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High Tension – Die Nacht, in welcher der französische Terror über uns kam

12 Mrz

Haute tension

Von Lucas Knabe

Horror // Alexandre Aja realisierte im Jahre 2003 mit seinem zweiten Langfilm ein Werk, das den Weg für die Welle der französischen Terrorfilme ebnete, welche grausame und gleichermaßen beispiellose Filme wie etwa „Martyrs“ (2008) hervorbrachte. Die Rede ist von „High Tension“ – einem Film, der wahrscheinlich genauso viele Fans wie Kritiker hat und sich noch heute regen Diskussionsbedarfs und gespaltener Rezeption erfreut. Die Absicht des Regisseurs war es, mit „High Tension“ den legendären Horrorfilmen der 70er-Jahre Tribut zu zollen. Was für einen bildgewaltigen – und in Deutschland indizierten Splatter-Film – Aja dabei schuf, will ich in den folgenden Abschnitten analysieren und thematisieren.

Trautes Heim, euch metzle ich klein

Zuvor ein paar Worte zur Handlung: Marie (Cécile de France) und Alex (Maïwenn) fahren in den Sommermonaten gemeinsam aufs Land zu den Eltern von Alex, um für die Uni zu lernen und Marie die Möglichkeit zu geben, die Familie von Alex kennenzulernen. Nach ihrer Ankunft spät am Abend gehen die beiden jungen Frauen alsbald zu Bett, um am nächsten Morgen ausgeruht in den Tag zu starten. Sie ahnen nicht, welch monströses Blutbad in wenigen Augenblicken seinen Lauf bis in die Morgenstunden nehmen wird.

Ein unbekannter Killer (Philippe Nahon) nähert sich in einem alten Transporter (Citroën Typ H) dem besagten Elternhaus. Er verschafft sich Zugang und ermordet Vater, Mutter, Bruder und den Hund von Alex. Alex selbst wird vom Täter geknebelt und in den bereits aus früheren Schandtaten besudelten Rückraum des Lieferwagens gesperrt. Marie, die die Gräueltaten des Killers teilweise mit ansehen musste, übersteht das Szenario unbeschadet und schleicht sich ungesehen zu der bereits gänzlich traumatisierten Alex in den Rückraum, ehe der Mann die Ladeklappe zusperrt und losfährt. Es liegt nun in der Macht von Marie, ihre Freundin vor dem eiskalten Killer im gelben Overall zu retten.

Fein, detailverliebt und unglaublich atmosphärisch

Es ist zweifelsohne ein bestialischer Film. Rollende Köpfe, spritzendes Blut, knackende Knochen und das inbrünstige Schreien der Schauspielenden erfüllen das Splatter-Genre tadellos mit Szenen, welche die Grundsatzfrage „Warum schaue ich so etwas?“ provozieren können. Wenn man sich dieser Frage im positiven Sinne nähern kann, wird man mit „High Tension“ wahrscheinlich einen Film gefunden haben, den man nicht so schnell wieder vergessen will. Das Wie des Films ist seine Stärke, denn an der Darstellung und der Atmosphäre des Films kann man sich in jeder Hinsicht ergötzen. Das Bild hat einen leichten Blaustich und wirkt somit relativ kühl. Bei der Kameraarbeit und dem Schnitt gibt es einige Lieblingsszenen, die eine tolle Dynamik und Wirkung erzeugen, beispielsweise die „Verfolgungsjagd“ mit dem Ford und der Moment, in welchem Marie bemerkt, dass jemand ins Haus eingebrochen ist. Ebenso fangen die überwiegenden Nah- und Halbnahaufnahmen wichtige Momente ein, welche die Atmosphäre enorm steigern. Beispielsweise stellen die zärtlichen und fast schon lasziven Handbewegungen des Killers und sein genussvolles und ruhiges Interagieren mit seiner Umwelt einen unheimlichen Kontrast zu seinem Verhalten in Mordszenen dar, wenn seine rote Fratze verkniffen nach der Qual und dem Blut seiner Opfer dürstet.

Die größte technische Stärke des Films sehe ich beim Ton – sei es das pfeifende und ruhige Atmen des Killers, das Quietschen seiner Schuhe oder das minimalistische Pfeifen und Surren, welches sich in den redundanten und einprägenden Score des Films einfügt. Diese meist ruhigen Momente erzeugen eine fast schon klaustrophobische Atmosphäre, der man als Zuschauer wahrhaft beizuwohnen scheint. In Kombination mit den engen Kameraeinstellungen entwickelt sich ein cineastischer Hochgenuss des Splatter-Genres.

Im folgenden Absatz wird gespoilert

Kommen wir nun zum wohl meistkritisierten und -diskutierten Teil des Films. Das Motiv der Liebe und der damit verbundene Twist, der einen bei der Erstsichtung des Films wahrhaft umhaut. Jedoch ist nach meinem Empfinden diese Diskussion hinfällig. Zwar mögen Logiklöcher und offene Fragen entstehen, aber meiner Meinung nach treibt Alexandre Aja das altbekannte „Doppelgängermotiv“ mit der schizophrenen Marie lediglich stilistisch auf die Spitze, wenn auch gewagt. Die schöne und integre Marie entwickelt aufgrund ihrer unterdrückten sexuellen Zuneigung zu Alex eine böse und degenerierte Abspaltung ihrer selbst, in Form des Killers, eines untersetzten Mannes älteren Kalibers im Handwerker-Outfit. Das dunkle Ich Maries scheint von Alex besessen zu sein und will diese einzig für sich – wie schon in den ersten Szenen der Exposition angedeutet. Somit kam die Handlung ins Rollen. Den Killer nun als eigenständigen Charakter auftreten und handeln zu lassen, um einen umso größeren Plottwist zu erzeugen, halte ich für völlig legitim. Bis zu besagter Wendung handelt es sich um ein waschechtes Splattermovie, welches die Handschrift der 70er-Jahre trägt. Nach dem Twist bricht Aja diese selbst auferlegte Regel und zeigt in den letzten 20 Minuten eine Collage aus dem früheren und dem modernen Horrorkino. Zum Mordmotiv kommen unterdrückte Liebe und psychische Probleme hinzu, ein Trennschleifer ersetzt eine Kettensäge à la Leatherface, ein mit Stacheldraht umwickelter Baseballschläger weicht einem mit Stacheldraht umwickelten Pflock. Klassische fast schon allegorische Motive und Gegenstände des Horrorfilms werden recycelt. Ein filmisches Kunstwerk, welches nicht den Anspruch auf Sinn oder Unsinn erhebt.

Hollywood wurde dank „High Tension“ auf Alexandre Aja aufmerksam, wobei der Franzose anfangs mit „The Hills Have Eyes – Hügel der blutigen Augen“ (2006), „Mirrors“ (2008) und „Piranha 3D“ (2010) nur Remakes inszenierte. Mit „Horns“ (2013) und „Das 9. Leben des Louis Drax“ (2016) hat sich Aja mittlerweile aber freigeschwommen.

Nach wie vor auf dem Index

Aufgrund der Indizierung von „High Tension“ verzichte ich auf die Nennung von Veröffentlichungen. Die einzige über dem Ladentisch gehandelte deutsche DVD (FSK 18) ist zensiert und abzulehnen, ebenso die indizierte DVD mit dem SPIO/JK-Siegel „strafrechtlich unbedenklich“. Wer Wert auf ungeschnittene Fassungen legt, wird wissen, wo man fündig wird.

Länge: 91 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD), 86 Min. (zensierte SPIO/JK-geprüfte DVD), 85 Min. (zensierte FSK-18-DVD)
Sprachfassungen: Französisch, Englisch, Italienisch
Originaltitel: Haute tension
F/IT/ROM 2003
Regie: Alexandre Aja
Drehbuch: Alexandre Aja, Grégory Levasseur
Besetzung: Cécile de France, Philippe Nahon, Maïwenn, Franck Khalfoun, Andrei Finti, Oana Pellea, Marco Claudio Pascu, Jean-Claude De Goros, Bogdan Uritescu, Gabriel Saphiu

Copyright 2019 by Lucas Knabe

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Eine Antwort zu “High Tension – Die Nacht, in welcher der französische Terror über uns kam

  1. Rainer Pampuch

    2019/03/12 at 16:43

    Als Produzent hat er mit „P2“ und „Maniac“ auch gute Arbeit geleistet, sowie mit Regisseur Franck Khalfoun ein wirkliches Talent gefördert.

     

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