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James Stewart (IV): Winchester 73 – Perfekt geschmiedete Odyssee eines Schießeisens

06 Mrz

Winchester ’73

Anmerkung des Blogbetreibers: Aufgrund der extensiven und überaus lesenswerten Betrachtung lassen sich Spoiler nicht vermeiden. All jenen, die „Winchester 73“ noch nicht kennen, sei daher dringend ans Herz gelegt: Erst schauen, dann lesen!

Von Dirk Ottelübbert

Western // Eingangs liegt er hinter Glas, der „Titelstar“ dieses Films: ein Winchester-Repetiergewehr aus dem Produktionsjahr 1873, ein perfekt gelungenes Exemplar, „eine unter tausend“ – bestimmt zum Siegerpreis eines Schießwettbewerbs. Die Traumwaffe bleibt also nicht lange ein Ausstellungstück. Sie landet beim besten Schützen, wandert durch Raub allerdings in die Finger eines Schurken. Auch der verliert sie, und so nimmt die Winchester ihren Weg durch zahlreiche Hände, löst Bewunderung und Gier aus, bringt aber keinem ihrer Besitzer am Ende Glück …

Über einen einsamen Bergkamm reiten Lin McAdam (James Stewart) und sein Freund High-Spade (Millard Mitchell) nach Dodge City, Kansas. Wie im Taubenschlag geht es dort zu – es ist der 4. Juli 1876, zur Hundertjahrfeier der USA findet in dem Nest ein Preisschießen statt, und die Menge schart sich plappernd um den Preis, eine edle Winchester.

Waffen weg vor dem Waffengang

Aus diesem Grund werde auch „er“ in die Stadt kommen, versichert Lin mit Blick auf die Waffe. Offenbar erwartet der Westmann ein unerfreuliches Treffen. Nur ungern liefern Lin und High-Spade daher – Sicherheitsmaßnahme für alle – ihre Waffen beim örtlichen Gesetzeshüter Wyatt Earp (Will Geer) ab. „Er“ – das ist Dutch Henry Brown (Stephen McNally). Mit dem selbstsicher auftretenden, klobigen Kerl verbindet Lin eine gemeinsame Vergangenheit, und eine finstere Tat von Dutch ließ die beiden zu Todfeinden werden.

Lin (r.) und High-Spade (M.) geben ihre Waffen bei Wyatt Earp ab

Kurz darauf hallen die Straßen vom Echo der Gewehrschüsse wider: Die sieben Teilnehmer tragen den Wettbewerb aus. Lin und Dutch, einander stetig belauernd, setzen sich vom Feld ab. lm Scheibenschießen liegen sie gleichauf, beim Feuern auf Münzen findet Dutch in Lin seinen Meister. Viel zu schade sei die Büchse für das Jagen von Kaninchen, höhnt der Verlierer. Ja, und auch zu schade, um einem Mann in den Rücken zu schießen, entgegnet Lin böse …

Wie gewonnen, so zerronnen

Noch am selben Tag verliert er seine Trophäe. Dutch und zwei Spießgesellen überfallen ihn, rauben die Waffe und suchen das Weite. Ihr Ziel: Tascosa in Texas. Auf dem Weg machen sie Halt in der Prärie-Absteige „Riker’s Bar“, wo Dutch die Winchester beim Poker an den gewieften Händler Lamont (John McIntire) verliert. Auch der behält sie nicht lange: Lamont, mit den Indianern Geschäfte treibend, weigert sich, die Büchse an den rebellischen Sioux-Häuptling Young Bull (Rock Hudson) zu verkaufen, und bezahlt das mit dem Leben.

Bei der Attacke auf eine Kutsche und später auf einen Trupp Kavalleristen kommt Young Bulls neuer Besitz zum blutigen Einsatz. Die Soldaten unter Sergeant Wilkes (Jay C. Flippen) wehren sich vehement gegen die roten Krieger. Lin und High-Spade wie auch Saloondame Lola (Shelley Winters) und ihr Geliebter Steve (Charles Drake) sind zu den Männern gestoßen, helfen tatkräftig bei der Verteidigung. Nachdem Lin den Häuptling erschießt, geben die Indianer den Kampf auf. Die Winchester liegt im Staub des Kampfplatzes, bis ein junger Soldat (kleine Rolle für Tony Curtis, damals 25) sie entdeckt und an den erfreuten Wilkes weiterreicht. Das sei doch ein Geschenk für … „Lin!“, ruft der alte Offizier dem Davonreitenden nach, aber der ist außer Hörweite. So erhält Steve das kostbare Stück. An ihn scheint es vergeudet, denn er ist ein Feigling und gehört überdies zu einer Bande, mit der sich Dutch in Tascosa für einen Banküberfall verabredet hat.

Showdown in den Bergen

Die texanische Stadt bildet nun die letzte Reisestation der Waffe. Steve, von Lola nur noch widerwillig begleitet, lässt sich von Bandit Waco Johnny Dean (Dan Duryea) demütigen und provozieren; nachdem er zum Colt greift, erschießt Waco ihn und nimmt die Winchester an sich. Beim Zusammentreffen mit Dutch fordert dieser sein „Eigentum“ zurück. Waco gibt nach, kündigt dabei an, er werde sich das Gewehr schon wiederholen, auf ähnliche Weise wie tags zuvor bei Steve. Dazu kommt es allerdings nicht: Lin erreicht inzwischen Tascosa, durchkreuzt die Pläne der Banditen und liefert sich mit Dutch in den Bergen ein zweites – finales – Duell.

Dutch (l.) und Co. planen Finsteres

Genug erzählt! Tatsächlich kommt man in Versuchung, Szene für Szene dieses Klassikers nachzuzeichnen – so flüssig wechselt er die Schauplätze, Orte eigenständiger Mini-Dramen, so markant konturiert er seine Figuren. Die 92 Minuten von „Winchester 73“ liefern eine Glanzleistung in Sachen Erzählökonomie. Gemeinsam mit „Die Farm der Besessenen“ (ebenfalls 1950) bildet er Anthony Manns ersten Schritt ins Western-Genre, zudem markiert er den Beginn von dessen fruchtbarer Zusammenarbeit mit James Stewart (1908–1997). Fünf Western drehten sie gemeinsam, und ihr Startschuss geriet nicht zur Fingerübung, sondern avancierte sogleich zu einem Markstein des Genres, vielbesprochen, verehrt und erfolgreich. Ein maßgeschneiderter Einstieg in ein kommerziell wie künstlerisch bedeutsames Jahrzehnt für den US-Western.

Der Part des Lin McAdam gab Stewart die Gelegenheit, ein neues, toughes Image zu präsentieren, viele staubige Meilen entfernt vom unbeirrbaren, idealistischen und immer liebenswerten Gutmenschen, den er etwa in Frank Capras Meisterwerken „Mr. Smith geht nach Washington“ (1939) und „Ist das Leben nicht schön?“ (1946) verkörpert hatte. Wie eigentlich alle „Helden“ aus Manns Western-Kosmos scheint Lin ein Getriebener, in sich gekehrt, zerquält. Alfred Hitchcock war ein weiterer Regisseur, der Stewarts dunklere Seiten hervorlockte, in „Der Mann, der zuviel wusste“ (1956) und vor allem natürlich in „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (1958).

James Stewart: hart oder verletzlich – oder beides?

Stewart selbst verwendete für den neuen Rollentypus statt „hart“ lieber das Stichwort „verletzlich“, was dem erstgenannten nicht unbedingt widerspricht: Lins Verwundungen – die lange zurückliegende Bluttat Dutchs, der Raub der Winchester – setzen Wut und Rachedurst frei. Der eigentlich gerechte Zorn trägt dabei pathologische Züge, Lin geht an seinem Drang nach Vergeltung fast zugrunde.

Als ich in Kindertagen, mit elf Jahren vielleicht, „Winchester 73“ zum ersten Mal sah, war ich bis dato eher mit Posen und Pathos der Karl-May-Schinken vertraut (gegen die ich hier nix sagen will!). Dieser Western jedenfalls schien mir etwas steif und redselig, James Stewart zu wenig Held. Seine Wut aber beeindruckte mich tief. Sein lodernder Blick, wenn er im vollen Saloon Dutch erstmals begegnet und der reflexartig zum Gürtel greift. Oder etwas später sein verächtlicher Zorn, wenn er seinem Feind schneidend entgegnet, er, Dutch, brauche die Winchester wohl „zum Morden“.

Stephen McNally als Gegenspieler Dutch

Womit wir beim starken Antagonisten wären, in jedem Western Anthony Manns eine feste Größe. Über Stephen McNally (1911–1994) als Dutch Henry Brown zeigte sich nicht nur Stewart des Lobes voll. Der wuchtige New Yorker, vormals Anwalt, stapfte durch eine ganze Reihe von B-Filmen, meist entweder als harter Bursche oder als Schurke, wie etwa in Jean Negulescos „Johnny Belinda“ (1948). Sein Dutch präsentiert sich als aufbrausendes, zudringliches Alpha-Männchen mit unstetem Blick. Eine formidable Leistung, auch wenn McNally etwas zurückbleibt hinter anderen Mann-Schuften wie dem doppelgesichtigen Cole alias Arthur Kennedy („Meuterei am Schlangenfluss“, 1952) oder dem dämonischen Vandergroat eines Robert Ryan („Nackte Gewalt“, 1953).

Abschied: Bardame Lola und Lin

Mindestens ebenso große Sorgfalt widmet das Drehbuch den zahlreichen Nebenfiguren, die vor allem durch gewitzte Dialoge ins Bild rücken und – je nach Perspektive – zu den Hauptdarstellern aufschließen oder aber Stewart und McNally (fast) in die „zweite Reihe“ holen. Auch dies ist ein Markenzeichen zumindest der drei Anthony-Mann-Western, für die Borden Chase als Autor verantwortlich zeichnete. Neben „Winchester 73“ gehen auch „Meuterei am Schlangenfluss“ (1952) und „Über den Todespass“ (1954) auf sein Konto.

So wie die Winchester-Büchse von Hand zu Hand wandert, tauchen diese Figuren auf der Bühne dieses Westerns auf und verschwinden teils wieder aus der Handlung. Aber sie setzen sich fest und klingen nach, lange nachdem der Film vorbei ist:

Wyatt Earp als Schiedsrichter

Wyatt Earp, Gesetzeshüter und Aufseher über das Preisschießen, gibt den launigen Festredner, wenn er schwadroniert, er selbst gäbe „seine rechte Hand“ für das prachtvolle Gewehr. Dann hält er inne und korrigiert sich: Vielleicht doch lieber die linke Hand, da er die rechte (Revolverhand) ja brauche, um im Nest für Ordnung zu sorgen. Das meint er dann völlig ernst.

Lins alter Freund High-Spade buchstabiert bei der Abgabe der Waffen in Dodge City seinen Namen: „High-Spade, mit einem Bindestrich. Auf dem ruhe ich mich aus, wenn ich mal müde bin.“ Was für ein Satz! Ein Mann der Sprache, abgesetzt vom rastlosen Tatmenschen Lin. Nicht umsonst ist es High-Spade, der Lola am Ende die Geschichte der Männerfeindschaft erzählt, während sich Lin und Dutch ihren Shootout liefern.

Bardame Lola ist keine „damsel in distress“, sondern bietet auch Schuften Paroli und zeigt Mut im Kampf. Als die Sioux-Krieger das Soldatenlager angreifen, drückt Lin ihr zögernd eine Waffe in die Hand. Lola sagt, sie könne damit umgehen und wisse auch, wofür die letzte Patrone aufzusparen sei …

Mit der Figur des aufrührerischen Sioux-Häuptling knüpft die Filmhandlung an die historischen Ereignisse jener Zeit an: Young Bulls unnachgiebiges Bestreben gilt dem Kauf von Repetiergewehren: Neun Tage vor der Hundertjahrfeier 1876 – mit der „Winchester 73“ seinen Anfang nimmt – hatten Krieger der Sioux, Arapaho und Cheyenne dem 7. US-Kavallerie-Regiment unter General Custer in der Schlacht vom Little Bighorn eine vernichtende Niederlage beigebracht. Dieser Sieg gelang nicht zuletzt dank der Repetiergewehre, die den Indianern einen Vorteil verschafften gegenüber den Einschüssern der Kavalleristen.

In Gettysburg noch Gegner

Sergeant Wilkes alias Jay C. Flippen, Anführer des Soldatentrupps, lobt Lin beim Abschied als einen Mann „nach meinem Geschmack“. In Gettysburg, jener blutig-berühmten Schlacht im Sezessionskrieg, hätte er ihn gern an seiner Seite gehabt. Schmunzelnd räumen Lin und High-Spade ein, sie seien doch dabeigewesen. Wilkes stutzt. Auf der Gegenseite, vervollständigen die beiden. Da lacht Wilkes – ein kurzes, herrlich weises Lachen, das eventuelle alte Gräben zwischen Nord- und Südstaatlern einfach zuschüttet.

Last not least ist natürlich Dan Duryea („Scarlett Street“, 1945) als Waco Johnny Dean zu nennen. Duryea, dessen Schauspiel-Stil so hingerotzt erscheint und doch so wohlbedacht ist, stiehlt hier komplett die Show als unberechenbarer, kichernder Tunichtgut.

Skrupellos überfällt Dutch eine Bank

Auch diese Liste des Western-Personals mag wie die Inhaltsangabe etwas langatmig ausgefallen sein. Mea culpa! So weitschweifig das in der Nacherzählung klingen mag, so klug, kurzweilig und lakonisch gerät das Werk, so reich grundiert die Darstellerriege das Drama. Bildet der Vergeltungs-Plot, der Kampf zwischen Lin und Dutch, das Skelett dieses Westerns, so bildet das restliche Ensemble dessen Blut, Fleisch und Herz. Im Typenreichtum und den Wechseln der Tonalität liegt auch ein besonderer Unterhaltungswert: „Ganze Sequenzen spielen meisterhaft mit der Mischung aus Thrill, Komik und Überraschung, die die alte Zirkusmentalität des Westerns ausmacht“ (zitiert nach: „Das Western-Lexikon“ von Joe Hembus).

Zum oben genannten „Thrill“ zählt definitiv auch die wohldosierte, dynamische Action: Die Attacke der Sioux auf die Kavalleristen überzeugt auch heute noch, im aufwühlenden Showdown zwischen Dutch und Lin fallen gefühlt mehr peitschende Schüsse als während der ersten großen Ballerei des Films, dem Preisschießen in Dodge City. Kameramann William H. Daniels leistete famose Arbeit; für den Film noir „Stadt ohne Maske“ (1948, Regie: Jules Dassin) hatte er einen Oscar gewonnen. Die Schießerei in den Bergen war denn auch Anthony Manns erklärte Lieblingsszene.

Nicht vergessen werden soll ein weiterer, laut Anthony Mann eigentlich der Hauptdarsteller des Films: „the Gun that Won the West“ – die Winchester. „Der ganze Film dreht sich um das Gewehr … das seine Besitzer entlarvt. Es gibt dem Film seine Struktur und wird selbst seine Hauptfigur“, so der Regisseur. Mythisiert der Film die Waffe? Ja und nein. Ein waffenkritisches Werk ist „Winchester 73“ ganz bestimmt nicht, zumal die Büchse ja am Ende in den „richtigen“, den „guten“ Händen landet (ironischerweise hat Lin zuvor kein einziges Mal mit ihr feuern dürfen).

Wie durchlöchert man eine Münze?

Schießen ist hier hohe Kunst (man denke an die physikalisch fast unmögliche mehrfache Durchlöcherung der Münzen beim Preissschießen!) und Mittel des Überlebens, Gewehre und Revolver sind Werkzeuge und psychologische Stütze – mehr als einmal beklagen die Westmänner, wie „nackt“ sie sich ohne Knarren und Munition fühlen. Anderseits weckt die Waffe Begehrlichkeiten respektive nackte Gier – sie befeuert und erhält somit den Zyklus aus Gewalt und Rache, der die Historie des Wilden Westens prägt und ausmacht.

Klassiker in neuer Optik: Erstmals erscheint „Winchester 73“ nun auf Blu-ray. Die Disc aus dem Hause Black Hill Pictures punktet mit gestochen scharfem Schwarzweiß-Bild und exzellenter Tonqualität. Zu den interessanten Extras zählt eine Super-8-Fasssung.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Anthony Mann sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Shelley Winters unter Schauspielerinnen, Filme mit Tony Curtis, Rock Hudson und James Stewart in der Rubrik Schauspieler.

Todesmutig und entschlossen: Lin

Veröffentlichung: 22. Februar 2019 als Blu-ray, 2. August 2007 und 22. Juli 2004 als DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, nur DVD: Französisch
Untertitel: Deutsch, nur DVD: Englisch u. a.
Originaltitel: Winchester ’73
USA 1950
Regie: Anthony Mann
Drehbuch: Robert L. Richards, Borden Chase
Besetzung: James Stewart, Shelley Winters, Dan Duryea, Rock Hudson, Tony Curtis, Stephen McNally, Millard Mitchell, Charles Drake, John McIntire, Will Geer, Jay C. Flippen
Zusatzmaterial Blu-ray: Super-8-Fassung, deutscher und englischer Trailer, Bildergalerie, Biografien, Wendecover
Label Blu-ray: Black Hill Pictures GmbH
Vertrieb Blu-ray: WVG Medien GmbH
Label/Vertrieb DVDs: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Dirk Ottelübbert
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Black Hill Pictures GmbH

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