unter anderem Folgen von „Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei“, „Die Rosenheim-Cops“ und „Küstenwache“. Mit „Höre die Stille“ beweist er, dass er Nachwuchsschauspieler zu anständigen Leistungen führen kann und sein Talent auf dem Regiestuhl über Fernsehserien hinausgeht. Seine Premiere feierte das bereits Anfang 2013 in Polen gedrehte Kriegsdrama im Juni 2016 auf dem Shanghai International Film Festival, in der Folge räumte es sogar den einen oder anderen Preis ab. Dem Pressetext von Tiberius Film zufolge basiert „Höre die Stille“ auf einer wahren Begebenheit, diese konnte ich allerdings nicht herausfinden. So oder so: ein bedrückendes Werk, das Verbreitung verdient hat. Dem Regisseur sowie besonders den Nachwuchsschauspielerinnen und -schauspielern auf ihrem weiteren Karriereweg gutes Gelingen! Welche Abschlussarbeiten von Filmakademien – ob von Regisseuren oder Schauspielschülern – könnt Ihr empfehlen?

Der Frieden war trügerisch

Veröffentlichung: 6. Dezember 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 95 Min. (Blu-ray), 91 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Höre die Stille
Internationaler Titel: Hear the Silence
D 2016
Regie: Ed Ehrenberg
Drehbuch: Axel Melzener, Julia Peters
Besetzung: Lars Doppler, Simon Hangartner, Clarissa Molocher, Antonia Langenohl, Andreas Zahn, Andreas Erb, Ana Sanchez, Marina Koch, Dominik Fenster, Oliver Troska, Jessica Reichert, Emma Jane, Maximilian Grüneisen, Matthias Horn, Vera Stadler
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2018 Tiberius Film

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18 Antworten zu “Höre die Stille – Trügerischer Friede im Krieg

  1. Stefan Doblinger

    2019/02/10 at 19:16

    The DOP’s Choice of Filmstock in Digital Times (in Bezug auf den Masterfilm „Alles wird gut“) und alles nur geklaut

     
  2. Thomas Oeller

    2019/02/09 at 09:45

    muss gestehen, da fällt mir keiner ein

     
  3. Lacy Leech

    2019/02/03 at 20:50

    Laible und Frisch

     
  4. Frank Hillemann

    2019/02/02 at 14:36

    Da bin ich völlig überfragt.

     
  5. Jens

    2019/02/02 at 10:29

    Naja als Abschlussarbeit fand ich den Kurzfilm zum automatischen Bremssystem von Mercedes-Benz (Filmakademie Baden-Württemberg) sehr gut; zählt aber wohl eher nicht zu Filmen. Leider fallen mir sonst keine ein 😦

     
    • V. Beautifulmountain

      2019/02/02 at 10:31

      Ich ahnte, dass es eine Frage ist, die womöglich wenige Titelnennungen als Antwort bekommen wird.

       
  6. Oliver Maey

    2019/02/01 at 20:52

    George Lucas drehte zu Studienzeiten einen Kurzfilm namens „Electronic Labyrinth: THX 1138 4EB“ von dem er später eine Langfassung produzierte und unter dem Titel „THX 1183“ an die großen Hollywood Studios verkaufte.. Ich meine der Kurzfilm war seine Abschlussarbeit bin mir aber nicht 100% sicher..

    Der dystopische Sci-fi Thriller gehört mMn zu seinen besten Arbeiten und ist definitiv eine Sichtung wert!

     
  7. Petra Jakobik

    2019/02/01 at 20:15

    außer diesem – „Höre die Stille“ – weiß ich zur Zeit keinen. Obwohl ich ihn noch nicht gesehen habe, würde ich ihn empfehlen, da er sehr vielversprechend klingt vom Inhalt/Kritik und vielversprechend aussieht vom Trailer !

     
  8. Lilly

    2019/02/01 at 20:04

    Die Treppe fand ich nicht schlecht.
    Bin mir aber grade nicht sicher, ob das eine Abschlussarbeit ist.
    Darf ich trotzdem mitmachen?

     
    • V. Beautifulmountain

      2019/02/02 at 10:33

      Es gibt ja wie gehabt keinen Zwang, „richtige“ Antworten abzuliefern – das mache ich, wie du weißt, nur gelegentlich, wenn ich meine, dass die Zahl oder Wertigkeit der Preise es verdient hat.

       
  9. Tomasz Kordula

    2019/02/01 at 19:53

    Mir fällt nur Offline ein, aber den kann ich nicht empfehlen. 😂

     
  10. Christoph Leo

    2019/02/01 at 15:31

    Luz, auf dem FFF gesehen. Sehr atmosphärisch und super Kamera. Empfehlenswert wenn auch, bestimmt nicht für jeden geeignet, da doch eigentlich nicht so viel passiert und der Film sehr langsam abläuft. Trotzdem hat er mir sehr gut gefallen. Der Regisseur war im Anschluss auch da und hat Fragen beantwortet.

     
  11. Rico Lemberger

    2019/02/01 at 12:28

    Ist für mich auch absolutes Neuland und ich kann daher auch keine Empfehlungen machen. Unabhängig davon, macht mich die Rezension neugierig auf diesen Film.

     
  12. Frank Warnking

    2019/02/01 at 11:16

    da kenne ich keine Filme 😦

     
  13. Michael Behr

    2019/02/01 at 11:10

    Bis jetzt habe ich leider noch sehr wenig Erfahrung mit entsprechenden Arbeiten gemacht. Und empfehlen würde ich nichts davon. Tatsächlich kann ich mich nicht mal mehr konkret an Titel oder Macher erinnern … und das will bei meiner filmischen Leidensfähigkeit was heißen 😉 .

     
    • V. Beautifulmountain

      2019/02/01 at 11:25

      Ich bin gespannt, ob überhaupt Empfehlungen kommen. Es ist schon ein recht spezielles Feld. Aber mir fiel keine passendere Frage ein. Nach irgendwelchen Kriegsfilmen oder Zweiter-Weltkriegsfilmen zu fragen, war mir zu allgemein.

       
      • Michael Behr

        2019/02/01 at 11:32

        Kann ich verstehen. Das wäre auch ein extrem weites Feld gewesen, bei dem man entweder nur die altbekannten Favoriten zu hören bekommt oder wahlweise eine so breite Streuung hat, dass es wieder keine Aussage bringt.

        Ich bin mit dir gespannt.

         

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