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Montrak – Der deutsche Vampirfilm ist wahrlich zurück

11 Mrz

Montrak

Von Volker Schönenberger

Horror-Action // Kapitel 1 von „Montrak“ trägt den Titel „Der Graf und seine Erben“ und spielt im nördlichen Franken des 15. Jahrhunderts: Dies ist die Geschichte von Graf Montrak. Einst war er ein Krieger Gottes, doch schon bald sollte Montraks Herz von Hass erfüllt werden. Von der Kirche abgewandt, schloss er einen Pakt mit dem Teufel. Durch einen von Luzifer verwandelten Ring fand er das ewige Leben. Doch dies hatte seinen Preis: Montrak wurde für immer verflucht und zu einem Sklaven der Finsternis gemacht. Und so stieg er, aus Angst und Abscheu vor dem Tageslicht, in die Tiefen seiner Burg hinab, wo er einsam verweilte.

The Lost Boys and Girls

Jedoch blieb der Graf nicht lange alleine in seiner Gruft. Um 1430 fielen die Hussiten in Franken ein. Sie zerstörten und plünderten Häuser, Höfe und Burgen. Und so kam es, dass die Eindringlinge Montraks Versteck fanden – und damit auch ihr Ende. Die Krieger drangen in die dunkle Krypta ein, allen voran Wladislaw, der Anführer, dessen Schicksal sich schon bald ändern sollte. Getrieben von unvorstellbarem Durst nach Blut erschuf Montrak in den darauffolgenden Nächten seine erste Gefolgschaft. Doch schnell sprach sich herum, wer Montrak wirklich war. Die Menschen wollten ihn vernichten. Montrak sah nur eine Möglichkeit, den Mythos Vampir in Vergessenheit geraten zu lassen: durch seinen eigenen Tod.

Tod in der Krypta

Im Anschluss an diese von einer wohlmodulierten Stimme aus dem Off gesprochenen einleitenden Worte folgt der Tod des Montrak (Sönke Möhring) auf dem Fuße: Weitere Truppen dringen in seine Krypta ein und metzeln den vampirischen Grafen und seine Getreuen dahin – in einer actionreichen und schön blutigen Splattersequenz.

Was will Kilian?

Es folgt ein Zeitsprung von 25 Jahren zum zweiten Kapitel „Der Bauer“. Besagter Landwirt namens Wilhelm (Matthias Reichstein) verkündet seinen Freunden in der Schenke unter großem Hallo, die holde Elisabeth (Nadine Badewitz) ehelichen zu wollen. Des Nachts jedoch attackiert eine Horde Vampire die kleine Zeltsiedlung von Wilhelm und seinen Leuten. Nach blutigem Gemetzel stellen die Blutsauger den Bauern vor eine bittere Entscheidung. Ein paar Tage später verstößt ihn sein Dorf …

Zeitsprung ins heutige Bayreuth

Noch ein Zeitsprung, diesmal etwas radikaler: Das dritte Kapitel mit dem Titel „Die blutige Nacht“ spielt im Hier und Heute. Dieser Wechsel vom Spätmittelalter in die moderne Neuzeit des heutigen Bayreuth kommt abrupt, ein wenig dauert es, bis der rote Faden wieder aufgegriffen wird, weil wir erst den nicht gerade vom Glück verfolgten Frank (Ralph Stieber) kennenlernen, der nach Jobverlust wieder bei seiner Mutter (Sabine Kaack) eingezogen ist. Bald tritt auch Wladislaw (Adam Jaskolka) wieder auf den Plan, und Frank trifft auf Nicki (Nadine Petry), offenbar auch eine Vampirin, ihm aber wohlgesonnen. Und das soll es zur Inhaltsangabe auch gewesen sein. Um der Chronistenpflicht Genüge zu tun, seien auch die beiden übrigen Kapitel genannt: „Harry und die Jäger“ sowie „Operation Wolfsjagd“ runden das Epos ab.

Endless Love: Gräfin Sofia und Graf Montrak

„Montrak“ führt diverse Figuren ein und verlangt deshalb etwas Aufmerksamkeit, um ihre Beziehungen untereinander aufzunehmen – nicht zuletzt auch aufgrund der episodenhaft angelegten Struktur der Story. Für Drehbuchautor und Regisseur Stefan Schwenk – er hat sich selbst eine Minirolle als Tankstellen-Verkäufer zugeteilt – stellt „Montrak“ natürlich ein Herzensprojekt dar. Wie sonst könnte man auch ohne Budget als engagierter Halbprofi über etliche Jahre hinweg an einer Filmproduktion festhalten, die vermutlich mehr als einmal kurz vor dem Scheitern stand? Umso respektabler, was dabei herausgekommen ist. Laut Booklettext – verfasst übrigens von „Die Nacht der lebenden Texte“-Autor Leonhard Elias Lemke – spukte Schwenk der Gedanke an den Horrorfilm erstmals im Jahr 2000 im Kopf herum. Vom vielleicht einmal angedachten Zombie schwenkte er schnell um zu den Vampiren, den Geschöpfen der Nacht. Vampire sind ohnehin die interessanteren Figuren, das bekenne ich als Fan vieler Zombiefilme ganz offen. Der Startschuss für die Produktion fiel 2011, fünf Jahre sollte es dauern, bis „Montrak“ das Licht der Welt erblickte – oder wahlweise das Dunkel der Nacht.

Mittelalter und Gegenwart vereint

Visuell dominieren düstere, kühle Farbtöne, was ohnehin zum Vampirsujet und damit einhergehenden Nachtszenen passt. Die Macher arbeiteten viel mit Neonlicht und Blaufiltern. Gelegentlich bekommt das Ganze eine gewisse Daily-Soap-Anmutung – daran muss man sich gewöhnen. Geht aber! Das gilt natürlich auch für die schauspielerischen Leistungen. Wer Laiendarstellerinnen und -darstellern nichts abgewinnen kann, wird womöglich die Nase rümpfen. Ich kann damit sehr gut leben, wenn sich im Gegenzug eine Schar engagierter Leute aufmacht, dem deutschen Genrefilm eine neue Facette hinzuzufügen. Besonderen Respekt hat es meines Erachtens verdient, dass eine derartige Independent- oder gar Underground-Produktion den Mut hat, zwei völlig verschiedene Settings zu verwirklichen – eben zum einen das ausgehende Mittelalter, zum anderen unsere heutige Gegenwart. Das funktioniert erstaunlich gut, auch über die für einen Indie-Film stattliche Dauer von zwei Stunden. In solchen Fällen findet sich in vielen Produktionen von Neulingen zu viel Füllmaterial, weil dem Regisseur im Schneideraum das Gefühl dafür fehlte, welche Szenen den Film wirklich voranbringen und bei welchen besser die Schere zum Einsatz kommen sollte, weil sie die Handlung bremsen. Das ist hier nur punktuell zu bemerken, weshalb Langeweile gar nicht erst aufkommt.

Vampirin Nicki will Frank nicht beißen

Vor und hinter der Kamera finden sich Newcomer und Profis gleichermaßen. Die Action- und Splatter-Sequenzen beispielsweise verraten durchaus Können und sind überzeugend geraten. Und nach und nach gesellen sich auch ein paar erfahrene Akteure in den Cast, beginnend beim Darsteller der Titelfigur: Sönke Möhring hatte seine Laufbahn 2003 mit „Anatomie 2“ begonnen, 2009 auch eine kleine Nebenrolle in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ erhalten und 2012 an der Seite von Ewan McGregor und Naomi Watts in „The Impossible – Nichts ist stärker als der Wille, zu überleben“ mitgewirkt. Kurz nach „Montrak“ übernahm er in „Der Junge muss an die frische Luft“ die Rolle als Hape Kerkelings Vater. Er ist ansonsten vornehmlich fürs Fernsehen tätig, seine Filmografie wirkt, als sei er dort gut ausgelastet.

Mit Michaela Schaffrath und Cosma Shiva Hagen

Mit Synchronisations-Urgestein Charles Rettinghaus („Planet USA“) und Dustin Semmelrogge („Bang Boom Bang – Ein todsicheres Ding“) treten im Verlauf zwei bekannte Namen als Vampirjäger Winnie und Harry auf den Plan, und Michaela „Gina Wild“ Schaffrath ließ sich für die Rolle einer Ärztin anheuern. Der schon seit Mitte der 70er-Jahre als Schauspieler aktive Udo Schenk („In aller Freundschaft“) ist als undurchsichtiger Kilian zu sehen. Erwähnt seien zu guter Letzt Antoine Monot Jr. („Absolute Giganten“) als Mönch sowie Cosma Shiva Hagen, die in einer kurzen Szene als Montraks Love Interest Gräfin Sofia in Erscheinung tritt.

Mediabook von Nameless Media

Stefan Schwenk hat mit Nameless Media ein auf Mediabooks spezialisiertes Label für die Heimkino-Auswertung gewonnen, heraus kam eine wertige Edition, die den Film auf Blu-ray und DVD enthält, eine weitere DVD kommt mit reichlich Bonusmaterial daher. Und auch der dem Film ohnehin gut zu Gesicht stehende Elektro-Soundtrack ist auf CD im Mediabook verewigt. Feine Sache, wobei die Edition mit dem auf 111 Exemplare limitierten Covermotiv bereits nicht mehr erhältlich ist – die beiden anderen Motive hingegen sind nach wie vor lieferbar. Für all jene, denen Mediabooks zu teuer sind, ist „Montrak“ mittlerweile auch in herkömmlicher Verpackung als Blu-ray und DVD veröffentlicht worden.

Winnie geht aufs Ganze

95 Jahre nach „Nosferatu – eine Symphonie des Grauens“ (1922) heißt es erneut: Der deutsche Vampirfilm ist zurück (Slogan auf dem „Montrak“-Plakat). An Murnaus Meisterwerk kommt Stefan Schwenks Regiearbeit natürlich nicht heran, aber das ist bis heute sowieso keinem Vampir-Epos gelungen, die Messlatte wäre einem Indie gegenüber äußerst unfair, deshalb wenden wir sie auch gar nicht an. Wer jedoch dem deutschen Genrefilm und der deutschen Independent-Szene aufgeschlossen gegenübersteht, der darf bei „Montrak“ bedenkenlos zugreifen.

Veröffentlichung: 8. Februar 2019 als Blu-ray und DVD, 5. November 2018 als limitiertes 4-Disc Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD & Bonus-DVD & Soundtrack-CD, 3 Covermotive à 333, 222 und 111 Exemplare)

Länge: 121 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Montrak
D 2017
Regie: Stefan Schwenk
Drehbuch: Stefan Schwenk
Besetzung: Ralph Stieber, Nadine Petry, Matthias Reichstein, Adam Jaskolka, Sönke Möhring, Dustin Semmelrogge, Udo Schenk, Charles Rettinghaus, Michaela Schaffrath, Cosma Shiva Hagen, Antonine Monot Jr., Florian Freiberger, Martin Kesici, Andreas Schlee, Martin Walde, Tim Wilde, Nikolai Will, Sabine Kaack, Julia Dietze
Produktionsfirma: TBC Filmproduktion
Zusatzmaterial: Audiokommentar, Trailer, Bildergalerie
Zusatzmaterial Mediabook: Making-of (35:21), Behind the Scenes (01:23), Deleted Scenes (03:50), Outtakes (06:31), Trailer, Teaser, TV-Beitrag, Spot, Retro-Spot, Fun-Spot, Bildergalerie, 24-seitiges Booklet mit Texten von Leonhard Elias Lemke, Soundtrack-CD (78 Min.)
Label/Vertrieb Mediabook: Nameless Media
Label/Vertrieb Blu-ray und DVD: M-Square / daredo (Soulfood)

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Trailer: © 2017 TBC Filmproduktion

 

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