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Stille Nacht – Horror Nacht: Bad Santa

20 Mrz

Silent Night, Deadly Night

Von Andreas Eckenfels

Horror // Schau mal, Mama: Der Weihnachtsmann bekommt seinen eigenen Kinofilm! Den will ich unbedingt sehen! Aber Mama, warum hat der Weihnachtsmann eine Axt in der Hand? – Kind, schalt das sofort ab! So oder ähnlich mag es in vielen amerikanischen Wohnzimmern geklungen haben, als Anfang der 1980er-Jahre der TV-Werbespot zu „Stille Nacht – Horror Nacht“ zu sehen war. Perfekt platziert zwischen den Familienserien „Herzbube mit zwei Damen“ und „Unsere kleine Farm“. Dieser Marketing-Gag, wenn er denn einer war, blieb nicht ohne Wirkung und sorgte für Schlagzeilen. Besorgte Eltern, Kirchenvertreter und eine Gruppierung namens „Citizens Against Movie Madness“ gingen auf die Barrikaden und schimpften, „Stille Nacht – Horror Nacht“ würde ihre Kinder traumatisieren. Das Urvertrauen zum netten Mann mit dem weißen Rauschebart sei für immer zerbrochen. Der Film gehöre verboten!

Das Geweih des Grauens

Der Protest und größtenteils miese Kritiken nutzten allerdings nichts: Trotz oder gerade wegen der Kontroverse gewann der Weihnachts-Slasher im November 1984 zumindest in seiner ersten US-Kinowoche die Gunst der Zuschauer und das Rennen gegen den zeitgleich startenden „Nightmare – Mörderische Träume“ (1984). Am Ende pendelte sich das Einspielergebnis bei etwa 2,5 Millionen US-Dollar ein – der Klassiker von Wes Craven allerdings spielte etwa das Zehnfache davon ein.

Der Killer im Weihnachtsmann-Kostüm verändert Billys Leben für immer

Verboten wurde „Stille Nacht – Horror Nacht“ dafür natürlich in Deutschland. Die 1987 veröffentlichte VHS war bereits um drei Minuten geschnitten und erhielt eine Freigabe ab 18 Jahren. Ein Jahr später folgte die Indizierung, zu der sich 2013 eine Folgeindizierung gesellte. Den deutschen Sittenwächtern dürfte dabei weniger auf den Magen geschlagen sein, dass aus dem Weihnachtsmann ein Serienkiller gemacht wird, sondern eher die Tatsache, dass eine grimmige Grundstimmung vorherrscht und es einige gelungene blutige Momente gibt, von denen besonders einer im kollektiven Horrorfilm-Gedächtnis haften geblieben ist: Eine junge Frau (Linnea Quigley) wird vom Bösewicht halbnackt durch eine Hütte gejagt und anschließend auf einem an der Wand hängenden Hirschgeweih aufgespießt. Was für eine legendäre Szene!

Genese eines Killers

Auch wenn es sich um einen handfesten Slasher handelt, der im Fahrwasser des Erfolgs von „Halloween – Die Nacht des Grauens“ (1978), der „Freitag, der 13“-Reihe (ab 1980) und „Blutiger Valentinstag“ (1981) schnell verdientes Geld in die Kassen spülen sollte, ist der Aufbau von „Stille Nacht – Horror Nacht“ interessanterweise zunächst ein anderer als üblich. Hier bekommt es der Zuschauer nicht mit einem stummen Diener des Bösen zu tun, sondern mit einem Protagonisten, dessen Genese vom unschuldigen Kind bis hin zum psychopathischen Killer durchaus nachvollziehbar in drei Phasen seines Lebens gezeigt wird.

Billy wartet auf seine Bestrafung durch die Mutter Oberin

1971 besucht der fünfjährige Billy (Jonathan Best) mit seinen Eltern (Tara Buckman, Jeff Hansen) und dem Brüderchen zur Weihnachtszeit den Opa (Will Hare) in der Psychiatrie. Schon da bekommt der kleine Billy von seinem kranken Großvater Verstörendes zu hören: „Der Weihnachtsabend ist der furchterregendste Abend des ganzen Jahres!“ Als kurz darauf Billys Eltern von einem Mann im Weihnachtsmannkostüm kaltblütig gemeuchelt werden, weiß der Enkel, was der verrückte Opi gemeint hat. Und dieses Trauma verstärkt sich in seiner Zeit im Waisenhaus, wo der verängstigte Achtjährige (Danny Wagner) von der Mutter Oberin (Lilyan Chauvin) bei jedem kleinen Vergehen seine Bestrafung erhält. Mit achtzehn Jahren ist die Verwandlung fast vollendet: Bei einer Weihnachtsfeier wird Billy (Robert Brian Wilson) gezwungen, das flauschige, rot-weiße Kostüm und die Zipfelmütze anzuziehen. Als er während der Feier eine Vergewaltigung beobachtet, ist es um ihn geschehen. Der Wahnsinn übernimmt die Kontrolle. Billy greift ein und nimmt Pfeil und Bogen in die Hand. Der Beginn blutiger Weihnachtstage…

Perspektivenwechsel

Bis zu diesem Trigger-Effekt sind durchaus einige Stilelemente des italienischen Giallo in „Stille Nacht – Horror Nacht“ zu erkennen, bei denen meist erst am Ende aufgeklärt wird, dass der durch vergangene Ereignisse krank gewordene Geist des Killers für seine blutigen Taten verantwortlich ist. Doch nun nimmt der klassische 80er-Jahre-Slasher seinen Lauf, samt einiger mehr oder weniger kreative Morde und ein wenig nackter Haut. Dabei bleibt jedoch nicht die Perspektive der Opfer, sondern die des Täters im Fokus. Dadurch geht natürlich einiges an Spannung verloren, obendrein ist all das nicht sonderlich gut gespielt, aber das Weihnachtssetting hat ohne Frage seinen Reiz.

Der Wahn befällt den 18-jährigen Billy …

Für Regisseur Charles E. Sellier Jr. war „Stille Nacht – Horror Nacht“ nur eine von insgesamt vier Regiearbeiten. Einen Namen im US-Fernsehen hatte er sich zuvor als Schöpfer der Abenteuer-Serie „Der Mann in den Bergen“ (1978–1979) gemacht, mit Dan Haggerty als James „Grizzly“ Adams in der Hauptrolle. „Billy“-Darsteller Robert Brian Wilson brachte es nach seiner Rolle als Bad Santa wie ein Großteil der anderen Schauspieler zu keinem großen Ruhm. Nur die aufgespießte Linnea Quigley verdingt sich bis heute regelmäßig in kleinen Horrorfilmen wie „Verdammt, die Zombies kommen“ (1985), „Mit Motorsägen spaßt man nicht“ (1988) und „Hooker with a Hacksaw“ (2017), was aber nicht unbedingt an ihren darstellerischen Fähigkeiten liegen mag.

Frohes Fest mit dem Anolis-Mediabook

Im Dezember 2018 wurde „Stille Nacht – Horror Nacht“ endlich vom Index gestrichen und erhielt eine FSK-18-Freigabe. Anolis Entertainment hat den Film nun hierzulande auf Blu-ray ungeschnitten innerhalb seiner „Phantastische Filmklassiker“-Reihe veröffentlicht. Dabei konnte nicht nur auf das vom US-Label „Shout! Factory“ erstellte 4K-Master zurückgegriffen, sondern auch das umfangreiche Bonusmaterial lizenziert werden. Die aus einer anderen Quelle eingefügten „Unrated“-Szenen, die nicht nur im erwähnten Hirschgeweih-Mord einen Mehrwert bieten, fallen zwar qualitativ etwas ab, sind aber dennoch bestmöglich restauriert worden und stören den Filmgenuss kaum. Zusammen mit dem Booklet-Text von Jonas Hoppe, der sich ausführlich mit der Kontroverse und der Geschichte des Slasher-Films im Allgemeinen beschäftigt, bietet das Mediabook ein schönes Paket für Horrorfans, bei denen nicht nur an den Weihnachtsfeiertagen „Stille Nacht – Horror Nacht“ seine Runden im Blu-ray-Player drehen wird.

… und er greift zur Axt

Insgesamt wurden bislang vier Fortsetzungen gedreht. Das ordentlich besetzte Remake „Silent Night – Leise rieselt das Blut“ entstand 2012. Die Chancen stehen gut, dass Anolis Entertainment auch „Stille Nacht – Horror Nacht Teil 2“ (1987) veröffentlichen wird.

Die Anolis-Entertainment-Reihe „Phantastische Filmklassiker“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Lesenswerte Texte zu „Stille Nacht – Horror Nacht“ finden sich auch im „Filmforum Bremen“ und bei den Kollegen von Evil Ed.

Ist der Weihnachtsmann tot?

Veröffentlichung: 28. Februar 2019 als Blu-ray im limitierten Mediabook mit drei Covervarianten

Länge: 85 Min. (Blu-ray)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Silent Night, Deadly Night
USA 1984
Regie: Charles E. Sellier Jr.
Drehbuch: Paul Caimi, Michael Hickey
Besetzung: Robert Brian Wilson, Lilyan Chauvin, Gilmer McCormick, Toni Nero, Britt Leach, Nancy Borgenicht, Charles Dierkop, Linnea Quigley
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Robert Brian Wilson und Scott J. Schneid, Audiokommentar mit Michael Hickey, Perry Botkin, Michael Spence und Scott J. Schneid, Kinofassung (R-Rated, 82 Min.), Slay Bells Ring: The Story of Silent Night, Deadly Night, „Oh Dear“ – Linnea Quigley über „Silent Night, Deadly Night“, Filming Locations – damals und heute, Kritiken und Kontroversen, TV-Spots, Radio Spot, Bildergalerie, 24-seitiges Booklet mit einem Text von Jonas Hoppe
Vertrieb: Anolis Entertainment

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & Packshots: © 2019 Anolis Entertainment

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Eine Antwort zu “Stille Nacht – Horror Nacht: Bad Santa

  1. igore

    2019/03/26 at 12:28

    > Verboten wurde „Stille Nacht – Horror Nacht“ dafür natürlich in Deutschland.
    Nee, „verboten“ war der nie. Eine Indizierung ist ungleich einer Beschlagnahme nach §131 StGB.

     

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