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Archiv für den Monat März 2019

Friedhof der Kuscheltiere (1989) – Wenn Liebe über Vernunft siegt

Pet Sematary

Von Lucas Knabe

Der folgende Text enthält Spoiler.

Horror // Der kleine Gage (Miko Hughes) rennt der Schnur seines Drachens hinterher, ohne zu bemerken, dass er dabei die Fahrbahn der Landstraße vor dem Grundstück betritt. In diesem Moment biegt ein Truck mit hohem Tempo um die Kurve, geradewegs auf Gage zu, der Fahrer aufgepeitscht von „Sheena Is a Punk Rocker“ der Ramones und daher unaufmerksam. Gages Vater Louis (Dale Midkiff) stürmt schreiend zur Straße, um seinen Sohn zu retten. Doch zu spät – ein blutüberströmter Kinderschuh kullert über den Asphalt. Der Tod des eigenen Kinde dürfte für Eltern den härtesten Schlag darstellen. Dieses Schicksal bekommt an jenem Tag die Familie Creed erbarmungslos zu spüren. Das Leben verlangt von ihnen, das unwiderrufliche Martyrium zu akzeptieren, da kein Weg aus dem Tod zurückführt. Oder etwa doch?

Kater Church spaziert über den Tierfriedhof

Die Familie Creed, bestehend aus Vater Louis, Mutter Rachel (Denise Crosby), Tochter Ellie (Blaze Berdahl), Sohn Gage und Kater Winston Churchill, kurz Church, zieht auf ein idyllisches Grundstück nahe der Stadt Ludlow in Maine. Bald schließen die Neuankömmlinge Bekanntschaft mit ihrem Nachbar Jud Crandall (Fred Gwynne), welcher auf der anderen Straßenseite wohnt. Er informiert die Creeds über die von schweren Trucks stark befahrene Straße und verspricht ihnen, sie darüber aufzuklären, was es mit dem Weg auf sich hat, der vom Grundstück der Creeds in den Wald führt. Nach kurzer Zeit des Einlebens unternehmen Jud und die Familie eine Wanderung zum Ziel des verwunschenen Weges, welches sich als ein alter Tierfriedhof herausstellt, der den überfahrenen Haustieren von Ludlow eine letzte Ruhestätte bietet.

Warnung eines Toten

Kurz darauf ereignet sich eine mysteriöse Begebenheit: Louis Creed, der eine Anstellung als Arzt auf der Krankenstation der örtlichen Universität angenommen hat, behandelt den bei einem Unfall tödlich verletzten Schüler Victor Pascow (Brad Greenquist), der mit letztem Atem etwas zu Louis flüstert. In der darauffolgenden Nacht wird Louis vom Geist Pascows heimgesucht. Er führt ihn zum hiesigen Tierfriedhof und warnt eindringlich vor dem, was sich dahinter befindet.

Jud Crandall schwant Böses

Als Rachel eines Tages mit den Kindern ihre Eltern besucht, wird Kater Church überfahren. Um Ellie nicht das Herz zu brechen, führt Jud Louis zu einer alten Begräbnisstätte der Micmac-Indianer jenseits des Tierfriedhofs. Auf Juds Anweisung hin begräbt Louis den Kater inmitten der Stätte. Am nächsten Morgen erscheint der Kater wie durch ein Wunder nahezu unversehrt wieder auf dem Grundstück der Creeds, jedoch hat sich das Wesen des einstigen Stubentigers zu etwas Bösem und Sonderbarem gewandelt. Als nach diesem ersten Schrecken auch noch Nesthäkchen Gage totgefahren wird, kennen Liebe, Tod und Wahnsinn der Familie keine Grenzen mehr.

Gemischte Standpunkte

Anlässlich der am 4. April in den deutschen Kinos startenden Neuverfilmung fragte mich Blogbetreiber Volker, ob ich Lust hätte, mich der ersten Adaption von Stephen Kings 1983 veröffentlichtem Roman „Friedhof der Kuscheltiere“ („Pet Sematary“) zu widmen. Dem komme ich gern nach. Die gespaltene Rezeption des Films der auf Musikvideos spezialisierten Regisseurin Mary Lambert rangiert in den vergangenen Jahren zwischen „grottig“ und „großartig“ – das zeigt schon, dass er viele Erwartungen erfüllt und gleichermaßen offenlässt. Auf der einen Seite gibt es die Verfechter der Romanvorlage, Gorehounds und Realisten, welche den Film als albern und oberflächlich verteufeln, auf der anderen Seite halten Fans, Feingeister und Romantiker dagegen, indem sie die Zwischenmenschlichkeit und die Botschaften des Films betonen. Bei aller Kritik zählt Lamberts Regiearbeit, zu welcher Stephen King selbst das Drehbuch beisteuerte, zu den erfolgreichsten Kino-Umsetzungen der Romane des Horror-Großmeisters. Drei Jahre später inszenierte Lambert auch die Fortsetzung „Friedhof der Kuscheltiere 2“.

Ein liebevoller Vater

In technischer Hinsicht kann „Friedhof der Kuscheltiere“ (1989) sein Alter von 30 Jahren nicht leugnen. Zwar reihen sich die Effekte und Maske in den Standard der 80er-Jahre ein, jedoch kommt ab und zu ein unterschwelliges „X-Factor“-Feeling auf. Die Kameraarbeit wirkt eher unauffällig und wagt keine großartigen Experimente, lediglich das „Wegschauen“ der Kamera bei brutalen Schlüsselszenen, sodass der Ton die Vorstellung des Ergebnisses anregt, erinnert an große Klassiker der Filmgeschichte. Gegen Ende wird durch viele Schnitte versucht, die Dynamik und Spannung hochzuhalten, allerdings verfehlt die damals noch junge Garde der Jump-Scares ihre Wirkung. Eine Stärke ist der Score, der durch aufheulende Geigen und Kinderchöre an Charles Bernstein („Nightmare – Mörderische Träume“) und Joseph Bishara („Insidious“) erinnert, welche dem Film zu einem düsteren und mysteriösen Naturell verhelfen. Daneben gelingt es mittels unterschiedlicher Lautstärken, den Schrecken mancher Szenen zu intensivieren, beispielsweise beim lauten Hupen und Motor-Brummen der Trucks, bei den Schreien der Protagonisten und ganz banalen Geräuschen wie dem Zirpen von Grillen. Die detaillierten Schauplätze, welche sich größtenteils auf vier Orte beschränken, dienen der Handlung als atmosphärische Kulisse und versprühen durch ihr angestaubtes Antlitz einen nostalgischen Charme. Ebenso bieten sie dem überschaubaren Ensemble eine atmosphärische Bühne, um die kompakte Handlung voranzutragen.

Familienvater Louis im Zentrum des Geschehens

Die große Stärke des Films liegt in seiner Figurenzeichnung und den darin verwobenen Botschaften, welche sich während der Handlung entfalten. Spätestens nach der ausführlichen Exposition wird deutlich, dass der Familienvater Louis im Zentrum der Handlung steht, der versucht, die Menschen, die er liebt, um jeden Preis vor Unheil zu bewahren. Freilich driftet der Film im letzten Viertel in einen spannenden und brutalen Splatter-Streifen ab, wodurch dem Schrecken und Grusel auf der Mattscheibe mehr Zeit gegeben wird, als notwendig wäre, um die damals wie heute relevante Botschaft zu verkünden.

„Friedhof der Kuscheltiere“ (1989) will den Tod und die Verarbeitung dessen innerhalb einer Familie mithilfe einer populären Darstellungsform thematisieren. Somit verzahnt sich die Ebene der Gefühle und der daraus resultierenden Handlungen innerhalb des Familienverbands mit den Konventionen und fantastischen Stilmitteln eines Horrorfilms – in erster Instanz Horrorfilm, in zweiter Familiendrama. Hoffnung, Fantasie und bittere Realität verbinden sich zu einer nur allzu realen Verarbeitung von Liebe und Tod. Durch diese Tatsache gewinnt auch das oft genannte Sprichwort „Der Acker im Herzen eines Mannes ist steiniger …“ an enormer Bedeutung. Denn selbst ein Arzt wie Louis Creed, der berufsbedingt ständig mit dem Tod konfrontiert wird und dadurch psychische Mechanismen entwickelt hat, um den Tod fremder Menschen unbelastet zu verarbeiten, findet sich in ungeahnter Trunkenheit von Trauer wieder, wenn es die eigene Familie betrifft. Selbst der Acker des steinernen Herzens eines Arztes ist verletzlich, wenn es um jene geht, die man liebt. Der Film entwickelt aus dieser These ein Worst-Case-Szenario, in welchem Lastkraftwagen als rasende Guillotinen fungieren und Tote als Tobsüchtige wieder auferstehen. Die Leidtragenden finden sich in diesem Gefüge in einem moralischen Kampf wieder, der für Akzeptanz mahnt, aber Unvernunft und Leichtsinn erzeugt.

In voller Pracht verfügbar

Von 1990 bis 2003 befand sich der Film auf dem Index. 2013 ließ ihn Paramount erneut von der FSK prüfen, sodass die Altersfreigabe von 18 auf 16 Jahre heruntergestuft wurde – eine richtige Entscheidung. Schon die damalige Indizierung war unverständlich, und nach heutigen Maßstäben kann ausgeschlossen werden, dass „Friedhof der Kuscheltiere“ bei fast erwachsenen Jugendlichen zu seelischen Schäden führt. Dafür ist das Werk doch zu sehr dem Mainstream-Horror verhaftet.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Stephen-King-Adaptionen sind in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt.

Veröffentlichung: 28. März 2019 als 4K Ultra HD (inklusive Blu-ray), Blu-ray im Steelbook und Blu-ray, 21. November 2016 als Blu-ray im Mediabook (84 Entertainment), 3. Januar 2014 und 10. Oktober 2002 als DVD

Länge: 103 Min. (Blu-ray), 98 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Pet Sematary
USA 1989
Regie: Mary Lambert
Drehbuch: Stephen King, nach seinem eigenen Roman
Besetzung: Dale Midkiff, Denise Crosby, Fred Gwynne, Brad Greenquist, Michael Lombard, Miko Hughes, Blaze Berdahl, Susan Blommaert
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Paramount Home Entertainment

Copyright 2019 by Lucas Knabe

Szenenfotos & Packshots DVD und 2019er-Blu-rays: © Paramount Home Entertainment

 

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Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld: Vom Massaker in Wolhynien und Ostgalizien

Wolyn

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Kriegsdramen europäischer Länder führen uns bisweilen Ereignisse vor Augen, von denen wir sonst womöglich kaum erfahren hätten. Wer hat sich schon ausufernd mit jedem Schauplatz des Zweiten Weltkriegs befasst? Im Falle des polnischen Beitrags „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ sind dies die Massaker in Wolhynien und Ostgalizien (Volhynian Massacre): Von Februar 1943 bis April 1944 ermordeten ukrainische Nationalisten der Ukrainischen Aufständischen Armee in den seinerzeit von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten beinahe 100.000 Zivilistinnen und Zivilisten polnischer Herkunft. Das kann man auch schon Genozid und Völkermord nennen.

Zosia und Petro genießen die Feier

Das Kriegsdrama des polnischen Regisseurs Wojciech Smarzowski beginnt ausgelassen mit Bildern einer Hochzeitsfeier 1939 in einem von Ukrainern und Polen bewohnten Dorf, darunter auch Juden. Die junge Polin Zosia (Michalina Labacz), Schwester der Braut, hat Schmetterlinge im Bauch, weil sie sich in den feschen Ukrainer Petro (Wasyl Wasylik) verliebt hat, doch sie wird noch am selben Abend unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: Ihr Vater bestimmt, dass Zosia den wohlhabenden Ortsvorsteher Maciej Skiba (Arkadiusz Jakubik) heiratet, einen deutlich älteren Witwer. Bald darauf bricht mit dem Einmarsch der Deutschen in Polen der Krieg aus und Zosias hartherziger Ehemann muss an die Front.

Doch ihr Ehemann wird der hartherzige Witwer Maciej

Von den Spannungen zwischen Polen und Ukrainern erfahren wir bereits mittels einiger Dialoge während der Hochzeitsfeier. Im weiteren Verlauf des Films beobachten wir hautnah, wie Zosia in den Kriegswirren zu überleben versucht. „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ meistert das Zusammenspiel zwischen persönlichem Porträt und der Darstellung der grausamen Ereignisse sehr souverän. Zosias Schicksal als ohnehin entrechtete Frau weckt unser Mitgefühl, gleichzeitig ziehen uns die sich ins Grausame steigernden historischen Ereignisse in ihren Bann – und das dramaturgisch und visuell auf hohem Niveau über die lange Spielzeit von fast zweieinhalb Stunden.

Der Widerstand gegen die deutschen Invasoren währt nur kurz

Der für den deutschen Markt gewählte Titel „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ klingt arg pathetisch, das hat das polnische Werk nicht verdient. Schon klar, das bezieht sich auf den bekannten Spruch von der Unschuld, die das erste Opfer des Krieges sei. Da mag etwas dran sein, gleichwohl liest sich das mittlerweile sehr ausgelutscht. Die deutschen Titelschöpfer hätten sich mit dem im Original „Wolyn“ (polnische Bezeichnung für Wolhynien) betitelten Film vielleicht etwas mehr Mühe geben können.

Kriegsdrama mit ungewöhnlich hoher Altersfreigabe

Überraschenderweise scheiterte Tiberius Film mit dem Versuch, eine Freigabe ab zwölf Jahren zu erhalten. Gemeinhin drückt die FSK bei Kriegsdramen mit erzieherischem Anspruch auf historische Authentizität gern mal ein Auge zu, was gewalthaltige Filme angeht – nicht in diesem Fall. Immerhin weiß das Label offenbar, dass manche Filmfreunde, die Wert auf ungeschnittene Fassungen legen, beim roten FSK-18-Logo argwöhnen, es dennoch mit einer zensierten Version zu tun zu haben – das Label versah das Cover mit dem Hinweis, dass es sich um die ungekürzte Fassung handelt.

Die Wehrmacht marschiert ein

Nach Sichtung des Films bekenne ich: Die 18er-Freigabe geht völlig in Ordnung, Minderjährigen sollte man „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ nicht zumuten. Lässt sich das Kriegsdrama anfangs ruhig an, um einige Protagonisten vorzustellen und zu charakterisieren, geht es im letzten Drittel übelst zur Sache. Ich gebe dafür nun ein paar Beispiele – wer szenische Spoiler gern meidet, möge den Rest dieses Absatzes überspringen. Wenn die polnische Minderheit dahingemetzelt wird, öffnen die Macher die Trickkiste der blutigen Splattereffekte ganz weit. Da wird ein Mann zwischen zwei Pferden festgebunden und bei deren Auseinanderreiten zerrissen. Schwenkt die Kamera bald darauf noch gnädig weg, als ein mordlüsterner Ukrainer ein Baby vor den Augen der Mutter mit der Axt abschlachtet, so hält sie im nächsten Moment voll drauf, als die Mutter geköpft wird. Dennoch erhält das Geschehen nach meinem Empfinden niemals Exploitation-Charakter.

Die Juden verstecken sich vor den Deutschen

Die Massaker liefen offenbar tatsächlich mit außergewöhnlicher Grausamkeit ab – keine Seltenheit, dass anfangs ganz normale Männer im Verein mit anderen zu Mördern werden und sich als Massenmörder im Kreise vieler Gleichgesinnter in einen Blutrausch hineinsteigern. Laut IMDb-Trivia unterliegt das Kriegsdrama in der Ukraine einem Verbreitungs- und Aufführungsverbot. Solche Maßnahmen sind zwar scharf zu kritisieren, aber es verwundert nicht, dass sich angesichts von „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ einige Politiker und Vertreter anderer Professionen in der Ukraine auf den Schlips getreten fühlten.

Grausame Schilderung historischer Ereignisse

Die gezeigten Grausamkeiten dürften nur wenige Zuschauerinnen und Zuschauer kaltlassen. Bei mir war das jedenfalls nicht der Fall, obwohl ich Gewaltdarstellungen im Film gewohnt bin und vor ihnen nicht zurückschrecke. Da zudem die Hauptfigur Zosia als Identifikationsfigur taugt, kann ich „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ all jenen empfehlen, die an anspruchsvollen Kriegsdramen und filmischer Aufarbeitung historischer Kriegsereignisse interessiert sind. Zartbesaitete sollten aber Vorsicht walten lassen.

Die Massaker nehmen ihren grausamen Lauf

Zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Rezension fanden sich in in der IMDb lediglich zwei „external reviews“ (Stand März 2019). Wer des Englischen mächtig ist, möge auch diesen aufschlussreichen Text lesen. „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ hat weitaus mehr Aufmerksamkeit verdient – und der Massenmord die Bewahrung vor dem Vergessen.

Zosia versucht zu fliehen

Veröffentlichung: 7. März 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 144 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Polnisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Wolyn
POL 2016
Regie: Wojciech Smarzowski
Drehbuch: Wojciech Smarzowski
Besetzung: Michalina Labacz, Arkadiusz Jakubik, Wasyl Wasylik, Izabela Kuna, Jacek Braciak, Adrian Zaremba, Maria Sobocinska, Oleksandr Zbarazkyi, Lech Dyblik, Gabriela Muskala
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Tiberius Film

 

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Star Force Soldier – Nur ein bewaffneter Mann ist ein guter Mann

Soldier

Von Leonhard Elias Lemke

SF-Action // Der Prolog öffnet uns den Film mit Kriegsgetöse. 1996 – die Stunde „Null“. Die am lautesten schreienden Neugeborenen sind gerade richtig, um zu den Soldaten der Zukunft zu werden. Mit 17 ist die Ausbildung abgeschlossen, bis dahin werden ihnen Sätze wie „Ein Soldat ist nur glücklich, wenn er Befehle befolgen kann!“ eingebläut. Psychische Indoktrinierung und hartes körperliches und technisches Training sind einziger Lebensinhalt. Aber welches Leben? Wer auf der Strecke bleibt, wird nicht nur ausgesiebt, sondern ganz aus dem Leben genommen. Todd 3465 (als Erwachsener: Kurt Russell) ist der Beste seines Jahrgangs. Fahnenträger. Gleich Elitesoldat. Wir springen in sein 38. Lebensjahr. Vernarbt, mit Name, Kennnummer und Blutgruppe sind ihm ins Gesicht tätowiert – immerhin ist er eine teure Investition, die der Kapitalismus am Leben erhalten will.

Soldaten aus der Retorte

Seinen Arm zieren Kriegsschauplätze: Er hat den „6-Städte-Krieg“ gekämpft, hat getötet in Moskau und auf fremden Monden. Später wird Todd sagen: „Nur Soldaten kämpfen gegen Soldaten.“ Das stimmt nicht ganz, Kollateralschäden werden billigend in Lauf genommen, durch Zivilisten wird gern hindurchgeschossen. Das Schlachtfeld ist sein Zuhause, die wahre Bedeutung eines Heims hat er nie kennengelernt. Sein Blick ist tot, wie es bei einer fast perfekten Kampfmaschine sein muss. „Fast perfekt“, denn es gibt immer ein Update. Die neueste Generation der Universal Soldiers wurde im Genlabor erzeugt, ihre DNA nach Belieben manipuliert. Präziser, fitter, kaltblütiger. Noch bessere Krieger für das Kapital. Caine 607 (Jason Scott Lee) ist das Topmodell, in einem Kräftemessen mit Todd – und zwei weiteren Soldaten der ersten Generation – lässt er dem alten Eisen keine Chance. Die vermeintlich toten Soldaten werden auf einem Müllplaneten entsorgt – doch Todd entsteigt seinem Grab und findet Zuflucht bei einer Familie, die dort lebt, am Rande des Universums, ausgestoßen von der offiziellen Gesellschaft. Der abgehalfterte, innerlich – er hat keine Bestimmung mehr – und äußerlich Verwundete wird von der kleinen Gemeinschaft aufgefangen. Eine Annäherung findet nur langsam statt, man hat verständlicherweise Angst vor der lebenden Waffe. Die erste Bindung stellt Todd zu Nathan her, dem kleinen Sohn seiner Ziehfamilie. Auch der spricht nicht. „Männerkommunikation“. So etwas wie Erotik überkommt ihm beim Anblick von Sandra (Connie Nielsen). Unter einer dankenden Umarmung ihrerseits erzittert sein Körper, den er bisher nur zum Zerstören gebraucht hat.

Western-Showdown im Weltraum

Als die neue Generation der Soldiers später das aufkeimende Idyll zunichte macht, muss Todd wieder zur Maschine werden. So bejubeln wir ein ausuferndes Finale, dass „Star Force Soldier“ zu einem Western im Weltraum werden lässt und auch im unausweichlichen Endkampf nicht enttäuscht. Das Herz muss über das manipulierte Fleisch obsiegen. Hollywood. Aufwendige Sets, reale Explosionen, dicke Wummen, gut choreografierte Fights mit klaffenden Wunden. So cheesy die Story sein mag, so intensiv und fürs Genre nachhaltig ist die Verpackung.

Sandra bringt Todd auf den Gedanken, dass Körper nicht nur zum Töten da sind

Regisseur Paul W. S. Anderson hat bei Fans einen zwiespältigen Ruf. Nach seinem hervorragenden „Shopping“ vertraute man ihm 1995 die filmische Adaption des Videospiels „Mortal Kombat“ an. Für die einen war es eine weichgespülte Enttäuschung, die anderen frohlockten, dass man sich überhaupt an diese Umsetzung wagte, und hatten ihren Spaß. Spaß hat man überhaupt immer bei Anderson – sonst wäre Milla Jovovich wohl auch nicht schon so lange seine Partnerin. Zwei Jahre nach dem tödlichen Kampf gelang ihm mit „Event Horizon“ ein „Shining“ im Weltraum, das noch heute zu schauern weiß – für die Produzenten 1998 damit der richtige Mann für „Star Force Soldier“. Und in der Tat vereint Anderson in seinem vierten Spielfilm das Aufgetragene und Überzogene aus „Mortal Kombat“ mit dem Knallharten und Unerbittlichen aus „Event Horizon“. Schaueffekte werden bei Anderson zum Inhalt, die Storys stehen auf wackeligeren Beinen als seine durchtrainierten Mimen – das ist eben Actionkino.

Muckis und Gefühl – Kurt Russell

Den Titelheld verkörpert Kurt Russell überzeugend mit Muskelkraft UND Herzblut. Die Gage wird sicher proper gewesen sein, aber Russell ist bekanntlich ein Fan der Science-Fiction, die Rolle dürfte ihn gereizt haben. Viel Ausdruck, ohne überflüssige Worte zu verlieren – das steht maskulinen Figuren gut zu Gesicht. Um dem Nachdruck zu verleihen, brachte er sich zudem mit 47 Jahren in eine physische Form, die jeden 30-jährigen neidisch werden lassen dürfte. So lassen sein Spiel und seine Physis das Publikum daran glauben, dass dieser Mann einzig dem Krieg dienen soll. Übrigens wird der junge Todd von seinem Sohn Wyatt gespielt, der vor kurzem in „Operation: Overlord“ prominent wurde. Russell entgegen steht mit Jason Scott Lee („Dragon – Die Bruce-Lee-Story“) ein ebenso schauspielerisch wie physisch talentierter Darsteller. Deutlich jünger als Russell, konnte er gar noch mehr Muskelmasse draufpacken und sich zu einem menschgewordenen Pitbull formatieren. Jason Isaacs („Black Hawk Down“) gibt den Nazi-Offizier der Zukunft mit einem leichten Lächeln im Mundwinkel – plakativer konnte seine Rolle kaum entworfen sein und dem verschrieb er sich voll. Das Gary „Predator 2“ Busey hier fast schon den Guten gibt, mag irritieren, doch auch seine Figur bekommt am Ende ihr Fett weg.

Commando

Monetär war der SF-Actioner ein gewaltiger Flop: Bei 60 Millionen – zwei Panzerfahrzeuge allein verschlangen eine davon – Dollar Budget spielte er in den USA lediglich 15 Millionen ein. Was der Film sein will, kann er. Vielleicht war er jedoch nicht versiert genug aufgestellt, um eine breitere Zielgruppe zu erreichen. „Star Force Soldier“ ist für ein Publikum zu empfehlen, das sich mit traumatisierten Männern identifizieren kann, die nichts von der Liebe wissen und nur mit einer Waffe in der Hand zu sich selbst finden können. Sie verlieren ihre Maskulinität, wenn man ihnen ihren Soldatenstatus nimmt. Inhaltlich gibt es nicht viel mehr zu holen. Die Geschichte von Andersons Film konzentriert sich ganz auf diese einfache Prämisse, es ist ein Männerfilm, den man so heute nicht mehr machen würde. Dies kann man ihm einerseits vorwerfen, andererseits liegt gerade darin seine Stärke. Es ist ein Film der späten 90er, der keinen Hehl aus seiner fast banalen Geradlinigkeit macht. Ein bisschen Tiefe gab man ihm, indem Drehbuchautor David Webb Peoples ihn im gleichen Universum ansiedelte wie „Blade Runner“ – für den er ebenfalls am Screenplay schrieb. In Ridley Scotts Meilenstein des Science-Fiction-Genres ist von Schlachten am „Tannhäuser Tor“ die Rede – und selbiges findet eben auch hier Erwähnung. Todd wird auch dort im Krieg eingesetzt, er ist ein naher Verwandter der Replikanten. Diese filmübergreifende Verbindung macht weitere Gedankengespinste interessant und führt zu einer höheren Wahrscheinlichkeit der stetigen Wiederentdeckung, wer sich mit Scotts Film oder dem Science-Fiction-Kino im Allgemeinen beschäftigt. Wer hier filmisch keinen Bergman erwartet, bekommt einen SF-Actionknaller erster Güte inklusive Zeitreise in die 90er.

Seine Kraft – und das gigantische Budget – setzt er in die Verpackung der maximal zweizeiligen Story. Hier kracht und scheppert es noch richtig, aufwendige Sets gehen in Flammen auf, zerspringen in tausend Teile, und Stuntmen fliegen durch die Gegend. Fette 90er-Action, wie sie heute kaum noch gemacht wird – vor allem nicht im Big-Budget-Segment. Schade, dass man aber auch unbedingt zeigen wollte, wie weit man schon mit der digitalen Tricktechnik sei. So trüben einige schwache Animationen aus Windows-98-PCs ein bisschen das Bild der glanzvollen Spezialeffekte.

In Deutschland nun erstmals ungeschnitten

„Star Force Soldier“ erscheint dank Koch Films in Deutschland erstmals ungekürzt – das kann somit als Erstveröffentlichung bezeichnet werden, denn „cut“ gilt nicht. Damals gab es zum DVD-Release bei uns nur eine stark geschnittene Fassung, die den Film seiner Konsequenz und starken Make-up-Effekte beraubte und den Zuschauer in einigen sehr holprigen Cuts fragend zurückließ. Zudem gab es damals nur eine deutsche Tonspur. Gerade dieses Werk kann man nur uncut genießen und es bedarf auch Russells kerniger One-Liner – hier wahrlich kein Mann vieler Worte – im O-Ton, um richtig Spaß zu haben. Die Neuveröffentlichung ist also schon offensichtlich heiß erwartet und dringend nötig, sie wird durch die Form des Mediabooks noch versüßt. Dieses kommt in zwei Cover-Varianten und mit Booklet, in welches ich leider keinen Einblick hatte, weswegen ich nichts über dessen Qualität sagen kann. Extras gibt es auch noch auf den Discs: ein Audiokommentar mit Anderson, Isaacs und Koproduzent Jeremy Bolt, ein bereits in den 90ern produziertes Making-of, Interviews und eine Bildergalerie (Guckt ihr euch sowas noch an?). Die Form stimmt und wird dem produktionstechnischen Aufwand des Streifens gerecht. Kaufempfehlung. Für Männer.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Kurt Russell sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Das waren die 90er

Veröffentlichung: 28. März 2019 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, zwei Covervarianten), 6. Juli 2000 als DVD

Länge: 99 Min. (Blu-ray), 93 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Soldier
GB/USA 1998
Regie: Paul W. S. Anderson
Drehbuch: David Webb Peoples
Besetzung: Kurt Russell, Jason Scott Lee, Jason Isaacs, Connie Nielsen, Sean Pertwee, Gary Busey, Jared Thorne, Taylor Thorne, Mark Bringelson, James Black, Mark De Alessandro, Duffy Gaver
Zusatzmaterial: deutscher und englischer Trailer, Audiokommentar von Paul W. S. Anderson, Jason Isaacs und Jeremy Bolt, Making-of, Interviews, Bildergalerie
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2019 by Leonhard Elias Lemke
Szenenfotos & Packshots: © 2019 Koch Films

 
 

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