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Der Goldene Handschuh – Wo Siff und Suff regieren

19 Feb

Der Goldene Handschuh

Kinostart: 21. Februar 2019

Von Andreas Eckenfels

Horrordrama // Auf der Berlinale 2004 feierte Fatih Akin mit dem Gewinn des Goldenen Bären für „Gegen die Wand“ seinen internationalen Durchbruch. Der Beginn einer eindrucksvollen Karriere für den Hamburger Regisseur, welche 2018 mit der Verleihung des Golden Globes für den besten nicht-englischsprachigen Film „Aus dem Nichts“ einen vorläufigen Höhepunkt erreichte. 2019 präsentierte Fatih Akin nun im Wettbewerb der Berlinale sein neuestes Werk „Der Goldene Handschuh“, der nur wenige Tage nach der dortigen Weltpremiere auch schon in den deutschen Kinos anläuft.

Willkommen in der Vorhölle

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Heinz Strunk erzählt Fatih Akin die Geschichte des Serienmörders Fritz Honka, der in den 1970er-Jahren in Hamburg sein Unwesen treibt. Seine Opfer gabelt der alkoholkranke Mittdreißiger in seiner Stammkneipe „Der Goldene Handschuh“ auf. Die versiffte Kiezspelunke ist Anlaufstelle für verlorene Seelen, die ihr Leben nur noch im Suff ertragen können. Bei Bier, Schnaps und Zigaretten weckt die Schlagermusik aus der Jukebox wehmütige Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. Jeder der Stammgäste hat dort einen Spitznamen bekommen, sei es Doornkaat-Max (Hark Bohm), Soldaten-Norbert (Dirk Böhling) oder schlicht Anus (Simon Gorts). Da hat es Fritz Honka (Jonas Dassler) mit „Fiete“ doch wesentlich besser getroffen. Einmal, so erzählt Wirt Herbert Nürnberg (Uwe Rohde), habe ein Gast zwei Tage und zwei Nächte auf dem Hocker bewegungslos herumgehangen. Er war schon tot. Wegen des Schichtwechsels habe es niemand bemerkt. Alle dachten, der Mann habe eben nur einen gesunden Schlaf. „Der Goldene Handschuh“ ist eine Art Vorhölle, aus der höchstens Heilsarmee-Majorin Gisela (Victoria Trauttmansdorff) einen Ausweg auf Zeit bieten kann.

Fritz Honka vor seiner Stammkneipe

Da Honkas Gesicht schwer deformiert ist, hat er keine Chancen bei den Frauen. Um seine sexuellen Triebe zu befriedigen, muss er sich so zwangsweise an ältere, vereinsamte Säuferinnen wie Gerda (Margarete Tiesel) wenden, die er zunächst auf einige Gläser seines Lieblingsgesöffs Fanta-Korn einlädt, bevor er die verzweifelten Geschöpfe mit der Aussicht auf mehr Schnaps in seine verschmutzte kleine Wohnung in der Zeißstraße 74 in Hamburg-Ottensen einlädt. Wenn sie ihm dort nicht gefügig sind, gebraucht Honka auch schon mal Gewalt …

Leichenduft oder Hammelfleisch?

Erstmals hörte ich von dem wahren Fall Fritz Honka bei der von Studio Braun inszenierten Theater-Adaption des Romans, welche im Deutschen Schauspielhaus Hamburg mit Charly Hübner in der Hauptrolle aufgeführt wird. Zwischen 1970 und 1974 beging Honka vier Frauenmorde. Er zersägte die Frauen, die Leichenteile versteckte er jahrelang in seiner Wohnung. Den Gestank versuchte er mit Duftspray und Wunderbäumen zu übertünchen. Wenn sich jemand über den seltsamen Geruch beschwerte, schob er diesen auf die griechischen Nachbarn, die täglich ihre fremdartigen Gerichte wie Hammelfleisch mit Knoblauch zubereiten würden. Nur durch einen Zufall wurde Honka geschnappt. Niemand hatte die Ermordeten als vermisst gemeldet. Eine unglaublich, aber wahre Geschichte.

Abscheu und Faszination

Fatih Akin führt uns ein in Honkas Welt, wo Siff und Suff regieren. Wenn man in die im Studio nachgebaute Kneipe und der detailgetreuen Wohnung mit den ausgeschnittenen Bildern von Pin-up-Girls an den Wänden reingeht, will man am liebsten rückwärts wieder raus. Die vulgäre Sprache, der Dreck, die fettigen Haare und verschwitzte Kleidung der Protagonisten sowie der Gestank, der uns im Kino zum Glück erspart bleibt, aber vorstellbar ist – all dies Elend ist schwer zu ertragen. Doch wie bei fast allen True-Crime-Geschichten entwickelt sich beim Zuschauer durch den Blick in die gesellschaftlichen und menschlichen Abgründe eine Mischung aus Abscheu, aber auch Faszination. Der schmale Grat besteht allerdings darin, das alles nicht billig ausbeuterisch darzustellen, sondern im Kontext der Erzählung. Und in dieser Hinsicht das richtige Maß zu finden, fällt Akin sichtlich schwer.

Immer am Schnacken: Wirt Herbert (l.) und Honkas Bruder Siggi (Marc Hosemann)

Fritz Honkas Gewaltausbrüche gegen Frauen zeigt Akin offen. Die Penetrationen mit dem Kochlöffel und das Zersägen der Körperteile gleich zu Beginn werden hingegen aus sicherer Distanz beziehungsweise verdeckt gezeigt. Der Horror soll hier im Kopf des Zuschauers entstehen. Wenn dann aber bei der Sägearbeit durch die Tonspur das Spritzen und Blubbern des Bluts immer lauter aufgedreht wird, wirkt es doch so wie in einem Splatterfilm. Die FSK-18-Freigabe ist auf jeden Fall gerechtfertigt. Dennoch sollte man hier keinen Skandalfilm erwarten, der irgendwelche Tabus bricht. Da war selbst der recht harmlose „The House that Jack Built“ von Lars von Trier härter, obwohl darin auch nicht allzu viel Explizites gezeigt wurde.

Honka steht im Vordergrund

Irgendwann hat man sich an den sich häufig wiederholenden Abgründen und Gewalttaten sattgesehen. Und dann bleibt von „Der Goldene Handschuh“ leider nicht viel übrig – bis auf eine starke Darbietung von Jonas Dassler, der mit seiner Maske wirklich furchterregend aussieht, und Margarete Tiesel, die durch ihr Mitwirken in „Paradies: Liebe“ (2012) von Ulrich Seidl schauspielerisch schon einige Extreme durchlitten hat und deren gedemütigter Figur Gerda man von allen noch am meisten Empathie entgegenbringt.

Ein Gläschen für Gerda in Honkas Wohnung

„Der Roman erzählt die Story einer Kneipe, wir erzählen die Story eines Serienkillers, der sich ständig in dieser Kneipe herumtreibt. Alles, was nicht irgendwie mit Fritz Honka zu tun hat oder zielsicher zu Fritz Honka führt, hatte im Film nichts verloren. Das ist im Roman anders.“ So wird Produzent Herman Weigel im Presseheft zitiert. An einer Milieustudie ist der Film also nicht interessiert, deshalb wird man mit den Trinkergesellen in der Kneipe auch nie wirklich warm. Die Männer und Frauen, die den „Goldenen Handschuh“ besuchen, dienen nur als Staffage, ab und an dürfen sie mal einen Spruch ablassen. Auch die parallel ablaufende Geschichte über die Reedereifamilie wird fast komplett fallen gelassen – sie verleiht dem Buch zusätzliche Tiefe.

Der böse Alkohol

Gleichzeitig zeigt sich durch diese Entscheidung auch das größte Probleme in Akins Werk: Er stellt Fritz Honka als triebgesteuertes Monster dar, das durch den Suff alle Hemmungen verliert und zum Mörder wird. Mehr Ebenen gibt es offenbar bei ihm nicht. Dies zeigt sich besonders, als Honka dem Suff entsagt, weil er eine feste Stelle als Nachtwächter im Shell-Gebäude gefunden hat. Als er dort bei einer Feier mit Putzfrau Helga (Katja Studt) und deren Gatten seit langer Zeit wieder Alkohol trinkt, verfällt er sofort wieder in alte Muster und wird handgreiflich. Ja ja, der böse Alkohol macht alles kaputt. Es fällt kaum ein Wort über Honkas Vergangenheit, etwa darüber, dass sein entstelltes Gesicht nicht angeboren, sondern Folge eines Verkehrsunfalls ist, in welchen er 1956 verwickelt war. Auch von seiner Heirat und seinen Söhnen wird nichts erzählt. Zwar ist es Akin hoch anzurechnen, dass er Honka nicht glorifizieren will, er lässt auch kein falsches Mitleid aufkommen und stellt keine Erklärungsversuche aus seiner Vergangenheit dar, die seine grausamen Taten in gewisser Weise legitimieren sollen. Dennoch ist das Gezeigte zu wenig, um ein ordentliches Psychogramm eines Serienmörders zu zeichnen, welcher am Rande der Gesellschaft sein Unwesen treibt.

Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt!

Länge: 110 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Originaltitel: Der Goldene Handschuh
Internationaler Titel: The Golden Glove
D/F 2019
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin, nach dem gleichnamigen Roman von Heinz Strunk
Besetzung: Jonas Dassler, Marc Hosemann, Adam Bousdoukos, Katja Studt, Margarete Tiesel, Martina Eitner-Acheampong, Hark Bohm, Tristan Göbel, Barbara Krabbe, Dirk Böhling, Victoria Trauttmansdorff
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Auf der Berlinale-Pressekonferenz: Margarete Tiesel, Jonas Dassler, Fatih Akin und Heinz Strunk (v. l.)

Filmplakat & Fotos: © 2019 Warner Bros. Pictures Germany

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/02/19 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Eine Antwort zu “Der Goldene Handschuh – Wo Siff und Suff regieren

  1. Fatherleft

    2019/02/20 at 14:42

    „war ist es Akin hoch anzurechnen, dass er Honka nicht glorifizieren will,“

    Man kann auch etwas über die Hintergrundgeschichte erzählen und Handlungen nachvollziehbar machen, ohne zu glorifizieren und seine Taten zu rechtfertigen.
    Das zeichnet eigentlich große Regisseure aus, dass sie es schaffen zu erklären, was in seiner Sozialisation falsch gelaufen ist, ohne die Taten des Täters deshalb besser oder gerechtfertigt erscheinen zu lassen.
    Es macht Honkas Taten ja nicht besser, nur weil man sich Mühe gibt zu verstehen, was ihn dazu gebracht hat. Ein Reisbrettschurke, den so ein oberflächlicher Fimemacher wie Akin hier offensichtlich entwirft bewirkt gar keine Auseiandnersetzung mit seinen Taten. Die Taten eines solchen Menschen kann jeder Mann einfach nur von sich weisen. Wer hat bitte etwas mit so jemandem gemein? Und jene die etwas mit diesem Pappkameraden gemein haben, werden bestimmt nicht ins Kino gehen, um sich im sozialpädagogischen Duktus von Herrn Akin erklären zu lassen, dass das ja böse ist, was sie da tun. Im Gegenteil: Gerade, wenn Fatih Akin dem Charakter Tiefe verleihen würde, indem er den Weg zum Psychopathen etwas herausarbeitet, und Menschen vielleicht nachvollziehen könnten was Fritz zu Honka gemacht hat und sie parallelen bei sich erkennen könnten, würden sie vielleicht eher auch über ihr Verhalten reflektieren und parallelen ziehen, wo sie aus eigenen Animositäten unangemessen gegenüber Frauen und schwächeren verhalten haben.

    Vielleicht hätte Herr Akin doch noch etwas genauer bei seinem großen Idol Martin Scorsese zuschauen sollen, denn der kann Robert De Niro in Cape Fear eine Hintergrundgeschichte geben, die seine Wut verständlich macht, ohne dass man ihn sympathisch findet und ohne dass man vergisst mit seinen Opfern mitzufühlen. Die Szene wo Max Cody Lori Davis (Die Sekretäin von Nick Nolte) misshandelt ist ein großartiges Beispiel wie man „toxische Maskulinität“ sinnvoll auf Film bannt.

    Aber ich vermute, dazu fehlt Herrn Akin die emotionale Tiefe.

     

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