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Green Book – Eine besondere Freundschaft: So etwas können wir gerade gut gebrauchen

30 Jan

Green Book

Kinostart: 31. Januar 2019

Von Philipp Ludwig

Tragikomödie // Mit einer Mischung aus Neugier und Abscheu betrachtet Frank „Tony Lip“ Vallelonga (Viggo Mortensen, „Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück“) eindringlich zwei leere Gläser in der Spüle seiner Wohnung, die er sich mit seiner Frau Dolores (Linda Cardellini) und seinen zwei jungen Söhnen teilt. Hat besagte Ehefrau aus diesen Gläsern doch kurz zuvor erst zwei afroamerikanischen Klempnern Wasser zum Trinken angeboten. Im Amerika der 1960er-Jahre und insbesondere der New Yorker Bronx war ein Besuch ebensolcher Handwerker wohl nicht nur Grund genug, dass die halbe Verwandtschaft zu Besuch kam, um die scheinbar schutzlose Hausfrau zu beschützen. Auch Frank lässt sich von der rassistischen Grundstimmung seiner anwesenden Verwandten und Freunde nur allzu leicht dazu verleiten, die Handwerker mit skeptischen Blicken zu bedenken und später die besagten Trinkgefäße doch lieber still und heimlich im Mülleimer zu entsorgen.

Solange die Bezahlung stimmt, ist Tony für fast jeden Job zu haben

Frank ist ein grundsolider, eher einfach gestrickter Typ und gerade deswegen im Grunde genommen ein an sich herzenssympathischer Zeitgenosse. Seinen deutlich leichter von der Zunge gehenden Spitznamen „Tony Lip“ (sein Nachname wird im Film noch einige phonetische Komplikationen verursachen) hat er sich bereits zu Schulzeiten redlich verdient – scheint der Gute doch tatsächlich in der Lage zu sein, sich mit seiner verbalen Schlagfertigkeit wirklich aus jeder Situation noch irgendwie herausquasseln zu können. In der Schule hat er es allerdings nicht über die siebte Klasse hinaus geschafft. Seine wahre Schule war die harte Realität des Lebens auf den Straßen in der New Yorker Bronx. Dort hat er nahezu jeden noch so ungemütlichen Job ausgeübt, den es für einen Italo-Amerikaner aus der Arbeiterschicht dort gibt.

Liebender Familienvater – Knallharter Türsteher

So auch seine aktuelle Beschäftigung als Türsteher im renommierten Nachtclub „Copacabana“. Bei der der kompromisslose Haudegen nicht einmal davor zurückschreckt, frevelhafte Gäste rüde aus dem Laden zu werfen, selbst wenn er von deren Mafia-Verbindungen weiß. Als das Etablissement kurz nach seiner letzten Rauswurfaktion für einige Monate wegen Renovierungsarbeiten schließen muss, bekommt Tony Wind vom Jobangebot eines gewissen „Doc“ Shirley, der für acht Wochen einen Fahrer sucht. Im Glauben, es mit einem wohlhabenden Arzt zu tun zu haben, der bestimmt gutes Geld springen lässt, macht er sich erwartungsvoll auf den Weg zum Vorstellungsgespräch. Die finanzielle Versorgung seiner Familie hat für ihn stets höchste Priorität.

Doc (r.) ist nicht der ganz der Auftraggeber, den Tony erwartet hat

Umso erstaunter ist er, als er in dessen New Yorker Luxuswohnung direkt über der berühmten Carnegie Hall als Auftraggeber nicht den von ihm erwarteten weißen Arzt vor sich hat, sondern einen weiteren Afroamerikaner (Mahershala Ali, „Moonlight“). Dieser stellt sich als „Doc“ Don Shirley vor, seines Zeichens nicht nur ein überaus gebildeter Mann, sondern auch ein außerordentlich talentierter, aufstrebender Konzertpianist. Dessen Plattenlabel will ihn auf große Konzert-Tour durch den Mittleren Westen und vor allem den Süden der USA schicken. In den 1960ern-Jahren stellt das aufgrund von Shirleys Hautfarbe ein Unterfangen dar, dass mit gewissen Risiken verbunden ist.

Der richtige Mann für den Job?

Dank seiner Fertigkeiten scheint Tony für den Job als fahrender Bodyguard perfekt geeignet zu sein. Und obwohl die grundverschiedenen Männer bereits beim Vorstellungsgespräch verbal auf Kollisionskurs gehen, bekommt er schlussendlich dennoch den Job. Tonys wichtigstes Hilfsmittel bei der anstehenden Tour: das berüchtigte „Green Book“, das Lokale und Motels auflistet, in denen auch schwarze Amerikaner willkommen sind beziehungsweise solche Herbergen, in denen ausschließlich afroamerikanische Bürgerinnen und Bürger bewirtet und untergebracht werden.

Die beiden Männer könnten in ihren Wesenszügen kaum unterschiedlicher sein

Zu Beginn des mehrwöchigen Roadtrips entsteht jedoch der Eindruck, als werde der gefürchtete, stets lauernde Alltagsrassismus gar nicht das größte Problem sein. Vielmehr scheinen die endlosen gemeinsamen Stunden im Auto für die beiden Extremcharaktere eine viel größere Herausforderung darzustellen. Wem der beiden Männer wird es schwerer fallen, mit seinem ungewohnten Mitfahrer klarzukommen?

Buddy-Komödie mit ernstem Hintergrund

Trotz des ernsten und vor allem bedrückenden historischen Hintergrunds schafft es Regisseur Peter Farrelly, dass Potenzial der gemeinsamen, kammerspielartigen Zeiten seiner beiden Protagonisten auf äußerst unterhaltsame Weise für einen überraschenderweise ausgesprochen humorvollen Film zu nutzen. Im Gegensatz zum slapstickartigen und mitunter etwas stumpfen Humor seiner ersten Regieerfolge wie „Dumm & Dümmer“ (Regiedebüt 1994) und etwa „Verrückt nach Mary“ (1998) gelingt es dem komödienerfahrenen Regisseur in „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ jedoch, dessen komödiantische Möglichkeiten mit ungemein viel Feingefühl und intelligentem Wortwitz anspruchsvoll zur vollen Entfaltung kommen zu lassen.

Der belesene Doc hält vor allem von Tonys vulgärer Sprache nicht sonderlich viel

Sein größtes Glück ist hierbei natürlich, auf zwei fantastische Hauptdarsteller setzen zu dürfen. Die hauchen den sympathischen und hochinteressanten Figuren mit ihrer Schauspielkunst nicht nur eine Menge Leben und Wärme ein, sondern harmonieren darüber hinaus auch bestens im Zusammenspiel. Viggo Mortensen verkörpert den leicht dickbäuchigen, dauerquasselnden Vielfraß Tony sprichwörtlich mit Haut und Haaren – man muss ihn als Typen einfach gern haben. Einen wie „Tony Lip“ wüsste wohl jeder gern als Beschützer an seiner Seite. Seine dennoch mitunter etwas rüde anmutenden Verhaltensweisen, sein ausgeprägter Straßenslang – all das steht im krassen Gegensatz zum stets zugeknöpften und außerordentlich bedacht agierenden Doc Shirley.

Finden Sie es eigentlich gut, wie Sie reden?

Für den kann es derzeit kaum einen besseren Darsteller geben als Mahershala Ali. Kann er doch zum wiederholten Male durch seine Fähigkeit zur Darstellung von vornehmlich zurückhaltend und verschlossen agierenden Charakteren überzeugen, deren wenige aber umso imposantere Gefühlsausbrüche durch sein kraftvolles Spiel dadurch umso beeindruckender wirken. Erneut weise ich darauf hin, auch diesen Film nach Möglichkeit in der englischsprachigen Originalfassung zu schauen. Nicht nur wegen des von Mortensen präsentierten, großartigen New Yorker Slangs. Ein beachtlicher Teil der Komik des Films beruht auf Tonys vermeintlichen sprachlichen Defiziten sowohl in Aussprache als auch Grammatik und Inhalt – zumindest in den Augen von Doc Shirley, der dies seinen Fahrer nur zu gern und wiederholt wissen lässt. Inwiefern das in der deutschen Fassung gleichwertig umgesetzt werden kann, kann ich nicht beurteilen.

Nichtsdestotrotz müssen sie sich miteinander arrangieren

Doch schlägt „Green Book“ notwendigerweise auch immer wieder ernste Töne an. Das Thema Rassismus wird trotz all der zahlreichen, humorvollen Momente sowie der feinen Komik immer wieder mit allem nötigen Ernst und Respekt angemessen in Erinnerung gerufen. Gerade die humorigen Elemente sowie die zunehmende Freundschaft, die sich zwischen den so unterschiedlichen Protagonisten entwickelt, sind als Gegengewicht zur Ernsthaftigkeit mancher Sequenzen eine ausgesprochen gute Wahl. Wird hierdurch der Rassismus doch vor allem als das entlarvt, was er ist: eine himmelsschreiende Dummheit, ohne nachvollziehbare Grundlage, ohne Recht auf Existenz. Gerade Tony ist durch seine manchmal etwas einfach anmutende, naive Art als Figur besonders gut in der Lage, die Absurdität hinter dem „Konzept“ einer rassistischen Weltanschauung im Lauf der Geschichte immer stärker herauszustreichen. Dadurch legt er bei seinen Gegenübern deren fehlende argumentative Basis für deren auf Vorurteilen basierendes Weltbild schonungslos offen.

Ein Mann, bereit sich zu ändern

Tonys zunächst noch bestehender latenter Rassismus, der in seiner anfänglichen Glasbeseitigungsaktion zum Ausdruck kommt, entspringt ein Stück weit auch seinem mangelnden Wissen von der Welt außerhalb der Bronx. Ist er doch mitunter beinahe schon von einer kindlichen Überraschung befallen, wenn er etwa feststellen muss, dass sich Doc überhaupt nicht so verhält, wie „seine Leute“ es doch eigentlich tun würden – zumindest in Tonys Vorstellung, versteht sich. Seine gemeinsame Zeit mit dem Pianisten versetzt ihn in die Lage, zu lernen, dass die Welt nicht immer die zu sein scheint, die sie in ihrer tückischen Einfachheit manchmal zu sein vorgibt. Und insbesondere Tonys Frau Dolores profitiert dabei besonders von der intellektuellen Nachhilfe durch Doc.

Tonys Ehefrau Dolores ist von der ungewohnt poetischen Seite ihres Mannes überrascht und berührt

Besonders tragisch angelegt ist dagegen die Figur des Doc als verlorene, einsame Seele zwischen den Welten. Trotz seiner begnadeten Talente am Klavier und seiner guten Bildung – von den meisten „Weißen“ wird er dennoch nie als einer der „Ihren“ angesehen. Wohingegen er, im feinen Anzug und mit entsprechender Attitüde, in den heruntergekommenen Motels „seiner Leute“ ebensowenig Anschluss findet. Dass Doc darüber hinaus auch noch homosexuell zu sein scheint, macht die ganze Sache für ihn erst recht nicht einfacher.

Doc hingegen scheint nirgends so wirklich dazuzugehören

Aber auch der daher verständlicherweise zurückhaltend agierende Doc ist wiederum in der Lage, dank Tonys Unbedarftheit ganz andere Facetten des Lebens kennenzulernen und seinem „wahren Ich“ vielleicht ein Stück weit näherzukommen. Umso toller wirkt die Beobachtung der filmischen Entwicklung dieser wunderbaren Freundschaft, in der beide Männer zunehmend voneinander zu lernen verstehen und ihre Ressentiments überwinden können.

Auf der Bühne ist er jedoch ganz in seinem Element

Die Geschichte wirkt umso großartiger, wenn man sich deren Echtheit vor Augen führt: Bis ins hohe Alter waren die realen Vorbilder eng miteinander befreundet und starben nur wenige Monate voneinander. Interessanterweise hat Tonys Sohn Nick Vallelonga dann auch am Drehbuch der filmischen Umsetzung dieser berührenden Freundschaft mitgewirkt, der in der amerikanischen Filmwelt bereits vielfältige Erfahrungen sammeln konnte – unter anderem als Schauspieler („GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“) sowie Regisseur („Stiletto“). Für eine gewisse Authentizität ist in „Green Book“ also gesorgt – und auch den titelgebenden Reiseführer hat es leider tatsächlich gegeben.

Ein Film, den wir gerade gut gebrauchen können

Der populäre US-Komiker Seth Myers hat in seiner Late-Night-Show ein Segment mit dem Titel „The Kind of Stories We Need Right Now“, in der er besonders skurrile und vor allem positive Meldungen aus aller Welt vorstellt und somit ein Gegengewicht zu dem Irrsinn aus Trumps Präsidentschaft zu setzen versucht, mit dem er sich ansonsten mehrheitlich beschäftigt. In diesem Sinne kann man auch „Green Book“ durchaus als einen Film betrachten, den man aufgrund seiner positiven Botschaft und Feel-Good-Movie-Attitüde gerade in der heutigen Zeit gern anschauen mag. Denn der im Film behandelte Rassismus sowie die rüde wie stumpfsinnige Ablehnung gegenüber Fremden allgemein ist gewiss kein Relikt der hier behandelten Zeit. Ganz im Gegenteil, sind die Ewiggestrigen doch nahezu überall auf dem Vormarsch, wie es scheint – zumindest muss man sie und ihre Ansichten leider wieder zunehmend wahrnehmen.

Trotz seiner Berühmtheit muss der Pianist schmerzhaft feststellen, dass er nicht überall willkommen ist – Tony (r.) versteht die Welt nicht mehr

Wenn man bei „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ zumindest mal nach etwas Anlass zur Kritik Ausschau halten will, dann lässt sich anführen, dass dieser positive Grundtenor und die Moral von der Geschichte mitunter ein klein wenig zu dick aufgetragen sind. Ebenso wie die manchmal etwas zu offensichtlichen Entwicklungen der beiden Hauptfiguren und ihrer Freundschaft. Dies wäre allerdings wirklich die berühmte Nadel im Heuhaufen eines rundum gelungenen Filmwerks. Denn geht es hier doch weniger um die Frage, ob Tony und Doc zu Freunden werden, sondern vor allem darum, auf welche Weise dies geschieht. Der Weg ist das Ziel – und dieser bietet ein höchst unterhaltsames Filmerlebnis. Die zahlreichen Auszeichnungen und Nominierungen bei hochklassigen Preisverleihungen sind gerechtfertigt – allein fünf Nominierungen bei den anstehenden Oscar-Verleihungen, Golden Globes für Drehbuch, als bester Film (Musical/Komödie) und Mahershala Ali, unverständlicherweise als Nebendarsteller. Gelingt doch nicht nur ein gelungener künstlerischer Spagat zwischen einer Vielzahl an Genres wie Komödie, Historienfilm, Biopic und Roadmovie – auch die Balance zwischen intelligentem Humor und ernsten Tönen ist durchweg gelungen. Obwohl es neben dem Grund zum Lachen auch immer wieder Grund zum Weinen und Ärgern gibt – das Lachen überwiegt. Schaut euch „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ selbst an, ich kann die Tragikomödie nur wärmstens empfehlen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Viggo Mortensen sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Ziemlich beste Freunde: Doc (l.) und Tony

Länge: 131 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Green Book
USA 2018
Regie: Peter Farrelly
Drehbuch: Peter Farrelly, Brian Hayes Currie, Nick Vallelonga
Besetzung: Viggo Mortensen, Mahershala Ali, Linda Cardellini, Don Stark, Brian Stepanek, Sebastian Maniscalco, Iqbal Theba, Dimiter D. Marinov, Mike Hatton, Tom Virtue, Paul Sloan
Verleih: Entertainment One Germany

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Trailer & Szenenfotos: © 2018 Entertainment One Germany

 

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