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Squirm – Invasion der Bestien: Vergesst „Die Vögel“, hier kommen die Würmer!

27 Feb

Squirm

Von Leonhard Elias Lemke

Horror // Flycreek, Georgia. 29. September 1975: Durch ein Gewitter knicken Masten wie Zahnstocher um. Dabei setzen Starkstromkabel den morastigen Untergrund der Gegend unter Spannung. Mehr noch als menschliche Bewohner leben dort unzählige Würmer. Durch den plötzlichen Schlag werden die possierlichen Kriecher umgepolt, verlassen ihre heimischen Gefilde und haben auf einmal gehörig Appetit auf Menschenfleisch. Als die ersten Einwohner gewurmt und Spaghetti zu einer tödlichen Bedrohung zu werden scheinen, glaubt Sheriff Jim Reston (Peter MacLean) noch an einen Lausbuben-Streich. Da kommt der lässige Großstadtjunge Mick (Don Scardino) aus New York gerade zum rechten Zeitpunkt in das Hinterwäldlerkaff, um die Kriechtiere das Fürchten zu lehren und die natürlich sofort in ihn verliebten Damen vor dem Wurmtod zu retten.

Die Würmer gehen an die Nieren

Jeff Liebermans „Squirm“ entsteht 1976 einerseits aufgrund des Erfolgs erster Tier- und Ökohorrorfilme – natürlich ohne das Budget der großen Studio-Produktionen wie „Der weiße Hai“ (1975) – und gilt andererseits aber auch als Vorläufer für eine vor allem in den 80ern weiter rollende Welle des bizarren Schreckens. Wer dachte, dass nach Würmern das Bestiarium im Kino bereits abstruse Züge angenommen hatte, sollte sich im Kinosaal noch mit überdimensionierten Häschen, Schnecken, Ameisen und bissigen Hunden konfrontiert sehen – um nur ein paar Tierchen zu nennen. Während der Dreharbeiten des wurmenden Streifens war übrigens für die Angler der Gegend Flaute, denn Köder waren Mangelware: Die Crew sammelte in New England über 250.000 Würmer ein!

Unfreiwillig komisch? Jeff Lieberman was not amused!

Angesichts begrenzter Mittel und vor allem Liebermans sympathisch leichtem Gemüt war die Invasion der Würmer schon ursprünglich als augenzwinkernd gedacht. Entsprechend sauer reagiert der Regisseur auf abfällige Bemerkungen, die seine Arbeit als „unfreiwillig komisch“ einstufen – nachzuhören im tollen Audiokommentar, wo Lieberman überhaupt klasse rüberkommt, wie auch im ganzen Bonusmaterial. In der Tat ist schon die Texttafel im Prolog derart apokalyptisch überzogen, dass hier schnell klar werden sollte, wie sehr allen Beteiligten der Schalk im Nacken saß.

Mick schaut genau hin …

Apropos Beteiligte: Ursprünglich waren Kim Basinger, Sylvester Stallone und Martin Sheen für die Hauptrollen vorgesehen, schieden jedoch aus verschiedenen Gründen aus – von Seiten der Produktion! Den Protagonisten spielte schließlich Don Scardino fast schon zu überzeugend. Ein paar Jahre später durfte er in William Friedkins „Cruising“ (1980) Lack und Leder frönen. Seit Ende der 80er-Jahre hat er sich ein anständiges Auskommen als gut beschäftigter Serienregisseur im US-Fernsehen gesichert.

Experimente im Garten als Inspiration

Jeff Lieberman, aus dessen Feder auch die wahnwitzige Story stammte, auf die er als Jugendlicher beim Experimentieren mit Strom im Garten kam, hat auch seine weitere Filmografie mit kreativen und liebevoll inszenierten Horrorfilmen mit exzentrischem Humor und dem gewissen Etwas geschmückt. Die AIP-Produktion gehört zu den ersten Arbeiten von Make-up-Legende Rick Baker, der für seinen amerikanischen Werwolf in London später einen Oscar einsammeln durfte. Heute legendär und gern großformatig als Poster im Schlafzimmer aufzuhängen ist die Einstellung, in dem sich eine Riege Würmer überaus blutig in das Gesicht eines bedauernswerten Opfers eingräbt. Überhaupt gibt es trotz engen Portemonnaies einige überaus spektakuläre Szenen, wie der Einsturz eines Hauses durch einen gewaltigen Baum – ein für die Darsteller nicht ungefährlicher Stunt, wie Lieberman gern betont.

… und schnappt sich die Süße von Flycreek

„Squirm – Invasion der Bestien“ punktet vor allem deswegen auch heute noch, da er sich noch nie zu ernst genommen hat und dabei dennoch aufgrund der unfassbar absurden Story unheimlich und auf angenehme Art unschuldig ist. Und mal ehrlich, wer findet Würmer schon niedlich? Durchaus ungewöhnlich, dass man trotz des komödiantischen Einschlags gezielt auf ein R-Rating aus war – was erneut dem ambivalenten Charakter des Films in die Karten spielt. Manche Szenen sind einfach so eklig, dass man nur lachen kann.

Wenn Schweine Würmer synchronisieren

Außerdem kamen für eine so kleine Produktion beachtlich viele Talente zusammen. Regisseur Lieberman, Schauspieler Scardino und Effektkünstler Baker sind da nur die Spitze des Eisbergs. Man spannte die Bewohner des Drehortes zudem voll in den Film ein – auch mit Sprechrollen. Ganz wichtig zu erwähnen: Die berühmt-berüchtigten Wurmschreie wurden eiskalt aus Brian De Palmas „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“ (1976) geklaut – und stammen von Schweinen!

Wurmschrei

Schön, dass sich Koch Media mit der achten Ausgabe ihrer „Creature Features“ den glibberigen Gestalten annimmt – zudem die ursprüngliche DVD, längst out of print, nur noch schwer zu haben war. Nun erstrahlen die Würmer in zartestem und schärfstem Rosarot und „Squirm“ wirkt in Bild und Ton fast schon wie ein A-Movie. Eigentlich rechtfertigt den Kauf fast schon das spektakuläre Cover, das an italienische Kannibalen-Schocker erinnert, aber auch tolle Extras gibt es massig: großartiger Audiokommentar mit Lieberman (mit dem will man danach sofort ein Bier trinken), neu produziertes Making-of, Interviews und Q&As, Trailer, Super-8-Fassung, Bildergalerien, Radio-Clip – danach hat man die Viecher wirklich satt!

Unbedingt die Würmer nach Hause holen – doch Vorsicht, man wird sie nicht mehr los!

Die Reihe „Creature Feature“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Schönheitspflege von Rick Baker

Veröffentlichung: 22. November 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 97 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Squirm
USA 1976
Regie: Jeff Lieberman
Drehbuch: Jeff Lieberman
Besetzung: Don Scardino, Patricia Pearcy, R. A. Dow, Jean Sullivan, Peter MacLean, Fran Higgins, William Newman, Barbara Quinn, Carl Dagenhart, Angel Sande, Carol Jean Owens, Kim Iocouvozzi, Walter Dimmick, Leslie Thorsen
Zusatzmaterial: Trailer, TV-Spot, Radio-Spot, Audiokommentar, Making-of, Super-8-Fassung, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial u. v. m.
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2019 by Leonhard Elias Lemke
Szenenfotos & Packshot: © 2018 Koch Films

 
 

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Eine Antwort zu “Squirm – Invasion der Bestien: Vergesst „Die Vögel“, hier kommen die Würmer!

  1. wuschol

    2019/03/01 at 18:53

    Einer meiner Lieblingsfilme, in die ich mit 12 vergeblich versucht habe, reinzukommen. Der war damals, wenn ich es richtig in Erinnerung habe, ab 18. Toll, wenn man dann sowas als Erwachsene/r endlich zu sehen bekommt. Das war eine schöne Zeit, so voller Filmtiere und -insekten. Auch toll : Feuerkäfer.

     

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